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Archiv für die 'Aus meinem Kopf' Kategorie

Wie die Bibel Sinn macht: Ein altes Buch neu kennenlernen

14. September 2013

Wie die Bibel Sinn machtEs war lange still auf diesem Blog, das ist mir schmerzlich bewusst. Heute melde ich mich sozusagen in eigener Sache:

Nachdem ich bereits einige Artikel zu anderen Büchern beisteuern durfte („Bücher mit dem Sämann“ in der rechten Sidebar), erscheint Ende September in der Edition einfach emergent des Francke-Verlages mein erstes „eigenes“ Büchlein.

Wer mich näher kennt, weiß, daß ich schon immer eine besondere Beziehung zur Bibel hatte – ich mag sie einfach! In Wie die Bibel Sinn macht: Ein altes Buch neu kennenlernen habe ich jetzt auf 96 kompakten Seiten meine Gedanken zur Bibel und zu ihrer Botschaft zusammengefasst.

Ein solches Büchlein zu schreiben ist natürlich zunächst einmal ein Wagnis. Wie sollte man denn der Vielfalt und dem Facettenreichtum der Heiligen Schrift auf so wenig Platz gerecht werden? Natürlich müssen viele Fragen außen vor gelassen werden. Natürlich kann nicht jede der Antworten, die ich gefunden habe, ausreichend begründet werden. Und natürlich könnte ich deswegen der Irrlehre bezichtigt werden 😉

Wie die Bibel Sinn macht ist darum für mich zu einem spannenden Experiment geworden. Ich habe mich auf die Kerngedanken und Leitmotive der Bibel beschränkt und versucht, mich so weit wie möglich von der akademisch-wissenschaftlichen Sprache zu lösen. Ich wollte ein Buch schreiben, das man auch ohne Theologiestudium verstehen kann, das aber dennoch gesunde Theologie enthält. Ein Buch, das den Kern meines persönlichen Glaubens bezeugt und gleichzeitig anderen hilft, den roten Faden der Bibel besser zu verstehen. Ein Buch, das gemeinsam gelesen und diskutiert werden kann. Ein Buch, das kompakt genug ist, um es an einem Stück durchzulesen, das aber tief genug ist, um es immer wieder hervorzuholen. Ein Buch, das möglichst vielen Leserinnen und Lesern immer wieder ein Licht aufgehen lässt, nach dem Motto: „Stimmt – so macht das für mich Sinn!“ Wenn das geschieht, habe ich mein Ziel erreicht.

Der Promo-Text zum Buch lautet:

Vielen Menschen ist die Bibel fremd geworden. Sikinger lädt dazu ein, sich wieder neu auf sie einzulassen. Denn die Bibel erzählt die größte Geschichte aller Zeiten. Ein Drama in fünf Akten, das davon handelt, wie alles begann und wie alles enden wird. Eine Geschichte von einem großen Gott, der sich immer wieder klein macht. Eine Geschichte von Schmerzen, Entfremdung und der Hoffnung auf das große Happy End.
Dieses Buch ist eine Hilfe, die Bibel ganz neu zu lesen, zu verstehen und zu leben. Es ermutigt dazu, das heutige Wirken Gottes im Licht dieser alten Geschichte zu erkennen und daran teilzuhaben. Denn die Heilige Schrift macht erst dann Sinn, wenn wir unseren Platz im fünften Akt des Dramas gefunden haben. Zwar können wir das Ziel erahnen, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt…

Erwerben kannst Du das Buch für entspannte 5,95€ bei Francke oder Amazon und sicher auch bald bei ONE. Ich bin gespannt auf die Rückmeldungen!

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Die Fastenzeit und die »Stimme verschwebenden Schweigens«

27. Februar 2012

1. Könige 19 ist eines der Kapitel aus der Bibel, die mich in den letzten zehn Jahren am meisten geprägt und begleitet haben. Immer wieder bin ich zurückgekommen zu der Geschichte Elias. In Kapitel 18 hatte dieser Prophet hunderten Baalspriestern die Stirn geboten, das ganze Volk konfrontiert und ein machtvolles, »übernatürliches« Eingreifen Gottes erlebt. Auf dem Berg Karmel war Elia auf dem Gipfel. Das nachfolgende Kapitel führt ihn dann ins Tal, durch die Wüste und wieder auf den nächsten Berg. Euphorisiert vom Erfolgserlebnis auf dem Karmel trifft ihn die Ansage Isebels wie ein Hammerschlag: »Ich werde Dich töten!« Plötzlich bricht alles zusammen:

Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. (1Kö 9,3f)

Ganz unten ist Elia. Er, der gedacht hatte, er könnte Gottes Volk im Alleingang auf den rechten Weg bringen und es besser machen als alle seine Vorgänger, ist mit seinem Latein am Ende. Er will sterben und schläft erst mal ein. Als er wieder aufwacht, rührt ihn ein Engel an und gibt ihm zu essen und zu trinken. Wieder schläft er ein, wieder weckt ihn ein Engel und sagt: »Steh auf und iss, denn Du hast einen weiten Weg vor dir.« Die nächsten Verse lauten:

Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des Herrn kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? Er sprach: Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen. (1Kö 19,8-10)

Drei Verse nur, die doch so viel aussagen. Interessant, was Schlaf, Nahrung und ein göttlicher Auftrag alles ausrichten können. Für Elia reicht das, um einen 40-Tages-Marsch auf sich zu nehmen. Man sollte meinen, Elia wäre während dieser langen Zeit vielleicht zu sich gekommen, hätte zur Reflexion und wieder in die innere Ruhe hinein gefunden. Vierzig Tage Wüste könnten dabei ja helfen. Elia verbringt die Nacht in einer Höhle im Berg. Wer weiß, mit welchen Erwartungen er zum Horeb gekommen ist. Schließlich war das ja – abgesehen vom Tempel in Jerusalem – der Ort, der am meisten mit der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes vor seinem Volk assoziiert wurde. Ob Elia mit einer Privataudienz beim Allmächtigen gerechnet hat – so wie sie einst Mose bekommen hatte? Wahrscheinlich hat er lange darüber nachgedacht, was er Gott sagen würde, falls es dazu käme. Jedenfalls erzählt der Text lapidar: »Das Wort des Herrn kam zu ihm: Was machst Du hier, Elia?« Eine solch einfache Frage, die Gott mir (und vielleicht auch Dir?) durchaus deutlich öfter stellen könnte. Manchmal hilft ja allein schon diese Frage. Elia antwortet, und seine ganze Frustration bricht aus ihm heraus: »Ich habe mir den Arsch aufgerissen für Dich, Gott, denn alle sind sie abgefallen, keiner kümmert sich um Dich, ich bin der einzige, und jetzt wollen sie auch noch mich umbringen!« Ich höre in diesen Sätzen Frust, Enttäuschung, Arroganz, Ablehnung, Verletzung, Stolz, Traurigkeit, Anklage und vieles mehr heraus. Interessant ist die Tatsache, dass Elia im Vergleich zur Nacht unter dem Wacholderbusch zumindest einen Schritt weiter scheint – weder der Todeswunsch noch der Vergleich mit den Vätern wird hier artikuliert. Dennoch: Der Stachel sitzt tief, und Elias Blickfeld ist eingeschränkt auf seine verzerrte Wahrnehmung seiner selbst und des Gottesvolkes. Kurze Zeit später wird ihm Gott einen neuen Auftrag geben und ihm offenbaren, dass noch weitere siebentausend Menschen in Israel ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben. Ob die Zahl wörtlich oder symbolisch zu verstehen ist, sei dahingestellt, entscheidend ist die Kernbotschaft: Du bist nicht allein und ich kann Dich gebrauchen. Jetzt im Moment jedoch verspürt Elia nur den tiefen Stachel in sich. Die beiden nächsten Verse sind in die Geschichte eingegangen, sind mir die vielleicht beiden wertvollsten Verse im Alten Testament geworden:

Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. (1Kö 19,11f)

Immer und immer wieder habe ich über dieses Kapitel nachgedacht, bin ich den Weg Elias mit ihm mitgegangen, immer wieder habe ich mich in der einen oder anderen Situation mit Elia identifiziert und Gott auch bisweilen meinen Frust über sein Volk entgegengeschleudert. Und immer wieder hatte ich das Gefühl, dass Gott mich raus aus der Höhle ruft, hin zu seiner Gegenwart. (So habe ich 2005 auch mal versucht, diese Geschichte in einem Gedicht/Gebet zu verarbeiten, das ich der Vollständigkeit halber demnächst auch posten werde.) Und immer wieder habe ich über die drei Worte nachgesonnen, die in meiner präferierten Luther ’84 mit „stilles, sanftes Sausen“ übersetzt werden. Und immer wieder hatte ich das Gefühl, dass das der Gott ist, den ich auch kenne. Der sich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer manifestiert und offenbart, sondern im „ganz leisen Hauch“ (Gute Nachricht), im „Ton leisen Wehens“ (Elberfelder), im „leisen, sanften Säuseln“ (Einheitsübersetzung, Menge und ähnlich auch Schlachter). Diese drei hebräischen Worte sind die beiden Substantive „Stille“ und „Stimme“ sowie das Adjektiv „dünn“. Eine „Stimme dünner Stille“ also. Ein bleibendes Faszinosum. Aber irgendwie für mich die definitive Gottesoffenbarung. Die „still, small voice“ der King James ist auch im englischen Sprachraum zum Klassiker geworden, der auch in manchen Buchtiteln auftaucht.

