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Exiles (13) – Die Lieder der Revolution

29. Dezember 2006

{Das ist der vierzehnte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgängerposts: 1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12|13}

In diesem Kapitel drückt Frost seinen Frust über das aktuelle gemeindliche Liedgut aus und verwendet als Beispiel Matt Redmans „Let My Words Be Few“ (Refrain: „Das einfachste aller Liebeslieder will ich Dir bringen/darum werde ich nur wenige Worte verwenden – Jesus ich bin so verliebt in Dich“). Dabei stellte er fest:

Ich konnte mich nicht dazu bringen, Jesus zu sagen, ich sei in ihn verliebt. Ich dachte lange und intensiv darüber nach, warum mich das so beunruhigte. Gemäß Scott Peck kann in jeder Beziehung wahre Liebe erst dann beginnen, wenn das Gefühl des Verliebtseins verbraucht ist. Was bedeutet es also, Jesus zuzusingen, daß wir in ihn verliebt sind? Heißt das, daß wir uns auf intensive und erheiternde Weise von ihm angezogen fühlen? Daß wir weiche Knie bekommen und unser Magen schäumt, wenn er den Raum betritt? Ich habe keinen Zweifel daran, daß es bei der ersten Begegnung mit Jesus und seiner rettenden Gnade intensive Gefühle geistlichen Genusses, ja sogar Wonne geben kann. Ich habe das jedenfalls so erfahren. Ich zweifle ebenfalls nicht daran, daß es auf unserem lebenslangen Weg mit Jesus Zeiten geistlicher Gemeinschaft in ähnlicher Intensität geben kann. Manchmal, in Zeiten gemeinsamer Anbetung oder persönlicher Besinnung und Gebet, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit und es zieht mich auf wunderbare Weise zur Person Jesu hin. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, in Jesus verliebt zu sein. Es wird immer üblicher, sich in ausdrücklichster sexueller Weise auf unsere Beziehung zu Jesus zu beziehen. Aber warum steigen so viele Leute bei diesem Unsinn mit ein? Ist es angebracht, unsere Zuwendung zu Jesus auf solch romantisierte, sexualisiert und – wage ich es zu sagen – feminisierte Weise auszudrücken? Ich meine, sind wir wirklich die Romanze Gottes? [Anm. DoSi: Frost bezieht sich hier auf God’s Romance von Delirious?, auf das er an anderer Stelle eingegangen war.] Verwenden die Schreiber der Bibel jemals eine solche Sprache? Und hat es in der Geschichte des christlichen Gesangs eine Tradition des Schreibens von Liebesliedern an Jesus gegeben?

Die Schriften alttestamentlicher Propheten wie Jeremia, Hesekiel und besonders Hosea stellen Gottes Beziehung zu Israel als Ehe zwischen einem Mann und einer Frau dar, wenn es sich dabei auch in jeder Hinsicht um eine treulose und unglückliche Ehe handelt. Nirgendwo wird das Bild Israels als untreue Ehefrau sexueller ausgedrückt als in Hes 16. Aber auch wenn die Bildersprache eine sexuelle ist, kann sie schwerlich romantisch genannt werden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um „Hymnen“ an menschliche Schwäche, Treulosigkeit und Ungehorsam. Eine andere wohlbekannte Quelle romantischer und sexualisierter Sprache in der Bibel ist selbstverständlich das Hohelied, das im Großteil der Kirchengeschichte als verliebte Allegorie der Liebe Gottes zum Volk Gottes, oder Christi zur Kirche oder Christi zur Seele verstanden wurde. Ich behaupte, daß die einzige biblische Basis für Textzeilen wie „Jesus, ich bin so verliebt in Dich“ im Hohelied gefunden werden kann, wenn diese allegorische Auslegung verwendet wird. Zeitgenössische Interpretationen des Hohenliedes verstehen es allerdings als miteinander verbundene Gedichte, die ein Bild der menschlichen Liebe in all ihrer Spontaneität, Schönheit und Kraft ausmalen. Und in seiner Gewöhnlichkeit bejaht dieses Buch auf wunderbare Weise sexuelle und romantische menschliche Liebe. Es kann kaum als Vorbild für christlichen Lobpreis angesehen werden.

