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Archiv für die 'Bücher' Kategorie

The Blue Parakeet Teil 3 – Unterscheidung: Wie profitiere ich von der Bibel?

8. Juli 2009

[Dies ist der vierte Post zu Scot McKnight’s Buch The Blue Parakeet: Rethinking How You Read the Bible.]
Blue Parakeet-3
Welche Gebote aus dem Alten Testament gelten denn noch für uns heute? Im Kern hat die Kirche immer gelehrt, dass sich die Zeiten geändert haben und wir vom Neuen Testament Muster lernen können, wie wir unterscheiden, was zu tun und was nicht zu tun ist. Wir haben uns immer manche Dinge herausgepickt, an die wir uns halten, und andere, an die wir uns nicht halten. Entscheidend ist, wie wir das, was Gott durch sein altes Wort, das an eine andere Zeit gerichtet war, sagte und sagt, heute hören und in unseren Tagen anwenden. Das ist nicht einfach, aber wir können uns darauf verlassen, dass der Heilige Geist uns leitet, wenn wir beten, die Schrift studieren und mit der kirchlichen Tradition ins Gespräch kommen. Es wäre viel leichter gewesen, wenn Gott uns für alles Regeln und Gebote gegeben hätte. Aber in seiner Weisheit hat er sich dagegen entschieden. Unterscheidung ist ein Teil dessen, was es bedeutet, im Glauben zu leben. Die Entscheidungen, die wir dann für uns treffen, dürfen wir aber nie zu allgemeingültigen Regeln erheben. Wir müssen uns immer tiefer auf den gemeinsamen Austausch einlassen und nach der größtmöglichen Einheit streben, aber hundertprozentige Sicherheit und absolute Einmütigkeit werden wir selten erlangen. Auf das Beispiel Ehescheidung und Wiederheirat angewandt: Das Neue Testament lehrt uns, dass wir uns fest der eingegangenen Ehe verpflichten sollen, erlaubt aber die Scheidung in Fällen, in denen der Ehebund zerstört wurde. Letztlich geht es darum, den verborgenen Grund zu finden, der zum Zerbruch der Beziehung geführt hat, und zu entscheiden, ob dieser Grund ausreichend für eine Scheidung ist. (Scot bringt weitere Beispiele, in denen es um die Beschneidung, den Kleidungsstil christlicher Frauen, die Frage nach dem kosmo- oder heliozentrischen Weltbild, die Todesstrafe und das Sprachengebet geht.)

Jeder wahrhaft biblische Glaube nimmt die Botschaft des Evangeliums und „inkarniert“ sie in einen Kontext. … Was für Abraham, Mose, David, Jesaja, Esra, Jesus, Petrus und Paulus gut war, ist auch gut für uns. Aber die genaue Ausdrucksform des Evangeliums oder die Lebensweise von Abraham, Mose, David, Jesaja, Esra, Jesus, Petrus und Paulus kann möglicherweise für uns nicht passend sein. Wenn wir die Bibel ausleben wollen, dann müssen wir sie unseren Tagen auf unsere Weise ausleben, indem wir gemeinsam zu verstehen versuchen, wie Gott sich unser Leben vorstellt. … Wir sind berufen, die Bibel zu lesen und die Bibel zu kennen und sie heute in unserer Welt auszuleben. … Ich habe gelernt, dass wenn die Bibel mit der Tradition gelesen wird, jede Generation dazu ermutigt wird, für sich selbst zu denken, zur Bibel zurückzukehren, ihren Vorrang zu bekennen und die Kraft des Evangeliums in unserer Zeit auf unsere Weise loszulassen. (S. 143f)

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The Blue Parakeet Teil 2 – Hören: Wie soll ich mit der Bibel umgehen?

5. Juli 2009

[Dies ist der dritte Post zu Scot McKnight’s Buch The Blue Parakeet: Rethinking How You Read the Bible.]
Blue Parakeet-2
Die Bibel ist anders als alle andern Bücher; diese Worte sind Gottes Worte, dieses Buch ist Gottes Buch und diese Geschichte erzählt Gottes Geschichte. Nicht dass die Worte »Autorität« und »unterwerfen« falsch wären, aber das Lesen der Bibel umfasst viel mehr, als sich nur ihrer Autorität zu beugen. Ein relationaler Ansatz unterscheidet zwischen Gott und der Bibel. Gott gab uns die Bibel aus Papier, die uns lehren soll, ihn als Person zu lieben. Wenn wir mit dem Buch richtig umgehen wollen, dann müssen wir verstehen, dass es sich dabei um Worte handelt, die Gott zu seinem Volk gesprochen hat. Auf diese Worte sollen wir hören. Wir nehmen teil an dem Gespräch, das in der Bibel stattfindet (z.B. Hiobs Erfahrung im Vergleich zum Gehorsam-Segens-Determinismus im Deuteronomium oder die Unterhaltung über Glaube und Gehorsam zwischen den Briefen des Jakobus und Paulus) und an dem Gespräch, das die Kirche über die Bibel führt. So führt uns unsere Beziehung zur Bibel zu einer Beziehung mit dem Gott, der in der Bibel und durch die Bibel zu uns spricht. Gott gab uns die Bibel nicht zu dem Zweck, dass wir die Bibel verstehen, sondern damit wir durch sie Gott kennen sowie ihn und unsere Mitmenschen lieben lernen. Dies kann nur geschehen, wenn wir mit der richtigen Haltung auf die Stimme Gottes hören, das Gehörte mitten in unser Wesen dringen lassen und dann danach handeln. Gott erzählt uns seine Geschichte, damit wir in eine Beziehung zu ihm eintreten können, auf ihn hören und sein Wort in unserer Zeit auf unsere Weise ausleben können. Das nennt Scot »missionales Zuhören«. Gott gab der Bibel eine Mission: Gott spricht zu uns, damit wir Menschen nach seinem Willen werden und nach seinem Willen leben. Jegliches Lesen einer jeglichen Passage der Bibel, das nicht beim „dass“ aus 2Tim 3,17 landet, ist unvollständig.

Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. (2Tim 3,14-17)

Ausgehend von diesen Versen stellt sich »missionales Zuhören« wie folgt dar: Es ist ein Lesen mit der Tradition; es ist die Verheißung, dass derselbe Geist, der über dem Autor bei der Abfassung des Buches brütete, nun im Leser am Wirken ist; es ist ein Prozess, in dem wir Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung in der Gerechtigkeit erfahren, und der darin resultiert, dass wir „zu allem guten Werk geschickt“ sind. Damit bilanziert Scot:

Wenn Du gute Werke tust, dann liest Du die Bibel richtig.
Wenn Du keine guten Werke tust, dann liest Du die Bibel nicht richtig. (S. 112)

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The Blue Parakeet Teil 1 – Erzählung: Was ist die Bibel?

1. Juli 2009

[Dies ist der zweite Post zu Scot McKnight’s Buch The Blue Parakeet: Rethinking How You Read the Bible.]
Blue Parakeet-1
Für Scot erzählt die Bibel eine Geschichte mit einem Anfang (Genesis 1-11), einem überaus langen Mittelteil (Genesis 12 bis Maleachi 4; Matthäus bis Offenbarung) und einem Ende (Matthäus 25, Römer 8, Offenbarung 21-22). Andere Leser der Bibel verstehen sie anders, zum Beispiel als…

  • … eine Sammlung von Geboten: Alles dreht sich um die Frage, was wir tun und was wir nicht tun dürfen und Gott wird so zu einem Richter, der meist etwas ungeduldig wirkt. Wir, die Gehorsamen, werden von unserer moralischen Überlegenheit vergiftet, konzentrieren uns mehr darauf, recht zu haben statt gut zu sein und verurteilen andere.
  • … eine Sammlung von Segnungen und Verheißungen. Bei jedem Vers halten wir an und fragen uns, ob wir einen Gewinn daraus ziehen können.
  • … eine Sammlung von Spiegeln und Tintenklecksen, in denen jeder das erkennen kann, was in seinem Kopf ist (wie beim Rorschachtest). Wir lesen das in die Bibel hinein, was wir in ihr finden wollen.
  • … ein Puzzle der Gedanken Gottes: Sobald alle Teile am richtigen Platz sind, ist das Puzzle gelöst, wir haben Gott verstanden und brauchen die Bibel nicht mehr. Dummerweise passen manche Teile einfach nicht zusammen und niemand hat den Deckel der Schachtel. Außerdem stellen wir mit diesem Ansatz die Form in Frage, in der uns Gott die Bibel gegeben hat.
  • Maestros. Unterschiedliche Autoren mit unterschiedlichen Gedanken. Und gerne nehmen wir dann die Gedanken eines Maestros (z.B. Paulus) als Schablone, um in seinen Kategorien den Rest zu verstehen.

Wenn wir die Bibel verstehen wollen, dann müssen wir ihren Kontext mit einbeziehen. Wenn wir sie auf unser tägliches Leben beziehen wollen, dann müssen wir sie als die Geschichte Gottes verstehen – als eine Erzählung von den Dingen, die Gott getan hat. Weil die Geschichte des Evangeliums breit ist, verwendete Gott unterschiedliche Ausdrucksformen, um uns ein kompletteres Bild dieser Geschichte zu geben. Die unterschiedlichen Versionen nennt Scot Wiki-Erzählungen – die beständige Nachbearbeitung und Wiederaufbereitung der biblischen Geschichte durch neue Autoren, so dass sie die alte Geschichte auf neue Weise in ihre Zeit hinein sprechen können. Keine einzelne dieser Erzählungen, nicht einmal die von Jesus, kann uns die ganze Geschichte mitteilen. Darum brauchen wir sie alle. Die »Blauen-Sittich-Passagen« machen nur dann Sinn, wenn wir jede einzelne in ihrem Kontext der großen Geschichte der Bibel belassen. Keine der Wiki-Erzählungen ist die finale Version; keine schließt alles ein. Jede erzählt eine wahre Version der großen Geschichte. Diese handelt von der Erschaffung der Ebenbilder Gottes (Genesis 1-2), deren Zerbrechen (Genesis 3-11), der Bundesgemeinschaft (Genesis 12-Maleachi), der Erlösung durch das vollkommene Ebenbild Christus (Matthäus-Offenbarung 20) und von der Vollendung (Offenbarung 21-22). Die Einheit der Bibel liegt in dieser Erzählung; ihre Verschiedenheit liegt darin, wie unterschiedliche Autoren jeweils andere Aspekte in diesem Erzählstrang betonen. [Fortsetzung folgt…]

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Scot McKnight – The Blue Parakeet: Rethinking How You Read the Bible

1. Juli 2009

Es ist ein eigenartiges Gefühl, den Stapel an Büchern (noch 18) auf meinem Schreibtisch zu sehen, die ich aus den ausgewählt habe, die ich letztes Jahr gelesen habe, und über die ich eigentlich bloggen wollte. In der ersten Hälfte von 2009 hat es nur zu Chrysalis gereicht – so viel zum Thema Vorausplanen 😉 Nun aber zu einem Buch, das mir besondere Freude bereitet hat, und dem ich eine weite Verbreitung wünsche – Scot McKnight’s The Blue Parakeet: Rethinking How You Read the Bible.
Blue Parakeet
Die Grundfrage, der Scot in den etwas über 200 Seiten nachgeht, lautet: „Wie sollen wir heute die Bibel ausleben?“ (S.11) Er stellt fest: „Every one of us adopts the Bible and (at the sime time) adapts the Bible to our culture. In less-apreciated terms, I’ll put it this way: Everyone picks and chooses.“ (S.13; das mußte ich einfach Englisch lassen). Jeder entwickelt also seine eigenen Regeln – z.B. zum Sabbat, zum Geben des Zehnten, zur Hingabe unseres Besitzes usw. Aber welche Logik steckt hinter unserer jeweiligen Vorgehensweise beim Aufstellen unserer Regeln zum Leben nach der Idee Gottes?
Der Name des Buches und damit auch die tragende Metapher entstammt der Geschichte Scots. In seinem Garten tauchte eines Tages ein blauer Sittich auf, mit dem die vielen Sperlinge nicht recht umzugehen wussten, und vor dem sie sich zunächst zu fürchten schienen. Auch in der Bibel gibt es, so Scot, Abschnitte, die uns nicht ins Konzept zu passen scheinen. Diese Texte nennt er »Blaue-Sittich-Passagen«. Wenn wir auf sie stoßen, müssen wir genau hinsehen und lernen, vielleicht sogar unsere Ängste überwinden. Aber wir dürfen diese Passagen nicht einfach zähmen.

