Der Sämann

Saatgut aus der Fülle des Lebens-mit-Gott







  • Buchtipps vom Sämann



    vernetzt mit Emergent Deutschland

    Das Buch vom Sämann Wie die Bibel Sinn macht

    Bücher mit dem Sämann In allen Städten und Dörfern Beziehungsweise Leben Zeitgeist
    Zeitgeist
  • Täglich Brot

    • Irisches Gebetbuch
    • Richard Foster, Dallas Willard, Walter Brueggemann (Hrsg.) – Renovaré Spiritual Formation Study Bible
  • Was ich höre

    • Bob Dylan – Nashville Skyline
    • Bon Iver – Bon Iver
    • Coldplay – Mylo Xyloto
    • Jens Böttcher – Viva Dolorosa
    • Johnny Cash – Bootleg Vol. 2: From Memphis to Hollywood
    • Johnny Cash – Bootleg Vol.3: Live Around the World
    • Johnny Cash – I Would Like to See You Again
    • Johnny Cash – Now, there Was a Song!
  • Was ich lese

    • Gustav Aulén – Das christliche Gottesbild in Vergangenheit und Gegenwart: Eine Umrißzeichnung
    • Manfred Scheuch – Historischer Atlas Deutschland: Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung
    • Saul Friedländer – Das Dritte Reich und die Juden
    • Stephen R. Covey – The 8th Habit: From Effectiveness to Greatness
    • Thomas C. Oden und Cindy Crosby – Ancient Christian Devotional: A Year of Weekly Readings
    • William Shakespeare – The Complete Works
Egoload - Analytischer Denker

Emergent Village

Friend of Missional

Firefox

Falls dieser Blog nicht richtig angezeigt wird, klicke hier

Dieser Blog ist lizensiert unter einer Creative Commons 3.0-Lizenz

ecto

apple

Döner macht schöner!

Archiv für die 'Theologie' Kategorie

Paulus in neuer Perspektive

13. August 2007

[Nachdem ich vor einer Woche nach einem blinden Fleck in der evangelischen Theologie gefragt und auf Scot McKnight’s Serie über die »New Perspective on Paul« hingewiesen habe, hat Scot seine Reihe mittlerweile beendet. Ich möchte seine Gedanken an dieser Stelle auf deutsch zusammenfassen. (Wenn Du jeweils auf die erste Hälfte der Überschrift „Teil X“ klickst, landest Du bei Scot’s originalem Post. Für Interessierte empfehle ich die Diskussion in den Kommentaren bei Scot.)]

Teil 1Alles beginnt mit E. P. Sanders
Abgesehen von den Forschungen zum historischen Jesus (über die Scot, hurra, hurra! gerade eine neue Serie angefangen hat) handelt es sich bei der »New Perspective on Paul« um die bedeutendste Entwicklung in der biblischen Forschung innerhalb der letzten 50 Jahre. Alles beginnt mit dem 1977 veröffentlichten Paul and Palestinian Judaism von E.P. Sanders.
41Edhf4901L. Aa240
Die Kernaussagen von Sanders waren:

  • Das Judentum war keine „Religion der Werke“, wo Anerkennung bei Gott dadurch erreicht wird, daß man genügend Punkte sammelt. Paulus‘ Aussagen über die Juden so zu verstehen , heißt, sie mißzuverstehen.
  • Das Judentum zu einer „Religion der Werke“ zu machen, widerspricht der Ansicht jüdischer Gelehrter und der überwiegenden Mehrheit der antiken jüdischen Quellen. Eine solche Sichtweise entstammt den Problemen, die Luther mit der katholischen Kirche hatte und wurde im Nachhinein auf Paulus übertragen.
  • Das Judentum sah die Wurzel des Heils/der Erlösung (was wiederum ein christlicher Ausdruck ist) in zwei Motiven verwurzelt: In Gottes Erwählung und im Bund. Gott erwählte Israel, und dadurch erhielt Israel das Heil/die Erlösung. Juden machten sich keine Gedanken über eine finale Errettung und strebten nicht danach, durch verdienstvolle Werke ewiges Leben zu bekommen. Der Bund ist das Fundament aller jüdischer Religion.
  • Das Gesetz, oder das Halten des Gesetzes bzw. Gehorsam gegenüber der Torah [»Gesetz« bzw. »Torah« wird auf dem Feld des Sämanns ansonsten immer als »die Weisung Gottes« bezeichnet] ist für Juden der Weg, ihre Beziehung zum Bund und zu Gott „aufrechtzuerhalten“ und nicht der Weg, in den Bund hineinzugelangen. Wer sagt, daß Juden das Gesetz befolgten, um erlöst zu werden, läßt außer Acht, daß Jesus die Torah liebte.
  • Gerechtigkeit beschreibt das Verhalten im Einklang mit der Torah.

Das bedeutet letztlich, daß der Bund eine Gemeinschaft schafft, die dazu berufen ist, das Gesetz zu befolgen. Wenn die Torah übertreten wird, ist ein angemessenes Opfer und Sühne notwendig. Wer auf diese Weise in der Torah lebt, ist gerecht.
Diese Grundgedanken machen den Kern der »New Perspective on Paul« aus.

Teil 2James D. G. Dunn schließt sich an
Die zweite Phase der NP verbindet sich mit dem Werk von James D.G. Dunn. Sie begann 1982 und kam zur Erfüllung in Dunn’s Buch The Theology of Paul the Apostle, das 1998 erschien.
51Cc2K2W8Al. Aa240
Dunn stimmt mit Sanders überein, was das Judentum anbelangt: Eine auf der Erwählung basierende und vom Bund geformte Beziehung mit Gott für Israel, dem Gott die Torah gibt, damit sie wissen, wie man als Volk Gottes lebt. Für Dunn besteht das Problem, welches Paulus mit den Judaisierern hatte, darin, daß diese eine nationalistische Gerechtigkeit errichten wollten, von der die Nichtjuden ausgeschlossen waren. Die Judaisierer wollten die nichtjüdischen Christen zu Juden machen. Also würden sie die Torah nicht halten, um gerecht zu werden, sondern um Teil des Volkes zu sein, dem Gott sich zugewandt hatte. Für Paulus gehörte man aufgrund des Glaubens zur Gemeinde (dem Volk Gottes) und nicht aufgrund von Werken – dem Verhalten, das Juden und Nichtjuden unterschied. Es war die Mission des Paulus, auf der Basis des Glaubens ein neues Volk Gottes zu schaffen (die Gemeinde), und weil es auf Glauben und nicht auf Werken(Zeichen der äußeren Zugehörigkeit) gründete, war es ein Volk Gottes, zu dem Juden und Nichtjuden gehören konnten. Die Rechtfertigung war Gottes Werk, diejenigen gerecht zu sprechen und gerecht zu machen, die Vertrauen in bzw. Glauben an Jesus Christus hatten. Man könnte sagen: Rechtfertigung bedeutet, daß Gott bekannt macht, wer zum Volk Gottes gehört.