Die Autoren des Neuen Testaments beziehen sich weder auf das Hohelied, noch auf ein Verliebtsein in Jesus, aber es gibt ein Bild, das der christlichen Anbetungserfahrung einen romantischen Aspekt verleihen könnte. Wenn sich Jesus als Bräutigam bezeichnet, ein Bild, das Paulus wieder aufgreift, dann könnte hier eine sexuelle Komponente in die Beziehung der Gemeinde zu Christus hineininterpretiert werden. Das Bild der Gemeinde als Braut Christi ist nirgendwo auf sexuellere Weise impliziert als in 2Kor 11,2:

Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte.

Das hört sich gewiß romantisch an, aber wie die Bezugnahmen in Hosea oder Jeremia, wurde es an ein untreues Volk geschrieben. Es handelt sich hierbei um keinen sentimentalen Bezug auf ein „Verliebtsein in Jesus“, sondern um einen Ruf nach größerer Treue Christus gegenüber. Es scheint, daß jedesmal, wenn in der Schrift romantische Bildersprache über Ehemann/Ehefrau verwendet wird, auf die Untreue der Menschen (im Gegensatz zur beständigen Treue Gottes) Bezug genommen wird. In praktisch jedem Fall geht es um einen tieferen Gehorsam Gott oder Christus gegenüber. Wenig romantisch oder emotional ist dies eine hartnäckige Aufforderung zum Handeln, zu Heiligkeit und zum Gehorsam. Jeder Bezug (wie auch in Offb 19) auf die Heirat zwischen Christus und der Gemeinde steht im Kontext einer Darlegung dessen, daß die Gemeinde rein, treu und gehorsam sein soll. In dieser Hinsicht handelt es sich jedesmal um einen geerdeten, mutigen Aufruf zu konkreten Veränderungen im Lebensstil, nicht um einen verliebten, vergeistigten Ausdruck romantischer Liebe. Wo auch immer Gott oder Jesus als unser Bräutigam bezeichnet wird, kannst Du sicher sein, daß eine Aufforderung zu erneuerter Heiligkeit auf unserer Seite folgen wird.

Wenn es um den Ausdruck einer besonders intimen Beziehung zwischen Gott und der Gemeinde geht, haben wir eine andere Wendung im Neuen Testament, die auch von Jesus und Paulus bevorzugt wird: „Abba, Vater“. Dies drückt eine sehr nahe Beziehung zu Gott als Vater aus. Jesus kannte eine solche Intimität mit Gott, und wir können, so Paulus, durch den Geist dieselbe Intimität kennenleren. Er nennt uns nicht Sklaven, sondern Kinder Gottes, Miterben mit Christus. Tatsächlich wird die Vater/Kind-Sprache im ganzen Neuen Testament verwendet. Sie ist viel gebräuchlicher als der Bezug auf die Braut Christi, und sie beschreibt eine genauso intime Beziehung, die in der damaligen Zeit vielleicht sogar als noch intimer angesehen wurde. Viel mehr noch als einfach nur im rechtlichen Sinne Kinder Gottes zu werden, werden wir in eine tiefe, intime Beziehung zu unserem Vater hineingeleitet. Wir sind seine vielgeliebten Kinder, Brüder und Schwestern seines Sohnes, Jesus. Natürlich sollte ein Sohn seinem Vater gehorchen, und damit ist nicht nur Intimität, sondern auch Treue und Gehorsam impliziert. Darum erscheint es mir bizarr, daß, wenn die Autoren des Neuen Testamentes so deutlich die Vater/Kind-Bildersprache vorziehen, um die Beziehung der Gemeinde zu Gott zu beschreiben, die gegenwärtige Gemeinde [dennoch] Liebeslieder an Gott, unseren Vater singt. Ein Teil meiner Abneigung für die gegenwärtige Vorliebe für romantisierte Sprache in der Anbetung liegt darin begründet, daß dies eine vollständige Kapitulation den Werten der Lieder unseres Host-Imperiums gegenüber bedeutet. Die Hymnen und Kompositionen der Zeit nach Christendom sind zumeist inhaltsleere Liebeslieder, die von attraktiven Künstler dargeboten werden, die kaum der Pubertät entwachsen sind und auf jedem Radiosender der Welt gespielt werden. Diese Lieder vergöttern Sex und romantische Liebe als höchsten Ausdruck menschlicher Intimität. Und nun gibt es Verfasser christlicher Anbetungslieder, die den Glauben mit denselben Worten ausdrücken. Man nehme zum Beispiel [Anm. DoSi: „Madly“ von Steve Fee, Album „Sacred Space“ von 2005; ich lasse es unübersetzt, da es für sich spricht]: „And I’m madly in love with you. / Let what we do in here fill the streets out there. / Let us dance for you.“. Eine solche Sprache impliziert, daß wir auf dieselbe Weise mit Gott reden könnten, wie wir mit einem romantischen Partner reden, oder, genauer gesagt, auf dieselbe Weise wie ein von Liebeskummer geplagter Teenager mit seiner Angehimmelten sprechen würde. Und jetzt kommt mein Haupteinwand: IRRE in jemanden verliebt zu sein [Original: „madly in love“], ist eine so unbeständige, instabile, unzuverlässige Sensation, daß eine solche „Liebe“ Gott gegenüber auszudrücken bestenfalls respektlos wäre. Also wie können wir, die es besser wissen, Gott diese teenie-mäßigen Liebeslieder zusingen?