Vor zwei Wochen habe ich dann in Stephen Shoemakers sehr empfehlenswerten Buch GodStories: Scriptural Narratives for Today das Kapitel über Elia gelesen und bin auf interessante Gedanken gestoßen. Shoemaker schreibt:

„And after the fire a ’still small voice'“ has been the translation we’ve learned. The „still, small voice“ has become almost a spiritual cliché. But what happened was the opposite of a cliché; it was the annihilation of all spiritual expectation, stated in three Hebrew words, voice, silence, crush. In a translation both literal and poetic, what happened was the „sound of crushed silence.“ A silence that was at the same time empty and full, an utmost silence that was at the same time the opposite of what was expected and more than what was expected, a deafening quiet.

416Rumzn1Hl. Ss500

Shoemaker sinnt ein wenig über den Wind, das Erdbeben und das Feuer nach. Alle drei waren mächtige Erscheinungs- und Offenbarungsformen Gottes. Der Wind, der das Rote Meer geteilt hatte, das Erdbeben, das denselben Berg ins Wanken gebracht hatte, als das Volk vor dem Berg stand und Mose später die Zehn Gebote empfing, und das Feuer, das Elia selbst auf dem Karmel hatte vom Himmel fallen sehen. Aber weder im Wind, noch im Erdbeben, noch im Feuer war Gott. Alle Offenbarungsformen, die Elia kannte, kamen und gingen, und Gott war nicht in ihnen.

Dieser Gedanke hat etwas in mir getriggert, bin ich doch auch jemand, in dessen Leben sich unterschiedliche Zugangswege zu Gott geöffnet und bisweilen auch wieder verschlossen haben. Und ich verbinde vieles mit für mich heiligen Orten, sakralen Räumen, »thin places« eben. Immer wieder bin ich, wenn ich Gottes Gegenwart gesucht habe, an Orte gegangen, an denen ich sie in der Vergangenheit erfahren hatte. Gelegentlich hat es sich gelohnt, oft aber auch nicht. Seit der Kreuzigung Jesu ist der Vorhang im Tempel zerrissen. Zweierlei steckt in diesem Bild: Der Weg in die Gegenwart Gottes ist offen, aber vielleicht ist Gott ja gar nicht im Tempel, weil der ihn nicht halten konnte. Gott ist überall und nirgendwo, immer wieder anders, mir immer wieder vorausgegangen. Immer wieder ist er dort, wo ich ihn nicht erwarte, manchmal muß ich diese »crushed silence« aushalten, manchmal umweht mich ein stilles, sanftes Säuseln, manchmal pulsiert mein Herz, manchmal nicht.

Vierzig Tage und Nächte war Elia unterwegs. Vierzig Tage dauert die Fastenzeit (ohne Sonntage), in der wir uns innerlich auf den Weg zu Kreuz und Auferstehung machen. Ich glaube, dieses Jahr werde ich einige Fragen bewegen, die sich aus 1.Könige 19 immer wieder neu ergeben. Vielleicht können diese Fragen ja auch Dir helfen…

  • Wo trachte ich danach, besser zu sein als meine Väter?
  • Inwiefern glaube ich, ich weiß es besser als das Volk Gottes?
  • Wo bin ich in Gefahr, Gott in den ausgetretenen Pfaden zu suchen?
  • Wo bin ich stehen geblieben, obwohl Gott schon weiter gegangen ist?
  • Aus welcher Höhle sollte ich treten, heraus auf den Berg vor den Herrn?

Gestern saß ich während des Lobpreisteils im Gottesdienst der Stuttgarter Jesus Freaks mit geschlossenen Augen da, als sich plötzlich wieder so ein sanftes Säuseln um mich legte und ich den Impuls hatte, raus in den Park zu gehen und mir nochmals 1.Könige 19 durchzulesen. Gesagt, getan, und in der Accordance-App sprang mir die Übersetzung von Buber und Rosenzweig ins Auge, deren Übertragung der Verse 11 und 12 seitdem in mir schwingen:

Es sprach: Heraus, steh hin auf den Berg vor MEIN Antlitz!
Da vorüberfahrend ER: ein Sturmbraus, groß und heftig, Berge spellend, Felsen malmend, her vor SEINEM Antlitz: ER im Sturme nicht —
und nach dem Sturm ein Beben: ER im Beben nicht —
und nach dem Beben ein Feuer: ER im Feuer nicht — ,
aber nach dem Feuer eine Stimme verschwebenden Schweigens.

Welch eine Sprache! Kein Wort zuviel und auch kein unnötiges Wort. Diese Worte klingen in mir nach. Die »Stimme verschwebenden Schweigens«. Ich bin mit 1.Könige 19 noch lange nicht am Ende…

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»Die Zweifel des Salaì« oder: Nur die toten Fische …

30. August 2010

Seit ca. anderthalb Jahren habe ich mir ein neues Hobby angeschafft – den „Sonntagsroman“. Soll heißen: An terminfreien Sonn- und Feiertagen gönne ich mir einen Roman. Das ist eine feine Sache und verstärkt das Sabbat-Gefühl enorm. Außerdem hilft es mir, auf die 100 im Jahr zu lesenden Bücher zu kommen 😉

Vor ein paar Wochen war Die Zweifel des Salaì dran. Ein historischer Roman, verfasst von einem italienischen Ehepaar, der Altphilologin Rita Monaldi und dem Musikwissenschaftler Francesco Sorti. Nachdem ihr erster Roman IMPRIMATUR in Italien boykottiert worden war, entschlossen sich die beiden, ihre Bücher international zu veröffentlichen, wo sie in über zwanzig Sprachen übersetzt und zu Bestsellern wurden. Die Zweifel des Salaì erschien 2008 und landete (wie das im Normalfall so läuft) über den Bücherbrief des Perlentauchers in meinen Suchaufträgen bei booklooker und einige Zeit später zum Schnäppchenpreis in meinem Briefkasten.
Der Plot: Leonardo da Vinci verbringt im Jahre 1501 einige Zeit in Rom, weil er von einem hohen Beamten der Kurie beauftragt wurde, herauszufinden, wer all die schlimmen Gerüchte über Papst Alexander VI. in Umlauf bringt. Leonardo wird von seinem Adoptivsohn Salaì begleitet. Aus dessen Briefen an seinen Florentiner Padrone Macchiavelli besteht die Erzählung. Locker, flüssig und humorvoll lesen sich die 400 Seiten der Korrespondenz. Im Stil des Schmelmenromans berichtet Salaì von zwielichtigen Gestalten und erotischen Abenteuern, von Scherzen und Gefahren. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass die Verschwörung mehrheitlich von Deutschen aus Straßburg ausgeht, die – durch Tacitus‘ Germania – von ihrer Überlegenheit überzeugt sind und den Papst schwächen wollen, auf dass eine Revolution kommen möge. Alles in allem ein nettes Buch, in welchem der Leser einiges über die damalige Zeit erfährt und ganz gut unterhalten wird.

Zweifeldessalai
Warum mir unter all den Sonntagsromanen gerade dieser einen Blogpost wert ist? Der Grund liegt weniger in den knapp 70 Briefen des Salaì, sondern vielmehr im 100-seitigen Apolog. Hier erfährt der Leser von den intensiven historischen Nachforschungen der Autoren und erkennt fasziniert, dass der rote Faden der Erzählung wahrer ist als gedacht, und dass es die Wahrheit durchaus mit erdichteten Kriminalromanen aufnehmen kann. Monaldi & Sorti berichten von Rodrigo Borgia, besser bekannt als Skandalpapst Alexander VI., dem Mätressen, Orgien, uneheliche Kinder etc. angehängt wurden und der bis heute als das schlechthinnige Sinnbild für den Abfall der römischen Kirche im Mittelalter gilt. Die Autoren geben in aller Kürze Rechenschaft über ihre Recherchearbeiten, verweisen auf weiterführende Literatur und präsentieren Ergebnisse, die ungeheuerlich aber glaubwürdig scheinen und die mich zum Nachdenken bringen. Zwei Ausschnitte:

  • Borgia war vor seiner Wahl zum Papst ein ehrenwerter Mann und ist es auch danach geblieben. Als Alexander VI. versuchte er, diverse Kirchenreformen anzustoßen, die ihm aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gelangen. Briefe an den deutschen Klerus belegen, wie ernst es ihm damit war und wie sehr er sich damit in die Nesseln setzte. Manches von dem, was er angedacht hatte, wurde erst Jahrzehnte später im Tridentinum umgesetzt. Nun allerdings unter ganz anderen Vorzeichen.
  • Tacitus‘ Germania, von der ich im Lateinunterricht auch schon Teile zu übersetzen hatte, ist möglicherweise eine Fälschung, gerne aufgenommen von der Gruppierung Deutscher, die den Reformen Alexanders entgegen standen. Der darin enthaltene Gedanke der Überlegenheit und Rassenreinheit der Deutschen wurde später insbesondere von Himmler wieder aufgegriffen. Faszinierenderweise wurde die Echtheit der Germania immer wieder angezweifelt, aber das Werk, das diese Zweifel letztlich zu zerstreuen versuchte, wurde von einem Historiker in Diensten der SS verfasst, der ein besonderer Günstling Himmlers war und auch im Nachkriegsdeutschland bis 1990 (!) noch einen Lehrauftrag hatte.

