Jürgen Moltmann über Missio Dei
9. August 2007
Gerade habe ich bei Jürgen Moltmann eine Passage gefunden, die so wunderbar den Gedanken der missionalen Kirche artikuliert, daß ich sie hier in voller Länge zitiere:
Wir finden an der Schwelle der Neuzeit als neue Antwort der Christenheit auf die veränderte Weltsituation: 1. eine missionarische Kirche, 2. den Willen zur ökumenischen Gemeinschaft getrennter Kirchen, 3. die Entdeckung der Universalität des Reiches Gottes, 4. das Laienapostolat. (…) Diese Ansätze zu einer missionarischen Kirche im Zerfall des Corpus Christianum muß das theologische Verständnis der Kirche heute aufnehmen. Es ist daraus zu lernen, daß nicht die Kirche eine Mission »hat«, sondern daß vielmehr umgekehrt die Mission Christi sich ihre Kirche schafft. Nicht von der Kirche her ist die Mission, sondern von der Mission her ist die Kirche zu verstehen. (…) Die ganze Gemeinde und jeder einzelne in ihr stehen mit allen Kräften und Möglichkeiten in der Mission des Reiches Gottes. (…) Im Zerfall des Corpus Christianum wird sich die Gemeinde wieder auf die Fülle der ihr eigenen Charismen besinnen und zu jenem ganzheitlichen Zeugnis des Heils vorstoßen, das vom Glauben über die Politik bis zur Ökonomie keinen Bereich des Lebens ohne Hoffnung läßt. Die missionarische Kirche im Welthorizont theologisch zu begreifen, heißt sie im Horizont der Missio Dei zu verstehen. Sendung umfaßt das Ganze der Kirche, nicht nur Teile in ihr, oder gar nur von ihr ausgesandte Glieder. Die Verkündigung des Evangeliums vom anbrechenden Reich ist der erste und wichtigste Faktor der Sendung Jesu, der Sendung des Geistes und der Sendung der Kirche, aber nicht der einzige. Mission umfaßt alle Tätigkeiten, die der Befreiung des Menschen aus seiner Knechtschaft in der Gegenwart des kommenden Gottes dienen, von der ökonomischen Not bis zur Gottverlassenheit. Evangelisation ist Mission, aber Mission ist nicht nur Evangelisation. (…) Die umfassende messianische Sendung der ganzen Gemeinde entspricht der messianischen Sendung Christi und der charismatischen Sendung des Geistes, »der auf alles Fleisch ausgegossen wird«. Versteht die Kirche ihre Sendung im Rahmen der Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes vom Vater, dann versteht sie sich selbst auch im Rahmen der Geschichte Gottes mit der Welt und entdeckt in dieser Geschichte ihren Ort und ihre Funktion. Die neuere katholische und evangelische Missionstheologie spricht darum mit Recht von der Missio Dei, einer Bewegung aus Gott, in der die Kirche entsteht und zu ihrer eigenen Bewegung kommt, die aber über die Kirche hinausgreift und in der Vollendung der Schöpfung in Gott zum Ziel kommt. Daraus folgt, daß die Kirche ihre Weltmission in der trinitarischen Geschichte Gottes mit der Welt versteht. Sie ist mit allen ihren Tätigkeiten und Leiden ein Faktor in der Geschichte des Reiches Gottes. Nicht um ihre eigene Ausbreitung, sondern um die Ausbreitung des Reiches geht es. Nicht ihre eigene Herrlichkeit, sondern die Verherrlichung des Vaters durch den Sohn im Heiligen Geist ist ihr Ziel. Der missionarische Begriff der Kirche führt zu einer in der Sendung Gottes weltoffenen Kirche, weil er zu einem trinitarischen Verständnis der Kirche in der Geschichte Gottes mit der Welt führt.“
Ach wie schön. Und dabei stammt das Buch Kirche in der Kraft des Geistes von 1974. Dort findet sich dieser Text auf S. 23f. Nebenbei freue ich mich darüber, daß »Zerfall des Corpus Christianum« schonmal deutlich deutscher und inhaltlich treffender klingt als »Post-Christendom«.
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Montag 13. August 2007 um 17:09
Hey vielen Dank.
Genau so ein Zitat von Moltmann habe ich noch gesucht für meine Hausarbeit.
Thx.
Montag 13. August 2007 um 23:43
Na das nenne ich Timing
Dienstag 14. August 2007 um 00:26
ich mag das buch sehr – und wie du sagst krasses zeug für die zeit aus der es ist…
Donnerstag 16. August 2007 um 13:13
[...] gibt es ja in allen Konfessionen neben den selbst ernannten Wächtern der reinen Lehre auch viele flexible Denker, die sich auf eine (jetzt wird’s heftig) postkonfessionelle Rekontextualisierung einlassen. [...]
Montag 23. Juni 2008 um 02:21
[...] Jürgen Moltmann über Missio Dei [...]
Samstag 27. September 2008 um 15:18
[...] – den gesamten Bogen der Heilsgeschichte (und damit – das ist der Punkt – der missio dei ) abschreiten würde, dessen Horizont die Erneuerung der Welt ist, nicht nur die Rettung und [...]