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Döner macht schöner!

Ein bißchen Prag war fein!

21. September 2007

Nun war ich also letzte Woche für 4,5 entspannte Tage in der goldenen Stadt der 1.000 Türme. Vor drei Jahren hatte ich mich während eines zweitägigen Aufenthalts im Rahmen einer Interrail-Tour durch Europa in die tschechische Hauptstadt verliebt – wie cool, daß es jetzt mit einem etwas längeren Besuch geklappt hat! Untergebracht waren wir bei einem liebenswerten und unkomplizierten, ca. 70+X Jahre alten, gut deutsch sprechenden, der böhmischen Brüderbewegung nahestehenden tschechischen Ehepaar, deren Haus in einem Außenbezirk mit guter Metroanbindung liegt. Sie haben gerne deutsche Gäste – solltest Du also in den nächsten Jahren die Absicht haben, Prag zu bereisen und noch eine Unterkunft suchen, dann vermittle ich diesen Kontakt mit Freuden.

Prall volle Tage waren das, morgens raus in die Stadt, abends nach der Rückkehr sofort geplättet eingeschlafen. Selbstredend galt es die böhmische Küche zu genießen und auch das Pilsner Urquell wollte getrunken werden – in kulinarischer Hinsicht also eine Freude 🙂

Und was gibt es nicht alles zu entdecken! Die bewegte Geschichte Prags von der Zeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, über die Habsburger, das Dritte Reich, die Zeit des Warschauer Paktes bis in die Gegenwart hat ihre Spuren hinterlassen. Erinnert sei beispielsweise an Jan Hus, den Prager Fenstersturz, Franz Kafka und den Prager Frühling. Aufgrund der Tatsache, daß die goldene Stadt während des Zweiten Weltkrieges von Bomben verschont wurde, blieb sowohl die malerische historische Altstadt mit ihren wunderschönen Häusern und Kirchen wie auch das Burgviertel erhalten.