Wie wir die Bibel lesen und leben können
Scot schlägt folgende Vorgehensweise vor: Wir müssen die Vergangenheit verstehen und auf die Gegenwart anwenden. Was meinte Gott damals und was bedeutet das heute – die beständige Adaption, die dem ursprünglich Gemeinten treu bleibt und den gegenwärtigen Bedingungen entspricht. Dazu gehört, die Bibel mit der Tradition zu lesen, und nicht durch die Tradition. Letzteres macht vergangene Erkenntnis normativ – etwas, das ich gelegentlich im protestantischen Kontext beobachte: Was Luther sagte, gilt. Wer aber die Bibel nicht durch die Tradition, sondern mit ihr liest, der respektiert diejenigen, die ihm vorausgegangen sind. Wir setzen uns mit ihren Interpretation auseinander und lernen aus dem, wie sie die Heilige Schrift auf ihre Zeit angewandt haben. Gleichzeitig aber behalten wir die Freiheit, uns von ihren Wegen zu unterscheiden und Gottes Wort für uns neu zu hören. [Fortsetzung folgt…]

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[Chrysalis] Fazit und persönliche Gedanken

31. März 2009

[Das ist der vierzehnte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith. Nachdem ich in den letzten Posts Alan Jamieson übersetzt hatte, nun noch ein paar DoSi-Gedanken. Übrigens: Die gesammelten Posts zu »Chrysalis« sind ab sofort wie gewohnt in einer zentralen Übersicht zugänglich, die Du hier findest. – Anmerkung: Die nachfolgenden Gedanken hatte ich ursprünglich am 12.03. als schnellen Rohentwurf runtergeschrieben und wollte sie irgendwann noch sauber überarbeiten und ergänzen. Da ich aus Zeitgründen nicht dazugekommen bin, haue ich sie einfach mal im jetzigen Zustand raus und schließe damit die Chrysalis-Serie ab.]
Chrysalis-12
Jamieson hat eine schöne Bildsprache gewählt: Die Raupe, die sich in den Kokon zurückzieht und dann zum Schmetterling wird. Ein Bild, mit dem sich zu identifizieren nicht schwer fällt. Doch Vorsicht: Dieses Bild enthält eine Wertung. Ziel ist nicht das Raupendasein, Ziel ist nicht der Kokon, Ziel ist eindeutig der Schmetterling. Irgendwie scheint dieses Buch als Apologie auf die post-kritische Phase geschrieben zu sein… Die Gefahr, die ich darin sehe, liegt in der Tendenz, Christen in der vor-kritschen oder kritischen Phase als unreif, unfertig, vorläufig zu sehen und sich über sie zu erheben. Denn liegt es nicht nahe, sich beim Lesen dieses Buches selbst in der post-kritischen Phase zu verorten? Und (zumindest innerlich) zu anderen zu sagen »Erreiche Du erst einmal meine Stufe, dann wirst Du schon verstehen«? Ich jedenfalls habe mich dabei ertappt, wie ich Menschen in meinem Umfeld in die unterschiedlichsten Schubladen verschoben habe. Da gibt es die vor-kritischen (meist evangelikale Charismatiker), die alles nur schwarz und weiß sehen und deren Spiritualität mir begrenzt erscheint. Und es gibt die kritischen, die sich meist durch das identifizieren, wogegen sie sind, und nur zum Teil wissen, wofür sie eigentlich sind. Und es gibt (selbst ernannte?) post-kritische, die mir oft im negativen Sinne profillos erscheinen. Wenn das das Ziel sein soll, die reifste aller Stufen, dann schrecke ich davor zurück, finde sie nicht erstrebenswert. Und entdecke doch Spuren aller drei Phasen in mir. Ob Jamieson überhaupt Recht hat? Ich glaube jedenfalls nicht dass sich der Weg christlicher Glaubensentwicklung in drei (mir persönlich stark stereotypisiert erscheinenden) Standardphasen einteilen lässt. Stecke ich doch momentan nicht zum ersten Mal im Kokon… Daher glaube ich, dass solche Phasen immer wieder auftreten können, dass auch die post-kritische Phase nicht die letzte ist. (Ebenso glaube ich nicht, dass der Weg durch die Wohnungen in Teresa von Avilas Seelenburg konstant vorwärts geht, sondern beständig zwischen unterschiedlichen Zimmern hin- und herspringt. Und das Johannes vom Kreuz‘ dunkle Nacht auch nicht zwingend ein einmaliges Ereignis sein muss…) Es wäre ja auch zu einfach: Aus einem Kind, das alles nach einfachen Kritierien in richtig und falsch einteilen kann, wird – nach einer rebellierenden, ausbrechenden, türeknallenden Teeniezeit – ein toleranter und weitherziger erwachsener Mensch. 😉

Mit den genannten Einschränkungen finde ich »Chrysalis« wertvoll und hilfreich. Wer in der vor-kritischen Phase ist, dem muss das Verständnis dafür geweckt werden, dass auch andere Ausdrucksformen persönlichen Glaubens ihre Berechtigung haben. Menschen in der kritischen Phase müssen darauf hingewiesen werden, dass eine Welt beständiger Negation und Dekonstruktion keine lebenswerte darstellt. Post-Kritische dürfen wissen, dass ihre Entwicklung normal ist und noch lange nicht am Ende steht.

{Zusatz aus meinem Kopf:
Interessant finde ich den Gedanken, dieselben Entwicklungsstufen an Gemeinden anzulegen. Nun ja, wir alle meinen, vor-kritische Gemeinden zu kennen. Und vielleicht baust ja Du gerade die post-kritische Gemeinde schlechthin… Aber geht das überhaupt? Wie sieht eine solche post-kritische Gemeinde strukturell aus? Und stellt nicht die EmergingChurch-Conversation möglicherweise für viele Beteiligte den Schutzraum des Kokons dar? Wenn das so ist, dann kann es ja eigentlich keine Gemeinde geben, die von sich sagen kann: »Wir sind eine ‚Emerging Church’«. [Nebenbei bemerkt konnte ich solche Sätze noch nie leiden. Ähnlich schlimm die Frage: »Seid Ihr eine ‚Emerging Church‘?« (Meist eingeleitet mit: »Ich hab Deinen Blog gelesen.«)] Denn dann wäre EmCh mehr ein MindSet oder das Aufrechterhalten des liminalen Zustandes, aus dem dann die Inspiration kommt. Und wenn das so ist, dann liegt der Sinn der Emerging Conversation vielleicht gerade darin? Vielleicht gibt es deswegen kein „Emerging Gemeindemodell“, wenn es auch schon gewisse Grundzüge einer „Emerging Theologie“ gibt, aber das ist ein anderes Thema…}

Würde mich interessieren, was Du so denkst.

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[Chrysalis] Kapitel 12: Schön und voller Hoffnung

12. März 2009

[Das ist der dreizehnte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
Chrysalis-11
Nun, da die christliche Kirche zunehmend unruhigen und wechselhaften Zeiten entgegensteuert, werden nicht nur einzelne Menschen, sondern auch ganze Gemeinden Wüstenerfahrungen erleben. Wir werden immer mehr sehen, wie die Kirchen im Westen in eine neue Phase des Exils und der Dunkelheit eintreten. In unserer postmodernen Umgebung scheinen sich viele Gemeindeleiter auf theologischen Konservatismus und ekklesiologische Kontrolle zu konzentrieren – so als ob sie angesichts einer chaotischen und sich beständig verändernden Kultur eine Wagenburg bilden wollten. In der Sprache der Glaubensphase gesprochen, fokussieren sich viele Gemeindestrukturen auf vor-kritische Ausdrucksformen. Dazu werden sie ermuntert, weil das diejenige Phase ist, in der viele – vor allem viele junge Erwachsene – zum Glauben kommen. Das ist eine Art Gemeinde, die schnell wachsen kann, da sie klare Antworten und Glaubensaussagen parat haben, für Probleme schnelle Lösungen und auch ein Zugehörigkeitsgefühl bieten. Wenn sich aber Denominationen und Gemeinden vor allem auf diese Zielgruppe konzentrieren, dann werden Menschen, die sich in eine kritische, von Fragen, Zweifeln, Leiden und Schwierigkeiten gekennzeichnete, Glaubensphase hinein bewegen, das Gefühl haben, dass es für sie keinen Platz gibt.

In den Gemeinschaften, die alle Glaubensphasen anzusprechen versuchen, wird eine Schönheit und Hoffnung sichtbar, die den unvermeidbaren Verlust an Kontrolle aufwiegt. Einer Gemeinschaft, die sowohl den Frischestbekehrten als auch den schroffsten Skeptikern Respekt und Verständnis entgegenbringen kann, haftet etwas ungemein Reiches an: wo Junge und Alte, Sichere und Unsichere eine fürsorgliche Gemeinschaft formen. In den verschiedenen Glaubensphasen brauchen die Menschen ganz unterschiedliche Unterstützung. Manchmal scheint es so, als ob die Sprachen, die sie sprechen nicht vereinbar seien. Denn wenn vor-kritische und post-kritische Menschen miteinander sprechen, dann können dieselben Worte verschiedene Bedeutungen und Nuancen haben. Insbesondere für diejenigen, die in der vor-kritischen Phase sind, kann das recht verwirrend sein.

Wenn wir uns in eine neue Phase bewegen, bedeutet das nicht, dass wir unser Verständnis für die vorige Phase oder deren Sprache verlieren; wir tragen sie weiter in uns. So wie manche Menschen mehrsprachig sein können, so können sie auch »mehr-phasig« sein, was die Glaubensphasen anbelangt. Wenn solche mehr-phasigen Menschen sich mit einer Sache des Glaubens auseinandersetzen, haben sie zwei oder mehr Sprachen, in denen sie darüber reden können. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Glaubensphasen miteinander in Kontakt kommen, mögen die Kernelemente dieselben sein – z.B. das Leben, die Lehre, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi -, aber sie werden unterschiedlich verstanden und ausgedrückt. Der mehrsprachige Ausdruck unseres Glaubens scheint allerdings nur dann zusammenzukommen, wenn wir in der post-kritischen Phase zu Hause sind. Die vor-kritische und hyper-kritische Phase scheinen nicht zueinander zu passen, solange die post-kritische Phase nicht zur Home Base wird. Menschen in der hyper-kritischen Phase begegnen vor-kritischen Ausdrucksformen oft mit Wut und Ablehnung. Wie Öl und Wasser können sie nicht ohne ein drittes Element vermischt werden, das sie verbindet und zusammenhält. Dieses dritte Element ist die Reise in eine post-kritische Ausdrucksform des Glaubens. Um zu lernen, wie man auf die unterschiedlichen Glaubensphasen hört und sie wertschätzt, braucht es nicht nur ein Verständnis davon, wie sich christlicher Glaube normalerweise entwickelt, sondern auch Respekt für die Menschen in jeder Phase. Es braucht Toleranz und Gnade. Diejenigen, die am weitesten gereist sind, müssen gnädig mit denen sein, die bislang eine kürzere Strecke zurückgelegt haben.

Wir brauchen Gemeinden, Gemeinschaften und Gespräche, wo Menschen aus den unterschiedlichen Glaubensphasen zusammenkommen können, um die Einzigartigkeit ihres eigenen Glaubensausdrucks erkennen können und dabei lernen, dass ihr Weg nicht der einzige ist und wie sie einander respektieren können. Wir brauchen nicht nur Stationen auf der Reise, die einzelne Menschen mit einer tiefen Theologie und post-kritischen Ausdrucksformen des Glaubens unterstützen, sondern auch Orte und Räume, wo Menschen aus allen Glaubensphasen zusammenkommen können, wo die Breite der christlichen Reise gefeiert werden kann, wo rohe Anfänger die Weisheit in den Geschichten derer hören können, die im christlichen Glauben weit gereist sind, und wo die Weitgereisten von der Leidenschaft und Überzeugung der Frischlinge ermutigt werden können. In diesen Orten und Räumen können fundamentalistische Absichten abgemildert und die Vielfalt und der Reichtum des christlichen Glaubens von der breiteren Gemeinschaft gesehen und erfahren werden.

