Der Sämann

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Archiv für die 'Theologie' Kategorie

Äh – welche Perspektive?

9. September 2009

Zur Zeit stelle ich Material zu einer Arbeit über die Heilslehre des Paulus zusammen. Grundsätzlich fühle ich mich dabei der New Perspective on Paul verbunden, ohne dass ich die Erkenntnisse der Altvorderen über Bord werfen wollte. Wenn ich jetzt so die einst gelesenen Bücher durchgehe, dann findet sich da so manches Kleinod, welches einmal mehr deutlich macht, dass die Grenzen längst verschwommen sind. Als Beispiel mag Peter Stuhlmacher dienen, der in seiner Kritik an der New Perspective beispielsweise schreibt:

For the apostle, the righteousness of God, the Christ of God, the people of God and the kingdom of God all belong inseparably together. … Romans 4:25 and 8:34 give a wide eschatological span to christology: on Good Friday, Christ was delivered up to death by God, and since Easter he makes his death effective before God‘s judgment throne on behalf of all who confess him as Lord (cf. Rom 10,9-11). If they remain true to him, he remains their advocate until the final judgment so that nothing and no one will be able to separate them from the love of God shown them in Christ Jesus (cf. Rom 8:38-39). … By confessing Christ as Lord and Savior (cf. Rom 6:17 with 1Cor 15:3-5 and Rom 10:9-10) and by being baptized in his name, the baptized gain a share in his death on the cross and in the power of his new life. Through Christ‘s sacrifice they are freed from slavery to sin and are sanctified. Henceforth they are his property and are placed in the service of righteousness, which is God‘s will. Justification and sanctification are bound together and condition each other. … Justification means the establishment of a new being before God (cf. 2Cor 5:17,21). Therefore, the controversial and (…) much discussed distinction between „imputed“ righteousness (which is only credited to the sinner) and „effective“ righteousness (which transforms the sinner in his or her being) cannot be maintained from the Pauline texts. Both belong together for the apostle. … Therefore, justification by faith alone is justification by virtue of the grace of God alone, which opens to people the saving way of faith and gives them the power to live this way by the Holy Spirit. … The Pauline doctrine of justification is the doctrine about the implementation of God‘s righteousness through Christ for the entire creation. Its goal is the establishment of the kingdom of God. This doctrine therefore shows in its own way both that and how God will bring the first and second petitions of the Lord‘s prayer to their fulfillment (…).

Aus: Peter Stuhlmacher, Revisiting Paul‘s Doctrine on Justification: A Challenge to the New Perspective, 52.59.60.62.65.73.
Stuhlmacher

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Vom Dichten und Denken und, achja: Wie ich die Bibel verstehe und mir den Umgang mit ihr vorstelle

19. Mai 2009

[Ist doch ein scheinbar bedeutungsschwangerer Titel für einen neuen Post nach sechs Wochen Funkstille, oder?] In den letzten Wochen bin ich immer wieder on- und offline auf Publikationen gestoßen, in denen entweder dieser Blog oder mein kleiner Artikel in ZeitGeist zitiert wurde, wenn es darum ging, zu beweisen, dass und warum die »Emerging Church«-Bewegung doof ist. Und ich muß nun damit leben, als »einer der Vordenker dieser Bewegung im deutschsprachigen Raum« bezeichnet zu werden. Das macht mir ja eigentlich auch nichts aus; schließlich ist ja jeder selbst schuld, wenn er – ohne selbst nach-zudenken – einfach das übernimmt, was ich ihm vor-gedacht habe. Und außerdem denke ich mir ja manchmal was bei dem, was ich denke und dann auch äußere. Aber leider beschleicht mich immer häufiger das Gefühl, dass das, was mir gedacht zu haben nachgesagt wird, gar nicht aus meinem Kopf stammt. Dann sehe ich genauer hin und stelle fest: Es sind tatsächlich Worte, die ich geschrieben habe – nur scheinen sie im neuen Kontext nicht das zu sagen, was ich ursprünglich gemeint hatte. Es wird also nicht das nach-gedacht, was ich vor-gedacht habe, sondern es wird mir etwas angedichtet, was ich nie gedacht hätte. Und das ist schade. Insbesondere deshalb, weil plötzlich Mauern errichtet werden, wo Brücken sein könnten. Faszinierenderweise sind mir viele andere Beiträge in den erwähnten doch ungenannt bleibenden Publikationen oft sehr sympathisch, weil sie sich darum bemühen, Gedanken aus der Heiligen Schrift verständlich zu machen. Ich lese diese Beiträge, nicke zustimmend mit dem Kopf und freue mich über sie. Sind ja doch eigentlich Brüder (warum schreiben in diesen Publikationen eigentlich nie Frauen? und warum reden sie sich so oft mit der Kombination aus »Bruder«+Nachname an?) im Geiste (auch wenn sie gerne diejenigen, die den Heiligen Geist betonen, etwas schief ansehen oder aber gleich verteufeln). Aber irgendwie kommen diese Brüder im Geiste immer zu dem Schluss, dass die Bewegung, derer sie mich als einen deutschsprachigen Vordenker zuordnen, böse (und oft: »vom Teufel«) ist. Das finde ich wie gesagt sehr schade. Dachte ich doch, dass niemand Jesus den Herrn nennen kann, außer durch den Heiligen Geist. Wenn also ich Jesus den Herrn nenne und sie es auch tun, dann gehören wir doch auf dieselbe Seite, oder?
Nun da Du, lieber Bruder im Herrn, kein Vertreter emergenten Gedankenguts mehr werden wirst und das auch nicht sollst, dieses Blog liest, mich für böse oder verblendet hältst und nach Munition für weitere Anti-Emerging-Artikel suchst, mache ich Dir ein Angebot: Lade hier kostenlos meine Diplomarbeit (Bachelor-Thesis) herunter, die ich an der Werkstatt für Gemeindeaufbau geschrieben habe. Das gute Stück ist drei Jahre alt und heißt Theologia Semper Reformanda: Grundlinien für theologisches Arbeiten in der Zeit nach der Moderne. Ja, ich weiß, das klingt ein wenig protzig. Mir ist damals kein besserer Titel eingefallen, aber irgendwie find ich’s auch heute noch ein bißchen cool. Wenn Du über den Titel hinweg sehen kannst, dann schau Dir das pdf mal an. Darin lege ich u.a. dar, wie ich die Bibel verstehe und mir den Umgang mit ihr vorstelle. Und warum ich glaube, dass wir in manchem, wie wir die Bibel verstehen, umdenken sollten, weil wir dem, was uns die Autoren vor-gedacht haben, des Öfteren etwas hinzu-gedacht und ihre Gedanken in unsere Verständnisse hinein-gedacht haben. Du darfst es lesen und zitieren, und ich hoffe, dass wenn zukünftig mein Name im Zusammenhang mit dem »Schriftverständnis der Emerging Church«-Bewegung fällt, diese Arbeit zumindest berücksichtigt wird. Natürlich kann man auch in dieser Arbeit manches falsch verstehen oder aus dem Zusammenhang reißen. Aber vielleicht stellst Du ja fest, dass wir unter Umständen gar nicht so weit auseinander liegen und es möglicherweise an der Zeit wäre, die eine oder andere Brücke zu bauen. Ich würde mich jedenfalls freuen. Ganz ehrlich.

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Missional SynchroBlog Destillat: Was also ist »missional«?

8. Juli 2008

Mehr als 50 Blogger haben am Misisonal SynchroBlog teilgenommen, den Rick Meigs initiiert hat. Meinen Beitrag findest Du hier. Nun hat sich Brother Maynard die Mühe gemacht, die ganzen Beiträge zusammenzufassen und hat dafür auch wieder neun Posts gebraucht (1|2|3|4|5|6|7|8|9). Er kommt zu folgendem Ergebnis:

Terminologie

  • das Wort missional wird oft falsch verwendet
  • missionale Kirche ist nicht dasselbe wie emergente Kirche
  • eine Gemeinschaft einfach »missional« zu nennen, macht sie noch nicht zu einer missionalen Gemeinschaft
  • nur diejenigen, die keine missionale DNA haben, verwenden »missional« als Schlagwort
  • »missional« ist nicht einfach ein Ersatz für »missionarisch«

Natur und Zweck

  • missional ist inkarnatorisch
  • die Sendung Gottes setzt die Sendungen der Gemeinden in Gang
  • Ziel der Sendung ist die Ausbreitung des Reiches Gottes
  • Gottes Werk ist größer als das Heil der Kirche
  • missionale Kirche ist eine Kirche, die ihre Form von ihrer Sendung erhält

Gemeinschaft

  • nicht nur gemeinsames, sondern auch individuelles missionales Engagement zählt
  • jede gesunde Gemeinde sollte ein missionales Paradigma haben
  • missional erwirkt Communitas
  • Mission und das tägliche Leben sind eins, die Unterscheidung zwischen sakral und säkular wird zurückgewiesen
  • eine missionale Gemeinschaft ist eine Bundesgemeinschaft
  • es sind die Menschen, die an ihr teilhaben, die eine Gemeinde missional machen
  • Gemeinde wird als ein zentriertes, nicht als ein geschlossenes System verstanden

Methodologie

  • missionale Kirche ist in den Händen der sogenannten »Laien«
  • missionales Wirken blüht an »dritten Orten« auf
  • missionales Wirken findet im gewöhnlichen Rhythmus des alltäglichen Lebens statt
  • missional zielt darauf ab, dem »Anderen« Gerechtigkeit zu bringen
  • missional ist kontextbezogen, kann aber auch manchmal gegen die Kultur gerichtet sein (»Kontrastgesellschaft«)
  • missionales Wirken stützt sich auf das Wirken des Heiligen Geistes
  • missional definiert neu, was »Erfolg« ist – gegen das oftmals gängige Zählen von Gottesdienstbesuchern oder Gemeindemitgliedern
  • missionale Begegnungen müssen nicht zwangsläufig in der Verkündigung des Evangeliums enden

Werte und Perspektiven

  • missional ist ein Lebensstil
  • missionale Kirche verwurzelt sich in der Geschichte, indem sie davon ausgeht, lange an einem Ort zu bleiben
  • missionale Kirche tendiert zu einer narrativen Theologie, zu den Evangelien und insbesondere zur Bergpredigt
  • das missionale Leben läßt sich mit dem eines Pilgers, eines Exilanten oder Vagabunden vergleichen
  • wenn traditionell Denkende missional werden wollen, müssen sie durch einen Paradigmenwechsel geführt werden
  • missional ist inklusiv und nimmt andere an
  • missional strebt danach, sich nicht nur einer Zeitepoche (Prämoderne, Moderne, Postmoderne) zu verschreiben

Brother Maynard versucht im Anschluß, diese Punkt in einem Fließtext zusammenzufassen, äußert weitere Gedanken und endet mit folgendem Satz:

Nun, wenn ich selbst das missionale Gedankengut kurz und prägnant destillieren müßte, dann würde ich mit einer Zeile daherkommen, die ich in der Vergangenheit schon oft verwendet habe: »Lebe deinen Glauben. Teile dein Leben.«

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Emergente Theologie und Jürgen Moltmann

5. Juli 2008

In einer seiner 20 Depeschen schrieb Tony Jones: »Für Emergente ist Theologie ort- und zeitgebunden und geschieht im Dialog. Um den theologischen Riesen der Vergangenheit gegenüber treu zu sein, streben Emergente danach, deren theologisches Gespräch weiterzuführen.« Wie ein Selbstverständnis emergenter Theologie aussehen kann, führt Jürgen Moltmann im Vorwort seines 1995 erschienenen Buches Das Kommen Gottes: Christliche Eschatologie aus:

Bis heute ist Theologie für mich ein ungeheures Abenteuer, Entdeckungsreise in ein mir unbekanntes Land, Ausfahrt ohne gewisse Rückkehr, Weg ins Unbekannte mit vielen Überraschungen und nicht ohne Enttäuschungen. Wenn ich eine theologische Tugend habe, dann eine, die bisher nicht als solche anerkannt wurde: Neugier.
Ich habe Theologie nie als Verteidigung von alten Lehren oder kirchlichen Dogmen betrieben, sondern immer als Entdeckungsreise. Darum ist mein Denkstil experimentell: ein Abenteuer der Ideen, und mein Mitteilungsstil: die Form des Vorschlags. Ich verteidige keine unpersönlichen Dogmen, ich äußere aber nicht nur meine persönliche Meinung: ich mache Vorschläge in einer Gemeinschaft. Die Sätze, die ich schreibe, sind darum ungesichert und – wie manche meinen – waghalsig. Sie sollen zum eigenen Denken herausfordern und natürlich auch zum sachlichen Widerspruch. Auch Theologen gehören zur communio sanctorum, wenn denn die wahren Heiligen nicht nur die gerechtfertigten Sünder, sondern auch die angenommenen Zweifler sind und also ebenso sehr zur Welt wie zu Gott gehören.
Theologie ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Daraus folgt, daß die theologische Wahrheit wesentlich – und nicht nur zur Unterhaltung – dialogisch ist. Es gibt theologische Systeme, die nicht nur in sich selbst widerspruchsfrei, sondern auch von außen unwidersprochen zu bleiben beabsichtigen. Sie sind wie die Festungen, die nicht eingenommen werden können, aus denen man aber auch nicht ausbrechen kann, und die darum ausgehungert werden. Ich habe nicht den Wunsch, mir eine solche theologische Festung zu bauen. Mein Bild ist der Exodus des Volkes und ich warte auf theologische Schilfmeerwunder. Theologie ist für mich keine kirchliche Dogmatik und keine Glaubenslehre, sondern Phantasie für das Reich Gottes in der Welt und für die Welt in Gottes Reich und darum immer und überall öffentliche Theologie, aber niemals und nirgendwo religiöse Ideologie der bürgerlichen und politischen Gesellschaft, auch nicht der sog. »christlichen«. Manche haben gemeint, ich sage theologisch zuviel und mehr über Gott, als man wissen könnte. Ich fühle tiefe Demut vor dem Geheimnis, das wir nicht wissen können, darum sage ich alles, was ich mir denke. (Moltmann, Das Kommen Gottes, 14f)

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[Missional SynchroBlog] »Was ist missional?«

23. Juni 2008

Rick Meigs hat zum Missional SynchroBlog aufgerufen, und so wird heute auf diversen Blogs zu lesen sein, was der jeweilige Autor unter dem Wort »missional« versteht. Eine Liste der teilnehmenden Blogs findest am Ende dieses Posts.

