Das Millennium als Gegenbild der Hoffnung
10. Juli 2008
Überrascht und erfreut habe ich Jürgen Moltmann’s Buch Das Kommen Gottes: Christliche Eschatologie folgende Zeilen gefunden:
Christliche Theologie ist keine Theologie der Universalgeschichte, sondern eine geschichtliche Theologie des Kampfes und der Hoffnung. Sie lehrt darum nicht, wie der naive moderne Fortschrittsglaube, dieser säkulare Gegenwartschiliasmus, daß in Zukunft alles immer besser werde. Sie lehrt auch nicht, daß in Zukunft alles immer schlechter werde wie die gleichfalls naive moderne Apokalyptik. Sie schärft aber ein, daß es in der Zukunft dieser Welt immer kritischer wird. (…)
Das »tausendjährige Reich Christi«, das »Friedensreich«, ist das positive Gegenbild der Hoffnung gegen die antichristliche Weltzerstörung im Feuersturm und für jedes alternative Leben und Handeln gegen die Weltverwüstungen hier und jetzt unerläßlich. Ohne chiliastische Hoffnung verliert die christliche Ethik des Widerstands und der konsequenten Nachfolge Christi ihre stärkste Motivation. Ohne die Erwartung eines alternativen Reichs Christi verliert die Gemeinde Christi ihren Charakter als »Kontrastgemeinde« zur Gesellschaft. Weil der ursprüngliche jüdische und christliche Chiliasmus Märtyereschatologie war, ist er das genaue Gegenteil eines jeden eschatologischen Eskapismus und einer jeden heilsgeschichtlichen Besserwisserei. (S. 226f)
Seit einiger Zeit lese ich alles, was ich von Moltmann in die Finger bekomme, und ich bleibe begeistert. Einiges des von ihm kritisierten »naiven modernen Fortschrittsglaubens« bzw. »säkularen Gegenwartschiliasmus« glaube ich bisweilen im US-amerikanischen Teil der emergenten Bewegung erkennen zu können, so ganz nach dem Motto: »Mit Gott auf unserer Seite werden wir die Welt schon verändert bekommen.« Dies ähnelt mir allzu sehr der triumphalistischen Eschatologie der »siegreichen Gemeinde«, der ich in manchen pfingstlich-charismatisch geprägten Kreisen begegnet bin.
Das Bild, das sich mir in den Schriften des Neuen Testamentes von der Gemeinde darbietet, ist das der Kontrastgesellschaft, des Restes, des wenigen Salzes, derjenigen, die als Gefangene im Triumphzug Christi herumgeführt werden, die kruziform leben und in deren Schwäche die Herrlichkeit Gottes aufstrahlt, die sich dahingeben für Gottes Reich und ihren Nächsten – deren Hingabe allerdings fragmentarisch bleibt und deren Bemühen beständig von anderen Mächten durchkreuzt wird, und die deshalb sehnsuchtsvoll auf den Augenblick warten, da der Messias wiederkommt und »eigenhändig« sein Reich aufrichtet, in dem das vergolten wird, was zuvor erlitten wurde. Und nach den Tausend Jahren erklingt die Stimme: »Siehe, ich mache alles neu.«
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Donnerstag 31. Juli 2008 um 15:11
Auch Philip Jakob Spener sprach im Zusammenhang mit seinem Erneuerungsprogramm von der “Hoffnung auf bessere Zeiten”. Insgesamt wird man wohl sagen müssen: der weltliche Gestaltungs-Impuls des christlichen Glaubens ist oft gebrochen gewesen. Notwendig gebrochen gewesen. Wo er das nicht war, konnte es zu problematischen Verzerrungen führen: z.B. war der Kulturprotestantismus nicht in der Lage, in eine kritische Distanz zu denjenigen politischen Trends zu kommen, die im 20. Jahrhundert zu zwei großen Katastrophen geführt haben. Allerdings hat der Kulturpessimismus des Evangelikalismus in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu beigetragen, dass die drängenden politischen und globalen Probleme erst recht spät erkannt und als Herausforderung angenommen wurden (AIDS; Welthunger; Armutsproblem). Den goldenen Mittelweg zu finden, ist wohl ein Dauerproblem.