Sehr eindrücklich war für mich bereits beim letzten Besuch die Josefstadt, das ehemalige Judenviertel, wo in engen Gassen der Alte Jüdische Friedhof und diverse Synagogen zu finden sind. Da einerseits die Hauptsaison vorbei und andererseits das Wetter nicht allzu berauschend ist, weshalb die großen Menschenmassen ausbleiben, ist es mir dieses Mal möglich, mich auf kontemplativ-meditative Weise mit der Geschichte der Juden in Prag zu befassen und Bilder, Ausstellungsstücke, Schautafeln etc. in Ruhe zu betrachten, zu lesen und wirken zu lassen. Besonders intensiv reden die Bilder, welche jüdische Kinder in Theresienstadt gemalt hatten oder die Synagoge, in welcher die Wände komplett mit Namen der Holocaustopfer beschrieben sind. Einmal mehr gebrochen und fassungslos stehe ich als Nachfolger Jesu, Theologe und Angehöriger des deutschen Volkes da und finde weder Worte noch ausreichend Tränen für das Geschehene. Draußen der Alte Jüdischen Friedhof. 12.000 Grabsteine stehen hier unter den Eschen, zusammengepfercht auf einem winzigen Fleckchen Erde. Weil man ihnen nicht mehr Raum zum Bestatten ihrer Toten gab und die eigene Überlieferung das Auflösen von Gräbern verbietet, wurden von den Kindern Israels hier auf die alten Grabstätten immer neue Hügel angehäuft, so daß zum Teil bis zu neun Gräber übereinander liegen und die Grabsteine kaum frei stehen können. Ein Bild, das für sich selbst spricht. Wie betäubt stehe ich da, entziffere Namen und hebräische Schriftzeichen, bewege mich langsam vorwärts, eine dunkle Masse an Gedanken in meinem Kopf – Schmerz, Trauer und Sprachlosigkeit, Wut und Zorn pochen dumpf und vermengen sich. Wut auf die Verantwortlichen, auf diejenigen, welche dafür Sorge getragen haben, daß Menschen in Ghettos wohnen wie im Käfig, die ihnen ihre Rechte entzogen haben, die sie gezwungen haben, einen gelben Stern zu tragen, sie abtransportiert haben wie Vieh, ermordet und entsorgt wie Müll. Wut auch auf die Touristen, die an mir vorbeihecheln, schnell ein, zwei Fotos machen, dabei lachen, unbeteiligt weiterrennen, nur um eine weitere Sehenswürdigkeit auf ihrer Liste abhaken zu können, die nur an ihr Mittagessen denken, an das nächste Bier und die schmerzenden Füße, denen egal zu sein scheint, wieviel Leid sich in diesem Judenviertel zugetragen hat, die keine Ohren haben, für die Schreie, die aus der Synagoge kommen, für das schiere Elend, das mich überwältigt und sie doch so sehr kalt läßt. Wieder und wieder höre ich in meinem Kopf Sätze aus der Bibel. Aus dem Munde Jesu: »Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan«. Aus dem Munde des Vaters: »Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an«. Aus den Psalmen: »Bei den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten. Wie können wir in einem fremden Land das Lied des Herrn singen?« Das Leid Israels in Babylon – ein Scherz scheint es zu sein im Vergleich zu dem, was diesem Volk seit der Zeit Jesu angetan wurde… Mitten in meinen Gedanken spricht mich ein älterer Herr an, bittet um Feuer. Er ist Israeli, nach der jüdischen Zeitrechnung beginnt mit dem heutigen Sonnenuntergang das neue Jahr, deshalb ist er gekommen, um auf den Grabsteinen einiger für ihn bedeutsamer Toten eine Kerze anzuzünden. Wir kommen in’s Gespräch. Ob ich schon in Israel gewesen sei, fragt er. Nein, antworte ich, erzähle ihm davon, daß ich immer an Silvester denke: »Wieder ein Jahr vorbei, und es hat wieder nicht mit einer Reise nach Israel geklappt.« Er lädt mich ein in sein Land. Ein weiterer Israeli kommt, sie unterhalten sich auf Hebräisch, ich wünsche ein glückliches neues Jahr und gehe meines Weges. 10 Minuten später bin ich am letzten Grabstein vorbeigegangen, gleite in eine Parkbank, rauche einen Zigarillo, starre ins Leere. Danach essen wir zu Mittag, besuchen andere Teile Prags, ich stolpere beinahe in den Trainer der tschechischen Fußballnationalmannschaft, Karel Brückner, hinein, der mir aus der Tür der Kapelle des Klosters Strahov entgegenkommt. Leider sind wir zu spät, das Kloster hat schon geschlossen. Den Besuch des theologischen und philosophischen Saales muß ich mir für den nächsten Besuch aufheben. Weit weg ist mittlerweile die Josefstadt. Die Frage bleibt: Wer sind heute die geringsten Brüder Jesu? Wem kann ich der Nächste sein?

Aber auch unbeschwerte Zeiten prägen die Zeit in Prag: Flanieren in der Innenstadt, über die Moldau schlendern, am Straßenrand die Niederlage Frankreichs gegen Schottland erfreut miterleben, den Aussichtsturn besteigen, in kleinen Antiquariaten stöbern, immer wieder ein Latte in einem der zahlreichen Cafés. Lustig: Einmal bitte ich nach der Speisekarte in englischer Sprache („menu in English“), erhalte statt dessen das Menü des Tages. Nun ja, man ist ja höflich, also nicht beschwert, sondern gegessen. War ganz gut.

Viel zu schnell vergeht die Zeit. Wieder nur an der Oberfläche gekratzt. Ein letztes Mal auf die Karlsbrücke und das Panorama genießen. Wehmütig umdrehen und gehen. Kein Blick zurück. War ja kein Abschied. Denn klar ist: Ich komme wieder.

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2 Kommentare zu “Ein bißchen Prag war fein!”

  1. Günter J. Matthia sagt:

    Ich wette, Du kehrst zurück nach Prag. Wir fahren fast jedes Jahr einmal hin, die Stadt ist unvergleichlich. Unbeschreibbar schön. Vielfältig. Schwärm…

  2. DoSi sagt:

    Oh ja, schwärmen ist angebracht. Und ich hoffe auf Rückkehr im nächsten Frühjahr…


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