Ich habe zu diesem Thema schon einiges geschrieben, so z.B.

Mehr findest, wenn Du »missional« in das Suchfenster über meiner rechten Sidebar eingibst.

Was also meine ich, wenn ich das Wort »missional« verwende?
Gott ist in sich selbst eine sich gegenseitig durchdringende und sich aneinander verschenkende dreieinige Gemeinschaft. Mit den Worten des 1. Johannesbriefes: Gott ist Liebe. Gott hat die Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen und erst die menschliche Gemeinschaft, die sich aneinander verschenkt, reflektiert das Wesen Gottes. Die in Genesis 3 geschilderten Ereignisse hatten zur Folge, daß die ursprüngliche und vollkommene schöpfungsinhärente Einheit zwischen Gott, Menschen und Schöpfung (kurz gesagt: Der Ur-Shalom) zerriß, Sünde in die Welt kam und Menschen seither von sich selbst, von einander, von Gott und von der Schöpfung entfremdet sind. Die Folgen scheinen durch die Kapitel 4-11 des ersten Mosebuches hindurch und auch wir leiden unter ihnen. In Genesis 12 beginnt Gott sein neues Werk mit Abraham, dessen Nachkommen zum großen Volk und zum Segen für die Nationen werden sollen. Mit Israel schließt Gott einen Bund und setzt es zum Licht für die Völker. Daran, wie Israel gemäß der Idee Gottes und in Gemeinschaft mit Gott leben würde, sollten die anderen Völker die Herrlichkeit Gottes erkennen. Dieser Plan mißlang und Gott verhieß einen neuen Bund, in dem er seine Weisung in die Herzen seines Volkes schreiben würde. Im Messias Jesus wurde Gott selbst Mensch und lebte auf vollkommene Weise nach der Idee Gottes, verkörperte Gottes Wesen, verkündete Gottes Willen und Herrschaft, brachte Menschen an Leib und Seele Heilung, trieb Dämonen aus und formte seine Schüler zur neuen Gemeinschaft, der er auftrug, sich untereinander zu lieben, so wie er sie geliebt hatte. In Tod und Auferstehung Jesu wurden Sünde, Tod und Teufel in jeglicher Gestalt besiegt und entmachtet. Nach seiner Himmelfahrt setzte sich Jesus zur Rechten des Vaters und sandte den Heiligen Geist, der an Pfingsten in den Nachfolgern Jesu Wohnung nahm und sie zur neuen Gemeinschaft, dem Leib des Messias, der Gemeinde oder Kirche verband. Dieser Gemeinschaft seiner Nachfolger hatte Jesus seine Sendung übertragen. Die Mission Jesu ist nun die Mission der Gemeinde: Allen Nationen zu Nachfolgern Jesu zu machen, die so leben, wie Jesus seine Jünger zu leben gelehrt hatte. Mit dem Heiligen Geist zieht die Kraft Gottes in das Herz des Gläubigen ein und bezeugt ihm, daß er ein Kind Gottes ist. In dieser seiner Identität liegt der Schlüssel zur Heilung der Selbst-Entfremdung. Die Vergebung der persönlichen Schuld der Menschen, die Jesus auf sich genommen hatte, heilt die Entfremdung zwischen Menschen und Gott. Mit dem Heiligen Geist schreibt Gott dem Gläubigen auch seinen Willen ins Herz, beginnt ihn zu transformieren und unter Zuhilfenahme geistlicher Übungen sowie innerer und äußerer Umstände dem Wesen Jesu gleichzugestalten. In der Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden, der Kirche, wird der Fremde zum Bruder. Wem vergeben wurde, der vergibt anderen. Wer von Gott angenommen wurde, der nimmt den Anderen an, wendet sich ihm zu, teilt sein Leben mit ihm, trägt seine Lasten mit. Die Entfremdung zwischen Menschen kann heil werden. Wer in der Gemeinschaft Gottes und der Gläubigen lebt, begreift die Schöpfung als gutes Geschenk Gottes, das liebevoll bebaut und bewahrt werden will. Hierin liegt der Keim für die Heilung der Entfremdung zwischen Menschen und der Schöpfung.
Endziel der Mission der Gläubigen ist das Königreich Gottes bzw. daß der Wille Gottes auf Erden so geschehe, wie das im Himmel der Fall ist. Missionales Leben bedeutet also, der Sendung Jesu gemäß zu leben. Missional heißt für mich, auf allen Ebenen daraufhin zu wirken, daß Menschen mit Gott, mit sich selbst, miteinander und der Schöpfung versöhnt werden und leben. Darum schließt missionales Handeln Evangelisation genauso ein wie Umweltschutz, Anbetung Gottes, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, die Kommunikation der Idee Gottes durch die unterschiedlichsten kulturellen Formen, Gemeindebau und vieles mehr.
Missionales Denken erkennt, daß es Gott ist, der eine Mission hat und überall in der Welt am Wirken ist. Aus dem Dialog mit Gott wird ersichtlich, an welcher Stelle welche Menschen an der Mission Gottes partizipieren. Missionales Selbstverständnis weiß sich von Gott gesandt und lebt, um der Sendung Gottes zu dienen.
Missionale Gemeinde weiß sich als Teil der Sendung Gottes. Missionale Gemeinde wird je nach Kontext radikal anders aussehen, weil sie sich dem Wirken Gottes in ihrem Kontext unterordnet und daran teilhat. Ihre Aktivitäten, Programme, Strukturen, Beziehungsnetze etc. sind von ihrem spezifischen Auftrag und ihrer örtlichen Umgebung her bestimmt. Missionale Gemeinde wird zur einander liebenden und sich aneinander und an andere verschenkenden Gemeinschaft, die das Wesen Gottes reflektiert.
Missional heißt für mich, dem “von Gott Gesandt-Sein” in allen Belangen Rechnung zu tragen, in jeder Hinsicht nach dem zu streben, was auf dem Herzen Gottes ist. So zu leben, wie Jesus leben würde, wenn er mein Leben leben würde.

Wie Du siehst, ist »missional« für mich ein sehr wichtiges Wort geworden. Wie das Wort »Evangelium« läßt es sich leicht übersetzen, es schließt allerdings sehr viel mehr ein, als ein Blogpost sagen könnte. Darum ein zweifache Einladung: Teile uns mit, was Du unter »missional« verstehst – entweder mit einem Kommentar oder einem eigenen Post auf Deinem Blog. Und zweitens schau Dir an, wer sich heute heute noch zum Thema geäußert hat:

Alan Hirsch
Alan Knox
Andrew Jones
Barb Peters
Bill Kinnon
Brad Brisco
Brad Grinnen
Brad Sargent
Brother Maynard
Bryan Riley
Chad Brooks
Chris Wignall
Cobus Van Wyngaard
Dave DeVries
David Best
David Fitch
David Wierzbicki
DoSi
Doug Jones
Duncan McFadzean
Erika Haub
Grace
Jamie Arpin-Ricci
Jeff McQuilkin
John Smulo
Jonathan Brink
JR Rozko
Kathy Escobar
Len Hjalmarson
Makeesha Fisher
Malcolm Lanham
Mark Berry
Mark Petersen
Mark Priddy
Michael Crane
Michael Stewart
Nick Loyd
Patrick Oden
Peggy Brown
Phil Wyman
Richard Pool
Rick Meigs
Rob Robinson
Ron Cole
Scott Marshall
Sonja Andrews
Stephen Shields
Steve Hayes
Tim Thompson
Thom Turner

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Über Dienst und Botschaft Jesu: Der Text zum Bild

29. Mai 2008

Aus der Gliederung im vorigen Post ist ein Text geworden, der das Wirken Jesu von der Gefangennahme Johannes des Täufers bis zu seiner Auferstehung zusammenfassen soll.

Mit seiner Botschaft von der Königsherrschaft Gottes malte Jesus ein Bild von der Zukunft, das sich radikal von dem unterschied, was seine Zeitgenossen gewohnt waren. Von allen Seiten regte sich Widerstand – Pharisäer und Sadduzäer wandten sich gegen ihn, aber auch dämonische Mächte manifestierten sich in seiner Gegenwart. Der wahre Feind blieb jedoch zumeist unsichtbar: Nur in der Versuchungsgeschichte kam es zur direkten Konfrontation mit Satan, der doch hinter allem persönlichen, transpersonalen, sozialen und systemischen Bösen zu finden war, von dem die Menschen zu befreien Jesus gekommen war. Beständig kündigte Jesus das Gericht über die Generation Israels an, die seine Botschaft nicht annehmen würde. Im Laufe der Zeit wurde die ablehnende Haltung der Mehrheit der Juden immer deutlicher und es geschah, was Romano Guardini mit drastischen Worten als »den zweiten Sündenfall« bezeichnet – der Gottessohn wurde von seinem eigenen Volk verworfen. Hätte Israel seinen Messias angenommen, so hätten sich nach Guardini die jesajanischen Verheißungen von der Neuordnung der Welt mit beim Lamme liegenden Löwen erfüllt, die, so Guardini, damit hinfällig geworden seien, da ja nun die Weissagungen des Neuen Testamentes gälten. Ein interessanter Gedanke.
Jesus selbst war sich seiner Sendung sehr wohl bewußt. In Taufe und Verklärung empfing er die Bestätigung seines himmlischen Vaters, und dem Bekenntnis des Petrus, bei Jesus handele es sich um den »Messias, des lebendigen Gottes Sohn«, stimmte er ausdrücklich zu. In seinen Zeichen offenbarte sich die Kraft Gottes und die Fülle der messianischen Zeit, in seinem ganzen Wirken wurde das Ebenbild Gottes Fleisch und Gottes Idee vom menschlichen Leben sichtbar; Gnade und Wahrheit gingen Hand in Hand. Menschen wurden heil und frei. Jesus verkündigte eine neue Halacha; er legte und lebte die Tora im Sinne ihres Gebers aus und schärfte seinen Jüngern ein, in allem seinem Beispiel zu folgen, selbst wenn es auch sie das Leben kosten sollte.
Jesus ging bewußt in den Tod, er ergab sich in den Willen des Vaters und gab sein Leben als „Lösegeld für viele“. Die Juden verurteilten ihn als Gotteslästerer; von der Hand der Römer erlitt er den Kreuzestod. Nach seiner Auferstehung zeigte er sich seinen Schülern, übertrug ihnen seine Kraft und setzte sie als seine Nachfolger ein, die seine Sendung weiterführen sollten. Als Reben am Weinstock des Messias wurden sie zu seinem Leib, dem neuen Gottesvolk.

Was denkst Du dazu? Was fehlt?

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Über Dienst und Botschaft Jesu

27. Mai 2008

… schreibe ich grade eine Seminararbeit. Heute ist diese Gliederung entstanden, die einige Punkte daraus in meinem Kopf verbinden soll.

Gliederung

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Liedgut atmet – Theologie auch

10. April 2008

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Ein sehr feines Buch im gigantischen Großformat, das die Geschichte U2s in ihren eigenen Worten erzählt, geschmückt von vielen wunderbaren Fotos. Darin habe ich gestern folgende Gedanken Bono’s über den Song »Bad« gefunden:

That is potentially a truly great song … if I had finished it. And in a way I do finish it every night, live. I change the lyric. Poets have no problem with revising their work. Songs shouldn’t be set in stone. If they are any good, they are living, breathing organisms. (Aus: U2 by U2, 155.)