Sollten Monaldi und Sorti mit ihren Thesen richtig liegen (was ich natürlich nicht beurteilen kann), dann stellt die Wirklichkeit Dan Browns Phantasie deutlich in den Schatten. In mancherlei Hinsicht bringt mich dieses zum Nachdenken: Was war das für ein Boden, auf dem die Reformation gewachsen ist (nicht dass ich ihre Kerninhalte in Frage stellen will)? Ob der ohne die Verleumdungen Alexanders auch so fruchtbar gewesen wäre? Ob die Kirchengeschichte möglicherweise ganz anders verlaufen wäre? Und wie ist dies im Nachhinein zu bewerten? Interessant auch, dass das, was als gesicherte Geschichte, als faktische Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen, als historisch abgesichert präsentiert wird, auf solch tönernen Füßen steht. Dass eine Lehrmeinung irgendwann zu einer Doktrin wird, die nicht mehr hinterfragt werden darf, das kommt mir aus der Theologie doch äußerst bekannt vor und gefällt mir überhaupt nicht. Wenn der Wind sich gedreht hat und das neue Paradigma etabliert ist, dann wird von intellektueller Redlichkeit gesprochen, von gesicherten Ergebnissen, und dann ist es vorbei mit der Toleranz – ob nun die Evolutionstheorie in Frage gestellt wird oder die Theorie des deuteronomistischen Geschichtswerkes mit jahwistischen, elohistischen und was-weiß-ich-was-Schriften oder die Frage, ob praktizierte Homosexualität Gottes gute Idee war (dem geneigten Leser werden sicherlich auch andere Beispiele einfallen). Wer das Hinterfragen und das Hinterfragt-werden des Hinterfragens nicht mehr zulässt, bewegt sich in eine Richtung, die ich nicht mitgehen möchte. Denn: Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom. Das ist natürlich auch eine platte Pauschalaussage, aber es gibt mir die Möglichkeit, einen ernsten Post augenzwinkernd mit einem Lied zu beenden, bei dem Du – falls Du genau zuhörst – im Hintergrund nicht nur meine Jungscharknaben, sondern auch mich sowas wie … ähm … singen hören kannst. Mann ist das lange her…

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Das Ende der EmergingChurch-Bewegung?

26. Januar 2010

Lange war es still auf diesem Blog. Viel war zu tun und die Zeit war knapp, die Motivation reichte nicht aus, obwohl genug Stoff vorhanden gewesen wäre, über den zu schreiben sich gelohnt hätte. Nachdem ich dann heute morgen versehentlich den aktuellen Stand der Bücher, CDs, DVDs und Kinofilme, die ich 2010 bislang genossen hatte, gepostet (und wieder gelöscht) habe, ist es nun an der Zeit, das Schweigen ein klein wenig zu brechen. Bevor ich mich in den nächsten Tagen an mein „Gehört, gelesen und gesehen 2009“ machen werde, widme ich mich hier zunächst einmal kurz der Emergent Conversation.

In den letzten Wochen wurde in der englischsprachigen Blogosphäre viel über das Ende der EmergingChurch-Bewegung gesprochen, und vorgestern stieß Marlin ins selbe Horn: Für ihn ist die Party vorbei, weil es zwar Blogs, Foren und Veröffentlichungen gibt, aber ihm viel zu wenig Praktisches passiert. Die Reise geht für ihn eher in Richtung »missional church«. Ich mag Marlin, aber in diesem Punkt bin ich anderer Meinung.
Vorab zwei subjektive emotionale Reaktionen: Erstens trauere ich sehr um den künstlichen Gegensatz zwischen missional und emergent – beides gehört zusammen; aus meiner Sicht ist das missionale Denken eo ipso ein Teil des Ausflusses der EmergentConversation. Zweitens nervt mich zusehends die Annahme, dass aus der emergenten Bewegung nichts Praktisches hervorginge. Das ist schlicht falsch. Alle mir persönlich bekannten Teilnehmer der Emergent Conversation sind am Bau des Reiches Gottes beteiligt – in praktischer herkömmlicher Gemeindearbeit, in aufsuchender Arbeit bei den Marginalisierten, im Einsetzen für einen fairen Lebensstil und im Schaffen neuer Räume, in denen Gott und einander begegnet werden kann. Alle sind Praktiker. Dass nicht jeder sofort eine neue Gemeinde gründet oder ein Projekt startet, das sofort mit eigener Website, eigener Facebook-Gruppe und eigenem Twitter-Account oder -Hashtag an den Start geht, ist möglicherweise sogar so gewollt… Theorie und Praxis gehören integral zusammen, beides bedingt einander, das Denken ändert das Handeln und das Handeln verändert das Denken. Mit den Worten von Helmut Gollwitzer: Theologie ist immer Theorie zwischen Praxis und Praxis. Beides ist notwendig und an sich wertvoll. Jesus hat nicht nur gehandelt, sondern auch gelehrt. Die Mischung macht’s.

Aber zurück zum Thema. Vielleicht wird jetzt offenbar, was schon lange klar war: Es gibt nicht das eine emergente Gemeindemodell, es gibt nicht das eine emergente Glaubensbekenntnis, es gibt nicht die eine emergente Spiritualitätsform. Es geht nicht um Gleichschaltung auf eine gemeinsame Linie durch Mittel wie Konferenzen oder Kernmedien. Es geht um sehr verschiedene Menschen, die alle auf ihre eigene Weise dem Wirken des Geistes Gottes in unserer Zeit nachspüren und ihm Raum zu geben versuchen. MIt den gemeinsamen Fragen hat alles begonnen. Möglicherweise hat sich mittlerweile eine gemeinsame Kern-Theologie herausgebildet, die meines Erachtens tief in der ostkirchlichen Trinitätslehre verwurzelt ist. Daraus ergibt sich ein erweitertes Verständnis von Gemeindeleitung, ein erneuertes Verständnis von Gemeinschaft, zwischenmenschlichen Beziehungen und sozialer Gerechtigkeit, ein neues Verständnis vom Reich Gottes und von der Nachfolge Jesu. Die Ethik knüpft an das Erbe der Täufer an; die eigentliche Lehre Jesu erfährt eine neue Betonung. Langsam wird zumindest für mich immer deutlicher, wofür die emergente Bewegung in Deutschland steht. Aber sie ist, was sie schon immer war: emergent.

Ist die EmergingChurch-Bewegung am Ende? Ich glaube nicht; ich denke vielmehr, sie beginnt erst. Sie ist weiterhin am Emergieren – sie bricht hervor, sie wandelt sich, vernetzt sich. In ganz unterschiedlichen Kontexten reagieren Menschen auf die eine sanfte Stimme, den Ton leisen Wehens und streben nach einem ganzheitlichen Leben-in-Gemeinschaft nach der Idee Gottes. Vieles ist unklar, viele Fragen sind da, mit denen umzugehen ist, viele Gedanken entstehen, viele Schmerzen sind da. Auf dem EmergentForum hat Haso Worte gefunden und mir damit direkt aus dem Herzen und ins Herz gesprochen. Ich empfehle dieses MP3 wärmstens all denen, die sich für die emergente Bewegung interessieren. 22:56 min, die sich lohnen. Haso spricht u.a. darüber, dass Gott nicht einen Schmetterling erschafft, sondern eine Raupe, die sich verpuppt. Es ist diese Zwischenphase, die meines Erachtens viele Vertreter der emergenten Bewegung weiterhin kennzeichnet – eine Mischung aus Hoffnung, Schmerzen, Trauer und Zuversicht. Die Zeit als Raupe ist vergangen, die Schmetterlingsphase kommt wohl erst noch oder beginnt gerade jetzt. In diesem Zusammenhang empfehle ich nochmals meine meine Serie zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis, die vielleicht einige Monate zu früh kam 😉 Aber vielleicht hatten wir auch gehofft, die Chrysalis-Phase ginge schneller vorbei…

In den letzten Jahren hat sich immer wieder Jesja 43,19 in meine Gedanken geschlichen. In einer Situation der Hoffnungslosigkeit kündigt der Prophet das Handeln Gottes an:

Siehe, ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf – erkennt ihr’s denn nicht?

Ich habe diesen Worten wieder und wieder hinterhergedacht. Viele Vorstellungen hatte das Bundesvolk davon, wie Gott handeln und was genau er tun sollte. Der Messias, der kam, war ganz anders. Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, aber die meisten hatten keine Augen dafür. Ich habe mich oft gefragt, ob ich Jesus als den erkannt hätte, der er war, und ob ich vielleicht nicht auch das Kreuzige! gerufen hätte. Gott schuf ein Neues, es dauerte lange, es kam ganz anders als erwartet und stimmte doch mit Geist und Buchstabe der alten Schriften überein. Ich glaube, dass in unserer Generation – wie immer mal wieder in der Kirchengeschichte – etwas Ähnliches geschieht.

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Vom Dichten und Denken und, achja: Wie ich die Bibel verstehe und mir den Umgang mit ihr vorstelle