Teil 3N. T. Wright kommt in’s Spiel
Die dritte Phase besteht aus dem Werk von N.T. Wright. Wichtig ist dabei: Nicht alle drei genannten Theologen sagen dasselbe, sondern sie ergänzen und widersprechen einander.
51Vp94Qz0Tl. Aa240
Wright’s hauptsächliche Erkenntnis war die Exils-Thematik. Zur Zeit von Jesus und Paulus war Israel zwar wieder zurück im verheißenen Land, allerdings hatten sich die Verheißungen Jesajas und anderer noch nicht vollständig erfüllt – darum lebte Israel unter der Herrschaft Roms noch immer im gefühlten Exil. Das prägte die Theologie des Paulus genauso wie sein Verständnis des Bundes und der Neuschöpfung. Wright stimmte – wie auch Dunn – mit der Sicht von Sanders bezüglich des Judentums überein: Auf der Erwählung basierendes, vom Bund geformtes Werk Gottes zur Schaffung des Volkes Gottes, dem Gott die Torah gab, um ihm zu zeigen, wie es vor Gott in Gerechtigkeit leben konnte. Wright’s Sicht der paulinischen Theologie ist schwer zusammenzufassen: Ende des Exils, Jesus rekapituliert die Bundesgeschichte, die Notwendigkeit, „in Christus“ zu sein, die Sehnsucht nach der neuen Schöpfung und eine Ideologie, die sich gegen das Imperium richtet. Für Wright beschreibt Rechtfertigung nicht, wie man in’s Volk Gottes kommt, sondern identifiziert, wer im Volk Gottes ist. Rechtfertigung als Begriff ist nicht der „Erlösung“ zuzuordnen, sondern dem „Bund“, es ist ein „ekklesialer“ Ausdruck, der etwas darüber sagt, wer schon im Volk Gottes ist und nichts darüber, wie man in’s Volk Gottes hinein kommt.
Interessanterweise wird Wright, der intensiv an und mit der Bibel arbeitet, im Lager der Reformierten sehr angegriffen, weil seine Sicht nicht der reformatorischen Lehre entspricht. Aber ging es der Reformation nicht auch darum, zu fragen, was die Bibel sagt? Ein Zitat von Scot über Wright:

No one has captured the young scholar more than Tom Wright. One reason is because there is no one out there who writes as well; combine that with a fertile, creative, courageous mind and a life dedicated to the church and you come up with Tom Wright. Do I agree with him all the time? Nope. But, like Jimmy Dunn and Ed Sanders, I read their every word.


Teil 4Klarstellungen

  • Es gibt keine offizielle Institution, welche die Lehre der »New Perspective on Paul« festlegt. Dunn nannte es die „neue Perspektive“, weil er damit ausdrücken wollte, wie Paulus in das neugewonnene Verständnis des Judentums paßte. Seitdem wurde Vieles veröffentlicht, und jeder Autor vertritt seine eigene Sichtweise.
  • Gemeinsam ist allen der rote Faden: Israel wurde von Gott erwählt, in den Bund geführt und erhielt das Gesetz (die Torah), welches das Leben des Gottesvolkes regelte. Die jüdische Religion fußte auf dem Bund, nicht auf den Werken. Diese waren Ausdruck des Bundes.
  • Was ihr Verständnis der Theologie des Paulus anbelangt, unterscheiden sich Sanders, Dunn und Wright. Dennoch werden sie von ihren Kritikern immer in denselben Topf geworfen.
  • Es gibt keine echte „Systematische Theologie“ in der NP. Sanders, Dunn und Wright sind Bibeltheologen und Historiker – keine Systematiker. Ein Großteil der Kritik an der NP kommt von Systematikern, die aufgrund der Aussagen von Sanders, Dunn und Wright eine systematische Theologie zu konstruieren versuchen.
  • Das Gewicht, das die Vertreter der NP auf die Paulus-Exegese legen, kann zu großen Veränderungen in der Theologie und in unserem Verständnis der Erlösung führen.

Teil 5Zu viel Augustinus?
Die Ursache für einen Großteil der Kritik an der »New Perspective on Paul« kann in einer augustinischen Anthropologie gesehen werden. Wer aus dem Becher des heutigen Evangelikalismus trinkt, findet Augustinus am Grunde, da er hinter der Reformation steht, die das Fundament zeitgenössischer Evangelikaler ist. Welches Bild zeichnet Augustinus u.a. vom Menschen?

  • Menschen sind in Ursünde geboren
  • Menschen sind in ihrer sündhaften Natur gefangen
  • Menschen versuchen sich ständig rechtzufertigen und Verdienste zu bekommen
  • Menschen können Gott nicht gefallen, weil ihre sündhafte Natur Gott nicht gefallen kann
  • Menschen sind darum „natürlicherweise“ verdammt vor Gott
  • Sie brauchen die erweckende Gnade Gottes und neues Leben – durch den Heiligen Geist
  • Der einzige Weg aus diesem Zustand der Selbst-Rechtfertigung und dem Trachten nach Verdiensten ist es, dieses selbstsüchtige, stolze Selbstbild niederzulegen und sich durch die neuschaffende Kraft des Geistes Gottes Gnade in Christus anheim zu geben

Jeder dieser Punkte prägte das Verständnis, das die Reformatoren vom Evangelium, von der Erlösung und von Paulus entwickelten. Und das prägte die Verkündigung des Evangeliums: Zeige den Menschen ihre Selbstsucht, ihre Sündhaftigkeit und mach‘ ihnen klar, daß sie Gnade brauchen, vertrauen und ihre eigenen guten Werke aufgeben müssen. Der Ausgangspunkt der reformatorischen Evangeliumsverkündigung ist die augustinische Menschenlehre. Darin weitergedacht: Das Gesetz ist der Weg, wie korrumpierte Menschen bei Gott Gefallen suchen; sie erklettern das Gesetz, um den Weg zu Gott zu finden. Aber gemäß der reformatorischen Auslegung ist das der falsche Weg, der in Gesetzlichkeit und Tod führt. Das Evangelium ist der dem Gesetz entgegengesetzte Weg zur Erlösung – durch Gnade, aufgrund von Glauben und Glauben allein.