Exilanten müssen jedenfalls wieder ein biblisches Verständnis des Wesens der christlichen Liebe zu Gott gewinnen. Wenn Gott zu lieben sich nicht nur um das Singen von Liebesliedern dreht, was gehört dann noch dazu? Es verlangt von uns, eine klarere Vorstellung davon zu entwickeln, was Liebe ist und was nicht, etwas, das traurigerweise in einer Welt abhanden gekommen ist, die in Bezug auf diese Thematik mehr durch die Lieder von Britney Spears oder Christina Aguilera beeinflußt wurde, als von der Lehre des Neuen Testaments. Was Jesus über die Liebe zu Gott lehrt ist wirklich sehr überraschend, wenn es mit den weichen, gefühltsbetonten Äußerungen verglichen wird, die in der Kirche vorherrschen.

Für Jesus ist es unmöglich, Gott zu lieben, wenn wir diese Liebe nicht physisch und tatkräftig im Leben unserer Nächsten ausdrücken. Dies ist ein unmißverständlicher Aspekt der Spiritualität Jesu: Hingabe an Gott drückt sich primär im Gehorsam gegenüber der Lehre Jesu und der Liebe zu Anderen aus. Die Verbindung zwischen der Liebe zu Gott oder Jesus und dem Gehorsam ihren Geboten gegenüber ist unverbrüchlich. Es geht nicht primär um eine emotionale Tiefe unseres Empfindens für Gott. Die Liebe zu Gott drückt sich im Handeln aus, in Entscheidungen, in einer willensmäßigen Verpflichtung, den Willen Gottes zu tun. Deshalb sind der Dienst an Armen, Freigiebigkeit und Gastfreundschaft zu zeigen oder Christus mit anderen zu teilen, Ausdruck der Liebe zu Gott. Wir lieben Gott, wenn wir unseren Ehepartnern gegenüber treu sind. Wir lieben Gott, wenn wir die Leidenden bergen. Für die ersten Nachfolger Jesu war das so offensichtlich, daß es im ganzen Neuen Testament zu finden ist. Im Zentrum des christlichen Glaubens liegt das Verständnis, daß Gott uns den höchsten Ausdruck seiner Liebe in der Selbsthingabe Jesu am Kreuz gezeigt hat. Wer wissen will, wie Gottes Liebe ist, muß auf das Osterereignis schauen. Nirgendwo wird Gottes Liebe besser gezeigt. „Christliche“ Liebe drückt sich in Gehorsam und Opfer aus. Und nur für den Fall, daß wir uns´fragen, wie wir eine solch hohe Berufung erfüllen können, erklärt uns Paulus, daß wir unsere Pflicht zu lieben durch den Heiligen Geist entladen sollen:

„Gott hat seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, den er uns gegeben hat.“ (Röm 5,5b)

Genau derselbe Heilige Geist der Liebe, der Jesus durch Gethsemane und weiter getragen hat, ist derselbe Geist der Liebe, der uns heute gegeben wird. Wie die Jünger Jesu sind wir aufgerufen, zu lieben, wie es Christus tat: Aufopfernd, verschwenderisch, demütig, bis hin zu persönlichem Leiden, ja sogar Tod. Dann ist Gottes Liebe keine abstrakte Vorstellung oder ein wie auch immer intensives Gefühl. Sie ist die leidenschaftliche Verpflichtung des Willens Gottes an das Gute.