Liedgut atmet also. Theologie auch? Ja, meint James D. G. Dunn beim Nachdenken über den Apostel Paulus. Viele Versuche wurden gemacht, den Kern der paulinischen Theologie herauszufiltern. Darunter: Die Spannung zwischen Juden und Nichtjuden (F.C. Baur), Rechtfertigung aus Glauben (Bultmann, Käsemann), Teilhaben an Christus oder Christus-Mystizismus (Schweitzer), Kreuzestheologie (Wilckens). Oder geht Paulus von einem alles vereinenden Grundprinzip aus – so z.B. die Anthropologie, die Heilsgeschichte, oder die Erzählung des Bundes in Christus? Dunn, wie ich heute gelesen habe, bemerkt dazu:

The problem with the imagery of centre or core or principle, however, is that it is too fixed and inflexible. It encourages the impression from the start that Paul’s theology was static and unchanging. (Aus: J.D.G. Dunn, The Theology of Paul the Apostle, 20.)

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Gestern Bono, heute Dunn. Nett, wie sich ein irischer Rockstar und ein englischer Neutestamentler ergänzen. Bei jeder Arbeit, die ich verfasse, jeder Predigt und jedem Artikel habe ich das Gefühl des Vorletzten, des Bruchstückhaften und Unfertigen. Schon Monate später würde ich den Schwerpunkt anders setzen, würde andere Gedanken einbringen. „Unsere Erkenntnis ist Stückwerk“ erkannte schon der erwähnte Paulus. Wie recht er hat! Theologie atmet, ist nicht in Stein gemeißelt. If it is good, it is a living, breathing organism.

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Einladung in die Werkstatt: Christologie / Soteriologie

4. Januar 2008

Ich tue es Peter gleich und lade Dich in meine Werkstatt ein. Am 8. März werde ich im Rahmen eines Tagesseminars der Schule für Leiterschaft (ein Zweig der Werkstatt für Gemeindeaufbau) einen Vormittag lang über »Christologie / Soteriologie« unterrichten. Für die im Umgang mit Fremdwörtern weniger Geübten: »Christologie« meint die Lehre vom Gesalbten/Messias/Christus, die sich mit der zweiten Person der göttlichen Dreieinigkeit auseinandersetzt; »Soteriologie« meint die Lehre vom Heil / von der Erlösung. Zielgruppe sind Gemeindpraktiker im Alter von grob 25-40 Jahren.

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[Die Bilder stammen, wenn ich mich recht erinnere, vom Friedhof auf dem Vysehrad in Prag.]

Nun läßt sich gerade über Jesus sehr viel sagen. Die klassischen Inhalte der Christologie waren ja geprägt von der Zweinaturenlehre und dem dreifachen Amt als König, Priester und Prophet. Das apostolische Glaubensbekenntnis sagt leider nicht allzu viel: empfangen – geboren – gelitten – gestorben – begraben – auferstanden – aufgefahren – er sitzt – er wird kommen. Das ganze irdische Wirken Jesu und der Inhalt seiner Botschaft fallen raus, was mir gar nicht gefällt. Die Bergpredigt bietet sich an, die Gleichnisse vom Reich Gottes, der missionale Aspekt, die Gedankenwelt des Judentums der damaligen Zeit, die Erwartungen an den Messias, der rote Faden hin deutende rote Faden des AT, etc. Stoff ist reichlich vorhanden.

Paulus2
[Irgendwo in Prag]

Was die Soteriologie anbelangt, hat ja der gute Paulus Vieles geschrieben – die Briefe an die Römer, Korinther, Galater, Epheser, Philipper und Kolosser wären dabei meine erste Wahl. Hinzu käme eigentlich noch der Hebräerbrief. Auch auf soteriologischem Gebiet gibt es Fragestellungen en masse: Heilserwartungen im AT, die Botschaft Jesu, Rekapitulation bei Ignatius, das Turmerlebnis Luthers, ein systematisierter ordo salutis in der lutherischen Orthodoxie und im Calvinismus, die von der Satisfaktionslehre beeinflußte klassische evangelikale Sichtweise, die neue Paulus-Perspektive (insbesondere Wright und Dunn) – da raucht mein Köpfchen. Leider habe ich nur zweimal 1,5 Stunden zur Verfügung und die oben genannte Zielgruppe verlangt wohl eher klare Antworten – was tun? Interessanterweise steht am Nachmittag unter Anleitung von Christine Winkler ein Nachdenken über Evangelisation auf dem Plan. Auch das sollte bedacht werden, auch wenn ich dann nicht mehr da sein werde 😉

An dieser Stelle bin ich auf Deine Mithilfe angewiesen. Worauf würdest Du die Schwerpunkte legen? Was wäre Dir wichtig? Welche Aspekte würdest Du rauslassen? Ich freue mich über Kommentare!

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« VII – Nachtrag

30. Dezember 2007

[Im Rahmen meiner Rückschau auf das vergangene Jahr habe ich auch über das Symposium in Greifswald nachgedacht und lustigerweise noch einen alten, nicht veröffentlichten Post zum Vortrag von Karl Gabriel gefunden, den ich jetzt der Vollständigkeit halber nachreiche.]

Karl Gabriel – Im Spannungsfeld von Entkirchlichung, individualisierter Religiosität und neuer Sichtbarkeit der Religion: Der gesellschaftliche Ort der Kirche in der Gegenwartsgeschichte.

1. Moderne Gesellschaft und Religion in Spannung
Die Spannung hat ihre Ursache, in den Grundlagen moderner Gesellschaften, die in der Postmoderne weiterbestehen. Alle gesellschaftlichen Funktionen haben selbständige Handlungsstrukturen; es existiert keine übergeordnete Ordnung. Die Moderne bindet sich im Ansatz an die ratio. Das Individuum muß seine Weltsicht/seinen Sinn selbst deuten. Religion ist strukturell ein Teilsystem unter anderen; kulturell eine Wirklichkeitsperspektive unter anderen. Daher handelt es bei der Postmoderne, deren Weltsicht im Kern vom Verlust einer Zentralperspektive gekennzeichnet ist, um die radikalisierte, zugespitzte Moderne.

2. Tendenzen fortschreitender Entkirchlichung
Auf lange Sicht ist ein Rückgang der kirchlich institutionalisierten Religion, die sich im Glauben an ein Leben nach dem Tod und an einen persönlichen Gott ausdrückt, zu erwarten. Die Bindung an die Institution Kirche schwächt sich ab, regelmäßiger Gottesdienstbesuch und regelmäßige Gebetszeiten nehmen ab. Deutschland befindet sich in einer besonderen Lage in zwei kulturellen Bereichen: Im industrialisierten Westen liegt die Kirchenbindung im europäischen Mittelfeld; der Osten gehört zur nordosteuropäischen Region mit Estland und der tschechischen Republik, die den kirchendistanziertesten Gürtel der Welt darstellt. Der kirchliche Glaube verliert an Selbständigkeit und Normalität; die kirchliche Religion hat ihren Charakter als zwingende Primärinstitution verloren und ist zu einer (ab-)wählbaren Sekundärinstitution geworden. Die Selbstverständlichkeit, mit der die kirchliche Religion einen entscheidenden Posten in der Gesellschaft innehatte, löst sich auf.

3. Religiöse Individualisierung
An die Stel der institutionalisierten Religion mit klarer Repräsentanz ist keine vergleichbare Instanz getreten; das einst von einem Monopolanbieter bestellte religiöse Feld wandelt sich zu individuell zusammenbastelbarer Religiosität, eine Vielzahl von Kirchgängern nimmt problemlos Elemente östlicher Religionen wie z.B. die Reinkarnation in ihr Glaubenssystem auf – das religiöse Feld verengt sich nicht, sondern erweitert sich (Wiederkehr des Okkulten, Tendenz zur Sakralisierung von Liebesbeziehungen), der Erlebnis- und Erfahrungsbezug des Glaubens nimmt zu. Der Markt der Sinnangebote bietet Substitute für Glauben, auf die zurückgegriffen werden kann, z.B. Versicherung zur Sicherheit oder Idole zum Anbeten. Psychokulte und Therapien sind insbesondere unter Großstädtern zw. 30-50 verbreitet, welche sich diese Angebote überhaupt leisten können. Das Fernsehen ist geprägt von Information und Sensation bei stark überzeichneter Qualität und Quantität , aber großer kultureller Auswirkung.

4. Pluralisierung der und in den Religionen

  • Zunahme der religiösen und konfessionellen aber auch innerkirchlichen Verschiedenheit
  • die praktizierte Ökumene ist weiter fortgeschritten als viel wahrhaben wollen
  • Differenz des Glaubens auf der individuellen Ebene
  • es gibt keine konfessionell geprägten persönlichen Beziehungsnetzwerke mehr
  • wachsende religiöse Pluralisierung betrifft die institutionell-organisatorische Ebene genauso wie die persönliche mit Patchwork-Religiosität – das wird auch so weitergehen

5. Neue Tendenzen seit der Wende zum 21. Jahrhundert
Die neuen Tendenzen sind schwer einzuordnen, liegen aber auf der Hand: Die öffentliche Präsenz der Religionen (z.B. in den Medien) hat zugenommen, auch gibt es unter den Journalisten und Spitzenpolitikern wenige Atheisten. Die Säkularisierungsthese muß als widerlegt gelten: „In dem Maße, wie sich der aufklärerische Glaube an Fortschritt … abdunkelt, nimmt die Religiosität zu.“ Die Entwicklungen der neuen Lage von Religion und Kirchen im Globalisierungsprozeß weisen in eine doppelte Richtung:

  • ein weltweites Referenzsystem in Sachen Religion ist im Entstehen begriffen (asiatische Religionen müssen dazu erst zur Religion werden), um dessen Ausgestaltung im Moment bei nicht absehbarem Ergebnis gerungen wird. Benedikt XVI. und Johannes Paul II. brachten in diese Diskussion ein, daß der Gott der Christen sich als Gott der Liebe offenbart und der Glaube sich dem kritischen Korrektiv der Vernunft stellt aber gleichzeitig die Vernunft von ihren blinden Flecken befreit.
  • neue Bedeutung für traditionelle Kirchen- und Religionsgemeinschaften, die neben den Charismatikern etabliert sind; die Kirchen sind trotz ihrer oft zu negativen Selbstwahrnehmung aus der religiösen Landschaft nicht wegzudenken, da viele andere religiöse Formen von ihrem Gegenüber zur institutionalisierten Religion leben

6. Herausforderungen für die Religionen und Kirchen
Die neue Frage lautet: Wie können wir zum religiösen Frieden und zur Minderung religiöser Konflikte beitragen? Daraus ergibt sich die Verpflichtung zur Verarbeitung der Dissonanzen in der Begegnung mit den anderen Konfessionen und Religionen. Neben dem religiösen Pluralismus muß sich die Religion mit der modernen Wissenschaft und ihrem Anspruch, für das geltende Weltwissen verantwortlich zu sein, auseinandersetzen und den säkularen Verfassungsstaat sowie die Menschenrechte, die beide nicht mehr auf Gott gründen, anerkennen. Die religiösen Institutionen können ihren Beitrag erst dann leisten, wenn sie auf Macht vom Staat verzichten und die Religionsfreiheit akzeptieren. „Alle Völker werden immer mehr eine Einheit, Traditionen und Kulturen kommen in Beziehung – um Frieden zu schaffen muß überall auf Erden die Religionsfreiheit einen Rechtsschutz genießen.“ Das Vaticanum II ist eine innere Revolution der römisch-katholischen Kirche – was kann die islamische Tradition daraus lernen?

7. Kirchen als Akteure der Zivilgesellschaft
Die verrechtlichte Religion in Europa ist ein Problem, aber weder die radikale Trennung noch die Staatsreligion wäre eine Lösung – ist der Religionsmarkt überreguliert? „In Europa hat es das Christentum zugelassen, eng mit den weltlichen Mächten verknüpft zu werden. Jetzt sind sie zusammengestürzt, und es liegt unter ihren Trümmern. Es ist ein Lebendiger, den man an einen Toten binden wollte. Befreit ihn von den Fesseln!“ (Tocqueville) Das Christentum muß sich vom Charakter der staatsanalogen Institution verabschieden und darf sich auch nicht mit einer politischen Partei verknüpfen. Die Kirchen müssen ihren Freiraum gegen den Säkularismus erstreiten, der ihnen nur Raum im Privaten zugestehen will. Das innerkirchliche Sälularisierungsdenken, das einen Rückzug in eine Enklave am Rande der Gesellschaft erstrebt, muß überwunden werden. Ziel ist eine in die Gesellschaft als ganze integrierte Zivilreligion. Die Aufgaben der Kirchen sind die Verteidigung der Menschenrechte und der Würde der Person (begründet im Imago Dei), die Übernahme öffentlicher Verantwortung und ein Gegengewicht zum radikalen Individualismus durch Einbringen ihrer Positionen z.B. beim Embryonenstreit, damit sich das Gemeinwohl nicht auf die Gesamtsumme individueller Positionen reduziert.