Wenn die »New Perspective« lehrt, daß weder die Gegner des Paulus noch die Juden im allgemeinen nach Verdienst durch gute Werke strebten, dann ändert sich das ganze Evangelium. Darum zielen die Kritiker der NP auf deren soteriologischen Rahmen, den sie (die Kritiker) für den richtigen halten, von Calvin-Luther-Augustinus übernommen haben und den sie im Zentrum der Theologie des Paulus sehen. In Wirklichkeit ist der wahre Feind der alten Perspektive nicht die katholische Kirche, sondern Pelagius. Darum sollte sich die »New Perspective« weniger um die anti-katholische Polemik Luthers und mehr um Augustinus und Pelagius kümmern. Hatte Augustinus recht? Die Frage ist: War das die Anthropologie des Paulus? Oder des Judentums? Oder des Alten Testaments? War das Evangelium des Paulus geprägt von seiner Anthropologie?

Natürlich finden sich in der »New Perspective« noch andere Elemente, aber eines ist wichtig: Solltest Du etwas finden, was eine Schieflage hat, so bedeutet dies nicht, daß die ganze NP verworfen werden muß. Auf beiden Seiten gibt es viel zu viele „Alles oder Nichts“-Ansätze.

Update 18.08.07:
Mittlerweile ist die komplette Serie von Scot McKnight als pdf zum Download erhältlich..

Technorati Tags: ,

Abgelegt unter Theologie | 15 Kommentare »

Jürgen Moltmann über Missio Dei

9. August 2007

Gerade habe ich bei Jürgen Moltmann eine Passage gefunden, die so wunderbar den Gedanken der missionalen Kirche artikuliert, daß ich sie hier in voller Länge zitiere:

Wir finden an der Schwelle der Neuzeit als neue Antwort der Christenheit auf die veränderte Weltsituation: 1. eine missionarische Kirche, 2. den Willen zur ökumenischen Gemeinschaft getrennter Kirchen, 3. die Entdeckung der Universalität des Reiches Gottes, 4. das Laienapostolat. (…) Diese Ansätze zu einer missionarischen Kirche im Zerfall des Corpus Christianum muß das theologische Verständnis der Kirche heute aufnehmen. Es ist daraus zu lernen, daß nicht die Kirche eine Mission »hat«, sondern daß vielmehr umgekehrt die Mission Christi sich ihre Kirche schafft. Nicht von der Kirche her ist die Mission, sondern von der Mission her ist die Kirche zu verstehen. (…) Die ganze Gemeinde und jeder einzelne in ihr stehen mit allen Kräften und Möglichkeiten in der Mission des Reiches Gottes. (…) Im Zerfall des Corpus Christianum wird sich die Gemeinde wieder auf die Fülle der ihr eigenen Charismen besinnen und zu jenem ganzheitlichen Zeugnis des Heils vorstoßen, das vom Glauben über die Politik bis zur Ökonomie keinen Bereich des Lebens ohne Hoffnung läßt. Die missionarische Kirche im Welthorizont theologisch zu begreifen, heißt sie im Horizont der Missio Dei zu verstehen. Sendung umfaßt das Ganze der Kirche, nicht nur Teile in ihr, oder gar nur von ihr ausgesandte Glieder. Die Verkündigung des Evangeliums vom anbrechenden Reich ist der erste und wichtigste Faktor der Sendung Jesu, der Sendung des Geistes und der Sendung der Kirche, aber nicht der einzige. Mission umfaßt alle Tätigkeiten, die der Befreiung des Menschen aus seiner Knechtschaft in der Gegenwart des kommenden Gottes dienen, von der ökonomischen Not bis zur Gottverlassenheit. Evangelisation ist Mission, aber Mission ist nicht nur Evangelisation. (…) Die umfassende messianische Sendung der ganzen Gemeinde entspricht der messianischen Sendung Christi und der charismatischen Sendung des Geistes, »der auf alles Fleisch ausgegossen wird«. Versteht die Kirche ihre Sendung im Rahmen der Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes vom Vater, dann versteht sie sich selbst auch im Rahmen der Geschichte Gottes mit der Welt und entdeckt in dieser Geschichte ihren Ort und ihre Funktion. Die neuere katholische und evangelische Missionstheologie spricht darum mit Recht von der Missio Dei, einer Bewegung aus Gott, in der die Kirche entsteht und zu ihrer eigenen Bewegung kommt, die aber über die Kirche hinausgreift und in der Vollendung der Schöpfung in Gott zum Ziel kommt. Daraus folgt, daß die Kirche ihre Weltmission in der trinitarischen Geschichte Gottes mit der Welt versteht. Sie ist mit allen ihren Tätigkeiten und Leiden ein Faktor in der Geschichte des Reiches Gottes. Nicht um ihre eigene Ausbreitung, sondern um die Ausbreitung des Reiches geht es. Nicht ihre eigene Herrlichkeit, sondern die Verherrlichung des Vaters durch den Sohn im Heiligen Geist ist ihr Ziel. Der missionarische Begriff der Kirche führt zu einer in der Sendung Gottes weltoffenen Kirche, weil er zu einem trinitarischen Verständnis der Kirche in der Geschichte Gottes mit der Welt führt.“

Ach wie schön. Und dabei stammt das Buch Kirche in der Kraft des Geistes von 1974. Dort findet sich dieser Text auf S. 23f. Nebenbei freue ich mich darüber, daß »Zerfall des Corpus Christianum« schonmal deutlich deutscher und inhaltlich treffender klingt als »Post-Christendom«.

Technorati Tags: , , , ,

Abgelegt unter Dünger, Theologie | 6 Kommentare »

Ein blinder Fleck der evangelischen Theologie?

6. August 2007

Dunn - Theology Of Paul
Ein Grund zur Freude: Scot McKnight hat heute eine Reihe über die „New Perspective on Paul“ begonnen – eine Bewegung, die von E.P. Sanders und J.D.G. Dunn losgetreten wurde. Interessanterweise habe ich mir erst vor drei Tagen Dunn’s Buch The Theology of Paul the Apostle bestellt. Scheint also zeitlich zu passen…

Ich hatte mich immer gewundert, warum eigentlich das Judentum immer so sehr als Gesetzesreligion verstanden wurde, hatte ich doch das Befolgen der Torah immer als logische Antwort auf die Zuwendung und Barmherzigkeit Gottes gesehen. ERST die Befreiung aus Ägypten und der Gnadenbund Gottes, DANN die Torah als Weisung Gottes, wie das Leben innerhalb des Gnadenbundes zu verstehen ist. In meinem Verständnis hat Jesus im Vergleich zum AT nicht viel Neues gepredigt, und auch Paulus argumentiert ja v.a. im Römerbrief immer mit AT-Zitaten. Wie sind wir zu der Annahme gekommen, das AT lehre eine Gerechtigkeit aus Werken allein? Wie kamen wir zur Annahme, im NT wären Werke nicht notwendig? Jesus spricht außerordentlich viel über die Frucht, die unser Leben bringen sollte. Man lese nur einmal das Ende der Bergpredigt oder das Gleichnis vom Weltenrichter in Mt 25. Genauso sprechen Paulus, Jakobus und Johannes über die Frucht unseres Glaubens, der sich erst in Werken erweist. Auch Luther hatte das erkannt. Wie konnte das in der reformatorischen Tradition so verloren gehen?

