Das Ende der EmergingChurch-Bewegung?
26. Januar 2010
Lange war es still auf diesem Blog. Viel war zu tun und die Zeit war knapp, die Motivation reichte nicht aus, obwohl genug Stoff vorhanden gewesen wäre, über den zu schreiben sich gelohnt hätte. Nachdem ich dann heute morgen versehentlich den aktuellen Stand der Bücher, CDs, DVDs und Kinofilme, die ich 2010 bislang genossen hatte, gepostet (und wieder gelöscht) habe, ist es nun an der Zeit, das Schweigen ein klein wenig zu brechen. Bevor ich mich in den nächsten Tagen an mein “Gehört, gelesen und gesehen 2009″ machen werde, widme ich mich hier zunächst einmal kurz der Emergent Conversation.
In den letzten Wochen wurde in der englischsprachigen Blogosphäre viel über das Ende der EmergingChurch-Bewegung gesprochen, und vorgestern stieß Marlin ins selbe Horn: Für ihn ist die Party vorbei, weil es zwar Blogs, Foren und Veröffentlichungen gibt, aber ihm viel zu wenig Praktisches passiert. Die Reise geht für ihn eher in Richtung »missional church«. Ich mag Marlin, aber in diesem Punkt bin ich anderer Meinung.
Vorab zwei subjektive emotionale Reaktionen: Erstens trauere ich sehr um den künstlichen Gegensatz zwischen missional und emergent – beides gehört zusammen; aus meiner Sicht ist das missionale Denken eo ipso ein Teil des Ausflusses der EmergentConversation. Zweitens nervt mich zusehends die Annahme, dass aus der emergenten Bewegung nichts Praktisches hervorginge. Das ist schlicht falsch. Alle mir persönlich bekannten Teilnehmer der Emergent Conversation sind am Bau des Reiches Gottes beteiligt – in praktischer herkömmlicher Gemeindearbeit, in aufsuchender Arbeit bei den Marginalisierten, im Einsetzen für einen fairen Lebensstil und im Schaffen neuer Räume, in denen Gott und einander begegnet werden kann. Alle sind Praktiker. Dass nicht jeder sofort eine neue Gemeinde gründet oder ein Projekt startet, das sofort mit eigener Website, eigener Facebook-Gruppe und eigenem Twitter-Account oder -Hashtag an den Start geht, ist möglicherweise sogar so gewollt… Theorie und Praxis gehören integral zusammen, beides bedingt einander, das Denken ändert das Handeln und das Handeln verändert das Denken. Mit den Worten von Helmut Gollwitzer: Theologie ist immer Theorie zwischen Praxis und Praxis. Beides ist notwendig und an sich wertvoll. Jesus hat nicht nur gehandelt, sondern auch gelehrt. Die Mischung macht’s.
Aber zurück zum Thema. Vielleicht wird jetzt offenbar, was schon lange klar war: Es gibt nicht das eine emergente Gemeindemodell, es gibt nicht das eine emergente Glaubensbekenntnis, es gibt nicht die eine emergente Spiritualitätsform. Es geht nicht um Gleichschaltung auf eine gemeinsame Linie durch Mittel wie Konferenzen oder Kernmedien. Es geht um sehr verschiedene Menschen, die alle auf ihre eigene Weise dem Wirken des Geistes Gottes in unserer Zeit nachspüren und ihm Raum zu geben versuchen. MIt den gemeinsamen Fragen hat alles begonnen. Möglicherweise hat sich mittlerweile eine gemeinsame Kern-Theologie herausgebildet, die meines Erachtens tief in der ostkirchlichen Trinitätslehre verwurzelt ist. Daraus ergibt sich ein erweitertes Verständnis von Gemeindeleitung, ein erneuertes Verständnis von Gemeinschaft, zwischenmenschlichen Beziehungen und sozialer Gerechtigkeit, ein neues Verständnis vom Reich Gottes und von der Nachfolge Jesu. Die Ethik knüpft an das Erbe der Täufer an; die eigentliche Lehre Jesu erfährt eine neue Betonung. Langsam wird zumindest für mich immer deutlicher, wofür die emergente Bewegung in Deutschland steht. Aber sie ist, was sie schon immer war: emergent.
Ist die EmergingChurch-Bewegung am Ende? Ich glaube nicht; ich denke vielmehr, sie beginnt erst. Sie ist weiterhin am Emergieren – sie bricht hervor, sie wandelt sich, vernetzt sich. In ganz unterschiedlichen Kontexten reagieren Menschen auf die eine sanfte Stimme, den Ton leisen Wehens und streben nach einem ganzheitlichen Leben-in-Gemeinschaft nach der Idee Gottes. Vieles ist unklar, viele Fragen sind da, mit denen umzugehen ist, viele Gedanken entstehen, viele Schmerzen sind da. Auf dem EmergentForum hat Haso Worte gefunden und mir damit direkt aus dem Herzen und ins Herz gesprochen. Ich empfehle dieses MP3 wärmstens all denen, die sich für die emergente Bewegung interessieren. 22:56 min, die sich lohnen. Haso spricht u.a. darüber, dass Gott nicht einen Schmetterling erschafft, sondern eine Raupe, die sich verpuppt. Es ist diese Zwischenphase, die meines Erachtens viele Vertreter der emergenten Bewegung weiterhin kennzeichnet – eine Mischung aus Hoffnung, Schmerzen, Trauer und Zuversicht. Die Zeit als Raupe ist vergangen, die Schmetterlingsphase kommt wohl erst noch oder beginnt gerade jetzt. In diesem Zusammenhang empfehle ich nochmals meine meine Serie zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis, die vielleicht einige Monate zu früh kam
Aber vielleicht hatten wir auch gehofft, die Chrysalis-Phase ginge schneller vorbei…
In den letzten Jahren hat sich immer wieder Jesja 43,19 in meine Gedanken geschlichen. In einer Situation der Hoffnungslosigkeit kündigt der Prophet das Handeln Gottes an:
Siehe, ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf – erkennt ihr’s denn nicht?