19. Mai 2009

[Ist doch ein scheinbar bedeutungsschwangerer Titel für einen neuen Post nach sechs Wochen Funkstille, oder?] In den letzten Wochen bin ich immer wieder on- und offline auf Publikationen gestoßen, in denen entweder dieser Blog oder mein kleiner Artikel in ZeitGeist zitiert wurde, wenn es darum ging, zu beweisen, dass und warum die »Emerging Church«-Bewegung doof ist. Und ich muß nun damit leben, als »einer der Vordenker dieser Bewegung im deutschsprachigen Raum« bezeichnet zu werden. Das macht mir ja eigentlich auch nichts aus; schließlich ist ja jeder selbst schuld, wenn er – ohne selbst nach-zudenken – einfach das übernimmt, was ich ihm vor-gedacht habe. Und außerdem denke ich mir ja manchmal was bei dem, was ich denke und dann auch äußere. Aber leider beschleicht mich immer häufiger das Gefühl, dass das, was mir gedacht zu haben nachgesagt wird, gar nicht aus meinem Kopf stammt. Dann sehe ich genauer hin und stelle fest: Es sind tatsächlich Worte, die ich geschrieben habe – nur scheinen sie im neuen Kontext nicht das zu sagen, was ich ursprünglich gemeint hatte. Es wird also nicht das nach-gedacht, was ich vor-gedacht habe, sondern es wird mir etwas angedichtet, was ich nie gedacht hätte. Und das ist schade. Insbesondere deshalb, weil plötzlich Mauern errichtet werden, wo Brücken sein könnten. Faszinierenderweise sind mir viele andere Beiträge in den erwähnten doch ungenannt bleibenden Publikationen oft sehr sympathisch, weil sie sich darum bemühen, Gedanken aus der Heiligen Schrift verständlich zu machen. Ich lese diese Beiträge, nicke zustimmend mit dem Kopf und freue mich über sie. Sind ja doch eigentlich Brüder (warum schreiben in diesen Publikationen eigentlich nie Frauen? und warum reden sie sich so oft mit der Kombination aus »Bruder«+Nachname an?) im Geiste (auch wenn sie gerne diejenigen, die den Heiligen Geist betonen, etwas schief ansehen oder aber gleich verteufeln). Aber irgendwie kommen diese Brüder im Geiste immer zu dem Schluss, dass die Bewegung, derer sie mich als einen deutschsprachigen Vordenker zuordnen, böse (und oft: »vom Teufel«) ist. Das finde ich wie gesagt sehr schade. Dachte ich doch, dass niemand Jesus den Herrn nennen kann, außer durch den Heiligen Geist. Wenn also ich Jesus den Herrn nenne und sie es auch tun, dann gehören wir doch auf dieselbe Seite, oder?
Nun da Du, lieber Bruder im Herrn, kein Vertreter emergenten Gedankenguts mehr werden wirst und das auch nicht sollst, dieses Blog liest, mich für böse oder verblendet hältst und nach Munition für weitere Anti-Emerging-Artikel suchst, mache ich Dir ein Angebot: Lade hier kostenlos meine Diplomarbeit (Bachelor-Thesis) herunter, die ich an der Werkstatt für Gemeindeaufbau geschrieben habe. Das gute Stück ist drei Jahre alt und heißt Theologia Semper Reformanda: Grundlinien für theologisches Arbeiten in der Zeit nach der Moderne. Ja, ich weiß, das klingt ein wenig protzig. Mir ist damals kein besserer Titel eingefallen, aber irgendwie find ich’s auch heute noch ein bißchen cool. Wenn Du über den Titel hinweg sehen kannst, dann schau Dir das pdf mal an. Darin lege ich u.a. dar, wie ich die Bibel verstehe und mir den Umgang mit ihr vorstelle. Und warum ich glaube, dass wir in manchem, wie wir die Bibel verstehen, umdenken sollten, weil wir dem, was uns die Autoren vor-gedacht haben, des Öfteren etwas hinzu-gedacht und ihre Gedanken in unsere Verständnisse hinein-gedacht haben. Du darfst es lesen und zitieren, und ich hoffe, dass wenn zukünftig mein Name im Zusammenhang mit dem »Schriftverständnis der Emerging Church«-Bewegung fällt, diese Arbeit zumindest berücksichtigt wird. Natürlich kann man auch in dieser Arbeit manches falsch verstehen oder aus dem Zusammenhang reißen. Aber vielleicht stellst Du ja fest, dass wir unter Umständen gar nicht so weit auseinander liegen und es möglicherweise an der Zeit wäre, die eine oder andere Brücke zu bauen. Ich würde mich jedenfalls freuen. Ganz ehrlich.

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Verschiedene Orte, gemeinsame Praxis – wie kann heute eine »Ordensregel« aussehen?

29. September 2008

1997 war ich Teil des Leitungsteams einer Jungschargruppe, deren Teilnehmer ca. 10 Jahre alt waren. 1999 äußerten einige der Jungs während eines Zeltlagers den Wunsch, auch zu Hause solche Bibelarbeiten durchzuführen, wie sie sie von der Freizeit gewohnt waren. Zusammen mit einem Mitverschwörer, der neben zwei weiteren Personen mit mir diese Jungschar leitete, begannen wir von diesem Zeitpunkt an, uns wöchentlich zu treffen und kapitelweise das Johannesevangelium durchzugehen. Es folgte der Römerbrief und im Anschluß dann das Buch Nicht wie bei Räubers, welches den Namen inspirierte, den wir unserer Gemeinschaft gaben: »Schoßhocker«, denn wir wollen – schwäbisch geschwätzt – bei unserem himmlischen Vater »auf dem Schoß hocken«. Einiges hat sich seitdem getan, einige Jungs haben sich verabschiedet, zwei Mädels sind dazu gekommen, wir haben viel gemeinsam erlebt, sind durch unterschiedliche Prozesse gegangen, haben gefeiert, aneinander gelitten und sind miteinander gewachsen. Irgendwann kristallisierte sich dann unser Motto heraus: »Gemeinsam verbindlich Jesus folgen«. Durch die bewußte Entscheidung, in der engen Verbindung mit genau diesen Mitmenschen den Weg der Nachfolge zu gehen, aufgrund der gemeinsamen Geschichte und aufgrund der beteiligten Persönlichkeiten 😉 paßte diese Truppe nie so ganz zur traditionellen Gemeindelandschaft, bekam aber vom örtlichen CVJM ausreichend Raum zum Experimentieren und zur Entfaltung. Ein beständiger Ratgeber auf unserem Weg war dabei Bonhoeffers Gemeinsames Leben. Viele meiner persönlichen Überzeugungen haben sich in diesem Kontext geformt.
Mittlerweile sind wir alle in den Zwanzigern, einer ist verheiratet, und während die eine Hälfte noch in der beschaulichen Heimat wohnt, sind die anderen ausgeflogen – nach München (wo sich momentan vier von uns befinden), Berlin, Karlsruhe und Urberach. Da wir jedoch immer davon überzeugt waren, daß die Bande dieser Gemeinschaft enger geknüpft sind als in den meisten kirchlichen Kleingruppen, war klar, daß es – inspiriert von Zinzendorfs Senfkornorden – auf eine neue Weise weitergehen würde. Und so denken wir nun schon seit Längerem an einer Art »Ordensregel« herum. Allerdings dreht sich diese weniger um die evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam, sondern wir suchen nach konkreten Praktiken oder geistlichen Übungen, die uns zusätzlich zu unserem vierteljährlichen persönlichen Treffen miteinander und mit Jesus verbinden sollen. Die Herausforderung liegt darin, den unterschiedlichen Persönlichkeiten, Lebensrhythmen und Orten gerecht zu werden und Dinge zu finden, die von jedem auf seine Art gefüllt werden können. Auf Folgendes sind wir bislang u.a. gekommen:

  • ein tägliches, vorformuliertes, kurzes Gebet, das unsere Werte und Identität ausdrückt
  • eine wöchentliche Gebetszeit für die Gemeinschaft als Ganze und die einzelnen Glieder
  • zwischen den Treffen die Beschäftigung mit dem gleichen Bibelbuch und Notizen dazu, was für die Einzelperson und/oder die Gemeinschaft als Ganze wichtig wird
  • die Übernahme der Patenschaft für ein Kind in der dritten Welt

Warum ich das schreibe? Nicht, weil ich denke, daß wir den Dreh raus haben. Wir sind nicht die Ersten damit. Auch nicht, weil ich glaube, daß dies ein Beitrag zu einer neuen Gemeindeform sein könnte. Meiner Ansicht nach sollte jeder Christ in einer lokalen Gemeinschaft mit realen Menschen verwurzelt sein, die er öfter sieht als viermal pro Jahr. Alle Möglichkeiten des Web 2.0 können diese meiner Ansicht nach nicht ersetzen.
Ich schreibe das, weil ich mit den vier oben genannten Punkten nicht zufrieden bin und weil ich mir von Dir weitere Anregungen erhoffe. Leben-mit-Gott ist soviel mehr als diese Punkte. Was denkst Du dazu? Welche Praktiken/Übungen fallen Dir noch ein, die der Liste hinzugefügt werden könnten? Und vielleicht kennst Du ja ein kostenloses, einfach zu bedienendes Webtool, mit dem unter Ausschluß der Öffentlichkeit a) ein Austausch über das gemeinsam zu lesende Bibelbuch, b) die Koordination gemeinsamer Termine und c) die Information über Gebetsanliegen, Orga u.ä. möglich wäre – die Beiträge am Besten noch abonnierbar per Mail oder RSS-Feed? (Die Kombination mehrerer Tools macht keinen Sinn, da nicht alle Glieder der Gemeinschaft soviel Zeit im Web verbringen wie der Autor dieser Zeilen.)

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Über Dienst und Botschaft Jesu

27. Mai 2008

… schreibe ich grade eine Seminararbeit. Heute ist diese Gliederung entstanden, die einige Punkte daraus in meinem Kopf verbinden soll.

Gliederung

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Worüber ich gerne bloggen würde

21. Februar 2008

Mittlerweile ist der Bock auf Blog zurückgekommen. Leider fehlt die Zeit dazu. Und dabei würde ich doch so gerne etwas zu folgenden Themen schreiben:

(1) Tony Jones‘ neues Buch The New Christians: Dispatches from the Emergent Frontier ist mir heute von meiner Postbotin überreicht worden. Ein schönes Buch, über das ich gerne eine Serie gestartet hätte. Schade. Aber vielleicht gibt’s ein Review. Wer sich dafür interessiert, kann Tony’s Blog als Plattform verwenden. Unzählige Ausschnitte, Podcasts und Besprechungen zu diesem Buch finden sich in der englischsprachigen Blogosphäre.
21A9Whu24Nl. Sctzzzzzzz

(2) Günter Hess hat mir vor einigen Tagen ein Blogstöckchen zugeworfen. Es findet sich in den Kommentaren zu diesem Post. Höflichkeit gebietet mir, darauf zu antworten. Zeitnot gebietet mir, diese Antwort zu verschieben. Vielleicht möchtest Du eine Antwort verfassen?

(3) Simon de Vries hat neun Thesen verfaßt, in denen er das emergente Potential der Landeskirche auslotet. Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche in Württemberg; ich liebe diese Kirche und leide an ihr. Trotzdem oder gerade deshalb sehe ich die Dinge ganz anders und sehr viel negativer als Simon. Aber woher die Zeit nehmen, meine eigenen Gedanken zu sortieren und auch noch in die Diskussion auf seinem Blog einzusteigen?