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[Chrysalis] Kapitel 11: Stationen auf der Reise – Strategisch sein

11. März 2009

[Das ist der zwölfte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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In der post-kritischen Phase ihres Glaubenslebens binden sich viele Christen nicht mehr im selben Maß an eine Gemeinde, wie das zuvor der Fall war. Dies liegt daran, dass sie jetzt etwas anderes brauchen, um ihren Glauben zu nähren, als vorher. Die Zahl der Umfelder, aus denen sie Kraft ziehen und an die sie sich hingeben, ist gewachsen, und ihre Loyalität ist jetzt nicht mehr nur lokal, sondern global verortet. Sie sind zu Wandernden geworden, die nach einem kulturell relevanten christlichen Glauben suchen und auf ihrer Reise Stationen brauchen, an denen ihr Glaube gefördert, gegründet und entwickelt wird. Solche Stationen sind Räume, die es zulassen, dass einzelne Menschen ihre eigene Glaubensgeschichte und die Geschichten der christlichen und biblischen Tradition im Kontext ihrer Gemeinschaften ernst nehmen. Ob es sich bei diesen Stationen auf dem Weg nun um Gemeinden, para-gemeindliche Gruppen, Kleingruppen, Hauskirchen, Webseiten oder Blogs handelt – sie haben Folgendes gemeinsam:

  • sie sind leicht zugänglich und heißen Menschen willkommen
  • Geschichten von Menschen und ihrer Gemeinschaft über Gott und Wahrheit werden erzählt und gehört
  • Raum für Diskussion, unterschiedliche Ansichten, verschiedene Verstehensweisen und variierende Erfahrungen
  • sie nehmen heilige Texte ernst, setzen sich mit ihnen auseinander und lassen sich von ihnen leiten und ermutigen
  • tiefe Brunnen der Spiritualität werden gegraben und geteilte Rhythmen von Gebet und Kontemplation werden praktiziert
  • Marginalisierte erfahren praktisches Mitgefühl, soziale Gerechtigkeit wird aktiv angestrebt und die Stummen bekommen eine Stimme
  • Wanderer können sich für eine gewisse Zeit (Stunden, Tage, Monate) zugehörig oder für immer zu Hause fühlen
  • Respekt und Ehrerbietung für die Reise anderer ist spürbar

Stationen am Weg sind nicht das Zuhause. Das können Gemeinden, christliche Gemeinschaften oder Gruppen für die Leute sein, die sie zu ihrer Home Base gemacht haben; aber für viele Wanderer in der post-kritischen Glaubensphase werden sie zu einem Ort, wo sie anhalten können und erfrischt werden, bevor es wieder weiter geht. Für diejenigen, die den Kern dieser Gemeinden, Gemeinschaften und Gruppen ausmachen, kann das schwer zu akzeptieren sein. Menschen kommen und Menschen gehen. Die überwiegende Mehrheit wird nur kurz hier sein oder bestenfalls unregelmäßig zu Besuch kommen. Wenn wir Institutionen zu errichten versuchen statt einzelne Menschen zu unterstützen, dann wird uns ihr flüchtiges Wesen entmutigen. Aber eine Station auf dem Weg zu sein, bedeutet, die Mentalität eines Gastwirts zu haben, der eine Übernachtung mit Frühstück anbietet.

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[Chrysalis] Kapitel 10 – Zurück schauen – Das Ganze sehen

11. März 2009

[Das ist der elfte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Wie im ersten Kapitel angedeutet wurde, gibt es einige Möglichkeiten, die verändernde Natur des christlichen Glaubens zu beschreiben. Für viele Menschen stellt sich der Kern der Glaubensentwicklung erwachsener Menschen als Einladung dar, sich von vor-kritischen Formen des Glaubens durch die Erfahrung einer dunklen Nacht zu einem nach-kritischen Glauben zu bewegen – eine prä-kritische, eine hyper-kritische und eine post-kritische Phase. Die entscheidende Metamorphose geschieht in der hyper-kritischen Chrysalis-Phase. Dies ist die Reise…

  • von einem Schwarz-Weiß-Glauben zu einem post-kritischen Glauben der alle Graustufen annimmt
  • von Abhängigkeit über eine Hyper-Unabhängigkeit zu einer wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit, die sich durch Demut, Verletzlichkeit und tiefe Verbundenheit auszeichnet
  • zur Annahme von Geheimnissen, Widersprüchen und einem kindlichen Staunen voller Freude
  • zu einem tiefen Verständnis von Gott, der sich über uns freut und uns annimmt, so dass wir einfach nur sein können
  • zur neuen Selbsthingabe für andere
  • zu einer wachsenden Annahme und Aufnahme von Stimmen, die sowohl aus unserem Innern kommen, als auch von Außen zu uns reden
  • von einem mühsamen Glauben über einen zweifelnden Glauben zu einem bedachten Glauben
  • zu einem Glauben, der sowohl im Herz Marias als auch in den Händen Marthas Ausdruck findet
  • zur Annahme gemeinschaftlicher Wahrheit, symbolischer Wahrheit und paradoxer Wahrheit

Von denen, die zur Chrysalis-Phase eingeladen oder getrieben werden, kommen zu wenige aus der Dunkelheit zu einem stärkeren persönlichen Glauben. Zu viele verlieren ihren Glauben oder behalten nur einen Schatten ihres früheren Glaubens, der ihr Leben schwer motivieren, stützen und formen kann. Die Veränderungen von einer Phase zur anderen können für die beteiligte Person sehr schwer sein und es kann so aussehen, als ob ihr Glaube zerstört werden würde. Dieses Gefühl kann lange andauern, meistens sind es eher Jahre als Monate. Weil die Übergänge zwischen den Stufen oft so schwer, schmerzvoll und langwierig sind, bleiben manche mitten im Übergang stecken. Professor James Fowler geht davon aus, dass jede Stufe des Glaubens von einer Veränderung in jedem der folgenden Bereiche gekennzeichnet ist:

  • wie die Person ihren Glauben denkt und versteht
  • der Grad, zu dem sie die Standpunkte anderer gut heißen kann
  • wie sie zu moralischen Urteilen und Entscheidungen kommt
  • wie und in welchem Ausmaß sie Grenzen um ihre Glaubensgemeinschaft zieht
  • ihre Beziehung zu externen Autoritäten und deren Wahrheitsansprüchen
  • wie sie Symbole und Metaphern versteht und auf sie reagiert

Er fand ihn in der Wüste,
in der dürren Einöde sah er ihn.
Er umfing ihn und hatte Acht auf ihn.
Er behütete ihn wie seinen Augapfel.
(Deut 32,10)

Ich will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode,
damit du erkennst, dass ich der HERR bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels.
(Jes 45,3)

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[Chrysalis] Kapitel 9: Schmetterlingseffekt – Fliegen

10. März 2009

[Das ist der zehnte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
Chrysalis-8
Teresa von Avila erinnert uns daran, dass wir, wenn wir aus dem Kokon herausgekommen sind, einen post-kritischen Glauben leben müssen. Das bedeutet, dass die Art wie wir beten, anbeten, studieren, dienen und mitwirken sich in unserer Erfahrung der Chrysalis verändert hat. Wir können nicht mehr zur alten Weise des Betens oder irgendeines anderen Aspekts des christlichen Lebens zurück – genauso wenig wie ein Schmetterling wieder zur Raupe werden kann. Den Glauben wieder so leben zu wollen wie früher ist kontraproduktiv. Vielleicht spüren wir diese Veränderung am schärfsten in dem Bedürfnis, neue Wege des Betens zu finden.

Gebet
Wie auch immer wir das Gebet beschreiben, jedenfalls stellen wir fest, dass nach unserer Chrysalis-Phase Zeiten der Reflexion, Kontemplation und Stille äußert wichtig für uns sind. Auf diese Weise finden wir Zugang zum Geist Gottes, um gut zu leben. Nach den Veränderungen, die die dunkle Nacht in unserem Glauben hervorgebracht hat, sind wir für ein gewissenhaftes Leben von der beständigen inneren Erneuerung durch Gebet abhängig. Von jetzt an kann Gebet nicht mehr vorgetäuscht werden, weil unser bloßes Überleben davon abhängt.

Gebet, das verbindet
Während wir es lernen, mit dem Geist Gottes in Verbindung zu kommen, lernen wir, im Einklang mit dem Geist zu handeln. Während unsere Taten vielleicht klein sein und uns unbedeutend erscheinen mögen, haben sie geheimnisvolle Auswirkungen, wenn sie in Verbindung mit dem Werk des Heiligen Geistes geschehen. Unser Verständnis unseres Leben hat sich nach der dunklen Nacht gewandelt, wie Gerald May schreibt:

Die grundlegendste Veränderung, die der Geist in der passiven Nacht an uns wirkt, ist das Verschwimmen unseres Glaubens daran, dass wir von Gott, von anderen Menschen und vom Rest der Schöpfung getrennt sind. Mehr und mehr fühlen wir uns als Teil von allen Dingen.

Dieses tiefe Gefühl des Miteinander-Verbundenseins führt meist eine Sehnsucht unseres Herzens nach solcherart Gebet, Kontemplation oder Reflexion mit sich, die dieses Gefühl der Verbundenheit verstärken.

Gebet, das wahrnimmt
Gebet kann viele Formen haben, aber sein Selbst zu zentrieren und in eine tiefe Verbindung zu kommen, ist ein Verlangen, das fast nur nach der Chrysalis-Phase zu wachsen scheint. Während sich diese Art des Betens entwickelt, wächst auch die Fähigkeit, das wahrzunehmen, was zuvor verborgen war. Das gilt z.B. für das, was hinter den Handlungen anderer Menschen liegt und sie motiviert. Wer sich mit dem eigenen Leid, Schmerz, Enttäuschen und oft auch Versagen auseinandergesetzt hat, ist sich seiner eigenen Menschlichkeit zutiefst bewusst, was zur Verbindung mit dem Menschsein anderer befähigt. Darum sind Post-Chrysalis-Menschen in der Lage, mit anderen an schmerzvollen Orten zu sitzen. Sie lassen sich von den Lebenserfahrungen, dem Kummer und den Glaubensüberzeugungen anderer weniger einschüchtern und brauchen weder sich selbst noch ihren Glauben zu beschützen. Es fällt ihnen leichter, andere zu begleiten und deren wahre Bedürfnisse – insbesondere nach Liebe und Annahme – zu erkennen. In ihrem gemeinsamen Menschsein kann eine Verbindung entstehen, die die Grenzen unterschiedlicher Handlungsmuster und Glaubensüberzeugungen überwindet.

Gebet, um unseren Weg zu finden
In dem Geheimnis dessen, was während unserer Phasen der dunklen Nacht mit uns geschieht, werden wir verändert. Oft ist es ein Teil dieses Transformationsprozesses, dass wir die geheimnisvolle Gabe eines inneren Kompasses erhalten – ein Bauchgefühl für das, was wir tun sollten. Es braucht echten Mut, loszulaufen und auf unseren inneren Kompass zu vertrauen: den tiefen Ort, an dem wir Gott begegnet sind und das Gefühl dessen, wer zu sein wir berufen sind, das von tief in uns an die Oberfläche kam.