Ich habe diesen Worten wieder und wieder hinterhergedacht. Viele Vorstellungen hatte das Bundesvolk davon, wie Gott handeln und was genau er tun sollte. Der Messias, der kam, war ganz anders. Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, aber die meisten hatten keine Augen dafür. Ich habe mich oft gefragt, ob ich Jesus als den erkannt hätte, der er war, und ob ich vielleicht nicht auch das Kreuzige! gerufen hätte. Gott schuf ein Neues, es dauerte lange, es kam ganz anders als erwartet und stimmte doch mit Geist und Buchstabe der alten Schriften überein. Ich glaube, dass in unserer Generation – wie immer mal wieder in der Kirchengeschichte – etwas Ähnliches geschieht.
Technorati Tags: Emergent Deutschland, Emerging Church





































































Mittwoch 27. Januar 2010 um 08:20
Das kann ich ganz gut unterschreiben. Ich vermute, dass die Diskussion darüber, ob Emerging vorbei ist, ungefähr so wenig Output bringt wie die Diskussionen darüber, was eigentlich Emerging ist. Und wenn ich mich recht erinnere, war ja letztere Frage nie geklärt worden, weshalb es auch schwierig sein dürfte, jetzt das Ende von einer Bewegung zu verkünden, der vorher immer vorgeworfen wurden, sich nicht abschließend und umfassend selbst bestimmt zu haben.
Mittwoch 27. Januar 2010 um 14:25
Bei Unternehmensstrategien sind die “emergent strategies” die, welche “appear without clear intentions”. Bei der emergenten Kirche hab ich manchmal genau das gleiche Gefühl
(Entschuldige bitte mein Kauderwelsch)
Mittwoch 27. Januar 2010 um 14:35
ach ja: ich finde es toll, dass du wieder blogst!
Mittwoch 27. Januar 2010 um 21:28
Danke Dosi! Vor allem deine Bestimmungen zu “Theorie und Praxis” fand ich in diesem Zusammenhang wichtig und klärend!
Donnerstag 28. Januar 2010 um 15:41
Hey Dosi,
danke für deinen Post! Ich teile deine Trauer zu den angeblichen Gegensätzen von “emergent” & “missional” mit ganzem Herzen! Leider bleiben diese Grabenkämpfe und “wir-ihr-Abgrenzungen” wohl auch der Emergent Conversation nicht erspart :.-(
Freitag 29. Januar 2010 um 15:40
Mann Dosi,
) umzugehen ist. Ist es Diskurs? Mal die
vielen Dank für deinen Post, der mir sehr aus dem Herzen gesprochen hat. Ich hätte wohl viele Dinge ähnlich gesagt. Mich beschäftigt aber, wie mit dieser “wir-ihr-Abgrenzung” (danke für das Wort Kerstin
“missional church”-Leute und die “emergent church”-Leute an einen Tisch holen? Oder unterstützt man so den künstlichen
Gegensatz (m. E.) zwischen MC und EC? Ich für meinen Teil kann darauf nur mit einer confessio reagieren. Ich fühle mich sowohl
in der MC-, sowie in der EC-Bewegung zuhause. In meiner Biographie lassen sich die beiden Bewegungen mit ihren Einflüssen auf mich wahrscheinlich nicht mal trennen. Sowohl novavox, sowie Emergent Deutschland sind Initiativen, zu denen ich mich verbunden fühle. Eine gute Zusammenarbeit der EC-Leute und MC-Leute kann nur zum Vorteil beider sein. Das setzt für mich aber auch ein gegenseitiges Wertschätzen voraus. Von “wir-ihr-Abgrenzungen” wird m. E. keiner profitieren.
Freitag 29. Januar 2010 um 16:13
Nun ja, ich gehöre ja wie Ihr wisst zu denen, welche die Abgrenzung ablehnen, weil das Nachdenken über missionale Kirche ein Teil dessen ist, was Frau Tickle als »The Great Emergence« bezeichnet. Darum wollte ich diesen Post auch als Appell zur Einheit verstanden wissen.
Natürlich darf es Leute geben, die nur über “missionale Gemeindemodelle” nachdenken wollen und über sonst nix. Das ist aber meiner Ansicht nach SEHR VIEL ZU KURZ gedacht. Denn missionales Denken entspringt aus meiner Sicht der Trinitätslehre, und wenn wir diese Linien weiter ausziehen, dann betrifft das auch die Bereiche, die ich im Post erwähnt habe.
Freitag 29. Januar 2010 um 16:17
Achja: Ich bin und bleibe Freund von novavox. Muß das extra erwähnt werden?
Auch jemand wie z.B. Alan Hirsch sieht sich ja als Teil des EmCh-Dialogs und würde »missional church« nicht auf Neil Cole’s »simple church«-Modell reduzieren. So jedenfalls habe ich Alan in seinen Büchern und in persönlichen Gesprächen verstanden.