Wie sollen wir also Gott lieben? Indem wir seinem Beispiel folgen, indem wir für andere „sterben“, damit sie die Freude des ewigen Lebens kennenlernen. Liebe und Handeln sind für Gott untrennbar, und das sollten sie auch für uns sein. Deshalb ist der höchste Ausdruck unserer Liebe zu Gott die Annahme der Sendung/Mission Jesu: Anderen zu dienen, Hungrige zu speisen, Niedrige zu ermächtigen, Kranke zu heilen und Menschen in eine Beziehung mit Gott als „Abba, Vater“ zu führen. Im christlichen Paradigma ist Liebe also eine Handlung. Sie ist ein Verb, nicht ein Substantiv. Zu lieben bedeutet etwas für andere zu tun, nicht notwendigerweise etwas für sie zu empfinden. Es ist der Wunsch nach ihrem geistlichen Wachstum, damit sie erblühen und gedeihen mögen und alles das werden, wozu sie Gott ursprünglich vorsah. Und interessanterweise lieben wir Gott also auch, indem wir seiner Schöpfung dienen. Das soll nicht heißen, das unserer Dienst an Gott und Anderen nicht mit Gefühlen verbunden ist. Ebensowenig, daß der Ausdruck solcher Gefühl in gemeinsamem Singen nicht angebracht wäre. Aber diese Gefühle sind gewiß wechselhaft und unverläßlich wie die „unsterbliche Liebe“ eines Teenagers. Auch wenn sie menschliche Gefühle und tiefes Empfinden ausdrückt, sollte gemeinsame Anbetung uns vorwärts zu einer größeren und tieferen Hingabe daran rufen, Gott durch den Dienst an Anderen zu lieben. Wenn dies das Ziel ist, dann ist es lohnenswert, über konkrete Wege nachzudenken, in denen wir unsere Liebe zu Gott ausdrücken, wie z.B.:

  • Wir lieben Gott, indem wir andere lieben: Du liebst Gott so sehr und nicht mehr, wie die Person, die Du am wenigsten liebst (Roland Croucher). Unsere Liebe zu Gott wird sich klar und direkt in unserer Liebe für andere ausdrücken, darunter die Armen, Unterdrückten, Marginalisierten und diejenigen, die zu lieben sich niemand Gedanken macht. Dies ist gewiß eines der augenfälligsten Merkmale des Lebens und Dienstes Christi selbst, und wir als seine Nachfolger müssen es als unsere Berufung erkennen, dasselbe zu tun.
  • Wir lieben Gott, indem wir Jesus gehorchen: „Wer mich liebt, wird meiner Lehre gehorchen“, sagte Jesus. Wir gehorchen Jesus nicht, um uns das Heil zu verdienen – es ist ein Geschenk, das wir gratis erhalten. Wir gehorchen seinen Geboten aus Liebe und Dankbarkeit für seine Gnade und Vergebung.
  • Wir lieben Gott, indem wir in seiner Gesellschaft verweilen: Wir verbringen Zeit mit Gott in Gebet, Fasten und Kontemplation. Indem wir die Gegenwart Gottes praktizieren (siehe Kapitel 3), geben wir durch tägliche Gemeinschaft zu erkennen, daß wir Gott lieben.
  • Wir lieben Gott, indem wir über die Dinge Gottes reden: Es ist einfach: Aus unserem Mündern kommt das, was aus unserem Herzen fließt. Es ist normal, über das zu reden, was wir lieben. Darum zeigt der Grad, in dem wir über die Dinge Gottes reden, unsere Liebe zu Gott.
  • Wir lieben Gott, indem wir uns nach der Rückkehr Christi sehnen: Das war ein zentraler Bestandteil des Denkens der ersten Christen. Sie sehnten sich nach der Wiederkunft Christi, und das wurde ein Teil der Brille, durch die sie das Leben und den Glauben betrachteten.
  • Wir lieben Gott, indem wir andere Götter und Götzen aufgeben: Ob es jetzt die Götzen der Lust, Gier, Gewalt oder des Hasses sind – wir werden regelmäßig von den „Göttern“ unserer Kultur versucht, die eine stärkere Untertanentreue unsererseits verlangen. Unser Gott könnte unser Magen sein. Es könnte unser Geldbeutel sein. Es könnte unser Rassismus oder unsere Angst sein. Wir lieben Gott, wenn wir danach trachten, solchen Götzendienst in unserem Leben zu eliminieren.
  • Wir lieben Gott, indem wir unser Leben hingeben: Christen müssen sich fragen, für wen oder was sie zu sterben bereit wären. Niemand kann sich vorstellen, daß dies in der westlichen Welt jemals der Fall sein könnte, aber unsere Brüder und Schwestern in China, Saudi-Arabien, Vietnam, Indonesion, Pakistan und anderswo leben unter einer solchen Bedrohung als alltäglichem Teil ihres Lebens in Christus. Wir dürfen das nicht vergessen.
  • Wir lieben Gott, indem wir das lieben, was Gott geschaffen hat: Wie früher schon dargelegt, ist es unmöglich, ein treuer Nachfolger des lebendigen Gottes zu sein und nicht um Gottes Schöpung, deren Fürsorge er uns anvertraut hat, besorgt zu sein. Wir müssen ebenfalls erkennen, daß jedes menschliche Wesen ein Geschöpf Gottes ist, von Gott geliebt ist und Respekt wie auch Würde verdient. Wo auch immer die Gemeinde in einer Host-Kultur Wurzeln schlägt, können wir sicher sein, daß es sich um eine Schöpfung Gottes handelt. Es ist das Werk Gottes, die Gemeinde rund um die Welt zu gebären. Und wir wissen, daß Gott die Gemeinde liebt. Damit ist eine der Arten, auf die wir unserer Liebe zu Gott Gestalt verleihen können, das zu lieben, was Gott liebt: Die verfolgte und leidende Kirche in der ganzen Welt.
  • Wir lieben Gott, indem wir anderen vergeben: Im Kern jeder Bitte um Vergebung von Gott muß die Bereitschaft stehen, denen zu vergeben, die „gegen uns gesündigt“ haben. Jesus lehrt und lebt beispielhaft vor, daß ein göttlicher Lebensstil beinhaltet, daß wir beständig unseren Feinden vergeben.

Diese kurze Untersuchung der biblischen Lehre über die Liebe zu Gott sollte es deutlich machen, daß es Jesus um eine viel handlungsorientiertere, nach außen hin ausgedrückte Vorstellung von Liebe ging, als die gefühlsbetontere, die heute von vielen Anbetungsliedern zum Ausdruck gebracht wird. Aber gibt es ein Problem damit, unseren Gefühlen der Liebe zu Gott Ausdruck zu verleihen? Sicherlich nicht, solange wir erkennen, daß diese Gefühle, so wunderbar sie auch sind, nicht die Essenz des christlichen Glaubens darstellen. Dieser Glaube gewinnt am Besten in der Handlung Gestalt. Wenn wir emotionale Lieder singen, ohne unser Verlangen danach, Gott zu lieben, auf die aktive Weise, die wir gerade untersucht haben, auszuleben, dann ist unser Glaube, wie Paulus verkündete, nur ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Aber durch die Geschichte hindurch haben Christen gemeinsam über das sehr emotionale Erleben der Liebe Gottes gesungen. [Beispielhaft listet Frost den Text von Samuel Trevor Francis’s „Oh the Deep, Deep Love of Jesus“ und Charles Miles’s „In the Garden“ (das Freunde von Johnny Cash auf „My Mother’s Hmynbook“ finden – aber wem sage ich das, Freunde von Johnny Cash wissen das ja eh…) auf. Auf letzeres Lied bezieht sich Frost im Folgenden.] Die tiefe, tiefe Liebe Jesu wurde in der Tat am Offensichtlichsten in einem Garten erfahren, aber nicht in der Form der Umarmung eines heimlichen Liebhabers, sondern vielmehr in der schweren Entscheidung Jesu im Garten Gethsemane, seiner Liebe zu seinem Vater den ganzen Weg bis ans Kreuz nachzugehen. Die tiefe, tiefe Liebe Jesu ist mit Schweiß und Blut, Todesangst, Demütigung und dem Verrat seiner Freunde befleckt. Über diese Liebe wollen wir singen. Wir wollen in einer Weise von ihr singen, die uns zu einem ähnlichen Maß an selbstlosem Opfer und hingegebenem Leben inspiriert.