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[Chrysalis] Kapitel 8: Imago – Sein

10. März 2009

[Das ist der neunte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
Chrysalis-7
Auf unserer Glaubensreise werden wir nach den Veränderungen in der Wüste mehr und mehr zu den Menschen, zu denen wir bestimmt wurden. Unser Bild, das imago, das Gott uns gegeben hat, fängt an, durchzuscheinen. Wir werden, was zu werden wir berufen wurden. Dies ist die Phase des Seins, in der unseren Glauben zu leben weniger sich darin zeigt, was wir tun, sondern vielmehr zu einem Ausdruck unseres Selbstseins wird. Was in der Dunkelheit und Abgeschiedenheit im Verborgenen geformt wurde, wird jetzt im Licht anderen und der Welt angeboten. An jeden von uns ergeht die Einladung, jenseits unserer Chrysalis-Phase der Veränderung die Gabe zu leben, die Gott uns gegeben hat. Es ist die Einladung, die Gabe zu leben, die uns in unserer Chrysalis des Glaubens eingehaucht wurde. Es ist die Einladung, unser neues Leben, unsere neue Energie und Vision sehen zu lassen, sie zu riskieren und anderen anzubieten. Das muß natürlich nicht bedeuten, dass wir unsere Arbeitsstelle oder unseren Beruf wechseln. Es geht darum, zu sein, wer wird sind und unsere Gabe zu leben, und das kann sich genauso gut auch in unserer Familie, Gemeinde oder an unserem derzeitigen Arbeitsplatz ausdrücken. Der Kontext ist weniger wichtig als die Einladung, zu sein und den Traum zu leben, die Vision des neuen Lebens zu leben, die uns während unserer Veränderung im Kokon zuteil wurde. Oft ist die Einladung zu einer neuen Weise des Seins gar keine neue Einladung. Es kann sich auch um etwas handeln, dass seit langer Zeit in uns pulsiert. Es könnte ein Traum sein, der latent in unserem Sein lag oder ein Traum, dem wir bereits gefolgt sind und in den umfassender und kompromissloser einzutreten wir nun eingeladen werden.

Unsere Wahrheit leben
Es braucht Mut und Stärke, unsere Wahrheit voll Überzeugung und Anmut zu leben. Diese Reife christlichen Lebens kann sowohl stark als auch anmutig sein, weil sie im Kokon von der Liebe Gottes verwundet wurde und nun durch diese Gnade für immer gezeichnet ist.

In unserer eigenen Haut leben
Dies ist die Einladung, unsere eigene Berufung zu leben, weil wir wissen, dass wir nicht berufen sind, jemand anderes zu sein, sondern voll und ganz wir selbst. Das historische christliche Verständnis hatte ein Wort für dieses neue, einzigartige Selbstsein: Charisma. In den Schriften des Apostels Paulus hat dieser Begriff eine doppelte Bedeutung. Er bezeichnet im breiteren Sinne die „Gabe“ des christlichen Lebens und im engeren Sinne eine spezifische „Begabung“. Darum ist ein Charisma eine lebende Gabe, der Atem des Schöpfergeistes in Einzelpersonen oder Gruppen.

Gütig und anmutig leben
Unsere Berufung zu leben, ist wie eine anmutige Tänzerin zu sein, die sich gemäß dem Ruf und Rhythmus ihrer inneren Musik bewegt. Nach der Chrysalis-Phase kann man den Tanz des Glaubens wahrhaftig als anmutig bezeichnen. Das bedeutendste Kennzeichen eines solchen Glaubens ist seine Güte. Während jeder eine einzigartige und sehr persönliche Chrysalis-Zeit hat, ist doch jede Wüstenerfahrung und jede dunkle Nacht der Seele von einer universellen Eigenschaft gekennzeichnet. Das ist die Erfahrung, von der Gnade berührt zu werden, dieser nicht selbst erwirtschafteten, unverdienten Annahme und Liebe Gottes. In unseren persönlichen Zeiten in der Wildnis verstehen wir solche Gnade nicht mehr länger nur begrifflich, sondern erfahren sie intensiv und persönlich. Im dunkelsten Augenblick unserer dunklen Nacht erkennen wir, dass wir gehalten werden; wir gehören und wir sind angenommen. Das ist etwas, das persönlich erfahren worden sein muss, um ausgelebt werden zu können. In unseren tiefsten und dunkelsten Bereichen wirkt der Geist Gottes, und das verändert uns umfassend und unumkehrbar. Menschen, die die Chrysalis-Phase hinter sich haben, tun viele unterschiedliche Dinge, leben verschiedene Berufungen und füllen unterschiedliche Rollen aus. Gemeinsam werden sie aber von der Güte in dem, was sie tun, gekennzeichnet. Sie handeln barmherzig und voll Mitgefühl. Richard Rohr fasst zusammen, was es bedeutet, in unserer eigenen Haut zu leben, unsere eigene Wahrheit zu leben und gnaden-voll zu leben:

Reife Christen leben aus Glauben, nicht aus Gewißheit. Sie sind zufrieden in ihrer eigenen Haut. Sie sind ruhige, abgerundete Menschen, sie haben ein Verständnis davon, wer sie sind. Nicht, dass sie komplett unabhängig in sich selbst wären, aber sie wissen, was sie nicht wissen. Sie sind ganz gegenwärtig und widmen der Welt, wie sie ist, ihre Aufmerksamkeit. Bei ihnen fühlst Du Dich sicher; sie bedrohen Dich nicht und Du hast keine Angst vor ihnen. Gewalt ist ihnen zuwider. Sie sind keine Fanatiker oder Leute, für die nur eine einzige Sache zählt.

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[Chrysalis] Kapitel 7: Alleine gehen – Hervortreten

9. März 2009

[Das ist der achte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Wenn wir versuchen, für immer im Kokon zu bleiben, dann wird dieser zu unserem Grab. Jetzt braucht es einiges an Mut, da es keine Abkürzungen oder leichte Zehn-Schritte-Programme gibt. Der fremde und einsame Platz in unserem Glaubenskokon ist uns zur Heimat geworden. Es kommt uns riskant vor, nun anderen von unserem Glauben zu erzählen oder uns einer Gemeinschaft anzuschließen. Das Hervortreten aus dem Kokon wird alles an Kraft und Durchhaltevermögen fordern, was wir haben, aber andernfalls werden wir nicht das Maß an Stärke in Glauben und Charakter entwickeln, das wir für die nächste Phase brauchen. Dies ist eine Übergangszeit. Habe ich den Mut und die Entschlossenheit, über die Schwelle zu treten und meinen Glauben auf eine neue Weise auszuleben? Wenn wir an diesem Punkt stehen, dann kann uns das wachsende Bewußtsein der Jünger inspirieren, dass Christus auferstanden war und sie einlud, ihm in neuer Weise zu folgen. Es brauchte Zeit, bis diese neue Wirklichkeit sie ergriffen und ihr Verständnis verändert hatte. Dieses Ereignis ist wie ein schwarzes Loch in der Erfahrung der Jünger. Die normalen Regeln und Erwartungen ihrer religiösen Vorstellungen wurden unversöhnlich verändert. Der Prozess des Hervortretens aus einer Veränderung des Glaubens schließt mindestens zwei bedeutsame Schritte mit ein: Sich wieder an einer Gemeinschaft zu beteiligen und – basierend auf dem eigenen Verständnis der persönlichen Vision und Berufung – anderen und der Welt zu dienen.

Sich wieder in eine Gemeinschaft des Glaubens einbringen
Wenn wir eine Weile im Kokon waren und großen persönlichen Gewinn aus dieser abgeschotteten Zeit gezogen haben, kommt irgendwann der Tag, an dem wir spüren, dass wir uns wieder mit anderen verbinden, ihnen dienen und von ihnen lernen müssen, wenn wir unseren Glauben weiter entwickeln wollen. Das heißt, dass wir wieder zum aktiven Gemeindemitglied werden – nicht nur zum passiven Gottesdienstbesucher. Insbesondere ist es wichtig, in Beziehung zu Menschen zu kommen, die an verschiedenen Punkten ihrer eigenen geistlichen Reise sind. Wir brauchen ihre Geschichten und werden von ihrer Leidenschaft und Hingabe motiviert. Ebenso bringen wir unsere Erfahrungen mit der Chrysalis-Phase mit ein. Das ist der erste Schritt: Hin zur Gemeinschaft – gemeinsame Einheit mit anderen Christen.

Unsere Berufung finden
Der zweite Schritt geht hin zu unserem Beitrag, dahin, uns an andere hinzugeben. Hier nimmt unsere zerbrechliche Vorstellung unserer Berufung langsam Form an. Es geht darum, auf die Stimme in uns zu hören, die uns dazu ruft, zu dem Menschen zu werden, als der ich geboren wurde, mein originales Selbst zu erfüllen, das mir bei meiner Geburt von Gott gegeben wurde. In unserer Chrysalis-Phase ist jetzt die Zeit der Rekonstruktion und des Neuaufbaus. Nun verspüren wir ein neues Verständnis von einer Lebensweise, die mit unserem tiefsten Verständnis unseres Selbst und dessen, was wir in der Welt zu sein und zu tun wünschen, übereinstimmt. Es muß aber nochmals gesagt sein: Unser Verständnis von Berufung zu finden, ist mühevoll. Kein Teil der Chrysalis-Phase ist einfach. Es geht um tiefe und schwierige emotionale und geistliche Arbeit. Unsere Seele spricht nur in ruhiger, einladender und vertrauenserweckender Umgebung ihre Wahrheit aus. In unserem Tun müssen wir beständig darauf achthaben, ob wir und andere das Gefühl bekommen, dass der Geist Gottes mit uns ist. Indem wir unser Handeln immer wieder reflektieren, zeigt sich vielleicht langsam der Weg, den wir zu gehen haben.

Unser Zweck wird klar
Während wir es zulassen, dass uns Gottes Geist in der Dunkelheit unserer Chrysalis-Phase neue Wege auftut, entsteht eine Vision dessen, was zu sein wir berufen sind. Nun ist es an der Zeit, diesen Visionen Leben einzuhauchen. Es ist an der Zeit, nicht mehr länger nur von unserer Vision zu träumen; es ist an der Zeit, unseren Kokon hinter uns zu lassen und zu fliegen. Welch ein gruseliger Gedanke!

Wenn uns die Vision lähmt
Wir denken oft, dass wenn wir wahrhaftig unsere Bestimmung leben, wir dann etwas tun müssen, was die Welt verändern wird. Dies ist schlicht nicht wahr. Was wir in der Dunkelheit spüren, kommt in uns zum Leben in der Art wie wir leben und was wir tun, nicht in der Größe unseres Einflusses. Mutter Teresa wird die Aussage zugeschrieben: „Du kannst keine großen Dinge tun. Du kannst nur kleine Dinge mit großer Liebe tun.“ Wenn wir aus dem Kokon herauskommen, müssen wir uns darauf konzentrieren, wie wir tun, wozu wir uns berufen fühlen, und nicht auf die Auswirkung dessen, was wir tun. Wir sind uns selbst nur dann gehorsam, wenn wir das leben, was wir sind – und das auf eine Weise, die die Liebe und Gnade ausdrückt, die wir in der Dunkelheit erfahren haben. Unsere Vision kann uns auch deswegen lähmen, weil wir nicht wissen, wie wir ihr Leben einhauchen sollen. Der einzige Weg nach vorne ist, unsere Vision in lockerem Griff zu halten, weil wir wissen, dass sie sowohl stärker werden als auch sich weiterentwickeln wird. Im Moment haben wir eine provisorische Idee, die sich bewähren muß. Darum ist es wichtig, es einfach einmal zu versuchen. Wir lernen das zu werden, was zu werden wir berufen sind, indem wir es tun. Selbstverständlich wird sich das zunächst unbehaglich, komisch und ermüdend anfühlen. Aber je mehr wir es tun, desto mehr werden uns unser angeborenes Wesen und der Geist Gottes leiten. Mehr und mehr fühlt es sich natürlich an. Wenn wir auf die Art und Weise leben, zu der wir erschaffen wurden, dann blühen wir auf. Dies ist es, was zu tun wir bestimmt sind. Wir können zu einem Werkzeug werden, das nach den Konturen der Hand Gottes geformt ist. Dies ist der eigentliche Zweck der uns verwandelnden Glaubensreise. Wenn wir uns den dunklen Nächten des Glaubens überlassen, dann formen sie uns so, dass Gott uns benutzen kann; wir werden zu Werkzeugen, die durch ständigen Gebrauch perfekt in seine Hand passen. Das ist nicht immer ein leichter Prozess, wenn die rauen Kanten glatt geschliffen werden. Stück für Stück richtet sich unser Fokus weg von dem, was wir persönlich lernen oder gewinnen und hin zu dem, was Gott mit uns zu Gottes eigener Absicht erreichen kann. Das ist es, was es bedeutet, produktiv zu sein, und ironischerweise spüren wir in dieser Phase des christlichen Glaubens den Geist Gottes in unserem Leben dann am meisten, wenn wir produktiv sind und weiter im Gewahrwerden Gottes reifen. Das ist darum der Fall, weil wir uns immer mehr dessen bewußt sind, dass wir durch das Leben geformt und gestaltet werden, um willige Werkzeuge in der Hand Gottes zu werden. Und schlußendlich haben wir, während wir in Form gebracht wurden, um Gottes Absichten besser zu dienen, in unserem eigentlich Selbst und unserer Seele neue Tiefen an Hoffnung, Glaube und Liebe hervorgebracht.