8. Kirchen als intermediäre Organisationen

  • individuelle Religiosität der Menschen wecken, fördern und begleiten – Abschied von der Zwangsinstitution
  • Vermittlung des persönlichen Glaubens in die Deutungsgemeinschaft der Kirche
  • Praxis der Entprivatisierung des Glaubens
  • Orientierung am Ursprung, an der Gesellschaft und an der Religiosität des Menschen

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« VI – Freitag Nachmittag

21. Oktober 2007

Johannes Zimmernann – Being connected. Sozialität und Individualität in der christlichen Gemeinde
[Hier fehlen mir die beiden ersten Teile des Vortrages. Ich gebe nur Teil III und IV wieder.]

III. Ein Leib – viele Glieder / biblisch-theologische Grundlagen
Der Einzelne und die Gemeinschaft
»Der Einelne und die Gemeinschaft sind gleich ursprünglich im Heilshandeln Gottes.« (Martin Doerne) Der Einzelne wird in die Nachfolge gerufen und dann in die Gemeinschaft geführt. Dies wird sichtbar an Jesus, der die Einzelnen zum Zwölferkreis verbindet. Dabei handelt es sich um eine prophetische und messianische Zeichenhandlung, die der Sammlung und Restitution des gesamten Gottesvolkes dient. Ein anderes Beispiel für die Beziehung Individuum / Gemeinschaft ist das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Luk 15), dem der Hirte hinterhergeht, um es wieder zurück zur Herde zu bringen.

„Erbauung“ und „Gemeindeaufbau“ bei Paulus
Wo in den paulinischen Schriften das Wort »Erbauung« auf den Einzelnen reduziert wird, herrscht ein verkürztes Verständnis. Zimmermann schlägt vor, »Erbauung« auch mit »Gemeindeaufbau« zu übersetzen. Wie im AT der Tempel erbaut wird, so im NT die Gemeinde. Der Leib Christi wird in seinen einzelnen Gliedern (Röm 15,2) erbaut. Darum gilt: Was dem Nächsten förderlich ist, dient dem Gemeindeaufbau.

Taufe, Herrenmahl und Leib Christi
– Taufe: Zuspruch für den Einzelnen „Du bist mein“ – „Einverleibung in die Gemeinde“
– Herrenmahl: Zuspuch: „Für Dich gegeben“ – Gemeinde als Leib Christi – Wenn eines leidet, leiden alle
„Die biblischen Grundlagen verstehe ich als promissional. Sie wollen unseren Glauben pro-vozieren.“

IV. Auf der Suche nach Sozialformen christlicher Gemeinde
Gemeinde als Lebensort
Die Grundfrage lautet, wie die Sozialität in der christlichen Gemeinde so dargestellt werden kann, daß sie den Einzelnen nicht hemmt, sondern fördert? Dabei kann das schwache Subjekt der PoMo-Diskussion einen wertvollen Anknüpfungspunkt darstellen. Unser Gemeindeverständnis muß die Mitte zwischen individualistischer und kollektivistischer Überbetonung finden. Dabei soll die Gemeinde ein Raum der Heilung sein. Gott will keine Uniformierung, sondern individuell entfaltete und weiterentwickelte Persönlichkeiten. Darum ist die Bestimmung der Gemeinde die Stützung und Förderung des Einzelnen zur Entfaltung seines Potentials. Dies geschieht durch soziale Netzwerke und das Bieten einer Plausibilitätsstruktur. Dabei darf die Gemeinde als geistliche Heimat und Ort des Lebens (- „Bio-top“) nicht zum abgegrenzten Reservat verkommen – der missionarische Auftrag begrenzt den berechtigten Wunsch nach Beheimatung.

Gemeinde als Ort der Gotteserfahrung
„In, mit und unter gemeindlicher Sozialität wird Gott erfahren“: Weil die christliche Gemeinde der primäre Ort für von Gott erneuerter Sozialität ist, muß die Gemeinde der erste Ort und der formative Kontext der Gotteserfahrung sein.

Gemeinde als Netzwerk
Ist das Netzwerk die Sozialform der Postmoderne? Netzwerkstrukturen können eine lose oder eine intensive Verbundenheit bedeuten. Das im EKD-Impulspapier »Kirche der Freiheit« vorgestellte Netzwerkmodell scheint eine Tendenz zur übertriebenen Offenheit zu haben. Es braucht „Passantengemeinden“, welche unterschiedliche unverbindliche Angebote machen, an denen teilgenommen werden kann. Dies ist eine notwendige Inkulturation christlicher Gemeinde in postmoderne Kontexte.
Es braucht aber auch Konterkulturation. Dabei ist die entscheidende Fragen, wie die gemeinschaftsstiftende Gestalt der „Versammlung der Heiligen“, die auf körperlicher Anwesenheit beruht, zum Tragen kommen kann. Leiblichkeit ist ortsgebunden, bleibt lokal, ermöglicht das gemeinschaftliche Teilen von Leiden und Schmerz. „Die pathetische Verfassung des Menschen weist ihn auf seinen Nächsten hin.“
Wer ohne Familie lebt, braucht alternative Netzwerkstrukturen, die er aufgrund seiner Mobilität meist selbst wählen und erreichen kann. Wie dienen wir aber denjenigen, die selbst nicht die Ressourcen für Netzwerke haben, wie z.B. Alte, Alleinerziehende etc.? Für solche Menschen bleiben parochiale Strukturen wichtig.

Kurz gesagt:

  • der missionarischen Herausforderung begegnen wir durch offene Netzwerke
  • der diakonischen Herausforderung begegnen wir durch tragfähige Netzwerke für Labile


Pluralitätsfähige Gemeinde
– Pluralisierung: Innerhalb der Landeskirche kommen offene Gemeinden und Netzwerkgemeinden hinzu – fresh expressions; innerhalb der Ökumene: Pinfgstkirchen, Migrantengemeinden etc.
– Wir müssen übergemeindliche Netzwerke bilden, welche die Einheit des Leibes Christi sichtbar werden lassen und von gastfreundlichem Miteinander geprägt sind.
– in der glokalen Welt geht es darum, die universale Perspektive zu behalten, aber vor Ort präsent und offen für Andere zu sein

Gemeinde zwischen Agora (Marktplatz) und Oikos (Haus)
– das Passagenbedürfnis verlangt nach markanten Orten, an denen Erfahrungen gemacht werden – Vorteil der Kirchenräume in den Innenstädten
– Präsenz auf dem Marktplatz – mitmischen in Diskurs und Angebot
– Verwurzelung und Beheimatung im Haus, Anspruch und öffentliche Präsenz auf dem Marktplatz
– Die Herausforderung: Brücken zwischen Events und Gemeinschaft zu schlagen

Schlußgedanken: Being connected
Individualität und Sozialität stehen im christlichen Glauben nicht gegeneinander, sondern in einer unentflechtbaren Wechselwirkung gegenseitiger Förderung und Stützung.

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« V – Samstag Mittag

20. Oktober 2007

Michael Herbst – Geistliche Führung wahrnehmen in der Kirche der Postmoderne

Vorbemerkungen

  • „Führen“ ist im deutschen Sprachgebrauch negativ behaftet und mit „ver-führen“ verknüpft
  • die 68er waren ein frischer Wind in der Gesellschaft, kritisierten aber leider fast jede Form von Autorität
  • nur wenige jüngere Monographien und einige Aufsätze beschäftigen sich mit dem Thema Führung
  • Führen („leadership“) bezieht sich auf strategische Leitung, Leiten („management“) auf das operative Geschäft
  • Die christliche Theologie ist der Inbegriff der wissenschaftlichen Kenntnisse und Kunstregeln, welche die Leitung der christlichen Kirche ermöglicht
  • geistliche Führung ist notwendig
  • wir brauchen eine genauere Bestimmung unseres Verhältnisses

Worum geht es, wenn wir von geistlicher Führung im Kontext der Postmoderne reden?

  • Bryman: Führung ist Prozess sozialer Einflussnahme, in der die Mitglieder einer Gruppe auf ein Ziel gesteuert werden
  • Sammelbegriff für alle Interaktionsprozesse, denen eine absichtliche soziale Einflussnahme von Personen auf andere Personen zur Erfüllung gemeinsamer Aufgaben im Kontext einer strukturierten Arbeitssituation zu Grunde liegt (Wegge & Rosenstiel)
  • in welche Richtung führen wir? Wie feiern wir Siege? Wie gehen wir mit Niederlagen um? Wann machen wir Pausen? Wo gibt es Verpflegung?
  • schlechte Führung in der Kirche wird von Pfarrern und Pfarrerinnen kritisiert, in derselben Weise wird die Führung von Pfarrern in der Gemeinde kritisiert „Verliebtheit in den Talar“, „pfarrherrliches Selbstbewußtsein“, wir leben de facto in einer postmodernen Betreuungskirche, andere Pfarrer/-innen sind führungsschwach – „verunsicherte Moderatoren“, andere haben keine Autorität – „uns ist letztlich egal, wer unter uns (Ältesten) als Pfarrer die Gemeinde führt
  • Das postmoderne Subjekt will nicht in Richtung auf die Ziele eines Führers durch absichtliche soziale Einflussnahme gesteuert werden – Zuspitzung der Kant’schen Aufforderung zum autonomen Gebrauch des eigenen Verstandes
  • Höchstens: freiwillig, teilweise, und zeitweise, aus eigenem Entschluss, eher einem spirituellen Wegbegleiter folgen – unsere Kultur ist ein verrückter Vogel, der mit zwei unterschiedlichen Flügeln schlägt, dem postmodernen und (vor-)modernen. Darum wird Führung sowohl ersehnt als auch gefürchtet

Führungsbilder in der Organisationspsychologie
Früher: Wie führe ich ein Unternehmen?

  • Great Man Mythos: Intelligenz, Extrovertiertheit, Selbstbeherrschung, Dominanz, physische Größe, Aussehen
  • es wird eher nach Eigenschaften und Handlungsweisen gefragt – die Mitarbeiterorientierung (Wertschätzung, Achtung, Fürsorge, Offenheit, Zugänglichkeit) und Leistungsorientierung (Ziele setzen, kontrollieren, erreichen und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter aktivieren)
  • Erfolgreiche Führung verlangt Kohäsion und Lokomotion
  • diese Sicht ist zu einseitig, ein schlichtes Denken von Input und Output manifestiert sich hier
  • wir brauchen eine reziproke Einflussnahme
  • wie erkennen und fördern wir mögliche Führungspersönlichkeiten?
  • keine monarchische Unterordnung, sondern Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Gaben – so sieht es die Bibel

Heute: Wie führen wir ein Unternehmen?

  • Transaktionale (Tauschhandel – Entlohnung für Arbeitskraft – „do ut des!“) vs. Transformationale (der Geführte wird so beeinflusst, daß er sich aus eigenem Antrieb mit den Zielen der Organisation identifiziert – Geführter wird durch Kommunikation von Begeisterung, Visionen, Motivation etc. verwandelt, um die vom Vorgesetzten vertretene Mission zu unterstützen, der Führer lebt das in seiner Person vor) Führung
  • die Verbindung von beidem hilft, Ziele zu erreichen
  • Anfragen: Zurückhaltung gegenüber der fremden Wahrheit eines Führers, beliebige Ausrichtung: Hitler oder Gandhi, kollektive Infantilisierung

Morgen: Wie führt sich ein Unternehmen?

