Georges Bernanos – Tagebuch eines Landpfarrers
12. Januar 2009
Wie bereits angekündigt, finden sich in diesem Post einige Zitate aus Georges Bernanos’ Tagebuch eines Landpfarrers, die als Denk-Anstöße und Leseempfehlung dienen mögen.
So wenig wie ein Mensch kann sich eine Christenheit von Leckereien ernähren. Gott hat nicht gesagt, daß wir der Honig, sondern daß wir das Salz der Erde sind, mein Sohn. Und unsere trübselige Welt voll Wunden und Schwären gleicht dem alten Vater Job auf seinem Misthaufen. Salz auf die nackte, lebendige Haut, das brennt! Aber es verhindert auch die Verwesung. Neben dem Wunsch, den Teufel auszurotten, habt ihr die andere Sucht: geliebt zu werden, natürlich um euer selbst willen geliebt zu werden. Ein wahrer Priester wird niemals geliebt, schreib Dir das hinter die Ohren! (19)
Man wird vielleicht sagen können, die Welt habe sich längst an die Stumpfsinnigkeit gewöhnt, die Stumpfsinnigkeit sei die wahre Lebensform des Menschen. (9)
Die Kirche hat von Gott den Auftrag erhalten, der Welt diesen Geist der Kindheit, diese Unbefangenheit und unberührte Frische zu bewahren. (31)
Als unser Herr die Armut ehelichte, hat er den Armen zu solcher Würde erhoben, daß man ihn nie wieder von seinem hohen Sockel wird herunterholen können. (69)
Ich behaupte nur: wenn der Herr zufällig ein Wort aus mir herauszieht, das den Seelen nützt, so spüre ich es daran, daß es mir weh tut. (74)
Unser Herr hätte mit eigener Hand auf die Geldsäcke “Lebensgefahr” geschrieben (77)
Das Wort Gottes! “Gib mir mein Wort zurück”, wird der Richter am Jüngsten Tag sagen. (83)
»Sie wissen genau: die Kirche erhebt nur eine sehr kleine Zahl von ganz ausnahmehaften Gerechten zur Würde der Altäre, und zudem meist lange nach ihrem Tod, Gerechte, deren Lehre und heldisches Beispiel – nachdem sie durch das Sieb einer sehr strengen Untersuchung gegangen sind – den gemeinsamen Schatz der Gläubigen ausmachen, wobei den Gläubigen aber, wie Sie wohl beachten wollen, keineswegs gestattet ist, ohne Beaufsichtigung aus diesem Schatz zu schöpfen. … “Gott bewahre uns vor Heiligen”? Nur allzu oft sind sie für die Kirche eine Prüfung gewesen, ehe sie ihr zur Glorie wurden. (91)
Aber wenn es wahr ist, daß der Arme Bild und Gleichnis Jesu ist, Jesus selbst, dann ist es widerwärtig, ihn in die hintersten Kirchenbänke klettern und aller Welt ein Gesicht zeigen zu lassen, das zum Spott herausfordert und aus dem ihr immer noch nicht die Spuren des Angespienwerdens zu löschen vermocht habt. (110)
Es ist so leicht, nicht vollständig zu bekennen! Aber es gibt Schlimmeres. Es gibt die langsame Kristallbildung um das Gewissen, aus kleinen Lügen, Ausflüchten und Zweideutigkeiten. Der Panzer bewahrt in unbestimmter Weise die Form alles dessen, was er zudeckt. Aus Gewohnheit und mit der Zeit bilden sich die weniger Feinfühligen schließlich für all das eine eigene Sprache, die ganz unglaublich unanschaulich bleibt. Sie verbergen gar nichts besonderes, aber ihre verschlossene Offenherzigkeit gleicht dem mattgeschliffenen Glas, das das volle Licht nicht durchläßt. so daß das Auge nichts unterscheidet. Was bleibt da vom Geständnis übrig? Kaum, daß es an die Oberfläche des Gewissens rührt. Ich wage nicht zu behaupten, daß dieses sich darunter zersetzt, es versteinert aber. (116)
Man verliert nicht den Glauben, aber er hört auf, dem Leben Form zu geben, das ist alles. (157)
Wie gern hätte ich ein Wort des Mitleids gefunden, aber alles, was mir auf die Zunge kam, hätte, wie ich fühlte, nur dazu geführt, daß sie über sich selbst in Rührung geriet, und hätte einen Quell unedler Tränen erschlossen. Und niemals habe ich besser erfaßt, wie hilflos ich vor gewissen Formen des Unglücks dastehe, an denen ich trotz aller Bemühung nicht teilzunehmen vermag. (278)
Ich bin traurig, weil Gott nicht geliebt wird. (283)
Offenbar kann ich jetzt besser beten. Aber ich erkenne mein Gebet nicht wieder. Früher hatte es etwas von einem eigensinnigen Betteln, und wenn das Lesen des Breviers z.B. meine Aufmerksamkeit ablenkte, fühlte ich sogar, wie sich in mir das Zwiegespräch mit Gott fortsetzte, manchmal flehend, manchmal drängend und fordernd. Ja, ich hätte oft seine Gnaden ihm abringen, seiner Liebe Gewalt antun mögen. Jetzt komme ich kaum dazu, etwas zu wünschen. Wie das Dorf hat mein Gebet kein Gewicht mehr, es fliegt davon… Ist das nun gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. (286)
Sicherlich, ich habe bisher zu sehr an mir gezweifelt. Zweifel an seinem eigenen Ich ist nicht Demut, ich glaube sogar, er ist zuweilen die gesteigertste, fast wahnsinnige Form der Hoffart, eine Art eifersüchtige Wut, womit ein Elender sich gegen sich selbst wendet, um sich zu verschlingen. Darin muß das Geheimnis der Hölle bestehn. (306)
Das eigentümliche Mißtrauen, das ich gegen mich, gegen meine Person hegte, beginnt sich zu verflüchtigen, und das wohl für immer. Dieser Kampf ist zu Ende. Ich verstehe ihn nicht mehr. Ich bin mit mir selbst versöhnt, versöhnt mit dieser sterblichen Hülle. Es ist leichter als man glaubt, sich zu hassen. Die Gnade besteht darin, daß man sich vergißt. Wenn aber aller Stolz in uns gestorben wäre, dann wäre die Gnade der Gnaden, sich selbst demütig zu lieben als irgendeinen, wenn auch noch so unwesentlichen Teil der leidenden Glieder Christi. (364)
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