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[Chrysalis] Kapitel 6: Nebenher gehen – Begleitung

26. Februar 2009

[Das ist der siebte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Christ sein heißt in Gemeinschaft sein. Die Chrysalis-Phase der dunklen Nacht ist derjenige Abschnitt der christlichen Glaubensreise, in der es am wichtigsten ist, mit einer Gruppe, einem geistlichen Begleiter oder engen Freunden verbunden zu sein. Zwar braucht es Raum, um sich von dem alten Formen „Glauben zu tun“ zu befreien und die eigenen neuen Wege zu entdecken, aber es braucht genauso auch Begleitung. Ohne sie kann der Kokon zu unserem Grab werden. Wenn wir in dieser chaotischen Zeit alleine sind, dann ist das Risiko zu hoch, dass unser Glaube langsam sterben wird.
Jesus lud andere dazu ein, in seiner Nähe zu sein. Er ist das Vorbild, wenn es darum geht, andere an sich ran zu lassen. Er ließ es zu, dass sie seine tiefsten Wunden und Kämpfe sahen. Seine Narben und Verletzungen versteckte er nicht, sondern ließ sie von Maria waschen, von Thomas berühren und von seiner Mutter halten.

Auch wenn es schmerzhaft ist, müssen wir während dieser Zeit der Veränderungen dennoch mit mindestens einem Menschen des Glaubens offen und ehrlich verbunden sein. Wen wir als unseren Begleiter wählen, ist eine sehr wichtige Wahl. In Glaubenskrisen brauchen wir jemanden, der unsere Reise gut einschätzen und uns helfen kann, sie für uns zu normalisieren. Auch muss er in der Lage sein, uns Hoffnung auf einen tieferen Glauben hinter dem momentanen Chaos zu geben. Geistliche Begleiter sind die beste Ressource, auf die wir in Glaubenskrisen zurückgreifen können. Mit ihnen können wir unsere Geschichte teilen, wir bekommen Bestätigung und Wertschätzung sowie Hinweise auf bestimmte Bücher, Gebete, Gedichte, Bilder und Konzepte, die uns weiterbringen. Vielleicht ist es das Wichtigste, dass uns geistliche Begleiter uns dazu bringen, einen Blick dafür zu bekommen, wo und wie Gott mit uns ist und wie er uns zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen einlädt.

Wer kann ein geistlicher Begleiter sein? Es benötigt Weisheit in Glaubensänderungen, die Bereitschaft, uns unsere Geschichte erzählen und unseren Schmerz mitteilen, unsere Zweifel, Wut und Raserei gegen Gott ausdrücken zu lassen, ohne gleich eine Verteidigungshaltung einzunehmen oder die Hoffnung aufzugeben, dass der Geist Gottes in uns am Wirken ist. Es müssen Menschen sein, die sich im Umgang mit Geheimnissen und Widersprüchen nicht unwohl fühlen, auf viele Gebetsarten zurückgreifen können und selbst intensiv nach Gott gesucht haben. Aber es müssen auch starke Freunde sein, die bereit sind, mit uns zu gehen – in dem Wissen, dass es sich um eine lange und holprige Reise handeln könnte.

In unserer dunklen Nacht sollten wir nicht überrascht sein, wenn ungewöhnliche priesterliche Figuren (sie überbrücken die Kluft zwischen uns und Gott) an unsere Seite treten. Sie sind eine Gabe Gottes, denn sie helfen uns, unser wahres Selbst ins Dasein zu locken und Boden unter unseren Füßen zu finden, während unsere neue Identität im Glauben am Entstehen ist. Das Wichtigste, was ein solcher Weggefährte für uns tun kann, ist es, an unsere Seite zu stehen mit der aufrichtigen Verpflichtung, unsere Position und unsere Gefühle zu verstehen zu versuchen. Wir sollten die Kraft solchen Zuhörens nicht unterschätzen, handelt es sich doch dabei um eine hilfreiche, oft heilende Funktion in unserer Glaubensreise. Wenn ein solches Zuhören in nicht-verurteilender, annehmender Weise geschieht, schafft es den Kontext, in dem Schmerzen, Mißbrauch, Fragen, Verwirrung, Zweifel und Herzschmerz in Worte gefaßt und – wichtiger noch – gehört werden können.

Es geht darum, die Perspektive eines Menschen zu akzeptieren und stehen zu lassen – ohne Fragen zu stellen oder die eigene Sichtweise hinzufügen zu wollen; in dem Bewußtsein, dass sich diese Perspektive mit der Zeit ändern kann und wahrscheinlich auch wird. Solches Zuhören hört den Schrei des Anderen, nimmt etwas von seinem Schmerz auf sich und bringt ihn im Gebet vor Gott.

Wenn Menschen ihre Zweifel, Ängste und Verletzungen in Worte fassen, dann ist es hilfreich, wenn ihnen jemand zuhört, der zumindest in gewisser Weise die Kirche, den Glauben und sogar den Gott repräsentiert, gegen die sie wettern und die sie angreifen. Die Unterstützung, die sie jetzt brauchen, ist die Begleitung von Menschen, die selbst in den tieferen Erzählungen, Verheißungen, Metaphern und Werten des christlichen Glaubens verankert sind. Menschen, die nicht so sehr Rat geben, als vielmehr Bilder und Vergleiche anbieten, die dabei helfen können, den eigenen Glauben neu zu formulieren und zu bewerten. Die Begleiter müssen auch Hoffnung auf eine Zukunft machen können, die so noch nicht existiert.

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[Chrysalis] Kapitel 5: Von tief innen – Kommen Lassen

25. Februar 2009

[Das ist der sechste Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Etwas Neues und zutiefst Persönliches findet statt, während wir langsam ein Gespür dafür bekommen, wer unser Gott ist und wie er such zu uns verhält. Darum brauchen wir einen weiten Raum, in dem wir geschützt und mit dem Kern des christlichen Glaubens verbunden sind. Für viele ist die Chrysalis-Phase eine Zeit, in der sie aufs Neue in ungekannter Tiefe erfahren, dass Gott sie liebt und sich an ihnen freut. Der Vater, der vormals für Autorität und Regeln stand, wird zu einem Vater, dessen natürliche Reaktion die Liebe ist. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn hat sich für immer verändert.

Die entscheidende Lektion der Chrysalis-Phase ist, dass unser Gott zu einem Gott wird, dessen uns zugewandtes Gesicht Weitherzigkeit und Mitgefühl ausdrückt; ein Gott, der sich viel größeres Interesse daran hat, sich wie ein Freund an uns zu freuen, anstatt sich über unser Tun zu sorgen. Gott bleibt Gott, aber sein Gesichtsausdruck hat sich für uns gewandelt. Wenn dies geschieht, dann wird der Kokon für uns zu einem kostbaren Schmelzofen der Veränderung, zu einem goldenen Ort. Dies ist die Schlüsselbegegnung mit Gott in der dunklen Nacht. Es ist die Begegnung, in der wir angenommen und umarmt werden, zu einem Grund der Freude werden – einfach nur für das, was wir sind. So unerklärbar und offenkundig unbestreitbar eine Begegnung mit der Gnade Gottes an sich schon sein mag, so ist dies nicht das Ende. Denn im Kontext der Annahme durch die Liebe fordert uns die Liebe zum Werden auf. In der Stille wird uns die Frage gestellt: »Was wirst Du mit dem Rest Deines Lebens tun?« In diesem Mix aus unserer eigenen Kleinheit und Unbedeutsamkeit und unserer Fähigkeit zum bedeutsamen Handeln werden wir gebeten, nach vorne zu sehen in Staunen und Vorstellungskraft. Wir werden darum gebeten, unsere tiefsten Sehnsüchte zu erkunden und zu fragen: „Ich frag mich, ob ich könnte?“ Wenn sich ein solches Fragen mit unserer Vorstellungskraft verbindet, wird Vision geboren. Eine solche Vision kann unserem Denken und unserem Handeln einen Rahmen geben, wenn wir bewußt hineintreten.

Bevor wir die Kraft haben, aus dem Kokon zu treten, müssen wir uns in der Wärme des Sohnes sonnen. Denn wir dürfen die anstrengende geistliche und emotionale Arbeit nicht unterschätzen, die in der Chrysalis-Phase der Seele zum Abschluß gebracht wurde. Diese Seelenarbeit hat uns aufgezehrt. Danach kommt die Zeit, den Kokon zu verlassen. Das innere Sehnen des Geistes, das uns dazu brachte, den geschäftigen, auf Aktivität ausgerichteten Glauben zu verlassen um im Winterschlaf nach innen zu gehen, zieht uns jetzt wieder zu anderen hin. Der Kokon war nur für eine bestimmte Zeit gedacht; er hielt uns während der Phase des Übergangs und der Verwandlung, aber er ist nicht für immer. Nun ist es an der Zeit, herauszukommen.

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[Chrysalis] Kapitel 4: Im Dunkel – Loslassen

5. Februar 2009

[Das ist der fünfte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Nun beginnt die dunkle Nacht, eine Zeit des Schweigens und der Stille. Johannes vom Kreuz ist der große Lehrer über die Chrysalis-Phasen im Glaubensleben. Er nennt diese Zeiten dunkle Nächte und lehrt uns, dass es angesichts von Verzweiflung und Leid, Zweifeln und Fragen, Bösem und letztlich sogar dem Tod keinen Sinn macht, davonzulaufen. Die Dunkelheit ist echt, und wir müssen in sie hineintreten, müssen uns der Finsternis stellen. In diesem Raum erhält unser Glaube neuen Sinn, eine neue Bestimmung und neue Energie.
Während Johannes vom Kreuz den Begriff der dunklen Nacht verwendet, spricht die Heilige Schrift von der Wüste. Beides beschreibt eine fremde, vormals unbekannte, unwirtliche und obskure Umgebung. Unsere vergangenen Erfolge und Erkenntnisse sind jetzt nutzlos. Es liegt nicht einfach an der Gemeinde oder an den äußeren Dingen des Glaubens. Tief in uns stimmt etwas nicht. Die Chrysalis-Phase stellt uns neuen Raum zur Verfügung, in dem wir alte Wege loslassen und neue zur Entfaltung bringen können. Hier geschieht Wachstum und Veränderung. Alles, was uns behütet und beschützt, getragen und gehalten hat, bricht nun auseinander. Wir haben keine Kontrolle mehr, sind machtlos. An einem solchen Ort möchten wir normalerweise nicht sein.
Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, unsere eigenen Dämonen bekämpfen und unsere eigene Reise machen. Trauerarbeit ist gefragt: Es ist eine Zeit des Loslassens und des Vertrauens darauf, dass Gott etwas Neues beginnen wird, während wir – im Bild gesprochen – wie die Raupe kopfüber hängen und warten. Der Raum, in dem wir uns in der Chrysalis-Phase befinden, kann als liminal bezeichnet werden – ein Zwischenraum auf der Schwelle, ein Niemandsland, eine neutrale Zone. Ein mehrdeutiger, verschwommener, jedoch heiliger Raum, die Schwelle von etwas Neuem.