(4) Ein Post in meinem Hinterkopf lautet »Emerging Church vs. Emerging Faith«. Irgendwie frage ich mich, warum soviel der Bloggerei aus Deutschland die Frage nach Kirchenstrukturen und Gemeindeformen gar nicht stellt. Dabei ist dies für mich eine der Kernfragen schlechthin. Aber warum lebt das außer ein paar Verrückten keiner? Warum glaubt jeder daran, im Inneren von Institutionen und Organisationen einfach nur durch ein paar veränderte Glaubenssätze emergentes Leben hervorbringen zu können? Was hat Jesus eigentlich mit dem Weinschlauch gemeint? Warum besteht EC in D nur aus theologischen Diskussionen? Und wenn wir schon bei Gibbs und Bolger sind: Wo bleibt »Leading as a body«? Warum gibt es Bühnen in Gemeinden? Warum Kanzeln in Kirchen? Warum tragen Pfarrer einen Talar? Warum kann in meiner Kirche nicht jeder Gläubige das Abendmahl austeilen? Wozu braucht es einen Sonntagsgottesdienst als zentralen Versammlungsort der Gemeinde? Warum verwenden freie Gemeinden ebenfalls dasselbe System wie die Volkskirchen? Warum sind Gemeindeglieder zu Konsumenten verkommen? Wo ist das inkarnatorische Gemeindemodell? Wie sähe denn eine missionale Gemeindestruktur aus? Wozu braucht es in einer Gemeinde hauptamtliche Angestellte mit einer theologischen Ausbildung? Warum lese ich auf deutschen Blogs nichts über das Buch Pagan Christianity? Das sind die Fragen, die ich mir im Moment stelle. Bewegt das außer mir noch jemanden? Oder klopfen wir uns alle auf die Schultern, unterhalten uns angeregt weiter und berauschen uns an der Musik, während Rom fröhlich weiter brennt und die Titanic entspannt untergeht?

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Über die Bibel und den Willen Gottes

17. Dezember 2007

Heute hat mich Anna mit einer Frage zum Nachdenken gebracht: Wie lebt man als Christ den Willen Gottes?

Was mir bei der Antwort auf diese Frage geholfen hat und immer noch hilft, ist, immer wieder viel Bibel am Stück zu lesen oder anzuhören (toller Link von Storch: Die ganze Bibel zum Runterladen und Anhören). Am liebsten lese ich dabei immer ein komplettes Buch. Wenn ich eine durch habe, wechsele ich die Übersetzung. Das hilft mir immer wieder, neue Aspekte in Texten zu entdecken, die ich schon seit Jahren in der Luther-Version auswendig kenne.

Warum so viel am Stück lesen? Bei einem solchen Lesen geht es mir nicht darum, irgendwelche Details zu studieren oder zu entdecken oder zu meditieren, sondern darum, den roten Faden zu verstehen, die Zusammenhänge zu sehen, die Geschichte Gottes mit den Menschen zu verfolgen und mitzuerleben. So habe ich als Kind angefangen – mit Hörspielkassetten und der Kinderbibel. Später wurde mir dann »Stille Zeit« beigebracht. Dabei wurde anhand eines Leseplanes mit Erklärungen täglich ein kurzer Abschnitt gelesen und intensiv darüber nachgedacht. Diese Art des Bibellesens hat mir geholfen, an manchen Stellen in die Tiefe zu gehen. Andererseits brachte sie aber auch diverse Nachteile mit sich: Ein Absatz wird detailliert betrachtet, der Kontext wird ausgeblendet und so lange auf den paar wenigen Versen herumgekaut, bis irgendetwas herausgelesen wird, was nicht im Text steht. Das ist dann »Gottes Wort für heute«. Ich will an dieser Stelle nicht behaupten, daß Gott so nicht reden könnte. Aber dafür bräuchte er nicht die Bibel. Das würde mit jedem anderen Buch auch funktionieren.

Ich habe immer wieder über die Tatsache nachgedacht, daß es erst seit ca. 500 Jahren für jeden Christen die Möglichkeit gibt, die Bibel zu lesen, und daß auch Paulus und Petrus mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit keine Schriftrollen im Handgepäck hatten. Warum also sollte jeder Christ jeden Tag die Bibel lesen müssen? Faszinierenderweise beobachte ich, daß selbst unter denjenigen, die nach eigenen Angaben fast täglich in diesem Buch lesen, die Kenntnisse der innerbiblischen Zusammenhänge nicht allzu ausgeprägt sind. Bekannt sind eher einzelne Verse, die (leider viel zu oft!) aus dem Kontext gerissen werden und aus denen dann eine Theologie gemacht oder ein vermeintliches »biblisches Prinzip« entwickelt wird. Oftmals stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich mir anhören darf, was nicht alles «ein biblisches Prinzip« sein soll.

Die Schriften der Bibel sind »gottgehaucht«, sind entstanden auf geheimnisvolle Weise aus göttlichem und menschlichem Ursprungs zugleich. Hier erfahre ich Ausschnitte aus der Geschichte Gottes mit der Welt und den Menschen. Je mehr ich in mit dieser Geschichte vertraut bin, desto weniger würde ich auf irgendwelche Fragen einfache Antworten in nur einem Satz geben. (Zum Beispiel auf Fragen, die mit den Worten »Darf man als Christ …« beginnen.) Aber desto mehr verstehe ich, wie Gott tickt, was ihm wichtig ist, wie sein Herz schlägt, wie er sich die Schöpfung, die Menschen und ihr Zusammenleben gedacht hat. Das gibt mir einen guten Rahmen für meine konkreten Entscheidungen, die mir Gott übrigens nicht abnimmt.

Im Judentum wurden die Kinder (okay: vorrangig die Söhne) schon in jungen Jahren in den heiligen Schriften unterrichtet, so daß sie mit dem Inhalt des AT vertraut waren. Das gefällt mir. Dadurch erhielten sie einen Deutungsrahmen für ihr Leben. Meiner Ansicht nach sollten wir die Losungshefte und Bibellesepläne-mit-Auslegungen mal eine Weile zur Seite legen und uns wieder auf die Suche nach dem roten Faden der Geschichte Gottes machen. Möglicherweise würden sich dann manche der »biblischen Prinzipien« von selbst auflösen…

P.S.: Das soll nicht heißen, daß ich es nicht schätzen würde, mich über längere Zeit mit einem kürzeren Text zu beschäftigen. Dazu nehme ich dann immer meine schön bemalte Luther’84 zur Hand. 😉 Ein feines Buch zum meditativen Bibellesen ist übrigens Eugene Peterson’s Eat This Book, das ich hiermit von Herzen empfehle.
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Jesus, Petrus, Emergent Deutschland und Du

12. Dezember 2007

[Nachfolgend einige Gedanken, die als morgendlicher Kurzimpuls für den Sonntag auf dem Emergent Forum gedacht waren, die wir aber aus Zeitgründen gestrichen haben. Mit ihnen schließe ich meine Reihe zum Forum ab.]

Nachdem Jesus sich mehrmals seinen Jüngern gezeigt hat, erzählt das letzte Kapitel im JohEv von einer besonderen Begegnung am See Tiberias. Petrus, Johannes, Jakobus, Thomas, Nathanael und zwei weitere Jünger fischen erfolglos eine ganze Nacht lang. Am Morgen steht Jesus, den sie nicht erkennen, am Ufer des Sees und schickt sie ein zweites Mal zum Fischen, diesmal allerdings sollen sie ihre Netze zur rechten Seite des Bootes auswerfen. Sie tun das und machen einen reichen Fang. Während der Rückfahrt wird es Johannes bewußt, daß das Jesus ist, der am Ufer steht, er teilt es Petrus mit, worauf sich dieser wieder anzieht und in den See springt. Die anderen kommen ans Ufer, Petrus zieht das schwere Netz mit den 153 großen Fischen an Land, bringt sie zum Kohlenfeuer, auf dem schon Brot und Fische liegen. Jesus fordert sie zum Essen auf. Keiner wagt es, ihn nach seiner Identität zu fragen, weil sie wissen, daß er der Herr ist. Jesus kommt und nimmt das Brot und die Fische und gibt sie ihnen. Nach dem Essen entspinnt sich ein interessanter Dialog:

Als sie nun gefrühstückt hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe.
Spricht er zu ihm: Weide meine Lämmer!
Wieder spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe.
Spricht er zu ihm: Hüte meine Schafe!
Er spricht zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Petrus wurde traurig, daß er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach: Herr, du weißt alles; du erkennst, daß ich dich lieb habe.
Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und hinbringen, wohin du nicht willst. (Dies aber sagte er, um anzudeuten, mit welchem Tod er Gott verherrlichen sollte.) (Und als er dies gesagt hatte, spricht er zu ihm:) Folge mir nach!
Petrus wandte sich um und sieht Johannes nachfolgen und spricht zu Jesus: Herr, was aber dieser?
Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!