  • Sytemtheoretische Infragestellungen: Wie viel nimmt ein Führer wirklich wahr? Wie erfolgreich kommuniziert er? Was kann er tatsächlich bewegen?
  • Strategien. z.B. „zweite Beobachter“ (Feedback, Supervision, Mentoring) – ergänzende Beoabachtung, um die Selektivität der Wahrnehmung etwas aufzuweichen

Geistliche Führung in der Gemeinde – eine theologische Perspektive

  • führungskritische Ansätze bei den Synoptikern: Keine Titel, der Größte sei der Diener aller (Mt 23,8-11)
  • der Geist wird über alle (!) ausgegossen – Knechte, Mägde, Söhne, Töchter (Joel 3)
  • Eph 4,7.11-16; 2,19-22 und 2: jedem der Geist gegeben, einige eingesetzt, Apostel und Propheten der Grundstein – Apostel und Propheten sind keine gegenwärtigen Ämter – Evangelisten, Hirten und Lehrer sind zur Führung beauftragt – das Führungsamt ist Gabe des Herrn – Führung in der Gemeinde ist nicht autark, sondern wird geistliche Führung, wenn sie sich an den Zusagen und Weisungen dessen, der sie eingesetzt hat, orientiert – Führung ist zur Zurüstung der Heiligen da, Schaffung der Einheit, Wachstum der Erkenntnis Jesu etc.
  • gute Führung ist zu erkennen an gesteigerter Mündigkeit der Gemeinde und am selbständigen Dienst der Begabten
  • „Die Pfarrerskirche ist eine Geisel aus der Sicht von Eph 4“
  • Triangulierung: Es ist eine Dreierbeziehung: Führer und Geführte sind auf Christus und das apostolisch-prophetische Zeugnis von ihm. Führer sind Führer zweiter Ordnung, sie haben eine eher „schwache Identität“ (postmodern gesprochen), nach beiden Seiten hin sind sie gebunden – Freiheit in der Bindung an Christus zum Dienst am Nächsten
  • Das Amt darf das allgemeine Priestertum der Gläubigen nicht schmälern, sondern muß ihm dienen und es stärken. (Eberhard Jüngel)

Folgerungen:

  • Hemmungen gegenüber dem Willen zur Macht – Distanz der Geführten zum Willen des Führenden
  • Führungspersonen müssen sich selbst führen lassen
  • Offenheit für Kontingenz
  • geistliche Leitung ist … sich selbst geistlich leiten, andere anleiten, sich selbst geistlich zu leiten; alles zur Verfügung stellen, was dafür notwendig ist, daß solche Leitung und Selbstleitung möglich wird. (Gerhard Wegner)
  • Eddie Gibbs (Leadership Next): Die Mission der Gemeinde braucht neue, junge Führungskräfte; Gemeinden in einer vernetzen Gesellschaft wandern flexibel in diverse Netzwerke ein; Führung geschieht mit „Fluidity“ in wechselnden Teams; Verantwortung ist Handlungsfreiheit und Bindung an die gemeinsame Vision und Mission.
  • Leitung hat eine Vision von der Richtung, in der sich Kirche entwickeln wird, sie hat eine Inspiration von dem, was Gott will, und sie will nicht kontrollieren, sondern ermöglichen, befähigen und freisetzen (Peter Böhlemann)
  • „Leading empowered networks of Christ-followers“ (Eddie Gibbs)

Ansätze für eine erneuerte geistliche Führung in der Gemeinde
Kimball: Christliche Leiter werden von Kirchenfernen als machtsuchend, mit dem Finger zeigend, Frauen unterdrückend wahrgenommen
Vergleich Führungsmodelle der Enterprise-Captains Kirk (direktiv, kein Rat von Frauen, trägt Narben vieler Kämpfe wie einen Orden) und Picard (verwundbar, schwierige Kindheit, riskiert Beziehungen, wird enttäuscht, seine Narben bringen ihn uns näher, Team entscheidet, Frauen haben einen wichtigen Raum)
Kimball: Postmoderne Führungskräfte werden in die Picard-Schule geschickt

Vier Schlüsselqualifikationen: Geistliche Führungspersonen in der Postmoderne…

  • lernen, sich selbst der Führung des Geistes anvertrauen – Nachfolge ist das entscheidende – Integrität durch Spiritualität
  • sind keine einsamen Träumer ichbezogener Wunschträume – Visionen mit anderen entdecken und teilen
  • sind teamorientiert und wissen, dass gute Führung plural sein muss
  • verfolgen stets das Ziel, dass Menschen stark werden können und ihre Gaben entfalten können

„Das monarchische Pfarramt ist ein Irrtum! Führung durch Teams ist fast immer die bessere Technik!“
Es geht darum, immer neuere Teams zu bilden, mal mitzuspielen und mal an der Seitenlinie zuzuschauen.

„Unsere theologische Aus-, Fort- und Weiterbildung muß noch eine ganze Reihe von Nachhilfestunden nehmen, bis sie von sich sagen kann, daß sie geistliche Führungspersönlichkeiten für die postmodernen Kontexte ausbildet und bereitstellt.“

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« IV – Samstag Vormittag

20. Oktober 2007

Darrell Guder – Die biblische Prägung missionarischer Gemeinden: Missionarische Ekklesiologie und Hermeneutik

Mission als Wesenszug der apostolischen Kirche
– Vaticanum II „Ad Gentes“: „Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, d.h. als Gesandte unterwegs, da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes … herleitet.“
– David Bosch: Als Europa christianisiert und das Christentum etablierte Kraft des römischen Reiches wurde, verlor die Theologie ihre missionarische Dimension.
– PoMo = allmählicher Zusammenbruch der westlichen Kirche – Ruf nach Mission wird lauter – vgl. Vaticanum II: Die ersten Kapitel von „Lumen Gentium“
– Es war das Ziel apostolischer Mission das von Gott bewirkte und in Jesus Christus erwirkte Heil in der ganzen Welt zu bezeugen. Dieser Prozess wurde eingeleitet von Jesus, der Jünger berief. Das Angekündigtes Heil wird am Kreuz zur guten Nachricht und revolutionären Wirklichkeit für die ganze Welt. Die Evangelien enden mit dem Missionsbefehl. Die Urgemeinde wurde getragen von der Aussage Jesu: „Ihr werdet meine Zeugen sein… „(Apg 1,8)
Fortsetzung der Berufung Abrahams und Israels: Segen für alle Nationen; erste Christen sind „Teilnehmer am Ev vom ersten Tag bis jetzt“, verbindung von Evangelisation und Katechese führt zum glaubwürdigen Zeugnis

Blick in die Geschichte
– die Wiederentdeckung des Misisonsbefehls ist vergleichbar mit Widerfindung des Gesetzbuches unter Josia 1Kö 22f
– 1952 Willingen: Missionarische Verpflichtung der Kirche: Auftrag Jesu an Kirche, daß alles, was er sagte und wofür er sich einsetzte, ernst genommen werden soll, v.a. Missionsbefehl. Kirche kann nicht Kirche sein, wenn sie ihrem Apostolat nicht treu ist. Kirche muß selber Mission werden. „Let the church be the mission!“
– Ambivalenz: Postmoderne Kritik an geistlicher Selbstsicherheit der Aufklärung gilt auch der selbstsicheren Ausbreitung des Evangeliums durch die Kirche
– westliche Situation ist ein nachchristlicher Kontext –
– altes Verständnis: Menschen aus der christlichen westlichen Welt bringen Menschen in nichtchristlicher Welt die Zivilisation; Bosch: „Mission unter dem Paradigma der Aufklärung“ – der Ruf nach der Verchristlichung primitiver Gesellschaften ist Teil des Fortschrittsdenkens
– die Missionsbewegung und deren neugegründete Minderheitenkirchen nahmen das Problem westlicher Kirchenspaltung in den Blick, und aus ihrem Engagement ist eine direkte Linie zur Missionskonferenz in Edinburgh 1910 zu ziehen, auf der die moderne ökumenische Bewegung geboren wurde und erstmals Vertreter (wenn auch nur 17) der neuen, jungen Kirchen zu Wort kamen.
– Philip Jenkins (The Next Christendom): DIe Mehrheit der Christen leben südlich des Atlantiks. Afrika ist zum Zentrum der Weltchristenheit geworden.

Die westliche Christenheit als Missionsgebiet
– Newbigin: Westen ist nachchristlich. Als Missionstheologe erfaßte er diesen Sachverhalt: Weil der Westen zum Missionsgebiet geworden ist, lautet die entscheidende Frage: Wie kann die Kirche wieder missionarisch werden?
– Forderung: Kontextspezifisch arbeiten
– weil wir alle Erben der westlichen Tradition sind und mit dem Erbe des Konstatinismus konfrontiert sind, müssen wir uns mit dieser Situation auseinandersetzen.
– Mission im Corpus Barthianum: Brennpunkt seiner Theologie in der ganzen KD, nicht erst im letzten Band – Erwählung (II,2): Sendung ist Voraussetzung für alles. Sendung ist nötig … zur Begegnung mit der Offenbarung.
– im stabilen Corpus Christianum wirkt die Institution als Heilsanstalt (nach Troeltsch). Der Einzelne nimmt das Heil (ein Status, ein Zustand, dessen Besitzes man sicher sein kann). Die Kirche soll ihren Dienst flächendeckend anbieten. Europa ist in dieser Sichtweise kein Missionsgebiet mehr.
– Kritik am aus der Wirtschaft orientierten Wachstumsdenken
– die postmoderne Kirche sucht die Probleme mit immer neuen Methoden zu lösen
– es ist kein Strategieproblem, sondern ein Problem der Fundamentaltheologie der Kirche: Was ist die Kirche? Wozu ist sie da?

Die missionarische Bestimmung der konkreten Gemeinde
– Hauptträgerin des missionarischen Auftrages ist die lokale Gemeinde
– nicht Erhaltung des Gewesenen, sondern Treue zum missionarischen Wesen
– es geht um die kontinuierliche Bekehrung der Kirche
– es gibt heute sehr viele neue Formen von Kirche, die das Evangelium in die postmoderne Kultur inkarnieren: Bsp. Emergent
– ob diese neu hervortretenden Formen alle Reste des Corpus Christianum vermeiden, ist bislang noch eine offene Frage
– Paulus: Menschen finden, die vom Geist Gottes auf den Empfang der guten Nachricht vorbereitet. Die neue Gemeinde wurde in den Zeugendienst eingeführt, für den die Taufe eine Ordination war. Die Apostel blieben eine Weile, um zu unterweisen, damit die Gemeinde dann ihren lebensumfassenden Dienst gesendet werden konnte. Es geht darum, die eigene Umgebung mit den Augen Jesu zu sehen: „Wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36)
– die Texte des NT-Kanons wurden alle an schon bestehende neue Gemeinden gerichtet und daher immer in eine spezifische Situation hineingeschrieben. Zurüstung in den Evangelien: Mit Jesus sein und seine Botschaft hören und erleben. Rudolf Pesch: Christologische Prägung der apostolischen Gemeinden. Mit der Platzierung der Berufungserzählung zu Beginn des Markusevangeliums ist das Programm klar. Der Ruf in die Jüngerschaft mündet in das Apostolat, dessen Ziel die Gründung von Zeugnisgemeinden ist. „Das ganze Buch des Markus ist Missionsbuch“. Auf dynamische Art und Weise ermächtigt der Heilige Geist durch die Schriften die Gemeinde zu ihrem Zeugendienst. Die Autorität der Bibel dient der Missio Dei.

Die Missionsvorbereitung im Dienst der Zeugnisgemeinde
– wir brauchen eine Missionshermeneutik, die von der Annahme, Kirche sei ihrem Wesen nach Mission. Diese MH ist augenblicklich noch im Werden. Die Missionstheologie braucht nun die praktische Übersetzung in die Gemeindepraxis, jenseits von Methoden und einheitlichem Vorgehen.
– wir müssen die Bibel als missionarische Zurüstung lesen
– das „Christendom“-Denken stellt Linsen vor die Augen, welche die missionarische Triebkraft der biblischen Schriften so weit ausblenden, daß fast nichts übrig bleibt
– wir brauchen eine Bekehrung der Gemeinde und des Einzelnen zum missionarischen Auftrag – dazu bedarf es einer missionarischen Evangelisation als innere Dimension des Gemeindedienstes, welche die Arbeit des Pastors bestimmen muß – ganzes Evangelium von Rechtfertigung, Heilung und Berufung predigen – neue Erwartung: Gemeinde versammelt ihre Glieder um Jesus, damit er die Zeugen zurüstet, stärkt und in den apostolischen Dienst aussendet.
– Immer wieder fragen: Wie zeigt diese Gemeinschaft in ihren Taten und Worten, was der Anbruch der Gottesherrschaft wirklich bedeutet. Paulus: „Führet Euren Wandel würdig des Evangeliums von Jesus Christus“ Eph 4,1: „Wandelt würdig der Berufung, zu der ihr berufen seid.“ Diese Berufung zum Zeugendienst verlangt einen entsprechenden Wandel. Es geht um den Gehorsam dem Sendungsauftrag gegenüber. Es geht um das volle Verständnis des Heilswerkes, wie es z.B. im Epheserbrief dargestellt wird. Nachfolge Christi gemäß Philipper 2. Wie hat es Jesus getan? Wie sollten wir es tun? „Das biblische Analphabetentum ist ein großes Problem für die missionarische Zurüstung.“
– den Sabbat zur Zurüstung ernstnehmen, damit die Gläubigen an den sechs anderen Tagen ihr Apostolat ausleben können.
– bewußte Gestaltung der Liturgie zur Begegnung mit dem auferstandenen Christus, der uns in Wort und Sakrament stärkt und begegnet, damit wir den Sendungsauftrag leben können
– Experimente starten, Risiken eingehen
– Gebet der Gemeinde als Fortsetzung des apostolischen Gebets

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[Auf Reisen] „Kirche und Postmoderne“ III – Freitag Abend

19. Oktober 2007

Matthias Clausen – Evangelistisch predigen unter nachmodernen Bedingungen

Klärungen
– viele Gebildete, die keine Ahnung vom Inhalt der Glaubenslehre haben
– Evangelisation ist kommunikative Zuspitzung der Mission
– Evangelisation ist bestimmt durch ihren Inhalt und ihre Kommunikation und daher mehr als Veranstaltungsevangelisation
– Kontextualisation ist Einlassen auf die Lebenswelt des Anderen – um unterschiedlichen Menschen dasselbe zu sagen, muß es different artikuliert werden
– durch kulturelle und lebensweltliche Nähe das Recht zum Reden erwerben
– Evangelisation ist Teil der umfassenden Missio Dei – Gott inkarniert in unsere Welt, kommt auf Augenhöhe und darum ist kontextuelle Evangelisation Ausdruck des Wesens von Evangelisation