Fremde werden Freunde
Die Fremden, mit denen wir in dieser kritischen Phase unserer Glaubensreise Freundschaft schließen, sind wie die Weisen von Bethlehem: Sie bringen Geschenke. Diese Fremden sind:

  • die Dunkelheit: Es ist die scheinbar dunkelste Nacht, tief und scheinbar endlos. Wir können nicht sehen, wohin wir gehen. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Wir können Gott nicht ausfindig machen und haben keinen Zugang zu dem, was Gott in unserem Leben oder in der Welt tut. Die Dunkelheit lädt uns zu einer neuen Tiefe des Vertrauens auf Gott ein und auch dazu, unsere eigene Verletzlichkeit und unseren mangelnden Durchblick zu akzeptieren. Gott als Licht finden wir nicht nur, wenn wir der Finsternis entfliehen oder sie loswerden; vielmehr scheint das Licht in der Dunkelheit.
  • die Trägheit: Dies ist die Zeit des Winterschlafs, in der wir lernen, einfach nur zu sein. Das Tun macht dem Sein im Jetzt Platz und der Erkenntnis, dass Gott sich allein schon an unserem Sein erfreut. Wir müssen nichts tun – Gott freut sich an uns.
  • der Verlust: Bevor wir weitergehen können, werden wir vieles verlieren – alte Wege, den Glauben zu leben; die Bilder und Vorstellungen von Gott, die uns so wertvoll erschienen; unser Gefühl unserer Identität und Rolle. Dazu kommt die Trauer über den Verlust der Sicherheit und Gewissheit im Glauben, Trauer über den Verlust der sicheren Unterscheidungen in schwarz und weiß in den Gebieten von Glaube, Ethik, Theologie und Überzeugungen. Ein weiter Raum ungekannter und nicht erkennbarer Graustufen tut sich auf. Schmerzhafte Erinnerungen an eine nun vergangene Zeit plagen uns. Dies ist harte emotionale Arbeit, aber sie ist notwendig. Wir müssen Platz für das neue machen, und dieser Verlust schafft den Raum dafür, dass Gott uns auf neue Weise begegnen kann.

Unsere Monster niederzwingen
Die Dunkelheit bringt allerdings nicht nur Fremde mit sich, sondern sie erweckt auch Monster, deren Bedeutung in unserem Leben wir erkennen müssen:

  • Unsicherheit und Selbstwert, die in äußeren Erfolgen, Besitztümern u.ä. ihre Bestätigung suchen: Das Erkennen unserer Fehler, unserer Unzulänglichkeiten und unseres Scheiterns kann zu unserer tiefsten Gotteserfahrung werden. Henri Nouwen meint: »Gottes Geliebter zu werden, ist die wichtigste Reise, die wir zu machen haben.« Auch wenn wir es im Augenblick nicht fühlen, so ist doch jeder von uns Gottes erwähltes Kind, wertvoll in den Augen Gottes, von aller Ewigkeit her »geliebt« genannt, sicher gehalten in einer immerwährenden Umarmung. Wenn wir das Licht immer wieder geltend machen, dann werden wir selbst mehr und mehr leuchten. Aber Nouwen warnt uns auch: »Wenn wir uns nicht auf unseren Segen berufen, dann werden wir schnell im Land der Verfluchten landen. Es gibt keinen neutralen Boden, Du mußt wählen, wo Du leben willst.«
  • der Glaube, dass das Leben ein Kampf ist, aus dem unvermeidlich Gewinner und Verlierer hervorgehen werden: Auch hier kann uns Nouwen weiterhelfen: »Als der Geliebte Gottes erwählt zu werden, ist ganz anders. Das schließt andere nicht aus, sondern ein, weist sie nicht als zu wenig wertvoll zurück, sondern nimmt sie in ihrer Einzigartigkeit an. Es ist keine Wahl des Konkurrenzdenkens, sondern der Barmherzigkeit.
  • funktionaler Atheismus, der Glaube, dass die letzte Verantwortlichkeit für alles in uns liegt, die unbewußte Überzeugung, dass wenn hier etwas geschehen soll, wir diejenigen sein müssen, die es ins Rollen bringen.
  • Angst: Wir müssen unser Leben und unseren Glauben nicht durch übermäßiges Planen und Kontrollieren vor dem Chaos schützen. Statt dessen sollten wir das Chaos einladen, denn aus dem Chaos erschafft der Geist Gottes Neues. Wir brauchen diese chaotische Zeit, weil sonst nichts Neues kommen kann. Der freie Raum für das Chaos wird durch ehrliche Trauerarbeit geschaffen und geschützt.
  • die Leugnung des Todes – nicht nur des Todes von Menschen, sondern wir wollen auch Organisationen, Programmen und gesellschaftlichen Strukturen das Sterben nicht erlauben.

Solche Monster sind gängige Beispiele für falsche Wahrheiten und Fundamente, die wir in dem Prozeß des Loslassens während unserer dunklen Nacht der Seele ausreißen und zerstören müssen. Ostern erinnert uns daran, dass das »Halleluja« erst nach dem Todeskampf und der Einsamkeit von Kreuz und Grab erklingt, weil Gott bereit war, in die Dunkelheit hineinzutreten. Wie hat Gott das getan? Erstens wurde Gott Mensch und entschied sich dafür, als gewöhnlicher Mensch nicht aus Macht und Göttlichkeit heraus zu handeln, sondern aus Verletzlichkeit und durch Hoffnungslosigkeit. Geführt vom Heiligen Geist bewegte sich Jesus von seinen Versuchungen in der Wüste bis zu seinem letzten Atemzug in voller Selbsthingabe: Er gab sich dem Kreuz und dem Geheimnis Gottes hin. Seine dunkle Nacht begann in der Agonie im Garten, wo er nur ahnen konnte, was vor ihm lag. Hier erfahren wir, dass seine Seele sehr aufgewühlt und verängstigt war, während er alleine wartete. Seine Freunde schliefen und seine Feine kamen näher. Niemand war da, um ihn zu unterstützen, als seine qualvollen Gebete, dass Gott das bevorstehende Leiden von ihm nehmen möge, in das reine Gebet völliger Hingabe mündeten. Auch wenn unsere Erfahrung nicht die des Messias sein wird, so können wir uns Jesus doch als Vorbild und Wegweisenden nehmen, in unsere dunkle Nacht hineintreten und sie leben. Der entscheidende Schritt ist derjenige, der uns in unsere persönliche und einzigartige dunkle Nacht hineinbringt. In der Chrysalis-Phase unseres Glaubens muß eine Form gewissenhaften und glaubensvollen Lebens sterben, und aus diesem Tod entsteht dann Leben. Diese Veränderung und Metamorphose wird uns in der Chrysalis-Reise angeboten, eine Veränderung, die von den Fremden, die wir einladen, Freunde zu werden, genauso geprägt werden wird wie von den Monstern, die niederzuwingen wir uns entscheiden. Diese Phase wird uns so radikal verändern wie Jakob, der zu Israel wurde, oder die Raupe, aus der ein Schmetterling wird. Wenn sich der Kokon um uns schließt, schlagen Leere, Einsamkeit, Schock, Wut und möglicherweise sogar Zweifel an unserer Existenz Wurzeln in uns. Das ist harte emotionale Arbeit, die uns viel Energie, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit kosten wird, die aber den Boden dafür bereitet, dass wir dem Geist Gottes auf neue, frische und tiefere Weise begegnen können.

Wie lange währt die Finsternis?
Die Wahrheit ist, dass wir keine Ahnung davon haben, wie lange die Nacht andauern wird. Für manche Menschen hat sie gar kein Ende. Sie bleibt bestehen, hüllt uns ein und bringt meist Niedergeschlagenheit, Trauer, Verwirrung, Zweifel und Verzweiflung mit sich. Andere wiederum suchen die Dunkelheit wie die Wüste, weil sie sich in positiver Weise davon angezogen fühlen, immer tiefer hineinzudringen. Viele erleben die Dunkelheit eine Zeitlang, während tiefere Veränderungen im Gange sind. Wie lange die Dunkelheit auch immer dauert, so wissen wir doch, dass wir mit Gott sind. Gott wirkt in der Dunkelheit, denn das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis wird es nicht überwinden.

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[Chrysalis] Kapitel 3: Goldene Feuerprobe – Der Rückzug

1. Februar 2009

[Das ist der vierte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Ohne daß sie eine Erklärung dafür hätten, stellen viele Menschen plötzlich fest, daß sie genau diejenigen Dinge nicht mehr tun wollen, die ihren Glauben über Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte hinweg erhalten und ernährt haben. Natürlich haben wir alle immer wieder Phasen, in denen uns das kalt läßt, was uns am lohnendsten vorkommt und uns am stärksten mit dem Geist Gottes zu verbinden scheint. Das ist ganz normal. Aber wenn wir uns große Mühe geben und das Gefühl der Trennung und Entfremdung sich nur noch weiter verstärkt, dann könnte das die Einladung zu etwas komplett Neuem sein. Das empfindet jeder auf seine eigene Weise, aber meist sind mindestens zwei der folgenden Merkmale mit dabei:

  • Ernüchterung – das Gefühl, die Glaubenspraktiken nicht mehr zu genießen, die vorher am wertvollsten waren
  • Desillusionierung – das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein; eine traurige, zynische oder destruktive Sicht des eigenen Glaubens, des Glaubens anderer und vielleicht der Kirche. Was früher Leben gab, scheint jetzt leblos und wie eine Zeitverschwendung.
  • Loslösung – das Gefühl, nicht mehr damit verbunden, daran interessiert oder darin involviert zu sein, was in der Kirche, ihren Strukturen, ihrer Ausrichtung oder der Gemeinschaft geschieht
  • Entfremdung – das Gefühl, sich nicht mehr mit der Gemeinde, den Aktivitäten, der Anbetung / dem Gottesdienst und den Menschen dort zu identifizieren und sie so zu beobachten, wie das ein Außenstehender tun würde.
  • Desorientierung – das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo man hin gehört.

Wenn wir an diesem Punkt stehen, dann wissen wir ziemlich genau, was unserem Glauben keine Nahrung mehr gibt und was wir aufhören oder verlassen wollen. Oft büßt das Wort »Gott« seine besondere Bedeutung für uns ein und wir spüren die Gegenwart Gottes nicht mehr. Unsere Unzufriedenheit wird möglicherweise von einer stillen Sehnsucht nach etwas ganz Neuem begleitet, die tief aus unserem Innern kommt. Eines steht fest: Weiterhin das zu tun, was wir immer getan haben, bringt uns nicht weiter. Je mehr wir das versuchen, desto mehr nimmt unser Gefühl der Unzufriedenheit und der Entfremdung zu, und wir werden bloß wütend.

Wer hat Schuld?
Die natürlichste Reaktion wäre es, einen Sündenbock zu finden. Insbesondere zwei scheinen sich anzubieten: Wir selbst oder andere – der Prediger, der Pastor, der Lobpreisleiter… Geben wir uns selbst die Schuld, dann strengen wir uns einfach noch mehr an oder ignorieren unsere negativen Gefühle oder probieren eine neue Methode aus oder geben einfach auf, weil wir denken, dass wir das Zeug dazu nicht haben. Wenn wir die Gemeinde, Gruppen, Leiter, Strukturen, Programme etc. verantwortlich machen, ändert das nichts an der eigentlichen Problematik. Äußeres zu verändern fördert die sich im Tiefen anbahnende neue Kernstruktur des Glaubens und Lebens nicht. Verständlicherweise können wir aber auch jemand ganz anderen verantwortlich machen: Gott. Ihm die Schuld zu geben, ihn vielleicht sogar zu fluchen, ist für diejenigen, die christlich aufgewachsen sind, ein Anathema. Dabei wäre es sehr biblisch. Wie Hiob ist bei vielen Menschen die innere Unruhe mit dem christlichen Glauben eng mit äußeren Faktoren wie Leid, Trauer und Schmerz verbunden. Bei anderen hängt es vielleicht mit einem neuen Lebensabschnitt oder einschneidenden Ereignissen wie dem Tod eines lieben Menschen, Krankheit, einem schweren Unfall, dem Verlust einer Arbeitsstelle, einer zerbrochenen Beziehung oder zerschmetterten Träumen zusammen. Bei anderen sind es innere Anreger wie eine beständige Unruhe, Stress, ein Burnout, ein Gefühl der Erschöpfung, eine Sucht, die nicht mehr länger ignoriert werden kann, nicht verheilte Wunden aus der Vergangenheit oder ein Ausbruch von Angst oder Zweifel, die für eine Unrast und Hunger nach etwas mehr oder anderem sorgen. Solche inneren Antriebe, die wir am tiefsten spüren, und die uns auf eine neue Seelenreise führen, sind oft mit kontextuellen Veränderungen verbunden oder werden von diesen beeinflusst.