Das war nicht das erste Treffen zwischen Jesus und Petrus. Wir wissen aus dem LukEv, daß Jesus Petrus allein am Ostertag begegnet ist, bevor er sich den zehn Jüngern zeigte. Dabei sprach er die Worte, die uns so wichtig sind: »Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Empfangt den Heiligen Geist! Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, und wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten.« Eine Woche später trat er dann nochmals in ihre Mitte, als auch Thomas dabei war. Irgendwann in den Tagen danach dann diese Begegnung am See Tiberias. Sie wußten sich gesandt von Jesus, wußten aber nicht, was als Nächstes passieren sollte. Der allgemeine Auftrag war klar. Nun also gingen die Jünger fischen. Vielleicht war es ihnen langweilig – wer weiß? Wahrscheinlich waren sie zum letzten Mal fischen. Wahrscheinlich kam die Himmelfahrt kurze Zeit später, und danach blieben sie ja in Jerusalem. Jetzt aber war wohl manches unklar. Sie gehen fischen. Und begegnen Jesus. Stellen keine Fragen, sitzen nur beim Essen. Und dann dieses Gespräch. Ob Petrus den anderen wohl erzählt hatte, wie seine erste Begegnung mit Jesus abgelaufen war? Wir wissen es nicht. Jedenfalls stellt Jesus jetzt drei Fragen: »Liebst Du mich mehr als diese? Liebst Du mich? Hast Du mich lieb?« Drei Fragen. Dreimal hatte Petrus Jesus verleugnet. Jetzt darf er dreimal bestätigen: »Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe«. Etwas wird heil in Petrus und in der Jüngergemeinschaft. Dreimal gibt Jesus den Auftrag: »Weide meine Lämmer. Hüte meine Schafe. Weide meine Schafe.« Was Jesus einst in Cäsarea Philippi zu ihm gesagt hatte, ist durch die Verleugnung nicht hinfällig geworden: »Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Gemeinde bauen.« Petrus hat den Auftrag zurückbekommen, den Jesus ihm damals gegeben hatte. Sein Versagen hat ihn nicht disqualifiziert. Jesus sieht in sein Herz. Daß Petrus Jesus lieb hat – das ist es, was ihn qualifiziert. Das ist die angenehme Nachricht.
Die eher unangenehme Nachricht ist das, was im Folgenden kommt: Jesus deutet den Märtyrertod des Petrus an. Das schreibt Johannes in der Rückschau, zu einer Zeit, als Petrus wohl schon tot war. Jesus sagt zu Petrus: »Früher hast Du gemacht, was Du wolltest. Folge mir nach. Später werden Dinge mit Dir geschehen, die Du nicht willst.« Petrus will dann wissen, was mit Johannes geschehen wird. Jesus blockt das ab: »Was geht es Dich an, was ich mit Johannes vorhabe? Folge Du mir nach!«

Was sagt uns diese Geschichte, uns, die wir uns mit emergentem Gedankengut auseinandersetzen? Uns, die wir irgendwie nicht ganz zufrieden sind mit dem Bild, das die Kirche unserer Tage abgibt? Uns, die wir vieles Althergebrachte auf den Prüfstand stellen? Manche von uns sind schon länger in diesem Prozeß, andere erst seit kurzem. Manche haben in den letzten Monaten oder Jahren so viele Bücher und Blogs gelesen, daß sie gar nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Wenn wir berufen sind, an der Sendung Gottes zu partizipieren, dann kommt uns das so ungeheuer weit vor. Mission und Evangelisation, Umweltschutz und Gesellschaftstransformation, soziale Gerechtigkeit und inkarnatorische Ekklesiologie etc. Ein so weites Feld. So viel muß hinterfragt, dekonstruiert, neu verstanden, gedacht und artikuliert werden. Ein Gefühl der Unsicherheit schleicht sich ein. Können wir das? Sind wir überhaupt fähig dazu? Was ist mit den Menschen, die uns für das kritisieren, was wir tun und denken? Haben die recht? Sind wir nicht überfordert? Was kann Gott schon mit uns anfangen?

Ich glaube, daß uns Jesus die eine entscheidende Frage stellt: »Hast Du mich lieb?« Es geht nicht in erster Linie um Werte, Prinzipien oder Philosophien. Es geht in erster Linie um diese Frage, die uns Jesus stellt, jedem und jeder Einzelnen: »Hast Du mich lieb? Wenn ja, dann habe ich einen Auftrag für Dich. Möglicherweise ist der unbequem. Möglicherweise könnten Dir Dinge geschehen, die Du nicht willst. Vergleiche Dich nicht mit anderen. Entscheidend ist das, was ich zu Dir persönlich sage. Es kommt nicht darauf auf, ob Du bei den coolen und innovativen Leuten dabei bist oder irgendwelche verrückten Sachen machst. Entscheidend ist, daß Du mich lieb hast und mir auf dem Weg folgst, den ich Dir zeigen werde. Folge Du mir nach.«

Diese Frage will ich nicht vergessen. Sie bleibt die wichtigste.

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Emergent Deutschland – Offene Fragen

12. Dezember 2007

Anfang des Jahres haben wir uns als Koordinationsteam zum ersten Mal getroffen. Ein durchaus bunter Haufen. Mittlerweile rückt das Jahresende näher. Studientage und Forum sind vorbei. Emergent Deutschland ist gestartet. Einige Fragen sind beantwortet. Zum Beispiel die Frage, ob sich das Koordinationsteam als Leiter von Emergent Deutschland sieht. Nein, tun wir nicht. Eher als Moderatoren der Konversation und Ermöglicher der Infrastruktur. Oder die Frage nach der Resonanz. Die war gut, sehr gut sogar. Gut besuchte Studientage und ein Forum mit vielen wunderbaren Menschen, die Emergent Deutschland verkörpern und ein Gesicht geben. Einige interessante Initiativen sind entstanden. Ich freue mich noch immer.

Einige Fragen (nicht an das Koordinationsteam, sondern an alle, die sich mit Emergent Deutschland identifizieren) sind offen. Für mich z.B. folgende:

  • Werden wir es schaffen, einen sicheren Raum zu schaffen (»to save safe space«), in dem die Konversation stattfinden kann?
  • Wird sich das emergente Virus ausbreiten und an vielen Orten viele neue Initiativen hervorbringen?
  • Werden es Außenstehende und Kritiker verstehen, daß diese Konversation bzw. Bewegung keine zentrale Leitung besitzt, die für alle sprechen kann?
  • Wie werden wir mit Kritik umgehen? Demütig genug, um das berechtigte Anliegen herauszuhören, aber auch selbstbewußt genug, um Falsches zurückzuweisen?
  • Werden wir Arroganz, Elite-Denken und Besserwisserei ablegen können?
  • Wird es uns gelingen, die Puriformität und Breite der Bewegung nicht nur beizubehalten, sondern auszuweiten?
  • Werden wir es schaffen, unsere hochtrabenden Gedankengänge praxisrelevant zu machen?
  • Werden wir irgendwann auch über Gemeindemodelle, -formen und -strukturen reden?
  • Werden wir den Herrschaftsanspruch Jesu im Blick behalten?
  • Werden wir uns mit der evangelikalen Vergangenheit, welche die meisten von uns teilen, aussöhnen können?
  • Werden wir es im Blick behalten können, daß es nicht um Emergent Deutschland oder unser cooles Ding geht, sondern um das Reich Gottes, das nicht mit Emergent Deutschland gleichzusetzen ist?
  • Werden wir freundliche Kritiker haben, die uns auf unsere blinden Flecken hinweisen?
  • Werden wir es schaffen, andere in ihrem Denken und Paradigma stehen zu lassen?
  • Wird es uns gelingen, daß auch Frauen nicht nur eine Vielzahl von Stimmen bekommen, sondern den Austausch prägend mitbestimmen?
  • Werden wir eigene Grabenkämpfe vermeiden können?

Das sind einige der Fragen, die mich im Moment bewegen und die ich auch mir selbst stelle. Was sind Deine Fragen?

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An die Kritiker der Emerging Church im Allgemeinen und Emergent Deutschland im Besonderen

21. November 2007

In der letzten Zeit bin ich auf einige Blog-Posts gestoßen, in denen Ihr Euch sehr negativ zu Wort gemeldet hat. Das schmerzt mich. Zerteilt man denn das Fell eines Bären, bevor er erlegt ist? Könnt Ihr etwas kritisieren, das Ihr gar nicht kennt? Hat nicht unser gemeinsamer Herr und Meister gesagt: „Richtet nicht andere, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet?“ Ich gehöre zu den zwei Handvoll Menschen, die sich ganze zwei (!) Mal getroffen haben, um über Emergent Deutschland nachzudenken und es aus der Taufe zu heben. Und wißt Ihr was? Ich weiß selbst nicht genau, wie Emergent Deutschland werden wird. Wenn Ihr wissen wollt, wofür Emergent Deutschland steht, dann schaut Euch doch mal unser vorläufiges Selbstverständnis an. Darin haben wir u.a. Folgendes formuliert:

# Alles Überlegen, Diskutieren und Anwenden geschieht in dem Bewusstsein, dass sich der dreieinige Gott in Jesus von Nazareth geschichtlich offenbart und die Welt mit sich versöhnt hat. Unser Leben erhält seinen Sinn in der Ausrichtung auf ihn.
# Als seine Nachfolger kultivieren wir unter uns und bei anderen eine lernbereite Atmosphäre, streben nach Integration von theoretischem Wissen und praktischer Anwendung und fördern als Teil des Leibes Christi bestmöglich die Ausbreitung des Reiches Gottes inmitten dieser Welt.
# Wir begrüßen es, wenn Emergent Deutschland als ökumenisch ausgerichtetes Netzwerk wächst und durch unterschiedliche Begabungen und biographische Prägungen bereichert wird.