Ich bin relativer Laie, was die „New Perspective“ anbelangt, hatte mich aber immer gewundert, warum eine Lehrrichtung, die in den USA seit Jahrzehnten viel Staub aufwirbelt und sich mit einigen dieser Fragen zu beschäftigen scheint, in Deutschland so wenig wahrgenommen wird. Im „Jahrbuch für evangelikale Theologie“ (das eigentlich besser ist als sein Titel) habe ich einmal einen Verweis gelesen, der aber meinem Empfinden nach auf Vorurteilen zu beruhen schien und weit von einer fundierten Auseinandersetzung weg war. Ich freue mich auf die Serie bei Scot und die Lektüre von Dunn’s Wälzer, die zusammen mit dem dickeren Zeux von N.T. Wright bei mir im Herbst/Winter ansteht…

Kann es sein, daß die evangelische Theologie das „Sola Gratia“ zu hoch gesetzt hat? Oder woher kommt die Erklärungsnot, die viele befällt, wenn sie mit den oben erwähnten Schriftstellen in Berührung kommen? Warum würden manche gerne den Jakobusbrief aus dem Kanon ausscheiden? Warum traut sich niemand an die unangenehme Wahrheit heran, daß das aktuelle Verhalten der Gläubigen einen so hohen Stellenwert im Neuen Testament hat? Haben wir uns einen Gott nach unserem Gutdünken geschaffen? Ist das nicht Götzendienst?

Der Weg in’s neue Jerusalem führt durch eine Pforte, die enger ist, als die bloße intellektuell-rationale Zustimmung zu einer theoretischen Wahrheit. Es reicht nicht, es zu bejahen, daß Jesus für mich am Kreuz gestorben ist. Nachfolge ist ein Prozess, der unser Leben transformieren muß. Denn Glaube ohne Werke ist tot.

Technorati Tags: ,

Abgelegt unter Aus dem Netz gezogen, Theologie | 11 Kommentare »

„Missional“ und „missionarisch“ – was ist der Unterschied?

11. Juli 2007

In einem Kommentar zu einem älteren Post von mir fragt Schrotty (der auf seinem Blog über missionarische Jugendarbeit nachdenkt), was aus meiner Sicht „missional“ und „missionarisch“ unterscheidet. Ich habe im Kommentarformular zu antworten begonnen, dann aber festgestellt, daß es dieser Kommentar verdient hätte, ein eigener Post zu sein. Darum nachfolgend meine spontanen, unreflektierten und sehr komprimierten Gedanken zum Thema.

Meinem persönlichen Empfinden nach ist „missionarisch“ in mancher Hinsicht schon sehr gelabelt. Einerseits vom akttraktionellen Gemeindemodell: Missionarisch bedeutet „hinaus in die Welt gehen“ und „die Leute in die Kirche holen“ – Netz auswerfen, Menschen fangen, Übergabegebet sprechen lassen etc. Zweitens wird missionarisch dem Missionar zugeordnet. Und der ist für viele immer noch einer, der zu den Menschen in Afrika geht und ihnen von Jesus erzählt.

Missional hingegen verstehe ich ganzheitlicher. Gott hat den Menschen zur Harmonie mit Gott, sich selbst, dem Mitmenschen und der Welt geschaffen – Schalom eben. Nach dem Sündenfall ist in allen vier Richtungen etwas zerrissen, was sich seitdem multipliziert hat, so daß der Mensch in Disharmonie mit seinem Schöpfer und dessen Schöpfung lebt – das bezieht die eigene Person, die Nächsten und die Umwelt mit ein. Die Schaffung von umfassendem, ganzheitlichem Schalom ist daher meiner Ansicht nach der Kern der Missio Dei. Jesus hat in seinem Leben dies in mannigfaltigen Facetten demonstriert, durch seinen Tod die Kluft zwischen Gott und Menschen geschlossen und die widergöttlichen Mächte ihrer Gewalt entkleidet. Seitdem ist ein entscheidender Unterschied möglich: Im Nachfolger Jesu lebt der Heilige Geist, der uns im Inneren transformiert, den Willen Gottes in unser Herz schreibt, die Frucht des Geistes hervorbringt und in zunehmendem Maße die Harmonie mit Gott, mir selbst, meinen Nächsten und der Schöpfung möglich macht. Die Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden trägt dies hinaus in die Welt – das ist unsere Sendung.

Damit schließt „missional“ für mich den Kern des oben leicht polemisch skizzierten Verständnisses von „missionarisch“ ein, geht aber weit darüber hinaus. Nicht nur Buße und Bekehrung, sondern darüber hinaus auch Nachfolge, Jüngerschaft, Reich Gottes, soziale Gerechtigkeit, positiv verstandene Gesellschaftstransformation, Verantwortung gegenüber der Tier- und Pflanzenwelt usw. Dazu sind wir gesandt. Das will ich (zu) leben (versuchen). Und damit wird „missional“ mehr als eine Strategie, mehr als ein Eigenschaftswort. Missional heißt für mich, dem „von Gott Gesandt-Sein“ in allen Belangen Rechnung zu tragen, in jeder Hinsicht nach dem zu streben, was auf dem Herzen Gottes ist. So zu leben, wie Jesus leben würde, wenn er mein Leben leben würde. Somit wird missional zum Lebensstil, zum Mindset.

Technorati Tags: ,

Abgelegt unter Bedenkenswert, Theologie | 15 Kommentare »

Was ist denn jetzt eigentlich „Emerging Church“?

27. April 2007

Seit einigen Tagen findet auf ein paar Blogs ein interessanter Austausch über „Emerging Church“ bzw. „Emergent“ im deutschsprachigen Raum statt. Nachlesen kannst Du den Verlauf der Gedanken bei Peter, Alex, Danny, Simon und Björn. Sicherlich kann man über den Sinn einer solchen Geschichte streiten, aber es scheint in der Natur von uns Deutschen zu liegen, manches eben definieren zu wollen. Meiner Ansicht nach haben Eddie Gibbs und Ryan Bolger in ihrem Buch die Praxis der Bewegung gut getroffen. Ihre neun Kategorien nennt Danny in einem Kommentar bei Simon:

– Sich mit Jesus identifizieren
– Säkulare Orte verändern
– Als Gemeinschaft leben
– Den Fremden willkommen heißen
– Mit Güte dienen
– Als Produzenten mitmachen
– Als kreativ geschaffene Wesen kreativ sein
– Als ein Leib leiten
– Alte und zeitgemäße Spiritualitäten vereinen

Mein persönliches Emergentes Manifesto habe ich vor längerer Zeit schon formuliert. Bislang hatte ich keine große Motivation, nochmals daran rumzudoktern, allerdings sollte es zusammen mit meinen Gedanken zu Missio Dei gesehen werden.