Eine Welt im Wandel
Eine neue Welt ist am Entstehen, die mit dem Wandel von Moderne zu Postmoderne umschrieben werden kann. Dazu gehören folgende Entwicklungen:

  • das Misstrauen in übergreifende Rahmenerzählungen, Experten und Autoritäten, was zu einer Sinnkrise führt
  • der Verlust des Glaubens an den Fortschritt, was zu einer Krise der Hoffnung führt
  • die Bewegung weg von Institutionen, was zu einer Identitäts- und Zugehörigkeitskrise führt
  • der Wandel von einer produktionsgesteuerten zu einer konsumgesteuerten Wirtschaft, was zu einer Schuldenkrise führt
  • die Explosion der Kommunikationstechnologie, was zu einer Krise in der Beziehung zwischen Raum und Zeit führt

Diese fünf Ströme zusammen machen aus der festen eine flüssige Gesellschaft. In diesem turbulenten Kontext großer Veränderungen bewegen wir uns zwischen einer sterbenden Welt und einer, die gerade erst geboren wird. Diese Veränderung äußerer Faktoren bringt eine wachsende Anzahl von Menschen dazu, sich über das vor-kritische Rahmenwerk des christlichen Glaubens hinaus zu bewegen. Und wenn nun noch ein inneres Ziehen des Heilligen Geistes dazu kommt, kann das schwer ignoriert werden.

Wie immer: Mehr Fragen als Antworten
Der Schritt in diesen Übergang hinein, den niemand freiwillig sondern nur gezwungen vollzieht, kann nicht beschleunigt werden. Das Ganze bleibt ein Geheimnis, um das sich die verschiedensten Fragen ranken: Warum bewegen sich manche Menschen nie über die vor-kritische Glaubensphase hinaus? Warum beginnen andere den Übergang, aber gehen nicht weiter? Warum bringen manche der oben genannten Faktoren die einen Menschen zu einer Wandlung ihres Glaubens, während andere in ihrer vor-kritischen Phase nur bestärkt werden? Über globale Veränderungen und persönliche Erfahrungen läßt sich trefflich diskutieren, aber das innere Wirken des Heiligen Geistes bleibt schlicht ein Geheimnis. Darum dürfen wir andere Menschen auch nicht zum Übergang zwingen, bevor sie nicht bereit sind.
Wenn wir an diesem Punkt stehen, dann haben wir keinen blassen Schimmer von dem, was vor uns liegt. Es gibt nur den Verlust des Bekannten und Sicheren und eine dunkle, unbekannte Zukunft, für die es weder Land- noch Straßenkarten gibt. Wir müssen die Art, wie wir unseren Glauben verstehen und leben hinter uns lassen, aber was vor uns ist, liegt im Nebel. Der Prozess des Rückzugs in den Kokon ist immer kummervoll – Erschütterung und Wut, Entziehung und das Bedürfnis nach offenen Räumen für Stille und Verzweiflung gehören dazu. Die Zeit im Kokon ist eine Zeit der Verwandlung, die wir nicht selbst durchführen können. Wir müssen bereit sein, uns dem Wirken des Heiligen Geistes auszuliefern und die schwere emotionale und spirituelle Arbeit zu tun, die uns abverlangt wird. Meistens treten wir in diese Chrysalis-Phase ein, weil wir gar nicht anders können. Unsere eigene Unfähigkeit bringt uns auf unsere Knie, ebenso unser Scheitern, unser Leiden oder das Abenteuer, das uns im Unbekannten erwartet.
Wir sollten bei unseren (kirchlichen) Aktivitäten kürzer treten, um uns dem Neuen, das Gott in uns ins Leben bringt, hingeben zu können. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Gemeinde verlassen müssen, sondern dass wir für eine vorübergehende Zeit etwas weniger involviert sein werden. Verlasse Deine Gemeinde nur dann, wenn Du wirklich nicht bleiben kannst, wenn das Bleiben Deinem Glauben und Leben nur schaden würde. In dieser Zeit ist es angebracht, die persönliche Aufmerksamkeit nicht auf die Ausrichtung der Gemeinde, sondern auf die Veränderungsprozesse im persönlichen Glaubensleben zu richten. Was da in Dir zum Vorschein kommt ist anders als alles Vorhergehende. Diesem Übergang kommt dieselbe Bedeutung zu, wie wenn eine Raupe aufhört zu essen und den Befestigungspunkt sucht, an dem ihr Kokon hängen wird. Sie wandert nicht mehr herum, sondern und spinnt ein kleines Seidenkissen auf der Unterseite eines Blattes oder Astes, dreht sich um und ergreift dieses Kissen mit ihren Hinterbeinen. Wenn sie sich daran festgehakt hat, läßt sie sich fallen, wird von ihren Hinterbeinen gehalten und vertraut auf die Sicherheit des Seidenpolsters. Danach beginnt ihre Metamorphose.

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[Chrysalis] Kapitel 2: Kann nicht genug bekommen – Wachstum

29. Januar 2009

[Das ist der dritte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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In der frühen und normalen Phase im christlichen Leben von Erwachsenen wird unser Wachstum hauptsächlich von dem bestimmt, was wir tun. Zwischen Aktivitäten wie z.B. dem Lesen der Heiligen Schrift, Gebet, missionarischem Wirken und unserem Wachstum im Glauben scheint ein enger Zusammenhang zu bestehen. Die Gefahren („die Vögel des Himmels“ aus dem Gleichnis vom Sämann) in dieser Phase sind Geiz, Lust, Faulheit und Sichgehenlassen. Trotz der Bedrohungen ist dieser Abschnitt im Glaubensleben für die meisten Christen sehr bereichernd; sie tragen auf wundervolle Weise zum Wohl ihrer Gemeinschaft und Not leidender Menschen bei. Sie werden zu guten Samenkörnern, die zu Bäumen wachsen und Frucht bringen.

Diese Phase gleicht im Bild vom Schmetterling der Raupe, die immer frißt und beständig wächst. Wie sich eine Raupe mehrmals häutet, so gibt es auch in der vor-kritischen Phase im Glaubensleben immer neue Herausforderungen, und Wachstum erfolgt meist dann, wenn wir neues Gebiet betreten, in dem wir uns zunächst sehr verletzlich vorkommen. Diese Verletzlichkeit wird von langsamem, schrittweisem Wachstum und einer Verstärkung dieses Aspekts unseres Glaubens abgelöst, bis wir uns allmählich sicher fühlen. Und genau an diesem Punkt lockt uns dann eine neue Herausforderung mit der Einladung, eine alte Hautschicht loszulassen, das abzulegen, was uns zu zwicken, sich eng anzufühlen beginnt, und uns statt dessen für neue Möglichkeiten des Wachstums zu öffnen. Es gibt Zeiten, in denen wir großen Appetit nach der Bibel, nach Gebet und Dienst haben, und es gibt Zeiten, in denen das nicht der Fall ist. Das scheint einfach die Weise zu sein, auf die der Geist Gottes im Leben vieler Menschen wirkt. Für viele geht dieser Prozess so lange weiter, bis es keine passende Nahrung mehr gibt oder aber keine neuen Herausforderungen angenommen oder neue Kosten akzeptiert werden oder die Vögel des Himmels den Glauben unterminieren.

Alan Jamieson nennt diese Phase, in der unser Wachstum vorhersagbar und mit unserer Anstrengung verbunden ist und in der sich seiner Ansicht nach die meisten erwachsenen Christen befinden, »konventionell« oder »vor-kritisch«. In diesem Abschnitt ist es uns sehr wichtig, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Für unsere Überzeugungen, Werte und Lebensweise hat die Sicherheit der Gruppe einen hohen Stellenwert. Menschen in dieser Glaubensphase haben feste Überzeugungen und eine starke Loyalität dem christlichen Glauben und ihrer Gemeinde gegenüber. Jamieson bezeichnet diese Phase deswegen als »vor-kritisch«, weil sie vor dem kritischen Übergang zur erwachsenen Glaubensreife steht, den Johannes vom Kreuz die »dunkle Nacht« genannt hat. Für Jamieson ist dies die Phase, die im Kokon stattfindet, wenn aus der vormaligen Raupe ein Schmetterling wird.

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[Chrysalis] Kapitel 1: Schmetterlinge – Transformation

26. Januar 2009

[Das ist der zweite Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]

Chrysalis
Alan Jamieson erläutert im ersten Kapitel, dass sich der Titel seines Buches auf den Wandlungsprozess bezieht, in welchem eine Larve zu einer Raupe wird, diese sich in der Chrysalis-Phase in einen Kokon zurückzieht, aus dem sie dann als Schmetterling hervorgeht. Derselbe Organismus mit identischer DNA existiert in unterschiedlichen Gestalten und verändert sich im Laufe seines Lebens. In diesem Bild sieht Jamieson eine Parallele zum christlichen Glaubensleben, das er als eine Reise von den frühen Anfängen zur Reife an Selbstsein, Identität und Tiefe beschreibt. Viele sind es, die diese Reise beginnen, aber nur wenige bringen sie zu Ende; zu viele brechen sie unterwegs ab. Glaubenskrisen ermöglichen es uns, die Vergangenheit hinter uns zu lassen und Gott auf neue Weise zu finden. Jamieson will denen Hoffnung bringen, die sich auf eine Reise jenseits der Anfänge des christlichen Glaubens hin zu den größeren Tiefen Gottes machen. Heute brauchen viele Menschen einen Kokon des Glaubens: Einen geschützten Raum, der es zulässt, dass radikale Veränderung geschieht und aus dem ein neues, zerbrechliches und wahres Selbst zum Vorschein kommen kann. »Chrysalis« will eine Landkarte für die Glaubensreise sein. Wenn sich auch die persönlichen Wege unterscheiden, so erinnert uns eine Landkarte daran, dass wir uns auf dem Weg befinden, dass wir weiter in Bewegung bleiben müssen und sie gibt uns eine Vorstellung davon, wo wir sind und was noch vor uns liegen könnte.

Unsere Reise im christlichen Glauben ist eine Erfahrung, die das ganze Leben mit einschließt. Glaube verändert und entwickelt sich. Aber auch wenn uns das Neue Testament daran erinnert, kindliche Wege abzulegen und nicht mehr länger nur geistliche Milch zu uns zu nehmen, so macht es uns dennoch oftmals ganz schön zu schaffen, wenn unsere kindlichen Wege nicht mehr länger »funktionieren« oder wir uns an der festen Speise verschlucken, die uns vorgesetzt wird.

Viele haben bereits über die lebenslange Reise des christlichen Glaubens geschrieben – Jamieson nennt exemplarisch Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, John Bunyan, Hanna Hurnard, James Fowler und Sharon Parks. Für sie alle ist der christliche Glaube mehr als die Annahme gewisser Überzeugungen – ein dynamischer, sich wandelnder und sich entwickelnder Prozess, der das ganze Leben einschließt.

Ich werde den Lebenszyklus des Schmetterlings verwenden, der – trotz aller Begrenzungen – eine sehr hilfreichen Analogie zum sich wandelnden Glauben darstellt. Auch der christliche Glaube ist eine Reise kaum erkennbaren Wachstums und radikaler Verwandlungen. Eine Reise, die viele beginnen, aber sehr wenige ihr Leben lang weiterführen. Sie geben nicht etwa auf, sondern schlagen einfach irgendwo unterwegs ihr Lager auf. Sie verlassen die Pilgerschaft und lassen sich nieder, werden zu lebenslangen Raupen oder Kokons, aus denen niemals ein Schmetterling wird.
Wir müssen uns immer bewußt sein, dass der menschliche Glaube viel komplexer ist als der Weg einer Raupe über einen Kokon zum Schmetterling. Unsere Wandlungen sind nach außen hin meist nicht sichtbar, unsere Erfahrungen und Einsichten behalten wir in unserem Innern. Und anders als der Schmetterling kann uns unsere Glaubensreise immer wieder in einen Kokon hineinführen. Das Bild des Schmetterlings kann uns dabei helfen, Aspekte des Verlaufs zu erkennen, in den viele Christen gelockt werden, aber es ist nur eine einfache Analogie. Letztlich müssen wir unseren eigenen Weg gehen, der uns in ein tieferes Verstehen und Ausleben des christlichen Glaubens führen wird.