Dieses Buch begann mit einer Betrachtung der Weise, in der die Exiljuden in Babylon ihren Glauben erhielten und ihrem einen Gott Jahve gegenüber treu blieben. Wir haben uns kurz die Lieder angesehen, die ihre Propheten im Exil gesungen haben, besonders die des Jesaja. Das sind keine rührseligen oder anwidernden Liebeslieder; es sind vielmehr gefährliche Lieder, revolutionäre Lieder – Lieder des Aufstandes, gesungen im Angesicht des Unterdrückers Israels, Babylon. Es wäre sicherlich illegal gewesen, diese Lieder öffentlich zu singen, oder sie Kindern beizubringen. Deshalb waren sie gefährlich: Sie konnten konnten ein Volk dazu anspornen, für die Freiheit zu kämpfen. Sie beginnen mit einer Verheißung Jahves und wachsen dann in ein Crescendo der Revolution:

„Denn ich bin der Herr, Dein Gott,
der Dich bei Deiner rechten Hand hält
und zu Dir sagt, Fürchte Dich nicht;
ich werde Dir helfen.
Hab keine Angst, Du Wurm Jakob,
kleines Israel, fürchte Dich nicht,
Denn ich selbst werde Dir helfen“, spricht der Herr,
Dein Erlöser, der Heilige Israels.

Israel ist ein Wurm in Babylon, eine verachtete und niedrige Gemeinschaft von Sklaven und Gefangenen. Dieses Lied mal ein genaues Bild ihrer kraftlosen Situation als Exilanten, aber es wagt auch, von Jahve als ihrem Erlöser zu träumen. [Frost spricht über Ruth und Boas und bilanziert dann:] Jesaja sieht Gott als Ehemann-Beschützer des untreuen Israel, einer der seinem Volk selbst in seiner dunkelsten Stunde der Not nicht den Rücken zuwenden kann. Im ganzen Buch hören wir Gott über die aufständischen Taten singen, die er im Interesse der Freiheit Israels vollbringen wird:

  • Gott verspricht, ihnen ihr Eigentum wiederzugeben und ihr Land wiederherzustellen (Jes 54,1-3).
  • Gott wird sie aus der Sklaverei in Babylon befreien (Jes 52,11f).
  • Gott wird sie an denen rächen, die sie verfolgten (Jes 49,25f; 64,4).
  • Gott wird gut für die zukünftigen Nachkommen Israels sorgen (Jes 61,8f).

In Babylon solche Verheißungen zu singen, war gleichbedeutend mit Verrat, aber Jesaja selbst sagt: „Um Zions willen will ich nicht schweigen, um Jerusalems willen werde ich keine Ruhe geben“ (Jes 62,1). Der wahre Revolutionär kann auch im Angesicht von Verfolgung seitens eines ungerechten Regimes nicht still bleiben. [Es folgt ein Abschnitt über Martin Luther King Jr.] Exilanten wissen, daß auch angesichts offener Ablehnung oder sogar Verfolgung das Wort des Herrn gesungen werden muß. [Nach einem Abschnitt über die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die französische Revolution, die Revolution in Deutschland, welche die Wende einleitete, die philippinische, südafrikanische und ukrainische Revolution fragt Frost] Ist die radikale Lehre Jesu nicht ebenso revolutionär wie jedes dieser Beispiele politischen Umbruchs? Hat er uns nicht zu einer Revolution der Gnade, des Friedens und der Gerechtigkeit berufen? Und hat er uns nicht gesagt, daß wir, wenn wir ihn lieben, seinen Geboten folgen werden? Seine Botschaft ist ein Aufruf zum Aufstand, zur Meuterei gegen die Werte dieses unseren Host-Imperiums. Dies ist eine Welt, in die wir nicht gehören. Dies ist Babylon. Wir wurden von dem Revolutionär dazu berufen, unsere Liebe zu ihm in Aktion zu zeigen, in aufsässigen Taten der Freigiebigkeit und Freundlichkeit, im Kampf gegen Ungerechtigkeit, in der Vision eines Aktivisten für eine erneuerte Welt, in der Gott als der eine, wahre Gott anerkannt wird und sich jedes Knie im Dienst für ihn beugt. Ist dies nicht das Endziel der tiefen, tiefen Liebe Jesu?

