Crazy for God I – Einführung
6. September 2010
Im März hatte ich angekündigt, “in nächster Zeit” mal was zu Frank Schaeffer’s Buch Crazy for God zu schreiben. Und voilà, nur ein halbes Jahr später ist es schon so weit ![]()
Nun bin ich zwar in Evangelikalien aufgewachsen, kannte den Namen Francis Schaeffer (Vater von Frank) aber nur vom Hörensagen, ohne mich näher mit ihm auseinandergesetzt zu haben. So ist das, wenn man erst 1980 das Licht der Welt erblickte. Auf das 2007 erschienene »Crazy for God« bin ich über die englischsprachige Blogosphäre aufmerksam geworden, wo es einigen Staub aufgewirbelt hat und mir daher näherer Betrachtung wert schien. Der Untertitel spricht für sich: »How I grew up as one of the elect, helped found the Religious Right, and lived to take all (or almost all) of it back«. Klingt nach Autobiographie und nach Abrechnung, könnte also interessant werden.

Interessant ist das Buch allemal, um mal ein wertneutrales Wort zu verwenden. Es ist untergliedert in die vier Teile »Childhood«, »Education«, »Turmoil« und »Peace«. Als Kind der amerikanischen Missionare Francis und Edith Schaeffer wuchs Frank in der Kommunität L’Abri in den Schweizer Bergen auf. Abgeschirmt von der heidnischen Welt und umgeben von geistlich Suchenden entfremdete er sich mehr und mehr vom calvinistischen Glauben seiner Eltern. Mit der Zeit wurde sein Vater Francis immer berühmter, so dass »Billy Graham’s daughter, President Ford’s son, even Timothy Leary« (2) häufig am Schaeffer’schen Esstisch anzutreffen waren. Francis und Edith Schaeffer stiegen auf der Leiter des Einflusses bis nach ganz oben, waren desöfteren im Weißen Haus und trafen dort die Präsidenten Ford, Reagan und Bush Sr. Im Prolog bilanziert Frank:
My life has been one of all-consuming faith – not my faith, but the faith of others that I seem to have caught like a disease and been almost obliterated by. What does God want? I still don’t know. … The only answer to “Who are you?” is “When?”
Das macht neugierig. Und, wie gesagt, das Buch ist interessant. Schaeffer kann schreiben, ohne Frage. (Davon zeugen auch seine Romane, die zu Bestsellern wurden – mehr dazu später.) Aber nicht nur deshalb ist das Buch interessant. Beim Lesen finde ich mich ständig auf beiden Seiten wieder – viele der Überzeugungen von Franks Eltern teile ich. Und manche der schmerzlichen Erfahrungen, die Gefühl, in eine evangelikale Subkultur nicht ganz reinzupassen, einhergehen, teile ich auch. Ich leide mit und an den handelnden Personen. (Ein ähnliches Erlebnis übrigens wie bei den Gleichnissen Jesu – z.B. beim Verlorenen Sohn: Meine Identifikation und mein Verhalten springt zwischen allen drei männlichen Figuren im Gleichnis hin und her. Das Ziel ist zum Vater zu werden, schon klar…) Aber zurück zu Schaeffer. Er betont: »This is a memoir, not a biography« (6). Er erhebt nicht den Anspruch, die absolute Wahrheit über seine Familie zu erzählen, sondern auch mal Namen geändert und Jahreszahlen vertauscht zu haben. Aber er erzählt seine Geschichte, erzählt von seinen drei Schwestern, von dem oft geistig abwesenden Vater, der viel Zeit mit den Sinn suchenden Gästen und wenig Zeit mit seinem Sohn verbrachte und die Erziehung der Kinder in allen Belangen seiner Frau Edith überließ. Frank hatte keine einfache Beziehung zu seiner Mutter, die morgens um vier aufstand, um zu beten, selbst im Hotel im Urlaub vor allen Anwesenden am Essenstisch seeeehr lange und laut betete und in allem, was geschah, die Bestätigung Gottes für ihre Lebensweise sah, und sich gesandt wußte, den armen Schweizer Heiden das Evangelium zu bringen. Die Ironie ist nicht zu überlesen:
The overall feeling was that we were somehow displaced aristocrats, former royalty reduced to being dependent on less-cultured strangers, grateful yet resentful, sorry for ourselves for the sacrifices we were making for a higher cause, yet envious of those people who could lead normal lives (…) and made money from everyday jobs where you were paid instead of waiting for a series of miracles. (51f) We were outsiders doing everything we could to be mistaken for insiders and then convert them to being outsiders, like us, until everyone became an outsiders and therefore we got to be insiders forever! (52) What I never heard Mom or Dad explain was that if the world was so bad and lost, why did they spend so much time trying to imitate it and impress the lost? (53)
Wie Streiflichter tauchen die Erinnerungen auf. Über seine Schwager schreibt Schaeffer, dass sie erst »our kind of people« werden mußten: »My sisters were very good at training their husbands, just as Mom had trained Dad« (70). Bei den Hochzeiten seiner Schwestern gab es keinen Alkohol, keinen Tanz und die Predigten zielten jeweils auf die Eltern des Bräutigams ab, um ihnen klarzumachen »how, without a faith in Christ, a real faith, a faith like ours, no marriage could last.« (71) Dass an der Ehe seiner Eltern auch nicht alles Gold war, erzählt Schaeffer mit schonungsloser Offenheit:
God might have given Dad faith, but he never did manage to get him to be polite to his wife. … And when it came to how Dad sometimes treated my mother, the other L’Abri workers looked the other way. They must have heard the screaming, and some must have known there was abuse. They did nothing. (101) Dad was abusive at times, but my mother was in no way intimidated. In fact, she seemed to relish her martyr status. (104) Mom never showed any weakness. She could do everything, and she let us know it. (111) The spiritual pride that underlay Mom’s zeal made her children grow up with the feeling that no matter what we did for the Lord, it was never enough. Mom had gotten there first, and the rest of us weren’t even in the race. (113)
So weit für diesen Post. Genug Stoff um nach- und weiterzudenken.
Technorati Tags: Francis Schaeffer, Frank Schaeffer



















































Mittwoch 8. September 2010 um 20:56
Vielen Dank für den Post, freue mich auf weitere (hatte vor Jahren mal eine kurze Schaeffer-Phase, finde das deshalb sehr interessant!).
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