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Wie sich der Glaube im Stillen verändert

20. Januar 2009


Hattest Du jemals das Gefühl, dass Dir genau die Dinge, die einstmals Deinen Glauben inspirierten und ihm Nahrung gaben, plötzlich leblos und vielleicht sogar frustrierend erscheinen?

Diese Frage ziert das Backcover des Buches Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith von Alan Jamieson, der vor einigen Jahren mit der Studie Churchless Faith auf sich aufmerksam machte. Chrysalis erschien 2007 und ist leider momentan in Deutschland schwer lieferbar. Nicht nur deshalb aus meiner Sicht ein möglicher Kandidat für die Emergent Edition. Ein nettes kleines Buch mit knapp über 100 Seiten, das sich Christen widmet, die die für sie beunruhigende Erfahrung machen, dass sich ihr Glaube verändert (hat), und die sich nun hilflos und ausgeliefert fühlen. Jamieson verwendet den Lebenszyklus der Schmetterlinge als Metapher für die Metamorphose des Glaubenslebens und lädt dazu ein, die Veränderungen anzunehmen und als Teil der Führung Gottes zu begreifen.
In Kürze mehr zu diesem Buch, das Erfahrungen beschreibt, die Dir vielleicht nicht ganz unbekannt sind.

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Georges Bernanos – Tagebuch eines Landpfarrers

12. Januar 2009

Wie bereits angekündigt, finden sich in diesem Post einige Zitate aus Georges Bernanos‘ Tagebuch eines Landpfarrers, die als Denk-Anstöße und Leseempfehlung dienen mögen.

So wenig wie ein Mensch kann sich eine Christenheit von Leckereien ernähren. Gott hat nicht gesagt, daß wir der Honig, sondern daß wir das Salz der Erde sind, mein Sohn. Und unsere trübselige Welt voll Wunden und Schwären gleicht dem alten Vater Job auf seinem Misthaufen. Salz auf die nackte, lebendige Haut, das brennt! Aber es verhindert auch die Verwesung. Neben dem Wunsch, den Teufel auszurotten, habt ihr die andere Sucht: geliebt zu werden, natürlich um euer selbst willen geliebt zu werden. Ein wahrer Priester wird niemals geliebt, schreib Dir das hinter die Ohren! (19)

Man wird vielleicht sagen können, die Welt habe sich längst an die Stumpfsinnigkeit gewöhnt, die Stumpfsinnigkeit sei die wahre Lebensform des Menschen. (9)

Die Kirche hat von Gott den Auftrag erhalten, der Welt diesen Geist der Kindheit, diese Unbefangenheit und unberührte Frische zu bewahren. (31)

Als unser Herr die Armut ehelichte, hat er den Armen zu solcher Würde erhoben, daß man ihn nie wieder von seinem hohen Sockel wird herunterholen können. (69)

Ich behaupte nur: wenn der Herr zufällig ein Wort aus mir herauszieht, das den Seelen nützt, so spüre ich es daran, daß es mir weh tut. (74)

Unser Herr hätte mit eigener Hand auf die Geldsäcke „Lebensgefahr“ geschrieben (77)

Das Wort Gottes! „Gib mir mein Wort zurück“, wird der Richter am Jüngsten Tag sagen. (83)

»Sie wissen genau: die Kirche erhebt nur eine sehr kleine Zahl von ganz ausnahmehaften Gerechten zur Würde der Altäre, und zudem meist lange nach ihrem Tod, Gerechte, deren Lehre und heldisches Beispiel – nachdem sie durch das Sieb einer sehr strengen Untersuchung gegangen sind – den gemeinsamen Schatz der Gläubigen ausmachen, wobei den Gläubigen aber, wie Sie wohl beachten wollen, keineswegs gestattet ist, ohne Beaufsichtigung aus diesem Schatz zu schöpfen. … „Gott bewahre uns vor Heiligen“? Nur allzu oft sind sie für die Kirche eine Prüfung gewesen, ehe sie ihr zur Glorie wurden. (91)

Aber wenn es wahr ist, daß der Arme Bild und Gleichnis Jesu ist, Jesus selbst, dann ist es widerwärtig, ihn in die hintersten Kirchenbänke klettern und aller Welt ein Gesicht zeigen zu lassen, das zum Spott herausfordert und aus dem ihr immer noch nicht die Spuren des Angespienwerdens zu löschen vermocht habt. (110)

Es ist so leicht, nicht vollständig zu bekennen! Aber es gibt Schlimmeres. Es gibt die langsame Kristallbildung um das Gewissen, aus kleinen Lügen, Ausflüchten und Zweideutigkeiten. Der Panzer bewahrt in unbestimmter Weise die Form alles dessen, was er zudeckt. Aus Gewohnheit und mit der Zeit bilden sich die weniger Feinfühligen schließlich für all das eine eigene Sprache, die ganz unglaublich unanschaulich bleibt. Sie verbergen gar nichts besonderes, aber ihre verschlossene Offenherzigkeit gleicht dem mattgeschliffenen Glas, das das volle Licht nicht durchläßt. so daß das Auge nichts unterscheidet. Was bleibt da vom Geständnis übrig? Kaum, daß es an die Oberfläche des Gewissens rührt. Ich wage nicht zu behaupten, daß dieses sich darunter zersetzt, es versteinert aber. (116)

Man verliert nicht den Glauben, aber er hört auf, dem Leben Form zu geben, das ist alles. (157)

Wie gern hätte ich ein Wort des Mitleids gefunden, aber alles, was mir auf die Zunge kam, hätte, wie ich fühlte, nur dazu geführt, daß sie über sich selbst in Rührung geriet, und hätte einen Quell unedler Tränen erschlossen. Und niemals habe ich besser erfaßt, wie hilflos ich vor gewissen Formen des Unglücks dastehe, an denen ich trotz aller Bemühung nicht teilzunehmen vermag. (278)

Ich bin traurig, weil Gott nicht geliebt wird. (283)

Offenbar kann ich jetzt besser beten. Aber ich erkenne mein Gebet nicht wieder. Früher hatte es etwas von einem eigensinnigen Betteln, und wenn das Lesen des Breviers z.B. meine Aufmerksamkeit ablenkte, fühlte ich sogar, wie sich in mir das Zwiegespräch mit Gott fortsetzte, manchmal flehend, manchmal drängend und fordernd. Ja, ich hätte oft seine Gnaden ihm abringen, seiner Liebe Gewalt antun mögen. Jetzt komme ich kaum dazu, etwas zu wünschen. Wie das Dorf hat mein Gebet kein Gewicht mehr, es fliegt davon… Ist das nun gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. (286)

Sicherlich, ich habe bisher zu sehr an mir gezweifelt. Zweifel an seinem eigenen Ich ist nicht Demut, ich glaube sogar, er ist zuweilen die gesteigertste, fast wahnsinnige Form der Hoffart, eine Art eifersüchtige Wut, womit ein Elender sich gegen sich selbst wendet, um sich zu verschlingen. Darin muß das Geheimnis der Hölle bestehn. (306)

Das eigentümliche Mißtrauen, das ich gegen mich, gegen meine Person hegte, beginnt sich zu verflüchtigen, und das wohl für immer. Dieser Kampf ist zu Ende. Ich verstehe ihn nicht mehr. Ich bin mit mir selbst versöhnt, versöhnt mit dieser sterblichen Hülle. Es ist leichter als man glaubt, sich zu hassen. Die Gnade besteht darin, daß man sich vergißt. Wenn aber aller Stolz in uns gestorben wäre, dann wäre die Gnade der Gnaden, sich selbst demütig zu lieben als irgendeinen, wenn auch noch so unwesentlichen Teil der leidenden Glieder Christi. (364)

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Über Eugene Peterson zu Georges Bernanos

11. Januar 2009

Eugene Peterson ist ein Mann, auf den es sich zu hören lohnt. Nach unzähligen exzellenten Büchern zum geistlichen Leben und der formidablen Bibelübertragung The Message legt er aktuell die Zusammenfassung seiner persönlichen Erkenntnisse in einer »Spiritual Theology« genannten Reihe vor, von der bislang vier Bände erschienen sind:

Christ PlaysBand1: Christ Plays in Ten Thousand Places: A Conversation in Spiritual Theology
Eat This BookBand 2: Eat This Book: A Conversation in the Art of Spiritual Reading
Jesus WayBand 3: The Jesus Way: A Conversation on the Ways that Jesus is the Way
Tell It SlantBand 4: Tell it Slant: A Conversation on the Language of Jesus in his Stories and Prayers

Von diesen habe ich die ersten drei Bände gelesen und werde mich demnächst mal an den vierten machen. Der folgende Satz entspringt meiner persönlichen Erfahrung mit den ersten drei Bänden, die ich einfach auf den vierten projiziere: Diese Bücher sind brillant und sollten gelesen werden. Punkt. Es ist ein Genuss, Segen und Geschenk, wenn jemand wie Peterson im Herbst seines Lebens noch die Zeit findet, seine Gedanken zu ordnen und sie auf so ansprechende Weise zu präsentieren. Wie gerne würde ich eine deutsche Übersetzung dieser Reihe sehen! Zum Inhalt dieser Bücher schreibe ich an dieser Stelle nichts, nur das: Peterson kann nicht quergelesen werden. Seine Worte und Gedanken müssen meditiert werden, um ihr Aroma entfalten und unser Leben durchdringen zu können.

Am Ende eines jeden Bandes seiner »Spiritual Theology«-Reihe stellt Peterson einige Bücher vor, die das behandelte Thema weiter ausführen. So bin ich auf das Tagebuch eines Landpfarrers von Georges Bernanos, gestoßen, das ich zu meinem Roman des Jahres 2008 küre. Eugene Peterson schreibt in »The Jesus Way«:

I assumed I was reading an autobiography since it was written in the form of a diary. The discernments involved in following Jesus, worked out in conditions of poverty and humiliation, struck me with a depth of authenticity and gospel obedience that I hardly imagined possible. I later learned that the book was a novel. I read it again. It may have been fiction, but there was not a false note in it – every sentence rang true. Through numerous re-readings it has permeated my imagination. For me it is a major witness to the nuances and subtleties involved in following the actual, revealed Jesus in a culture that has installed religious coventions and fantasies in place of the real thing.

Empfehlung gelesen, Buch gekauft, Buch gelesen, was ich Dir ebenfalls ans Herz lege, zumal das »Tagebuch…« antiquarisch sehr günstig zu haben ist. Die Hauptfigur des Landpfarrers hat mich ein wenig an Dostojewskis Idiot erinnert, der Grundton der Erzählung ist eng verwandt mit Graham Greene’s The Power and the Glory und dem ähnlich angelegten Silence aus der Feder von Shusako Endo, die Markus hier vorgestellt hat. Wer diese Bücher mochte, wird auch am »Tagebuch eines Landpfarrers« Gefallen finden, das eben als solches gestaltet ist: Die Aufzeichnungen eines ärmlichen Geistlichen auf dem Lande, der – gesundheitlich angeschlagen und kindlich naiv – den Menschen seiner Parochie zu dienen versucht. Er strebt danach, ihnen den »Herrn« nahezubringen, »den wundervollen lebenden Freund …, der mit uns unsere Schmerzen leidet, von unsern Freuden bewegt wird, an unserm Todeskampf teilnehmen und uns in seine Arme und an sein Herz schließen wird.« (41) Von sich selbst sagt er: »Ich bin nicht Botschafter des Gottes der Philosophen, ich bin der Diener Jesu Christi.« (112) Sein inneres Ringen beschreibt er so:

Bin ich dort, wo der Herr mich haben will? Zwanzigmal am Tag frage ich mich das. Denn der Herr, dem wir dienen, richtet nicht nur unser Leben – er teilt es mit uns und nimmt es auf sich. Es wäre unendlich viel leichter, einen Gott zufriedenzustellen, der Geometer oder Moralist wäre. (113)

An Stelle einer Nacherzählung folgen morgen ausgewählte Zitat, die sich wunderbar als Denk-Anstöße eignen.
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