Die erste bittere Lektion in einer Ehe besteht darin, die Person zu lieben, die wir geheiratet haben, anstelle der Vorstellung, die wir heiraten wollten. Ich muß auch bekennen, daß Jesus sich nicht als derjenige herausgestellt hat, den ich geheiratet zu haben dachte. Meine romantischen Vorstellungen des zahmen Jesus, sanft und mild, sind verdampft. Er hat sich als ein viel fremdartigerer und unvorhersehbarerer Gott herausgestellt, als ich es mir in meinen Teenagerjahren vorgestellt hatte. Ich dachte, er würde mich in einer ewig warmen und bequemen Weise lieben, sicher in seinen liebenden Armen. Aber es hat sich herausgestellt, daß er mir desöfteren in den Hintern getreten hat und mich auf eine Art zu wachsen gezwungen hat, die ich mir nie vorgestellt hatte. Seine Liebe war fordernd, hart, kompromisslos. Ich will damit nicht sagen, daß er nicht wunderbar großzügig und geduldig mit mir gewesen wäre. Aber es ist eine Liebe, die mich nicht so lassen wollte, wie ich war, die darauf bestand, daß ich erwachsen würde und mich im Kern dessen, das ich zu sein glaubte, verändern würde. In jeder Hinsicht ging es dabei um mein höheres Gut, aber das war nicht alles leicht und süß. Und wurde ich von ihm enttäuscht? Ja sicher, vielmals, jedoch gewiß nicht so oft, wie ich annehme, daß er von mir enttäuscht war. Aber unsere Liebe hat Enttäuschung und Versagen überlebt und ist dadurch stärker geworden. Nach fast dreißig gemeinsamen Jahren mit Jesus sind meine Identität und mein Sinn im Leben so eng mit meiner Beziehung mit ihm verwoben, daß ich all diese Geschichte nicht wieder auftrennen und mich abseits von ihr wiederfinden könnte. Wir sind jetzt in einer Partnerschaft für’s Leben – zum Guten und zum Schlechten. Madeleine Engle schreibt in The Irrational Season:

Ich habe gelernt, daß es immer ein nächstes Mal geben wird, und daß ich in der Dunkelheit abtauchen, aber daß ich nicht unter Wasser bleiben werde. Und jedesmal wurde etwas unter Wasser gelernt, etwas wurde gewonnen, eine neue Art der Liebe ist gewachsen. Das Beste, um das ich bitten kann, ist, daß diese Liebe, die auf zahllosem Versagen aufgebaut wurde, weiter wachsen wird. Ich kann nicht mehr sagen, als daß dies ein Geheimnis ist, ein Geschenk und daß auf irgendeine Weise unser Versagen durch Gnade erlöst und gesegnet werden kann.

Es liegt etwas reicheres, tieferes und weiseres in diesen Worten, als im Schaum und Blubbern neu gefundener Liebe. Das Verliebt-sein-auf-den-ersten-Blick läßt die Liebenden denken, daß sie sich für immer so tief und einwandfrei lieben werden. Anbetungslieder, die auf dieser leichtgläubigen, naiven, simplistischen Sicht der Liebe basieren, berühren mich nie. Meine Beziehung zu Gott durch Jesus hat mich beizeiten desillusioniert, enttäuscht und verwirrt zurückgelassen. Unsere Liebe wurde auf zahllosem Versagen erbaut, aber es ist eine Liebe, die beständig in die Tiefe wächst, wie ein Ozean, ein dunkles, unergründliches Meer, auf dem regelmäßig Hoffnung und Freude und sogar Triumph aufblitzen. Dürfte ich bitte hierüber singen? Dürfte ich über das Geheimnis von Gottes Gnade im Angesicht von Ärger und Schmerz singen? Kann ich Gott für seine Treue in der Not des Exils und der Abgeschiedenheit anbeten? Kann ich, wie bei den Schlachtgesängen der Revolution, dazu inspiriert werden, mit dieser lebenslangen Reise des Dienstes, der Hingabe und Freundschaft weiterzumachen, trotz der Kämpfe und Schwierigkeiten, welche die Treue gegenüber Gott auf fremdem Boden mit sich bringt? Wo sind die Verfasser von Anberungsliedern, die eine neue Stimme für Exilanten schaffen können, die den romantischen Unsinn nicht singen können, den wir heute in zu vielen Gemeinden hören?