Evangelisation in der Postmoderne
– Unterscheidung zwischen traditioneller Evangelisation und neu aufkommender Evangelisation („Emerging Evangelism“)
– Robert E. Webber (The Younger Evangelicals) sieht drei Ansätze von Evangelisation

  • Traditioneller Ansatz: Veranstaltung mit herausfordernder Botschaft
    Pragmatischer Ansatz: Sucherorientierter GoDi, Ermutigung und Aufzeigung der Lebenshilfe durch das Evangelium
    Evangelisation als Prozess in der Emerging Church, dialogischer und beziehungsorientierter Ansatz

– Kennzeichen der PoMo wie Mo: Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
– Frage: Sprechen diese drei Ansätze zur Postmoderne? Wie sieht eine evangelistische Verkündigung aus, welche die Sprache der PoMo spricht?
– Lyotard: Skepsis gegenüber den Metaerzählungen – Institutionen, welche die bestehende Ordnung legitimieren. Statt dessen wünscht er sich diskursive Ansätze.
– Die Postmoderne beginnt dort, wo der einheitliche Zugang zur Wirklichkeit aufhört.
– Pluralität (verschiedene Perspektiven auf die Wirklichkeit, die einander auf der personalen Beziehungsebene respektieren und akzeptieren) vs. Pluralismus (auf der Metaebene: Alle Perspektiven haben gleiche Gültigkeit) müssen unterschieden werden, denn ein solcher Pluralismus ist mit evangelistischer Theologie nicht vereinbar. Es muß schon erlaubt sein, beherzt und friedlich für die eigene Überzeugung einzustehen.

Überzeugungsprozesse erkunden
– der Heilige Geist wirkt den Glauben, aber er benutzt menschliche Prozesse, darum muß auch gearbeitet und nachgedacht werden.
– Konversion ist mehr als Kognition – alle Lebensbereiche sind beteiligt – auch Denken, Fühlen, etc.
– das Verstehen von neuen Konzepten läßt sich nicht von veränderten Lebensprozessen trennen – man lebt sich in ein neues Denken

Postfoundationalism (nicht mehr an selbstevidente Grundüberzeugungen gebunden) als Gesprächsangebot an die Postmoderne
– verschiedene Sichtweisen auf die Wirklichkeit brauchen für ein gemeinsames Gespräch nicht denselben Ausgangspunkt
– von der Idee einer für alle verbindlichen Wirklichkeit müssen wir uns nicht verabschieden

1) Alvin Plantinga und die Rationalität des Glaubens
Wir haben es mit einer Wirklichkeit außerhalb uns selbst zu tun. Ist Glaube an Gott rational? Nach dem alten Verständnis (allgemein evident) hatte er einen schweren Stand. Aber: Die Kriterien des klassischen Foundationalism sind in sich widersprüchlich. Was spricht dagegen, den Glauben an Gott selbst als basale Überzeugung zu sehen? Nach Plantinga haben Überzeugungen eine Struktur. Wenn jemand zum Glauben kommt, ändern sich nicht nur seine Überzeugungen, sondern es ändert sich auch die Art und Weise, wie sich seine Überzeugungen ändern. Wenn ein Mensch das Evangelium annimmt, wird er bald merken, wie sein gesamtes bisheriges Verständnis infrage gestellt wird – sein Denken, Fühlen, Glauben etc. Wie also darauf reagieren?

  • Proklamatorischer Ansatz: Man könnte herausfordernd predigen und zu klaren Entscheidungen rufen. Indikativisch und assertorisch predigen mit dem Verzicht auf Begründungen. Darum blieb dieser Ansatz im Clinch mit der Moderne. Die traditionelle Evangelisation bezog ihre Kraft daraus, daß sie sich auf von ihren Adressaten akzeptiere Autoritäten begründete („The bible says…“)
    Apologetischer Ansatz: Begründung gemäß des aufklärerischen Ansatzes. Emerging Church: Skepsis gegenüber Apologetik, gelebter Glaube. Webber: From rationalism to embodiment. John Finney: Das Mysterium wiederentdecken. Apologetik hat in der Postmoderne immer noch ihren Platz. Argumente funktionieren lokal – ich kann an die Überzeugungen der Menschen angreifen, die mir in persona gegenüber sitzen. Apologetische Verkündigung hat auch eine seelsorgerliche Funktion, weil Menschen erkennen, daß man auch glauben und seinen Verstand eingeschaltet lassen kann. Wir müssen also nach den Überschneidungen unserer Denkwelten suchen und dort ansetzen – z.B. Esoteriker glauben wie wir daran, daß es auf der Welt mehr gibt, als wir sehen können. Wie in einem solchen Gespräch die Veränderung grundlegender Überzeugungen geschehen kann, ist nicht einfach zu sagen. Plantinga spricht von „defeaters“ – durchschlagenden Elementen, die das bisherige System aufweichen. An dieser Stelle muß noch weitergedacht werden.

2) Ludwig Wittgenstein und Sprache als Medium der Wahrnehmung
Zwei Konzepte sind wichtig: Sprachspiel und Lebensform. Sprache ist eine Fülle dynamischer Prozesse, die alle ihre eigene Binnenlogik haben und daher als „Sprachspiele“ bezeichnet werden. Schon unser Verständnis von Sprache ist eng verknüpft mit unserer Lebenswelt und Lebenspraxis. Rezipiert wurden diese Konzepte u.a. von George Lindbeck und Stanley Hauerwas. Das zum-Glauben-kommen kann man mit dem Erlernen einer neuen Sprache vergleichen. Es sind dieselben Worte mit einer anderen Bedeutung: „Vater“ in Bezug auf Gott ist neu gefüllt, „Liebe“ in Bezug auf Christus ebenfalls. Die evangelistische Predigt muß noch stärker im gelebten Salz-und-Licht-Kontext verortet sein. Verkündigung als Nacherzählung biblischer Inhalte, das einen eigenständigen Blick auf die Wirklichkeit ermöglicht. Sprachwelt der Erzählung wird zur Denkwelt der Hörer.

Fazit:
Postmodern ist die Offenheit für vielfältige Zugänge zur Wirklichkeit, darum müssen wir keine direkte Begründung geben. Wir haben auch keine, nur die Bitte: „Laßt euch versöhnen mit Gott!“ Wir können die christliche Glaubenswahrheit nicht erzeugen, wir können sie nur bezeugen.

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« II – Freitag Nachmittag

19. Oktober 2007

[Diesmal direkt die Notizen, unreflektiert festgehalten. Die Notizen geben die Gedanken des Referenten wieder.]

Ralph Kunz – Keine Kirchenreform ohne Taufreform. Chancen und Fallstricke eines tauforientierten Gemeindeaufbaus
– jedes Jahr verschwindet in der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich eine Gemeinde
– die institutionelle Religion übernimmt (immer noch) die Funktion der Hintergrundserfüllung. Sie funktioniert wie eine Versicherung. Man ist froh, wenn man eine hat und ebenso froh, wenn man sie nicht braucht
– das Verhältnis von Kern- und Schalengemeinde ist eine kybernetische Knacknuss (Kern: GoDi-Besucher, Schalen: Getaufte)
– Mission ist nicht die Lösung für Probleme der ehemaligen Volkskirchen. Kein Gemeindeaufbau ohne Kirchenreform – und umgekehrt!
– Wenn Mission zu einem Glauben reizen, wecken und verlocken soll, der eine integrale Lebenspraxis ist, kann die Erhaltung der Grosskirche à tout prix nicht ihr primäres Ziel sein
– Ernst Troeltschs Unterscheidung der drei Sozialgestalten der Kirche:

„Sekte“ als Urform der Jesusbewegung ist eine Gemeinschaft der Geretteten. – „Bewegung“
Die „Heilsanstalt“ (verwaltet das Heil) ist das Resultat eines Institutionalisierungsprozesses, in dessen Verlauf sich der Klerus ausgebildet hat. – „Institution“
– Großkirchen tragen das heilige Feuer der Jesusbewegung in sich und ebenfalls den Großinquisitor Dostojewskijs
– Großkirchen sind Gebilde, in denen sich bewegung, Institution und Organisation spannungsvoll ergänzen und begrenzen
Die Auflösung der Institution mündet in den „mystischen Spiritualismus“, der sich als konsequente Entkoppelung von Mitgliedschaft und Beteiligung manifestiert.

Weder Organisationen noch Institutionen missionieren. Sie machen Mission möglich oder unmöglich. Mission ist Sache der Bewegung von Menschen, die angezündet sind vom Feuer der Liebe Jesu, sie ist Sache des Leibes Jesu. Die Schar der Anhänger der Großkirchen ist pluriform geprägt.
Der „religiöse Frieden“ innerhalb Großkirchen ist solange nicht gefährdet, als die Bewegungen, die unter dem Dach der Kirche missionieren, die Grundregel der Organisation akzeptieren. (Und diese ist Religionsfreiheit.) Die Religionsfreiheit und politische Freiheit sind nicht christliche Freiheit, da letztere viel komplexer ist. Zwischen dem mystischen Spiritualismus und der liberalen Theologie ist eine enge Verbindung, wir haben liberale Ekklesiologien in Stein gegossen. Die (Kinder-)Taufe macht den Menschen zum Christen, verpflichtet ihn aber nicht dazu, Christ zu werden. Die Zeit der Großkirchen ist noch nicht (überall) zu Ende, aber es ist offensichtlich, daß es lose Enden gibt, die neu verknüpft werden müssen. Hinsichtlich der Institution ist die Taufe ein Sakrament, für die Bewegung das Zeichen zur Zugehörigkeit, für den Spiritualismus eine symbolische Inszenierung.
Es zeichnet sich eine deutliche Positionierung der Gemeindetypen innerhalb der Organisationen ab.

Unter „Postmoderne“ sind Prozesse der strukturellen Individualisierung zu verstehen, die gleichzeitig die Ausdifferenzierung kultureller Milieus und die Ausbildung von Patchworkidentitäten fördern. Die Gleichung „Postmoderne“ hat viele Variablen. Sie beschreibt nicht das Ende, sondern neue Verknüpfungsvarianten der losen Enden der Modernisierung, die wiederum eine Radikalisierung und Steigerung der Moderne bewirken. Die 1920er waren ein Probelauf der Postmoderne, der im grossen Modernisierungsschub der 1960er und 1990er Jahre seine Fortsetzung fand.

Bonhoeffer in SC: Wie kann die geistliche Größe der Kirche sozial gestaltet bzw. umgesetzt werden? Drei Stufen der Christlichkeit: a) Taufgemeinde, b) Wortgemeinde, c) eucharistische Gemeinschaft – damit hat dieses Modell eine geistliche Mitte. Der Webfehler an diesem Modell: Die Taufe gehört nicht an den Rand, sondern ins Zentrum der Kirche.

Jürgen Moltmann rückt ebenfalls die Taufe ins Zentrum. Er versucht dabei eine pneumatologische und eschatologische Perspektive wieder ins Licht zu rücken. Taufe ist nach Moltmann ein kreatives Geschehen, weil sie die Gemeinde in der Gesellschaft umkehrt. »Die Taufe kann ihrem Sinn entsprechend nur praktiziert werden, wenn zugleich die öffentliche Gestalt und Funktion der Kirche in der Gesellschaft verändert wird und die Kirche als messianische Gemeinschaft Christi erkennbar und aktiv wird. Eine glaubwürdige Taufpraxis kann nur zusammen mit einer glaubwürdigen Kirche gewonnen werden. Keine Taufreform ohne Kirchenreform, und keine Kirchenreform ohne Taufreform!« (Kirche in der Kraft des Geistes, 252-268.58) Moltmann orientiert sich an der Gottesherrschaft. Gemeinsame Umkehr ist geboten. Das „öffentliche Lebenszeichen des Heiligen Geistes“ ist kein Privatereignis. Ein Mensch, der in die trinitarische Geschichte Gottes hinein gestellt wird, tritt ein in die messianische Gemeinschaft Jesu Christi. Wenn es bei der volkskirchlichen Säuglingstaufe bleibt, fällt diese Dimension aus. Darum: Nur in dem Maße, wie die Kirche zu einer erkennbaren messianischen Dienstgemeinschaft am Reich Gottes wird, können Einzelne ihre Berufung im beschriebenen Sinn realisieren. Umgekehrt aber entsteht eine solche Gemeinschaft erst aus bekennenden Glaubenden.

