Frage und Antwort
5. September 2007
Fragen waren das Thema einiger der letzten Posts bzw. Diskussionen auf diesem Blog – darunter die Frage nach der Gegenwart bzw. Abwesenheit Gottes am Beispiel Mutter Teresas oder die Frage nach dem rechten Verständnis der Anfangskapitel der Bibel. Manchmal frage ich mich, ob wir nicht den tendenziell unwichtigeren Fragen zu viel Raum geben, weil wir uns versichern möchten, daß wir die richtigen Antworten bereits besitzen. Darum scheint es dabei am Ende des Tages gar nicht um die Frage, sondern um die bereits sichere Antwort zu gehen. Andere wiederum gehen davon aus, daß die Antwort im Fragen an sich liegt – es geht nur darum, alles in Frage zu stellen, weil das eben so sein muß, weil eben nichts sicher ist. Darum ist das einzige Gewisse der Zweifel. Und somit beißt sich das Kätzchen in’s Schwänzchen. Wer nur Fragen hat, hat schon auf seine Weise seine einfache Antwort gefunden. Und ob die Antwort in der propositionalen Aussage liegt oder aber in der pauschal dekonstruierenden Frage – beide Seiten machen, so zumindest mein Eindruck, die Antwort zu einfach. In den letzten Tagen bin ich auf einige Zeilen von Thomas Merton gestoßen, die es wert sind, nach-gedacht zu werden, scheint Merton doch zur Überzeugung gelangt zu sein, daß es um die entscheidenden Fragen geht. Um die nämlich, die es wert sind, verfolgt zu werden, umarmt zu werden, in mein Leben aufgenommen zu werden. Und das nicht, weil sie keine Antwort haben, sondern weil das Suchen, Fragen und Forschen nach Antworten, der bloße Umgang mit der Frage also, unser Leben transformiert.
Am Anfang, als ich Mönch wurde, ja, da war ich mir sicherer, über ‘Antworten’ zu verfügen. Aber je älter ich im Mönchsleben werde und je tiefer ich in die Einsamkeit eindringe, desto deutlicher werde ich mir dessen bewußt, daß ich erst damit angefangen habe, die Fragen zu suchen. (Thomas Merton, Ein Tor zum Himmel ist überall, S. 119)
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Donnerstag 6. September 2007 um 10:12
Für mich scheint es dabei ein Indiz zu geben, ob dem so ist:
Eine Antwort beruhigt, gibt Sicherheit. Festigt eine Position.
Wird die Haltung des Fragens zur Antwort, finde ich Ruhe und Festigkeit im Zweifeln, im Kritisieren, im Dekonstruieren. Das ist dann die Stärke, die Sicherheit des anderen ins Wanken zu bringen und ihn auf das eigene unruhige Fundament hinunterzuziehen.
Aber dann ist da das andere:
Zweifel, der nagt, Fragen, die schmerzen, sind ein Indiz für einen ganz anderen Prozess. Das Nagende ist ein Zeichen dafür, dass diese Fragen entscheidend sind, zumindest im Moment und für genau denjenigen, der sie stellt, auch dann, wenn andere diese Fragen nicht für entscheidend halten.
Meine Sorge in solchen Momenten: Wer ist dann da und hält den Fragenden aus, hält seinen Zweifeln stand und ist bereit, bei der Suche nach Antworten zu helfen, statt lediglich mit Entgegnungen abzulenken, zu bagatellisieren, zu egalisieren, zu entmündigen, zu fundamentalisieren?
Wer ist bereit, in der Begegnung mit einem Fragenden seine eigenen offenen Fragen zuzugeben statt ständig den bereits Mit-allem-schon-Fertigen vorzutäuschen?
Ich persönlich genieße im Moment das Web mit seinen Möglichkeiten, im Kontakt mit Leuten und in der Begegnung mit ihren Gedanken ein Stück weiter zu kommen. Jenseits des lokalen Tellerrandes.