Was an diesen Worten habt Ihr nicht verstanden? Wie könnt Ihr denn die theologischen Schwerpunkte von Emergent Deutschland kennen, die nicht einmal wir kennen? Wie könnt Ihr Emergent Deutschland mit »klassisch liberaler Theologie« gleichsetzen? Warum könnt Ihr nicht zwischen Emergent Village und Emergent Deutschland unterscheiden? Warum hackt Ihr auf Eure Brüder und Schwestern in Christus ein? Habt Ihr nichts Besseres zu tun? Wie wär’s mal mit „Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor Deinem Gott“? Warum setzt Ihr Emergent Village mit Brian McLaren gleich? Warum setzt Ihr Emergent Deutschland mit Brian McLaren gleich? Wenn wir Brian als Redner einladen, dann ist er ein Dialogpartner, der uns inspirieren kann – nicht unser geistlicher Führer. Wenn ich seine Bücher auf meinem Blog vorstelle, dann tue ich das deswegen, weil ich der Ansicht bin, daß die Auseinandersetzung mit seinem Gedankengut förderlich sein kann. Weite Teile seiner Theologie teile ich nicht – den Ansatz schon: Aus den vielfältigen Strömen christlicher Glaubensgeschichte schöpfen und die Botschaft Jesu nicht nur auf das Leben nach dem Tod reduzieren. Mich regt Eure Kritik auf. Ihr hört Vorträge, aber kennt die Menschen nicht, lest Bücher selektiv und prüft sie anhand Eurer persönlichen Theologie, die natürlich der Maßtab ist – was denn auch sonst? Die katholische Kirche ist aus Eurer Sicht sowieso mit der großen Hure Babylons zu identifizieren, die Kirchengeschichte hat wahlweise mit der Gründung Eurer Denomination/Gemeinde oder aber Eurer Geburt begonnen, und es wird nicht lange dauern, bis Ihr die Emerging Church (die es ja gar nicht gibt, aber das wollt Ihr ja auch nicht einsehen) auch noch in irgendeiner diffusen Sicht der Johannesoffenbarung ausgrabt. Ist das nötig?

[Mein persönliches Verständnis von Emerging Church findet sich übrigens hier: 1|2|3. Vielleicht solltet Ihr diese Posts mal lesen und Eure Gedanken in den Kommentaren äußern.]

Warum kommt Ihr nicht einfach (zu den Studientagen oder) zum Forum nach Erlangen, trinkt mit uns einen Kaffee und lernt uns persönlich kennen? Sind wir nicht durch einen Geist alle zu einem Leib getauft? Warum können wir nicht gemeinsam im Namen Jesu das Reich unseres himmlischen Vaters ausbreiten und in der Kraft des Heiligen Geistes darauf hinwirken, daß mehr und mehr Menschen a) mit ihrem Munde bekennen, daß Jesus der Herr ist, b) in ihrem Herzen glauben, daß Gott ihn von den Toten auferweckt hat und c) mit ihrem Leben danach trachten, alles zu halten, was er uns geboten hat? Na, wie wär das? Können wir, die wir doch Schwestern und Brüder sind, nicht auch Freunde werden? Ich jedenfalls würde mich freuen – Herzliche Einladung!

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Gedanken über das Buch Hiob oder: How (not) to speak of God

20. September 2007

Donnerstags von Prag heimgekommen hatte ich am Samstag während einer Wochenendfreizeit den Bibelarbeitsteil für 14-18jährige zu verantworten. Als Thema war von der Freizeitleitung »Halte durch« gewählt worden. Vormittags unterhielten wir uns in der Teeniegruppe über miese Erfahrungen im Leben und den Umgang mit ihnen. Als ich die Jugendlichen nach biblischen Personen fragte, von deren Erfahrungen wir evtl. profitieren könnten, fiel schnell der Name Hiobs, über dessen Geschichte wir dann ausführlich nachdachten. Dabei sind mir einige Gedanken gekommen, die ich an dieser Stelle festhalten möchte.

Die Vorgeschichte
Hinter den Kulissen läuft ein mieser Deal: Gott und Satan gehen eine Wette ein. Der Einsatz ist nicht bekannt. Gegenstand der Wette: Der gerechte Hiob. Satan meint, dieser diene Gott nur deshalb, weil er so gesegnet sei. Gott geht darauf ein und erlaubt Satan, Hiob Leid zuzufügen. Hiob verliert infolgedessen fast sein gesamtes Eigentum und seine Kinder, wird selbst schwer krank »mit bösen Geschwüren von der Fußsohle bis zum Scheitel«. Dabei versündigt er sich nicht, sondern hält an seiner Frömmigkeit fest, obwohl ihm seine Frau nahelegt, dem Vertrauen auf Gott abzuschwören.

Feine Freunde
Drei Freunde Hiobs hören von seinem Unglück und besuchen ihn, weinen mit ihm und teilen sieben Tage lang still seinen Schmerz. Danach hebt Hiob zu einer Klage an und verflucht den Tag seiner Geburt. Lieber wäre er gestorben, dann hätte er jetzt im Totenreich seine Ruhe. Seine Freunde klagen ihn an: Er habe irgendeine heimliche Sünde begangen, seine Weste sei nicht so rein, wie er tue, darum habe Gott ihn bestraft. Hiob beharrt auf seiner Unschuld, ja er würde gerne mit Gott vor Gericht treten, damit der ihm sagen könne, warum er einen Unschuldigen so bestraft habe. Für die Freunde ist das Blasphemie – Gott mache eben keine Fehler und wisse genau, daß die Strafe, die Hiob ereilt hat, gerecht sei. Darum rufen sie Hiob zur Umkehr und Demütigung unter Gott auf. Wieder und wieder beteuert Hiob seine Unschuld, beklagt sein Unglück und appelliert an Gott. Danach tritt ein vierter Mann auf den Plan, der die Vorwürfe an Hiob nochmals wiederholt. Seine Aussage: Gott vergilt jedem nach seinem Tun und bestraft den, der es verdient hat.

Gottes Antwort: Fragen über Fragen
Gott antwortet Hiob, indem er Fragen stellt und seine eigene Größe Hiob gegenüberstellt: »Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, daß du recht behältst? Hast du einen Arm wie Gott, und kannst Du mit gleicher Stimme donnern wie er?« Keine Erklärung. Gott gewährt Hiob keinen Blick hinter den Vorhang. Er sagt nicht: »Hör mal, ich hatte da eine Wette am Laufen…«. Der Blick auf die Größe Gottes läßt Hiobs Fragen und Anklage verstummen. Hiob spricht sich schuldig und tut Buße in Sack und Asche.

Wie man (nicht) von Gott reden sollte
Die überaus überraschende Wendung geschieht am Ende:

Als nun der Herr diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. So nehmt nun sieben junge Stiere und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch; aber mein Knecht Hiob soll für euch Fürbitte tun; denn ihn will ich erhören, daß ich nicht töricht an euch handle. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. (Hiob 42,7f)

Das ist für mich der eigentliche Hammer des Buches: Hiob wird gerechtfertigt. Seine Freunde aber, die so genau zu wissen schienen, wie Gott handelt, werden gerügt. Sie haben Mist erzählt, Hiob nicht.

Gott ist doch wieder anders!
Nein, Gott ist nicht derjenige, der mit Argusaugen im Leben der Menschen, die mit ihm und für ihn leben, nach Spuren der Sünde sucht, um diese sofort zum Anlaß für eine Strafe zu nehmen. Frag nach bei Abraham in Ägypten, bei David in mehreren Situationen oder bei der Petze Joseph. Er führt seine Leute anders, individuell, oft durch krasse Tiefen hindurch, für die wir keine menschliche Erklärung haben. Glücklich der Mensch, der wie Joseph zu seinen Brüdern sagen kann: „Ihr gedachtet es böse zu machen, der HERR aber gedachte es gut zu machen!“ Ambivalent war das bei Hiob. Natürlich war er nach der Prüfung doppelt so reich als vorher, hatte sieben Söhne und drei Töchter, von denen letztere als die Schönsten weit und breit galten. Toller Trost, denke ich sarkastisch. Jeder Vater wird seine Kinder für die Schönsten halten. Und wenn Hiob hundert Kinder gehabt hätte – das macht diejenigen, die ihm weggerissen wurden, nicht wieder lebendig… Und – na klar – da gibt es noch diejenigen, bei denen es auf dieser Erde nicht wirklich gut ausgegangen ist. In der Ruhmeshalle der Gläubigen im elften Kapitel des Hebräerbriefes werden nach all den glorreich siegreichen Überwindern noch weitere Glaubenshelden genannt:

Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Erdlöchern.

Auch so kann es aussehen, wenn wir »im Triumphzug Christi mitgeführt« werden. Nein, es wird nicht immer prickelnd laufen. Wir werden nicht immer von großen Siegen berichten können. Und schon gar nicht werden wir das Handeln und Wesen Gottes in einem Satz ausdrücken können. Die Freunde Hiobs lagen falsch. Ob die Vorstellungen, die wir uns von Gott machen, ihm mehr entsprechen? Gut ist, daß »das Wort Fleisch wurde« und Gott »zuletzt zu uns geredet hat im Sohn«. Gut ist auch die Verheißung, daß »bei denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten zusammenwirken«. Das ist doch schonmal was.

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RelevantBlogs, mein Blog und das Bloggen an sich

8. August 2007

Vielleicht hast Du in meiner rechten Sidebar schon einen neuen Button entdeckt. Dieser führt Dich zur Homepage von RelevantBlogs. Dort ist zu lesen:

RelevantBlogs ist ein Netzwerk, das die besten deutschsprachigen Blogs christlicher Autoren mit den verschiedensten Themen zusammenfassen möchte. Wir haben RelevantBlogs gegründet um begeisterten christlichen Autoren eine größere Öffentlichkeit zu bieten und um Lesern bei der Suche nach guten und interessanten Blogs zu helfen.