Brauchen wir einen solch radikalen Paradigmenwechsel, wie Moltmann ihn fordert? Nein, nicht die Alternative Säugling oder Erwachsener, sondern es geht um die Wertschätzung und Befreiung der Erwachsenentaufe. Die Kritik an der Entkoppelung von Mitgliedschaft und Beteiligung kritisiert den Taufautomatismus. Kritik am „ex opere operato“-Modell. Die Gemeinde aktualisiert, was Gott realisiert. Die Erwachsenentaufe ist keine Lösung für das Problem der Volkskirchen. Aber der Taufautomatismus ist ein Problem geworden, weil er die Krise der Kirche in der Postmoderne verschärft und kreative Lösungen verhindert. Es geht darum, die Taufe beherzt ins Zentrum der Gemeinde zurückzuholen, dort wo sie eigentlich hingehört. Die automatische Säuglingstaufe ist das theologische Feigenblatt einer geistlich entblössten Kirche geworden, in der Konfirmation deformiert wurde. Eine automatische Erwachsenentaufe wäre genauso falsch. Wo der Taufakt von der Gemeinschaft erzwungen wird, wird Konversion pervertiert. Gemeinde ist die Verbindung von Christenmenschen durch den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Die Entscheidung für Taufe und Tauferinnerung ist ein Akt des sich-in-Gottes-Arme-werfens. Es geht um die Erfahrung des Erfassens der Gottesgemeinschaft und der neuen Selbstwahrnehmung als transformiertes Geschöpf. Mystisch „ich in Dir und Du in mir“. Die Taufreform hat die geistliche Konzentration der Gemeinde zum Ziel. Wenn Menschen in ihren Gemeinden Gott erfahren, ist »Kirche der Freiheit« keine leere Formel mehr.

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« in Greifswald

19. Oktober 2007

Heute schreibe ich in liegender Position im Doppelbett der Jugendherberge zu Greifswald. Über mir schläft Daniel alias [depone], links Peter alias peregrinatio. Wir befinden uns auf dem »most strategic Symposium zu „Kirche in der Postmoderne“ ever« am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg. Kurze Auszüge, die ich als bedenkenswert erachte:

Lamin Sanneh – Third Wave Awakening and Concurrent Cultural Shifts: Renewal and Convergence in Post-Western Christianity
Das Christentum übersteigt seine Kultur. Es wird als einzige Weltreligion nicht in der Sprache seines Gründers weitergegeben, ist im Kontinent seines Ursprungs schwach. Für das Christentum gibt es keinen singulären „heiligen Boden“, da Gott der Missio Ecclesiae vorausgeht. Das Christentum muß in alle Kulturen inkarnieren. Der Ratschluß Gottes kann (ja muß!) den Marginalisierten so vermittelt werden, daß sie es verstehen. Wir brauchen mobile Kirchenstrukturen, kein attraktionelles Gemeindemodell, sondern einen gesandten Leib, der dort hin gehen muß, wo die Menschen sind und sie dort aufsuchen. Denominationen sind Brücken auf dem Weg der Menschen zu Gott, keine Hindernisse.

Andreas Feldtkeller – Kontextuelle Missionstheologie? Das Beispiel Mitteleuropa
Alle Theologie ist kontextuelle Theologie. Wir brauchen keine universale, an der Missio Dei orientierte Missionstheologie, sondern eine Missionstheologie aus dem Westen für die Menschen im Westen. Entscheidende Fragen sind: Wie kann Theologie missionarisch werden? Wie kann sie den Theologen missionarische Kompetenz geben? Theologie verfehlt ihre missionarische Kompetenz dann, wenn sie unter- oder überkontextualisiert ist. Zur Situation in Europa: Die Religionsfreiheit wurde teuer erkauft. Sie ist die geschichtlich hintergründigste Religionsfreiheit, die es auf der Welt gibt. Der Versuch der Rückgewinnung der aus den Volkskirchen ausgetretenen Mitgliedern kann von den Betroffenen als mangelnder Respekt vor ihrer Religionsfreiheit verstanden werden. Wir dürfen unsere missionarischen Möglichkeiten nicht durch den unsensiblen Gebrauch theologischer Richtigkeit verspielen. Mission im Kontext der Religionsfreiheit beudeutet, den Menschen ein Angebot zum Gebrauch ihrer Religionsfreiheit zu machen. „Es ist gut, wenn die Menschen wissen, daß sie auch andere tatsächlich verwirklichbare Möglichkeiten gehabt hätten.“ Wir dürfen die anderen Religionen nicht verzerrt darstellen, sondern sollten danach streben, das Evangelium im fairen Vergleich zum Leuchten bringen.

Heinz-Peter Hempelmann – Kenotische Partizipation. Philosophisch begriffene Postmoderne als theologische Herausforderung.

  • Postmoderne als Position wäre ein Widerspruch in sich selbst und würde sich daher selbst aufheben
  • Die Vernunft – das ist nichts anderes als Sprach-Metaphysik (Friedrich Nietzsche)
  • Die Suche nach Sinn ist ein Anachronismus. Die Zukunft kommt ohne Sinn aus. (Rehfus?)
  • Jesus als das Wort Gottes ist ein Wort unter anderen, aber nicht wie andere. Gemäß dem Hebräischen dabar, das »Wort« und »Ereignis« meint.
  • Jesus trägt seine Wahrheit nicht leer vor sich her. Er steht außerhalb jeder Religion als System.
  • Wenn Jesus Sinn behauptet, Sinn stiftet, dann dominiert er nicht; er dient. (…) Er macht sich selbst zum Mittel des Lebens anderer. Vgl. Mk 10,45.
  • Interpretation heißt im Kontext Jesu, dem Leben einen Sinn geben, es ent-werten.
  • Kirche setzt sich und ihre Wahrheit aus, indem sie ihre Theologie verläßt und sich auf die Menschen einläßt. Sie erwartet nicht, daß man unbedingt auf sie hört, aber daß man gerne hört. Wir sollen anderen zum Brief Christi werden. Darum: Personelle Präsenz statt propositioneller Proklamation. Kirche mischt mit und mischt sich dazwischen. Kirche arbeitet daran, ihr Image als moralische Instanz zu verlieren.

Update:
Ein kurzer Verweis von idea auf den Vortrag von Lamin Sanneh: Das Abendland ist nicht mehr Zentrum der Christenheit.

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Gedanken über das Buch Hiob oder: How (not) to speak of God

20. September 2007

Donnerstags von Prag heimgekommen hatte ich am Samstag während einer Wochenendfreizeit den Bibelarbeitsteil für 14-18jährige zu verantworten. Als Thema war von der Freizeitleitung »Halte durch« gewählt worden. Vormittags unterhielten wir uns in der Teeniegruppe über miese Erfahrungen im Leben und den Umgang mit ihnen. Als ich die Jugendlichen nach biblischen Personen fragte, von deren Erfahrungen wir evtl. profitieren könnten, fiel schnell der Name Hiobs, über dessen Geschichte wir dann ausführlich nachdachten. Dabei sind mir einige Gedanken gekommen, die ich an dieser Stelle festhalten möchte.

Die Vorgeschichte
Hinter den Kulissen läuft ein mieser Deal: Gott und Satan gehen eine Wette ein. Der Einsatz ist nicht bekannt. Gegenstand der Wette: Der gerechte Hiob. Satan meint, dieser diene Gott nur deshalb, weil er so gesegnet sei. Gott geht darauf ein und erlaubt Satan, Hiob Leid zuzufügen. Hiob verliert infolgedessen fast sein gesamtes Eigentum und seine Kinder, wird selbst schwer krank »mit bösen Geschwüren von der Fußsohle bis zum Scheitel«. Dabei versündigt er sich nicht, sondern hält an seiner Frömmigkeit fest, obwohl ihm seine Frau nahelegt, dem Vertrauen auf Gott abzuschwören.

Feine Freunde
Drei Freunde Hiobs hören von seinem Unglück und besuchen ihn, weinen mit ihm und teilen sieben Tage lang still seinen Schmerz. Danach hebt Hiob zu einer Klage an und verflucht den Tag seiner Geburt. Lieber wäre er gestorben, dann hätte er jetzt im Totenreich seine Ruhe. Seine Freunde klagen ihn an: Er habe irgendeine heimliche Sünde begangen, seine Weste sei nicht so rein, wie er tue, darum habe Gott ihn bestraft. Hiob beharrt auf seiner Unschuld, ja er würde gerne mit Gott vor Gericht treten, damit der ihm sagen könne, warum er einen Unschuldigen so bestraft habe. Für die Freunde ist das Blasphemie – Gott mache eben keine Fehler und wisse genau, daß die Strafe, die Hiob ereilt hat, gerecht sei. Darum rufen sie Hiob zur Umkehr und Demütigung unter Gott auf. Wieder und wieder beteuert Hiob seine Unschuld, beklagt sein Unglück und appelliert an Gott. Danach tritt ein vierter Mann auf den Plan, der die Vorwürfe an Hiob nochmals wiederholt. Seine Aussage: Gott vergilt jedem nach seinem Tun und bestraft den, der es verdient hat.

Gottes Antwort: Fragen über Fragen
Gott antwortet Hiob, indem er Fragen stellt und seine eigene Größe Hiob gegenüberstellt: »Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, daß du recht behältst? Hast du einen Arm wie Gott, und kannst Du mit gleicher Stimme donnern wie er?« Keine Erklärung. Gott gewährt Hiob keinen Blick hinter den Vorhang. Er sagt nicht: »Hör mal, ich hatte da eine Wette am Laufen…«. Der Blick auf die Größe Gottes läßt Hiobs Fragen und Anklage verstummen. Hiob spricht sich schuldig und tut Buße in Sack und Asche.

Wie man (nicht) von Gott reden sollte
Die überaus überraschende Wendung geschieht am Ende:

Als nun der Herr diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. So nehmt nun sieben junge Stiere und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch; aber mein Knecht Hiob soll für euch Fürbitte tun; denn ihn will ich erhören, daß ich nicht töricht an euch handle. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. (Hiob 42,7f)

Das ist für mich der eigentliche Hammer des Buches: Hiob wird gerechtfertigt. Seine Freunde aber, die so genau zu wissen schienen, wie Gott handelt, werden gerügt. Sie haben Mist erzählt, Hiob nicht.

Gott ist doch wieder anders!
Nein, Gott ist nicht derjenige, der mit Argusaugen im Leben der Menschen, die mit ihm und für ihn leben, nach Spuren der Sünde sucht, um diese sofort zum Anlaß für eine Strafe zu nehmen. Frag nach bei Abraham in Ägypten, bei David in mehreren Situationen oder bei der Petze Joseph. Er führt seine Leute anders, individuell, oft durch krasse Tiefen hindurch, für die wir keine menschliche Erklärung haben. Glücklich der Mensch, der wie Joseph zu seinen Brüdern sagen kann: „Ihr gedachtet es böse zu machen, der HERR aber gedachte es gut zu machen!“ Ambivalent war das bei Hiob. Natürlich war er nach der Prüfung doppelt so reich als vorher, hatte sieben Söhne und drei Töchter, von denen letztere als die Schönsten weit und breit galten. Toller Trost, denke ich sarkastisch. Jeder Vater wird seine Kinder für die Schönsten halten. Und wenn Hiob hundert Kinder gehabt hätte – das macht diejenigen, die ihm weggerissen wurden, nicht wieder lebendig… Und – na klar – da gibt es noch diejenigen, bei denen es auf dieser Erde nicht wirklich gut ausgegangen ist. In der Ruhmeshalle der Gläubigen im elften Kapitel des Hebräerbriefes werden nach all den glorreich siegreichen Überwindern noch weitere Glaubenshelden genannt:

Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Erdlöchern.

Auch so kann es aussehen, wenn wir »im Triumphzug Christi mitgeführt« werden. Nein, es wird nicht immer prickelnd laufen. Wir werden nicht immer von großen Siegen berichten können. Und schon gar nicht werden wir das Handeln und Wesen Gottes in einem Satz ausdrücken können. Die Freunde Hiobs lagen falsch. Ob die Vorstellungen, die wir uns von Gott machen, ihm mehr entsprechen? Gut ist, daß »das Wort Fleisch wurde« und Gott »zuletzt zu uns geredet hat im Sohn«. Gut ist auch die Verheißung, daß »bei denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten zusammenwirken«. Das ist doch schonmal was.

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Wie ist die Bibel zu verstehen? und Was kommt am Ende?

18. September 2007

In den Kommentaren zu meinem Post über Eschatologie, Protologie und Hermeneutik hat sich ein interessanter Austausch zum Verständnis der Bibel entwickelt. Können wir das eigentlich alles wörtlich nehmen, was da steht? Können wir das AT heute noch so verstehen, wie z.B. Jesus und Paulus es verstanden haben? Oder sind wir als Menschen des 21. Jahrhunderts nicht eigentlich schon viel weiter? Ich freue mich über den Austausch und lade Dich zu Deinem Beitrag ein.
Der Ausgangspunkt zu diesem Post war ein Nachdenken über Eschatologie, die Lehre von den »letzten Dingen« – also: Einerseits Tod und Leben nach dem Tod sowie Leben nach dem Leben nach dem Tod, aber auch darüber, was unter der »Wiederkunft Jesu« zu verstehen ist, wie diese vor sich geht und was davor und danach geschieht. Simon hat in der Zwischenzeit das Thema aufgegriffen und zu Diskussionbeiträgen aufgefordert. Mehr als das, was ich im erwähnten Post geschrieben habe, wird es in naher Zukunft von mir nicht geben, aber sollten Dich die Fragen der Eschatologie interessieren, dann lies Dir doch mal die Beiträge durch, welche Simon hier und hier verlinkt hat.