Viele gegenwärtige Songwriter lieben Passagen wie die folgende aus Jes 42:

Singet dem Herrn ein neues Lied,
sein Lob von den Enden der Erde
Ihr, die ihr zur See fahrt und alles im Meer,
ihr Inseln, und alle, die darauf wohnen.
Die Wildnis und ihre Städte mögen ihre Stimmen erheben,
Die Siedlungen Kedars sich freuen.
Das Volk Selas singe vor Freude,
sie sollen von den Gipfeln der Berge rufen.
Sie sollen dem Herrn Herrlichkeit bringen,
und sein Lob den Inseln verkündigen (Jes 42,10-12).

Es gilt im Gedächtnis zu behalten, daß dies an ein unterdrücktes Volk geschrieben wurde, an Exilanten, die des Jochs der Sklaverei müde waren, die von Gott enttäuscht waren und sich nach Freiheit und Rechtfertigung sehnten. Das Lied geht weiter und kommt an ein Crescendo, als Gott wie ein mächtiger Krieger erscheint, der sein eigenes Lied als Antwort auf des eben gehörte Loblied singt. Gottes Lied ist jedoch kein hohles, gefühlsmäßiges Liedchen, sondern eine wilde, stürmische, aufrührerische, revolutionäre Hymne:

Ich schwieg wohl eine lange Zeit,
war still und hielt an mich
Nun aber will ich schreien wie eine Gebärende,
ich will laut rufen und schreien.
Ich will Berge und Hügel zur Wüste machen
und all ihr Gras verdorren lassen
und die Wasserströme zu Land machen
und die Seen austrocknen.
Aber die Blienden will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen;
ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen.
Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen
und das Höckerige zur Ebene.
Das alles will ich tun
und nicht davon lassen.
Aber die sich auf Götzen verlassen
und sprechen zum gegossenen Bilde: „Ihr seid unsere Götter!“,
die sollen zurückweichen und zuschanden werden.

Hier ist genau das Wort, das Exilanten hören müssen. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß der niedrige Exilant am Ende für seinen oder ihren Glauben an Gott gerechtfertigt werden wird, daß das momentane Erleben nicht das letzte Wort ist. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß die hochgradige Sinnlosigkeit des Reality TV unsere Sehnsucht nach echtem Leben nicht befriedigen kann. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß die vorgetäuschten Beziehungen, die Menschen online haben, indem sie falsche Namen benutzen und vorgeben, etwas anderes zu sein als was sie sind, nicht die Art sind, in der wir uns aufeinander beziehen sollten. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß es einfach nicht richtig ist, daß die reichsten 20% der Weltbevölkerung mehr als 80% des gesamten Welteinkommens erhalten. Es bekräftigt, daß es böse ist, daß Zehntausende jeden Tag verhungern, während wir in einer Nation der Übergewichtigen und Fettleibigen leben. Gottes Lied, gesungen wie eine Frau in den Wehen, bringt eine neue Hoffnung zur Welt, eine Hoffnung, daß wir als Exilanten niemals „zuhause“ sein werden in einer Welt obszön mächtiger Konzerne und Technokraten, ansteigender Militarisierung, unaussprechlicher Gier und Habsucht. Und schließlich warnt es uns, daß wir als Exilanten uns weigern müssen, den Götzen unseres Host-Imperiums zu vertrauen. Wir können den Versprechungen unseres Imperiums in der Zeit nach Christendom nicht vertrauen. Wir dürfen den Konzernen, in die wir unser Geld investiert haben, nicht sagen: „Ihr seid unsere Götter“. Genausowenig den Einkaufszentren, Fast-Food-Ketten, Hollywood, politischen Parteien, Televangelisten, Zeitschriften, Magazinen oder Fernsehapparaten. Wer dies tut, wird zurückweichen müssen und zuschanden werden.

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