Zur Terminologie „Emerging Church“
Eine interessante Frage ist die nach dem Ursprung der Terminologie – woher kommt eigentlich der Begriff „Emerging Church“? Ich denke, dass sich auch darüber streiten ließe. Meines Wissens hat Karen Ward schon früh eine Domain unter diesem Namen reserviert, die mal unter emergingchurch.org zu finden war, jetzt aber vom Netz ist. In England gibt es die EmergingChurch.Info auch schon ne ganze Weile. Nichtsdestotrotz bleibt mein subjektiver Eindruck, dass die Verbreitung des Buches The Emerging Church: Vintage Christianity for New Generations von Dan Kimball zur Verbreitung der Worte „Emerging Church“ geführt haben. Ich mag das Buch immer noch – auch wenn es einige Freunde aus der Bewegung gibt, die nicht mehr EC genannt werden wollen, weil sie dann zu schnell mit Kimball identifiziert werden. Der deutsche Untertitel Die postmoderne Kirche lädt ja auch zum „Aua!“-Ausruf ein… Sehr schade ist, dass damit das, was Kimball mit „Vintage“ sagen wollte, nicht erfasst wird und man geneigt ist, EC als „next big thing“ zu verkaufen, was eben nach Purpose-Driven und Seeker Sensitive kommt. Und das ist außerordentlich schade, weil eben damit EC in einer Schublade steckt – aufgrund eines einzigen falsch verstandenen Buches.
Aber zurück zur Frage nach dem Ursprung der Terminologie. In Listening to the Beliefs of Emerging Churches (formidables Buch, in welchem Dan Kimball, Karen Ward, Doug Pagitt, Mark Driscoll und John Burke darlegen und – sehr geil! – diskutieren, was und wie sie glauben und Robert Webber interessante Einleitungs- und Schlussgedanken äußert) schreibt Kimball u.a. darüber, warum er die Bezeichnung „Emerging Church“ verwendet. Er hatte sie zuerst bei Leadership Network gesehen, die sich selbst als „advance scouts for the emerging church“ verstanden. Nachfolgend Dan’s Ausführungen gemäß meiner Übersetzung:

Mir gefiel die Verwendung des Wortes „emerging“, da es sich wie eine abenteuerliche Forschungsreise zu neuen Horizonten anfühlte, die der Geist Gottes unter Gemeinden unserer sich neu abzeichnenden Kultur anleitete.
Im Wörterbuch wird „emerging“ als das, „was an die Oberfläche kommt“, bezeichnet. Ich begann, die Worte „emerging church“ zu verwenden, um Gemeinden zu beschreiben, die erforschen, was es bedeutet, beim Eintritt in diesen neu sich abzeichnenden Kulturen Gemeinde zu sein. Das ist dem, was Missionare machen, nicht unähnlich. Wenn Missionare beim Eintritt in eine Kultur nicht vieles neu durchdenken, sind sie wahrscheinlich in der Mission nicht sehr effektiv. Ich habe den „Emerging“-Weg nie nur als besonderen „Stil“ oder „Methodologie“ im gemeindlichen Dienst verstanden. Ich habe ihn auch nie als spezielle Theologie verstanden (obwohl die Wurzeln alles dessen, was wir in der Gemeinde tun, in Theologie gründen). Ich verstehe den Gedanken der „Emerging Church“ mehr als ein Mind-Set, eine Denkweise über Theologie. Ich verstehe die Bezeichnung „Emerging Church“ als Beschreibung derer, die erkennen, dass sich die Kultur verändert und die keine Angst haben, tief und angestrengt über das Verständnis von Gemeinde nachzudenken, während wir zusammen unterwegs auf einer abenteuerlichen Mission für das Evangelium Jesu sind.
Ich denke auch nicht, dass der „Emerging“-Weg der neue tolle Weg ist, oder dass Du, wenn Du nicht „emerging“ bist, untergehst und nutzlos bist. Oder dass manche „drin“ und andere „draußen“ sind, je nachdem ob sie jetzt „emerging“ sind oder nicht. Wir haben jeder einen anderen Platz in der Mission, die Gott uns in unserem spezifischen gemeindlichen Kontext gegeben hat. Einer ist nicht besser als der andere, sie unterscheiden sich einfach bloß abhängig vom lokalen Kontext. (83f)

Interessanterweise haben Larson und Obsborne im 1970 erschienen Buch „The Emerging Church“ geschrieben: „Wenn die Gemeinde ihrem Herrn treu ist, dann kann sie niemals mit Recht sagen, dass sie jetzt ‚emerged‘ ist.“ Dem kann ich voll zustimmen. (84)

Ich glaube, dass wahre „Emerging Churches“ (…) von innen nach außen neu durchdenken, neue Formen finden und neue Werte formulieren müssen, wie wir mit allem umgehen, während sich die Kultur verändert. Wir müssen neu nachdenken über Leiterschaft, Gemeindestruktur, die Rolle eines Pastors, geistliches Wachstum, wie Gemeinschaft ausgelebt werden kann, wie Evangelisation geschehen kann, wie wir unsere Anbetung ausdrücken etc. Es geht nicht nur darum, was wir im Gottesdienst tun, sondern über alles. Dies beinhaltet unsere örtliche ekklesiologische Ausdrucksform und Ethos genauso wie unser theologisches Mind-Set. Ich empfinde sehr stark, dass es die „Emerging Church“ lieben muß, mit theologischen Fragen zu ringen und keine Angst davor haben darf, sich mit aller Art von Diskussionen und Standpunkten auseinanderzusetzen. Wir sollten offen für Veränderung sein und uns selbst in unserem Denken herausfordern lassen und nicht einfach davon ausgehen, dass das, was wir gelehrt wurden, der theologischen Weisheit letzter Schluß ist. (86)

Soweit die Worte von Dan Kimball. Dieser Definition des Begriffs schließe ich mich an. Das ist für mich der Kern dessen, was in der ganzen Unterschiedlichkeit der Emerging-Church-Bewegung pulsiert. Was denkst Du darüber?

Technorati Tags: ,

Abgelegt unter Bücher, Theologie | 17 Kommentare »

[Aus dem Netz gezogen] Frauen nach vorn

1. März 2007

Sagt Haso, und der muß es wissen. Ernsthaft: Auf seiner Tafel ist heute ein wundervoller Artikel zur Diskussion über die Rolle von Frauen in der Gemeinde erschienen, den ich Dir sehr empfehlen möchte. Haso macht vor, was als emergentes Gedankengut verstanden werden kann: Er fügt unterschiedliche Elemente (einzelne Schriftstellen, gesamtbiblische Sichtweise, kirchengeschichtliches Beispiel, geistliche Weisheit) zusammen und schafft auf einer höheren Ebene eine neue Sichtweise. Danke!

