10. Mai 2006
Dieser Post basiert auf einem Kommentar, den ich im Februar hier bei Toby spätnachts verfasst habe und der hier bei Mark nochmals auftauchte. Ich hab ihn ein bißchen umgebaut, um einen Teil meiner Gedanken zusammenzufassen. Viel Spaß dabei.
Ich bin zur EmergingChurch-Diskussuion gekommen, weil da Dinge aus meinem Herzen waren, die ich bei anderen Menschen wiedergefunden habe, plötzlich festgestellt habe: Diese Leute ticken wie ich! Offensichtlich hat Gott uns dieselbe Sehnsucht geschenkt. Die kulturelle Reflektion kam erst hinterher, unterstützt durch meinen lieben Freund [depone].
Aber was ist EC? Ein schwammiger, weiter Begriff – und vielleicht schon zu sehr durch Kimballs Buch ge”labelt”. Wer bestimmt, was EC ist – und wer nicht? Ab wann bist Du EC – wann nicht mehr? Kester Brewin hat mal schön dazu gebloggt unter dem Titel “Will the emerging church be a denomination?”
Wie können wir andere durch Worte von dem begeistern, was in uns brennt? Wie kann ich anderen erklären, was ein bestimmtes Musikstück für mich bedeutet, welche Emotionen und innere Eruptionen es freisetzt, wenn sie das nicht selbst empfinden? Oder wie N.T. Wright von einer Ballet-Tänzerin erzählte, die, nach der Bedeutung ihres Tanzes gefragt, antwortete: “If I could explain it, I wouldn’t have to dance it!”
Ist das mit EC nicht ähnlich? Die Erfahrung macht mir immer wieder deutlich, zuletzt bei Innovation und Transformation: Es geht um ein neues Paradigma. Wir ticken anders, wir träumen anders, wir glauben daran, daß Gemeinde MEHR sein kann, mehr als nur eine Organisation, eine Institution. Mehr als das Sitzen in der Kirchenbank. Mehr als das gemeinsame Trällern von Lobpreisliedern. Wir träumen von echtem, purem Leben, das wir von Gott empfangen, miteinander teilen und an andere weitergeben. Wir integrieren Traditionen, Praktiken, Zugangsweisen zu Gott aus jedem Winkel der Kirchengeschichte, weil wir glauben, daß “der Wind weht, wo er will”. Wir wollen 24/7 mit Gott leben und die sakral/profane Trennung Geschichte werden lassen. Gott von ganzem Herzen mit all unseren Gaben in unserer ganzen Weite anbeten. Dinge ausprobieren. Wege finden, wie Gemeinde auch noch sein kann. Gottes Auftrag neu leben. Gemeinsam leiten. Wir haben einen Teil der gigantischen Weite Gottes erlebt und wollen darin weitergehen. Miteinander unterwegs sein. Ins Dunkel stolpern. Gottes Reich ganzheitlich verstehen. Und und und…
Wo fängt EC an? Wo hört EC auf? Es gibt nicht DIE Merkmale von einer “Absolutely-true-authentic EMERGING CHURCH”. Das wird mir immer wieder neu bewußt. Keiner kann diesen Begriff für sich vereinnahmen, es ist eben “im Anbrechen befindliche Gemeinde”. Es ist kein Label. Es ist eine Bewegung des Geistes Gottes. Vielleicht neuer Wein, der nicht in alte Schläuche passt. Vielleicht aber auch nur rebellische Überreaktionen von post-evangelikal & post-charismatisch Deprimierten, die von dem, was sie kennen, frustriert sind und jetzt ihr eigenes Ding durchziehen wollen, was weiß ich. Jedenfalls ist es etwas, das ich im Herzen trage.
Kann man das erklären oder in Seminaren vermitteln?
Ja und Nein. Prinzipien kann man lehren. Gedanken kann man teilen. Träume kommen aus den Menschen selbst (oder, fromm gesagt: von Gott, der sie in die Herzen legt). Ich kann Dir nicht rational vermitteln, warum ich während der letzten Minuten von “Stadt der Engel” weine. Das passiert einfach.