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Eschatologie und Protologie – Gerade knabbere ich ein wenig an der Hermeneutik

1. September 2007

[Mal wieder ein Post, in welchem ich meine Gedanken-auf-dem-Weg sortiere und kein prinzipielles Statement raushauen will.]
In einem Kommentar zu meinem Post »New Perspective« Revisited hat Danny geschrieben:

Wenn man Wright liest, bekommt man oft den Eindruck, er würde vieles der Eschatologie (Himmel, Hölle, Endzeit) nicht ganz ernst nehmen, bzw. allegorisch auslegen.

Dem würde ich nur zum Teil zustimmen. Ich glaube, daß NTW diese Dinge sehr ernst nimmt, sie aber, wie Danny richtig sagt, anders auslegen. Nun bin ich bei Hans Küng auf ein Zitat gestoßen, das Vieles auf den Punkt bringt, an dem ich gerade herumknabbere.

Wie die Protologie keine nacherzählte Reportage früher erfolgter Ereignisse ist, so ist die Eschatologie keine vorausgenommene Reportage später erfolgender Ereignisse. Die sechs Schöpfungstage und die Erzählung von der Erschaffung des Menschen sind Bilder – so wissen wir heute -, die nicht den naturwissenschaftlichen Ablauf der Weltschöpfung beschreiben, die aber auch den heutigen Menschen die Herrlichkeit und Einzigkeit des Schöpfers und die Größe, Vielfalt und Güte seines Werkes künden. Ebenso können die aus den Propheten (besonders Isaias und Daniel) und der zeitgenössischen Apokalyptik übernommenen und nicht ohne weiteres Jesus selber zuzuschreibenden synoptischen Schilderungen des Weltendes, wo die Sterne vom Himmel fallen, die Sonne sich verfinstert und die Engel Posaune blasen, nicht den naturwissenschaftlichen Ablauf des Weltendes beschreiben, sondern die endzeitlich-endgültige Vollendung und Offenbarung der Gottesherrschaft als ein unser Begreifen übersteigendes, allein durch Gottes Macht herbeizuführendes Geschehen ankündigen. In diesen verschiedenen synoptischen (bzw. paulinischen) Schilderungen, die im übrigen keineswegs miteinander übereinstimmen, ist somit zwischen Bild und Sinn, Aussageweise und Aussageinhalt zu unterscheiden. (Quelle: Hans Küng, Die Kirche, S. 80f)

Nun, ich sehe die Dinge ein bißchen anders. Ich versuche, mir mein Bild von dem, was die Schrift sagt, anhand innerbiblischer Hinweise zu machen. Und da bin ich vorab zu nachfolgenden Gedanken gelangt.

Protologie – Über die »Urgeschichte«
Die Erzählung von der Erschaffung der Welt in Gen 1 und der Erschaffung des Menschen in Gen 2 schließt nahtlos an die Geschichte des Essens der Frucht vom verbotenen Baum und der Vertreibung aus dem Paradies an. Es erfolgt die Geschichte des Brudermordes in Gen 4, die Auflistung der Nachkommen Adams bis Noah in Gen 5, die Erzählung von den Gottessöhnen in Gen 6, die Geschichte über die Sintflut in Gen 6-8, Gottes Neuanfang und Bund mit Noah in Gen 9, die Völkertafel in Gen 10 und die Erzählung vom Turm in Babel in Gen 11. Diese elf Kapitel werden gemeinhin als die »Urgeschichte« bezeichnet. Manche Theologen betonen, daß es sich dabei um keine historischen Ereignisse handelt. Wichtig sei nicht, daß all dies so passiert ist, sondern was uns die Geschichten sagen wollen. Dieser Ansicht widerspricht meines Erachtens der gesamtbiblische Befund. Immer wieder tauchen die Namen der in der Urgeschichte handelnden Personen in Geschlechtsregistern auf, so z.B. den Anfangskapiteln des ersten Chronikbuches. Jesus selbst hat Noah und die Erzählung von der Sintflut als historisch angesehen, das belegt seine Aussage in Mt 24,38 (par Luk 17,27). Nach Mt 23,35 hat Jesus auch den Tod Abels als etwas tatsächlich Geschehenes angesehen. In der Galerie der Glaubenshelden werden sowohl Abel als auch Noah erwähnt. Damit ergibt sich für mich, daß alles, was ab Gen 4 in der Bibel erzählt wird, auch tatsächlich so geschehen ist.
Wie ist das aber mit Adam und Eva? Hat es die wirklich gegeben? In Luk 3,38 wird der Stammbaum Jesu bis auf Adam zurückgeführt. Damit ist seine Historizität in einer Weise belegt, die für mich als DoSi ausreichend ist. In Röm 5,12-19 schreibt Paulus darüber, daß durch die Übertretung eines Menschen Sünde und Tod in die Welt gekommen sind und der Tod von Adam an geherrscht hat. Damit ist für mich die gemeinhin als »Sündenfall« bezeichnete Episode belegt, die in Gen 3 geschildert wird. Daß Paulus an die Historizität dieses Ereignisses geglaubt hat, verdeutlicht auch noch 1Tim 2,14. Damit vertraue ich dem Zeugnis der Schrift und glaube daran, daß das Essen der verbotenen Frucht und die Vertreibung aus dem Paradies genau so geschehen ist, wie in Gen 3 berichtet wird.
Und wie ist das jetzt mit der Erschaffung der Welt und des Menschen? Ich glaube persönlich, daß es sich bei Gen 1 um eine Zusammenfassung der Schöpfungsfolge handelt und Gen 2 dann nochmals genauer die Erschaffung des Menschen beleuchtet. 1Kor 15,45 und 1Tim 2,13 lassen schließen, daß Paulus auch Gen 2 für historisch gehalten hat. Damit bin ich zufrieden. Etwaige kleinere Widersprüche zwischen den ersten beiden Kapiteln der Genesis bzw. andere Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaft lassen mich ruhig schlafen. Ich kann mit dem leben, was mir von der Schrift her als deutlich offenbart erscheint. Andere Menschen, die mit der »Urgeschichte« ihre Probleme haben und das anders sehen als ich, sind auch in Ordnung und »gute Christen«.
Mit meiner Position widerspreche ich allerdings Hans Küng. In meinem Verständnis handelt es sich bei der Protologie tatsächlich um eine »nacherzählte Reportage früher erfolgter Ereignisse«.

Eschatologie – Über die »letzten Dinge«
Was die Eschatologie anbelangt, bin ich mir allerdings ehrlich gesagt viel weniger sicher. Ich schwanke. Bislang habe ich die apokalyptischen Bilder Jesajas, Daniels und der Offenbarung immer literarisch gedeutet. Auch im zweiten Petrusbrief finden sich Stellen, die darauf hindeuten. Und ich glaube im Moment auch nicht daran, daß Gott diese Erde erneuern wird. Sondern ich glaube an eine Neuschöpfung. (Nebenbei: Als Grund für ein Engagement für die Belange der Umwelt genügt der Bewahrungsauftrag. Dazu brauche ich die Theologie der erneuerten Erde nicht.) Wenn in Offb 21 von einem neuen Himmel und einer neuen Erde gesprochen und die Aussage getroffen wird, daß der erste Himmel und die erste Erde vergangen sind, dann klingt das für mich eindeutig. Ich habe kein Problem damit, wenn andere das anders sehen, aber allein die Tatsache, daß es in der apokalyptischen Literatur des Judentums ähnliche Visionen gibt, muß meines Erachtens noch lange nicht heißen, daß einstmals nicht tatsächlich die Sterne vom Himmel fallen werden. Da ist noch zuviel vom reformatorischen Erbe in mir, als daß ich glaube könnte, daß es zum Verständnis der Bilder in den Propheten und der Offenbarung einen Spezialisten der jüdischen Apokalyptik bräuchte und sich der Sinn nicht auch einem Normalsterblichem mit offenem Herzen erschließen könnte. In diesem Sinne trete ich für claritas scripturae, die »Klarheit der Schrift« ein.

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»New Perspective« Revisited

27. August 2007

Vor einiger Zeit hatte ich Gedanken zur neuen Paulusperspektive mit der Frage nach einem blinden Fleck in der evangelischen Theologie eingeleitet und etwas später dann eine Blogserie Scot McKnigths zur »New Perspective« übersetzt und zusammengefaßt.

Falls Du die Diskussion nicht verfolgt hast, finden sich hier weitere Stimmen zum Thema:

  • Peter leidet an der augustinischen Sünden- und Gnadenlehre und zitiert einen älteren Post von Scot über die „Grace Grinders“
  • Simon faßt ältere Notizen zu einem erhellenden Aufsatz von Christian Strecker zusammen
  • Ron vom Theoblog setzt sich direkt mit der Serie von Soct McKnight auseinander. Darüber hinaus finden sich bei ihm auch Links zu MP3s eines englischsprachigen Vortrages von Peter Stuhlmacher. In Teil 1 und Teil 2 erläutert Stuhlmacher seine (eher traditionelle) Sicht von »Justification According to Paul«, im kurzen dritten Teil setzt er sich direkt mit der NP (v.a. Stendahl, Sanders und Dunn) auseinander.

Sämann’sches (Zwischen-)Fazit:
Ich selbst habe bislang nur aus zweiter bzw. dritter Hand über die NP gelesen. Und ich habe den Verdacht, daß auch in dieser Diskussion das bekannte Problem vorherrscht: Der jeweils Andere wird vereinfacht dar- und seine Schwachpunkte übertrieben herausgestellt. Von meinem Verständnis des Alten Testaments her habe ich „das Judentum“ immer als Gnaden- bzw. Bundesreligion verstanden: Aus freiem Gnadenentschluß wendet sich Gott Israel zu, macht es zu seinem Volk und gibt ihm die Torah als Anleitung zum Leben-mit-Gott. Erst die Gnade, dann der Gehorsam, den ich als Bundestreue verstehe. Erst die Annahme durch Gott, dann die Werke des Menschen. Diese Reihenfolge bleibt im Neuen Testament erhalten. Der entscheidende Unterschied: Im Leben des Christen ist die Macht der Sünde zwar noch vorhanden – aber ent-machtet, aus dem steinernen Herzen ist ein fleischernes Herz geworden, in welches Gott seinen Willen/seine Idee vom Leben geschrieben hat. Wer an/in Jesus bleibt, wird vom Heiligen Geist, der in sein Inneres ausgegossen ist, transformiert, Christus gleichgestaltet und die Frucht des Geistes wächst heran. Aus dieser Frucht entstehen Werke. Ohne diese ist der Glaube tot. Und diese Werke werden im (End-)Gericht eine Rolle spielen – ver-urteilt wird kein Christ (denn Gerechtigkeit kommt durch Christus) – be-urteilt wird hingegen jeder Christ gemäß seiner Werke.

Was mich noch interessieren würde…
Damit habe ich meine (bislang noch sehr traditionellen) Karten auf den Tisch gelegt. Allerdings ist meine Position (insbesondere der Satz vom Endgericht) sehr dehnbar… Was denkst Du? Und – eine weitere Frage an die NP-Insider – warum höre ich von den Kritikern der NP soviel über das jüngste Gericht und sowenig über das diesseitige Leben – und warum ist das bei ihren Vertretern genau umgekehrt? Ich jedenfalls lese in der paulinischen Briefliteratur und den Predigten des Paulus in der ApG a) vom Gericht und b) vom Leben im Diesseits. Und warum ist es heute offensichtlich nicht mehr angebracht, davon zu reden, daß Gott den „ganzen Erdkreis richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, Jesus Christus“? Was in den Predigten der Apostelgeschichte einen so großen Stellenwert hatte, was in den Briefen und der Offenbarung immer wieder betont wird, lasse ich mir durch die Vertreter der NP nicht weginterpretieren – es sei denn, die Lektüre von Sanders und Dunn überzeugt mich 😉 Und warum wird es selbst in unseren post-evangelikalen Kreisen immer unattraktiver, im Namen Jesu über die Buße zur Vergebung der Sünden zu sprechen – obwohl Christus selbst seinen Jüngern diesen Auftrag gegeben hat (Luk 24,47)? Warum müssen wir immer gleich das Kind mit dem Bade ausschütten, nur weil wir selbst gebrannte Kinder sind und leidvolle Evangelisationserfahrungen nicht wiederholen wollen?

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