Abgelegt unter Aus dem Netz gezogen, Theologie | Keine Kommentare »

Wir bekennen das irdische Leben Jesu

5. Februar 2007

Ist Dir schon einmal aufgefallen, daß unsere altkirchlichen Glaubensbekenntnisse das irdische Leben Jesu faszinierenderweise überspringen? So heißt es im Apostolicum: „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ – und dann? „Gekreuzigt, gestorben und begraben“ – als ob die Jahre zwischen Geburt und Kreuzigung irrelevant wären…

Sind sie aber nicht! Stell Dir vor: Gott wird Mensch! Johannes schreibt:

Das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns
und wir sahen seine Herrlichkeit
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater
voller Gnade und Wahrheit (Joh 1,14)

Worin bestand/besteht diese Herrlichkeit Jesu? Ist Christus allein gekommen, um „gekreuzigt, gestorben und begraben“ zu werden? Ich meine: Nein. Die Herrlichkeit Jesu wird auch sichtbar daran, daß und wie er in allem den Willen des Vaters getan hat. Sein praktisches, irdisches Leben, wie es in den Evangelien berichtet wird, ist uns Maßstab, Vorbild und Richtschnur für unser Leben. Gottes Absicht ist es, uns in das Ebenbild seines Sohnes zu verwandeln, also uns alle so umzugestalten, daß wir in unserem Verhalten auf allen Eben Christus ähnlicher werden. Darum bekennen wir das irdische Leben Jesu. Wer Jesus sieht, der sieht den Vater. Ihm wollen wir folgen, auf ihn wollen wir hören, mit ihm wollen wir uns vergleichen (lassen).

Ein Text, der uns dabei helfen kann, dies immer wieder in den Blick zu bekommen, ist das Jesus-Bekenntnis von Brian McLaren, das ich über Umwege hier bei Danny gefunden habe und das ich Dir an’s Herz legen möchte.

Abgelegt unter Aus dem Netz gezogen, Theologie | Keine Kommentare »

[Dünger] Das Evangelium nach Scot McKnight

9. Januar 2007

Der Blogger, dessen Theologie mein Denken am meisten inspiriert, ist definitiv Scot McKnight. Über sein im letzten Jahr erschienenes Buch Embracing Grace: A Gospel for all of us hat vor kurzem Ted Gossard eine 14 Posts umfassende Serie geschrieben, die ich Dir sehr ans Herz lege. Seinen letzten Post mit Links zum Rest der Serie findest Du hier. Hier einige Appetizer:

The gospel is the work of God to restore humans to union with God and communion with others, in the context of a community, for the good of others and the world.

God embraces you and me and
God embraces others and
God embraces the whole created order.

Then:

You and I embrace God back and
We embrace others and
We embrace the entire created order.

The gospel is about forgiveness, about justice, and about the communtiy of faith. And it is about each of them, together.

The gospel is the work of the triune, interpersonal God to restore Eikons to God and others into that divine communion, and to unleash it into the rest of the world.

Abgelegt unter Dünger, Theologie | 2 Kommentare »

[Theologie] Emergente Ekklesiologie – Materialsuche

1. Januar 2007

Momentan gönne ich mir nach abgegebener BA-Thesis etwas Ruhe vom Studium und werde in ein bis zwei Monaten die erste Arbeit für den Master schreiben. Nachdem ich mich jetzt schon ne ganze Weile mit dem Gedankengut beschäftige, das man noch bis vor einem Jahr ohne mit der Wimper zu zucken „emerging church“ genannt hätte (mittlerweile ist das vielleicht schon wieder anders, aber was interessiert mich das Label…), habe ich jetzt das Gefühl, daß es für mich an der Zeit ist, dem, was sich in meiner Theologie verändert hat, Rechnung zu tragen und all diese Gedanken zur Ekklesiologie mal auszuformulieren. Und da sich hieraus eine Seminararbeit machen läßt, macht das Ganze noch viel mehr Sinn und ich kann guten Gewissens einiges an Forschungszeit und Büchergeld investieren. Weil ich aber von dem Medium des Blogs profitieren und über meinen Tellerrand hinaussehen möchte, kommst an dieser Stelle Du in’s Spiel: Nimm Dir doch kurz die Zeit, zu reflektieren, was Dein Gemeindeverständnis beeinflußt, befruchtet oder verändert hat. Kannst Du mir ein Buch empfehlen? Oder hast Du einen Link für mich? Dann schreib einen Kommentar und gib mir die Möglichkeit, aus den Quellen Gewinn zu ziehen, die Gott benutzt hat, um zu Dir zu reden. Danke!

Abgelegt unter Theologie | 3 Kommentare »

[Theologie] Die Symphonie der Bibel

22. Mai 2006

Immer mehr wird mir bewußt, wie tief und vielfältig die biblischen Schriften sind. Als Kind habe ich mich an den Geschichten erfreut. Später wollte ich einen Endzeit-Fahrplan entwickeln und Antworten auf bestimmte Fragen erhalten. Beständig war ich mit Lehrmeinungen konfrontiert, mit denen ich mich auseinanderzusetzen hatte und habe mich immer mehr gewundert, wie Menschen mit der Schrift umgehen und zu welchen Erkenntnissen sie kommen.

Durch ein Gespräch während eines nächtlichen Spazierganges bin ich zum Bild der Symphonie gekommen: Unterschiedlichste Instrumente eines großen Orchesters tragen ein Gesamtwerk vor. Manchmal war mein Bild von den Streichern geprägt, und als dann plötzlich Paukenschläge ertönten, wußte ich nichts mit ihnen anzufangen. Höre ich aber aufs ganze Orchester, wird etwas Majestätisches erkennbar. Und die einzelnen Stimmen treten zurück.

Die ein oder andere Bewegung der Kirchengeschichte hat immer wieder nur eine Wahrheit betont, ein Instrument herausgegriffen, das zu dieser Zeit überhört wurde. Wenn aber dieses den Rest des Ensembles übertönt, wird es einseitig:

  • Vergebung geschieht sola gratia, wir können uns das Heil nicht verdienen. Aber: Der Glaube bringt Werke hervor, sonst ist er tot.
  • Wir benötigen die Kraft des Heiligen Geistes. Und Gaben wie die Zungenrede. Aber: Nicht jeder Gläubige wurde mit der Glossolalie beschenkt. Darum kann sie auch nicht der Maßtstab für den geistlichen Stand eines Menschen sein.

Zur Zeit freue ich mich an der Vielfalt der Heiligen Schrift, lausche der Symphonie und werde mir immer mehr bewußt, dass meine Erkenntnis Stückwerk ist und bleibt.