EC ist nicht “das Ding”, aufgrund dessen man alles vorhergehende vergessen kann. Es darf nicht nur eine neue Methode sein, eine missionarische Strategie um PoMo-Kids zu erreichen. Möge jeder das tun, was er vor Gott als seinen Weg erkannt hat. Echtheit, Wahrhaftigkeit, Authentizität ist der Kern. Man wendet jetzt nicht mal eben EC-Strategien an, um damit erfolgreich zu sein. Entweder das kommt aus Dir selbst, oder vergiß es.
Laß uns gemeinsam forschen, wie Nachfolge Jesu aussehen kann – und als seine Jünger leben.
Laß uns gemeinsam über Gottes Größe staunen als anbetende Gemeinde.
Laß uns gemeinsam träumen, wie erfülltes Leben-in-Gemeinschaft aussehen kann – und es leben als Leib mit vielen Gliedern.
Laß uns gemeinsam entdecken, wie Leitung nicht nur vom Guru ausgeübt wird – ohne dass wir sie ganz über Bord werfen, sondern einen biblischen Weg finden.
Laß uns gemeinsam nachsinnen, welchen Auftrag Gott uns gegeben hat – und diesen leben als missionale Gemeinde.
Laß uns gemeinsam ein Auge für die Menschen unserer Umgebung bekommen – und für sie da sein als dienende und inkarnatorische Gemeinde, und sie zu Jüngern Jesu machen statt zu Bekehrten.
Laß uns den Reichtum der Glaubensgeschichte erkennen und das Erbe von so hochgradig unterschiedlichen Menschen wie Augustinus, Luther, Finney, Bonhoeffer, Lewis, Wesley, Fletcher, Benedikt, Brainerd, Zinzendorf, Franziskus, Br. Lorenz, Woolman uvm. ausschöpfen als ökumenische Gemeinde und erkennen, dass Gott in jeder Bewegung immer zumindest einen Aspekt offenbart, den es wahrzunehmen gilt.
Kontemplativ-asketisch die einsame Betrachtung suchen, hingegeben nach Reinheit streben, die volle Kraft des Heiligen Geistes annehmen, die eigenen Gaben gebrauchen, in der Schrift zuhause sein, aktiv nach Gerechtigkeit streben usw.
Ich kann Ablehnungen und Abgrenzungen nicht mehr hören – durch Fingerzeigen das eigene Profil schärfen, durch Kritik anderer sich selbst erhöhen. Das ist auch meine Krankheit. Aber ich hasse (!) Pauschalaussagen wie “Dieses Gemeindemodell ist nicht biblisch” oder “Wir brauchen keine Leitung mehr” oder “wir müssen jetzt alles neu definieren” – Ich bin ein sowohl-als-auch-Mensch geworden. Saatgut aus der Fülle des Lebens-mit-Gott betont die FÜLLE. Wenn ich von einer neuen Art Gemeinde träume, dann will ich die alten stehenlassen. Mein Paradigma nicht anderen aufdrängen müssen. Und immer im Dialog mit Schrift, Kultur, Tradition und v.a. Gott die Frage stellen, ob mein Traum auch Gottes Traum ist. Ob das Ding, das ich durchzuziehen gedenke, nur auf meinem Mist gewachsen ist, oder ob es Gottes Idee war.
Ich träume von dieser de-institutionalisierten Struktur, diesem Netzwerk, das sich verbreitet, mulitpliziert, weil es in Christus seinen gemeinsamen Kern hat, von dieser Al-Q*ida-Struktur, von der Alan Hirsch spricht.
Am Ende des Tages muß sich Gemeinde immer noch an den 5 Aufträgen orientieren, die Rick Warren herausgefunden hat, der ja eigentlich nicht cool ist, weil er noch für das öde alte Paradigma steht (Achtung: Ironie). Aber Anbetung, Jüngerschaft, Dienst, Evangelisation und Gemeinschaft sind halt doch biblisch. Und letztenendes wird jede (Orts-)Gemeinde (oder meinetwegen “christliche Gemeinschaft” oder “Menschen, die gemeinsam Jesus folgen” oder was auch immer) dann doch wieder
Christuszentriert
Menschenfreundlich
Weltoffen
sein. Und der alte Satz von Luter gilt: Ekklesia semper reformanda – Die Gemeinde/Kirche hat sich beständig zu verändern, an ihren Kontext anzupassen, die passende Form für die sozio-kulturelle Umgebung zu finden. Diese Ansicht ist mittlerweile fast 500 Jahre alt. Schön, dass sie langsam umgesetzt wird. Spannende Zeiten…