Frage zum Weiterdenken: Welches Instrument wurde überhört, dass es zu Lehren wie bei „Wort + Geist“ kommen konnte? Sie sind sicher nicht neu, aber warum erleben sie jetzt solchen Zulauf? Was ist die Botschaft Gottes dahinter? Was kann der gesamte Leib Jesu daraus lernen?

Abgelegt unter Theologie | 1 Kommentar »

[Wegmarken] Levitikus 26 – Leben im Segen? – Alter und neuer Bund

14. Mai 2006

Zunächst eine Wiederholung der bekannten Heiligkeitsforderung: Israel soll Gott allein anbeten – keine Götzenbilder aufstellen, keine heiligen Säulen oder Steine aufrichten und zu Anbetungsstätten erklären, sondern die Sabbate halten und Gottes Heiligtum ehren.

Danach folgt eine Passage, mit der schon viel Schindluder getrieben wurde, die (aus dem Zusammenhang gerissen) schon zu den abstrusesten Auslegungen geführt hat, deren Auswirkungen Menschen in psychisches Leid geführt haben. Die Frage, welche dahinter steht, lautet: Kann ich mir den Segen Gottes erarbeiten?

Gleichzeitig ist dieses Kapitel auch der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte Israels im Alten Testament, der AT-Propheten und der Pharisäer im NT.

Nachdem Gott mit Israel einen Bund geschlossen hatte, gab er ihnen seine Ordnungen. Das beginnt bei den Zehn Geboten, geht über Anweisungen zur Stiftshütte, zu Opfern und alles, was „Geistliches“ betrifft, hin zu ganz „profanen“ Dingen wie Umgang mit Aussatz, sexuelle Beziehungen, Strafe für Verbrechen etc. Deutlich wird: Die Trennung zwischen weltlich und geistlich wird aufgehoben, das ganze Leben wird von der Beziehung zu Gott durchdrungen, wird so zum Leben-mit-Gott. Die Anweisungen führen zu erfülltem Leben-in-Gemeinschaft.

Und nun erfolgt das Fazit: Wird sich Israel an die Weisung Gottes halten, verheißt Gott seinen Segen: Regen, reiche Ernte, Friede, Sicherheit vor wilden Tieren, Triumph über Feinde, Vermehrung des Volkes. Gott wird sich zu seinem Volk bekennen, er wird in ihrer Mitte Wohnung nehmen, Israel wird sein Volk und Gott wird ihr Gott sein. Dieselbe Melodie erklingt in Offb 21.
Wird das Volk aber den Bund Gottes brechen und ihm nicht gehorsam sein, dann folgt daraus Strafe: Schrecken, Angst, Leid, Hungersnot. Gott kündigt an: „I will set my face against you“ (V. 17). Die Feinde werden über Israel triumphieren, der Solz des Volkes wird gebrochen, Raubtiere terrorisieren das Land. Kehrt das Volk daraufhin nicht um zu Gott, wird er weiter feindlich gegen sie sein, wird die Strafe vergrößern. Feinde fallen ins Land ein, Israeliten werden ihre eigenen Kinder essen, ihre Anbetungsstätten werden zerstört, das Land verwüstet und das Volk unter die Nationen zerstreut. Wenn das Volk im Exil sein wird, erhält das Land seine Sabbatruhe zurück, die ihm zuvor verweigert wurde; die Dagebliebenen leben in Furcht und Schrecken. Wenn das Volk aber seine Sünde bekennt, wird Gott sich seines Bundes mit den Erzvätern erinnern und Israel nicht vollends ausrotten, sondern sich ihnen wieder zuwenden.

Was wir hier lesen, ist auf erschreckende Weise eingetroffen. Jeder König Israels wurde daraufhin bewertet, ob er das Volk auf die Wege Gottes führte und das Volk deswegen gesegnet wurde, oder ob er sie vom Herrn abtrünnig machte, und das Volk darum Leid erlitt. Die Propheten riefen das Volk zur Umkehr und kündigten das Leid an, das hier in Lev 26 schon erscheint. Der Einfall der Feinde geschah, und in den Berichten Jeremias und der Klagelieder wird erschütternd deutlich, dass alles wahr geworden ist. Sie haben ihre eigenen Kinder gegessen, weil Nahrung knapp und der Hunger groß war. Und sie wurden ins Exil zerstreut. Das Land lag brach. Andere Propheten kündigten die Rückkehr aus dem Exil an, Jeremia sprach von 70 Jahren, Daniel fügte 70 Jahrwochen hinzu. Nach 70 Jahren kam das Volk zwar zurück in sein Land, lebte aber größtenteils in Fremdherrschaft. Erst als 69 von Daniels 70 Jahrwochen um sind, erfüllt sich Jesajas Verheißung von Johannes dem Täufer, dann tritt Jesus auf, das innere Exil ist zuende und die Herrschaft Gottes ist da!
Die Exilserfahrung brachte Israel zurück zu Gott, die Götzen wurden fallengelassen. Aus der Furcht, so etwas wieder erleben zu müssen, analysierte man die Anordnungen Gottes aufs genaueste und kam zu einer Fülle von Einzelgeboten, die es einzuhalten galt, damit das Volk nie wieder von den Wegen Gottes abkommen würde. Weil aufgrund dieser Detailsverliebtheit das Wesentliche vergessen wurde – Gott und den Nächsten zu lieben und mit ihnen in erfüllter Gemeinschaft zu leben – hat Jesus die Pharisäer hart kritisiert, obwohl er an ihren Anweisungen nicht viel auszusetzen hatte (vgl. Mt 23).

Was bedeutet das für uns? Ernte ich Gottes Segen, wenn ich seine Gebote halte?

Erstens: Dieses Kapitel richtet sich an das Volk als Ganzes. Es geht nicht um einzelne Personen. Schon damals wurde in den Psalmen immer wieder die Frage laut: Warum geht es den Gottlosen so gut? Das ganze Volk ist gefragt, auf dem Weg Gottes zu gehen, dann wird das ganze Land gesegnet werden.

Zweitens: Dieses Kapitel spricht in die Bundesbeziehung hinein. Gott hatte mit Israel einen Bund geschlossen und dieses Kapitel gehört in den „Bundesvertrag“ hinein. Ich bin nicht sehr begeistert darüber, wenn über den alten Bund negativ gesprochen oder alles zu trennen versucht wird, aber an dieser Stelle müssen wir klar unterscheiden. Wir können in diesen Gesetzen Gottes Herz erkennen, seine Gedanken verstehen und Prinzipien wahrnehmen, die uns zeigen, wie er Dinge beurteilt. Aber wir können dieses Kapitel nicht einfach 1:1 auf unsere Situation übertragen.

Wenn aber Gott mit uns einen neuen Bund geschlossen und uns in Jesus angenommen hat, erben wir dann nicht die Segnungen des alten Bundes? Sind wir dann nicht an die Stelle Israels getreten?

Nein, sind wir nicht. Israel behält auch im neuen Bund eine Sonderrolle. Lies dazu Röm 9-11. Für uns Christen aus den Heiden gilt, was das neue Testament sonst zu sagen hat. Und das Gesamtzeugnis des NT ist auf die Fragestellung zum Leben im Segen leider nicht die, die wir hören wollen:

Wer Jesus annimmt, wird zum Kind Gottes. Aufgrund des Opfertods Jesu erfährt er Vergebung von Sünden und Schuld. Er wird von oben geboren und der Heilige Geist nimmt in ihm Wohnung. Er verändert ihn und macht ihn Jesus ähnlicher. Leben-mit-Gott schlägt sich in der Tat nieder. Das Handeln und Tun ist Folge des Glaubens, Antwort auf Gottes Gnade, Dank für seine Barmherzigkeit. Vergebung und Rechtfertigung sind ein Geschenk, nicht durch unser Tun zu erkaufen. Das Tun ergibt sich automatisch daraus, dass Gott seinen Geist in uns legt und seinen Willen in unser Herz schreibt. Es ist Erfüllung des Doppelgebotes der Gottes- und Nächstenliebe. Es dient erfülltem Leben-in-Gemeinschaft untereinander und mit Gott.

Jesu Blut wäscht uns rein von der Sünde. Es beschützt uns nicht vor Leid. Kein geistliches Prinzip, das wir einhalten oder Bekenntnis, das wir proklamieren könnten, hält Unglück von uns fern. Christen müssen durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen. Leid ist Teil einer gefallenen Welt und Nachfolger Jesu erhalten meist eine Überdosis davon. Weil Christus in uns lebt, können wir das Leid überwinden – das heißt standhaft ertragen und aushalten. Leid trifft uns von unterschiedlichen Seiten. Gott kann die Ursache sein, es kann der Böse sein, es kann Folge von Schuld sein, es kann einfach Pech sein. Wir haben die Frage nach der Ursache nicht zu stellen.

Nach der Neuschöpfung nach der Wiederkunft Jesu wird eine Zeit anbrechen, in der Tod, Leid, Geschrei und Schmerz Vergangenheit sein werden. In der Zwischenzeit wird das zeichenhaft hier und dort sichtbar: Menschen werden geheilt, Kranke werden gesund, weil Gott wirkt. Wo das geschieht ist es Gnade. Anworten auf die Frage, warum dieser Kranke geheilt wird, jener nicht, warum hier Wunder geschehen und dort nicht, können nicht gegeben werden. Jede Erklärung greift zu kurz und Sätze wie: „Du hast nicht (genug) geglaubt“ oder „Da ist Sünde in Deinem Leben“ etc. sind ein Affront.

Leben-mit-Gott ist lebendige Beziehung, Lebensgemeinschaft. Es geht um gegenseitigen Austausch, Liebe, geteiltes Leben. Es geht nicht um das Einhalten von Prinzipien, die mir Segen garantieren würden. Griechisch-philosophisches Denken zielt auf abstrakt-spekulative Lehren und Prinzipien. Hebräisches Denken zielt auf Beziehung. Geh mit den Dingen, die Du nicht verstehst zu Gott, berge Dich in seiner Nähe und stelle ihm die Fragen direkt. Du wirst nicht immer Antworten erhalten, aber Dir gewiß sein, daß Gott für Dich ist.

Abgelegt unter Theologie, Wegmarken | 1 Kommentar »

[Bedenkenswert] Die Melodie Gottes – Erfülltes Leben-in-Gemeinschaft

14. April 2006

Die Kameraden von Kubik sind ja im Moment dabei, sich ein wenig neuzudefinieren. Dabei haben sie ein schönes Bild entwickelt: Der Glaube eines jeden ist eine Mischung aus Gottes Idee und der Kultur des Menschen, so wie ein DJ aus zwei verschiedenen Platten einen neuen Mix generiert. Hier sind wir der Frage nachgegangen, wie eigentlich dieser Gott-Beat zu identifizieren ist, wohl als die große Linie der Bibel. Was zieht sich durch? Und inspiriert von dieser Diskussion bei Mike habe ich meine Gedanken sortiert.
Weil ich weniger auf Beats und mehr auf Musik 8) stehe, möchte ich die große Linie der Bibel nicht als Gottes Beat, sondern als Gottes Melodie bezeichen. Eigentlich das God-Theme, welches sich durchzieht und immer wieder (manchmal in abgewandelter Form) neu erklingt.

Die Melodie Gottes ist für mich erfülltes Leben-in-Gemeinschaft. Das drückt die Dreineinigkeit aus – Gott selbst lebt erfülltes Leben-in-Gemeinschaft. Diese Fülle verschenkt er an uns. Gott schafft eine Menschheit als Ebenbild Gottes. ACHTUNG: Nicht ein Individuum, sondern eine Gemeinschaft ist Ebenbild Gottes! Das erfüllte Leben-in-Gemeinschaft der Menschen ist eine Reflektion der Trinität. Diese Melodie erklingt in der Sehnsucht Adams nach Eva und in der Einsetzung der Ehe. Erste Dissonanz hören wir am Sündenfall – aus dem erfüllten Leben-in-Gemeinschaft des Menschen mit Gott wird ein Drehen des einzelnen Menschen um sich selbst. Gottes Absicht mit Israel war es, ein Volk zu haben, in dessen Mitte er wohnen konnte. Seine Gebote dienten dazu, Beziehungen der Glieder des Volkes zu regeln. Durch diese Orientierungen wird Leben-in-Gemeinschaft möglich. Leider allerdings hat das nicht funktioniert, keiner hat sich dran gehalten und wo die Gemeinschaft der Menschen untereinander zerstört war, war auch keine Gemeinschaft mit Gott möglich, was die Propheten ja so sehr angeprangert haben. Durch Jesu Versöhnungstat ist Leben-in-Gemeinschaft mit Gott wieder möglich. Und aus der Umgestaltung durch den Heiligen Geist in uns folgt eine zunehmende Befähigung zum Leben-in-Gemeinschaft unter Menschen. Und damit ist das Gesetz/die Weisung Gottes, das Doppelgebot, die Bergpredigt und Jesu neues Gebot erfüllt – die sich alle auf einen Satz herunterbrechen lassen: Lebe erfüllte Gemeinschaft mit Gott und Menschen! Das Ziel aller Geschichte ist das neue Jerusalem, voll von Menschen, die erfülltes Leben-in-Gemeinschaft miteinander und mit Gott genießen. Wo diese Melodie heute erklingt, ist für mich Reich Gottes, grüßt uns das schon, was einst kommen wird.

Abgelegt unter Bedenkenswert, Theologie | Keine Kommentare »