Vor einigen Tagen hat mich einer der Betreiber dieser Website eingeladen, dem Netzwerk beizutreten, was ich hiermit getan habe – trotz der Tatsache, daß ich nicht gerne meinen Namen für etwas hergebe und auch nicht zu einer weiteren Ghettoisierung des „christlichen“ Webs beitragen will. Ziemlich starke Magenschmerzen bereitet mir die Formulierung „die besten deutschsprachigen Blogs christlicher Autoren“. Was macht einen Blog zu einem guten Blog? Wann gehört ein Blog zu „den besten“? Ich verstehe Blogs als subjektiven und damit eigentlich wertneutralen Ausdruck einer Person. In meinem Falle meiner Person. Darum schreibe ich in diesem Blog über Theologie, den VfB Stuttgart (der den Fußballer und Trainer des Jahres stellt!), die Vorfreude auf das nächste Mortification-Konzert und alles andere, auf das ICH Bock habe. Sollte es andere interessieren, daß die letzten Filme, die ich im Kino gesehen und genossen habe, Stirb Langsam 4.0, Harry Potter, Hot Fuzz, Death Proof, Next, Die Simpsons und Transformers waren, ist das nett – wenn nicht, werde ich das an dieser Stelle trotzdem erwähnen, auch wenn es vielleicht nicht in das Bild paßt, das manche von einem der „besten deutschsprachigen Blogs christlicher Autoren“ haben mögen.

Leider ist das Medium des Blogs äußerst begrenzt. Der geneigte Leser erfährt nur das, was der Blogger preisgibt. Beiträge sind einseitig. Du siehst nicht das Gesicht des Schreibenden, hörst nicht den Tonfall seiner Stimme, sondern liest nur Worte, die er geschrieben hat. Oftmals wird auf das hin kommentiert, was gerade nicht geschrieben wurde, der Kommentierende aber vermißt hat. Aber gerade ein Blog mit oftmals theologisierenden Inhalten macht es unmöglich, immer die ganze Position des Autors darzulegen. Schließlich entstehen meine Posts meist ohne Vorbereitung, sind nicht immer in der Tiefe durchdacht, sondern spontaner Ausfluß meiner Gedanken.

Ich jedenfalls mag es, wenn ich Persönliches der Autoren erfahre. Einige der Blogs, deren Feeds ich irgendwann mal abonniert habe, lese ich mittlerweile nicht mehr hauptsächlich wegen des gehaltvollen Inhalts, sondern weil sich Beziehungen ergeben haben, weil ich den Menschen hinter dem Blog schätzen gelernt habe und mich dafür interessiere, was er/sie mitteilen möchte. Und es ist immer wieder eine Freude, jemanden in persona kennenzulernen, der bislang nur der Verfasser der Beiträge eines Blogs war. Ein wenig Schleichwerbung: Eine DER Möglichkeiten 2007 auf Menschen zu treffen, die einem zum jetzigen Zeitpunkt nur durch ihre Blogs bekannt sind, wird das Forum mit Brian McLaren in Erlangen sein, auf das Peter schon hingewiesen hat und zu dem es in absehbarer Zeit mehr Information geben wird.

Warum habe ich die Einladung zu RelevantBlogs trotz meiner Vorbehalte angenommen? Einerseits finden sich dort Blogs anderer Autoren, die ich empfehlen möchte, und andererseits ist es meinem Empfinden nach eine schöne Sache, auch auf diese Weise zu zeigen, daß der Leib Jesu aus vielen Gliedern besteht, diese sich (theologisch) nicht immer einig sein müssen, aber dennoch zusammengehören und gemeinsam unterwegs sind. Darum: Solltest Du RelevantBlogs nicht kennen, dann schau doch mal dort vorbei und sieh nach, wer sich hinter den anderen Blogs versteckt. Solltest Du hingegen über RelevantBlogs zum Feld des Sämanns gekommen sein, dann fühl Dich wohl hier, schau nach, wer hier den Samen sät und worum’s dem Sämann geht, laß ein Hallo in den Kommentaren da und – wenn Du einen Post gefunden hast, der Dich interressiert – beteilige Dich am Gespräch. Herzlich Willkommen!

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Ponderings

6. August 2007

Mit diesem Post endet die Reihe meiner Rückschau. Als Zusammenfassung der Tagebucheinträge aus 2005 und 2006 habe ich Folgendes formuliert:

Als Jünger Jesu will ich lernen, jeden Teil meines Lebens so zu leben, wie er das tun würde und dabei jeden Tag fragen, was mein Selbst will und was Jesus will. Nur in meiner Vision, in meiner brennenden Leidenschaft, komme ich zur Ruhe, alles andere ist Ballast. Wenn ich nahe bei Jesus bin, bin ich immer im Zeitplan.
„Herr, ich vertraue Dir. Ich will den Weg gehen, den Du mir zeigen wirst. Auch wenn ich gegürtet und dahin geführt werde, wohin ich nicht will. Dein Wille soll mit mir geschehen. Laß mich in meiner Zerbrochenheit echt und aufrichtig sein. Ich will vor anderen keine Masken tragen. Ich will keine Angst haben, sondern meine Sorgen auf Dich werfen, mein Kreuz auf mich nehmen und mich unter Dein Joch einreihen.“
Mit konventionellem Lobpreis kann ich fast nichts mehr anfangen. Ich will mich dem Dunkel nähern und Gott finden, immer die majestätische und die zärtliche Seite Gottes vor mir haben. Gott selbst ist mein Erbteil. Er ist „der Lebendige, der mich sieht.“ In seiner Vaterschaft finde ich Ruhe. Ich will ihn wirken lassen. In der Abgeschiedenheit der Stille will ich meinen Willen von der Stimme Gottes unterscheiden lernen. Ich will nur dorthin gehen, wohin Gott mich führt, wo der Weg schon bereitet scheint, will erkennen, wann Gottes Herrlichkeit sich erhebt und mir vorangeht, aber solange ich seine Gegenwart im Hier spüre, will ich nicht auf eigene Faust gehen. Dabei geschieht das Wachstum schrittweise, Stück für Stück hinein in‘s Vollmaß. Ich will Gottes Geschwindigkeit annehmen und mich nicht an anderen orientieren, auch keinen Status beanspruchen, der mir nicht zusteht, sondern gesund und organisch weiter wachsen. Gott soll mir meinen Platz zuweisen. Ich will treu tun, was Gott zeigt. Er soll meine erste, nicht meine letzte Hoffnung sein. Wenn das Land besetzt ist, gilt es zu warten. Tief verwurzelt in Gott möchte ich von ihm den Kurs gezeigt bekommen. Ich will nicht voreilig im Namen Gottes sprechen. Ich will mich nicht von Menschen herumtreiben und mich für ihre Zwecke mißbrauchen lassen. Ich will niemanden anderen für meine Zwecke mißbrauchen. Ich will nicht zum Spielball der Elemente werden, sondern in der göttlichen Ruhe bleiben.

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Bekenntnis zur Bipolarität

30. Juli 2007

Ein weiteres Fundstück, auf das ich in meiner Einkehrzeit gestoßen bin, ist dieser Ausschnitt aus einem Tagebucheintrag vom Mai letzten Jahres:

Mehr und mehr stelle ich fest, daß ich ein sowohl-als-auch Mensch bin. Traditionalist und Revolutionär, Hirte und Schaf, Charismatiker und Kontemplativer, Träumer und Macher. Was ich gar nicht mag, sind Grenzen, Beschränkungen, Verabsolutierungen. (…) Ich mag die Perichoresis, die dynamische Harmonie, den eng umschlungenen Tanz verschiedener Standpunkte, die ich stehen lassen kann, die einander ergänzen und mich darin befruchten. Wie der hermeneutische Zirkel immer vom Ganzen auf die Teile geht und von den Teilen wieder zurück auf‘s Ganze, möchte ich so denken und leben. Mir gefällt das Bild vom Glaubensmosaik, vom web of beliefs, das verschiedene Dinge integriert. Einseitigkeit langweilt mich, ich will bunte Schafe und eine bunte Herde. Ich will eine integrative Theologie, eine integrative Gemeinde, ein offenes System, in dem der Kern klar ist.

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Was ist Glück?

30. Juli 2007

Am gestrigen Abend haben wir im p-shuttle über Glück nachgedacht. Dabei entstand in meinem Kopf folgender Satz:

Glück ist, unter den begeisterten Anfeuerungsrufen Gottes das Potential meines Lebens zu entfalten.

Was ist Glück für Dich?

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Die Masken fallen: Doping-Skandal im Radsport! oder: Gedanken über Gnade und Wahrheit

24. Mai 2007

Heute habe ich in voller Länge die Pressekonferenz des T-Mobile-Teams gesehen (Videoausschnitte und Bericht hier bei Sport1). Rolf Aldag und Erik Zabel bekannten, Dopingmittel genommen zu haben. Ein Schock für mich. Seit Jahren habe ich nicht nur die Tour de France fast immer komplett live gesehen, sondern auch intensiv die Frühjahrsklassiker und andere große Rundfahrten wie Giro d’Italia, Deutschlandtour und Vuelta intensiv verfolgt. Selbstredend, dass ich mich sehr auf die Straßenweltmeisterschaft in Stuttgart im September gefreut habe.

Schon seit Jahren gab es Gerüchte. 1998 der Festina-Skandal. Klar, die bösen anderen. Aber die von mir so verehrten Telekom-Fahrer? Immer wieder gab es Radsportler, denen die Zuhilfenahme unlauterer Mittel nachgesagt wurde. Überlegene Fahrer, die den Magenta-Jungs die Siege wegnahmen. Vielleicht waren die ja gedopt… Dann packt der Masseur Jef d’Hont aus. Bert Dietz folgt. Jan Ullrich wurde immer wieder beschuldigt, Beweise schienen vorhanden zu sein, und er war in den Medien immer als ambivalente Persönlichkeit dargestellt worden. Da war das alles noch weit weg. Christian Henn zieht nach. Udo Bölts folgt. Gestern Abend habe ich noch herzhaft bei Harald Schmidt über die eingeblendeten Pseudogeständnisse gelacht.

Und dann diese Pressekonferenz. Rolf Aldag und Erik Zabel. Sympathische Zeitgenossen, ehrliche Kämpfer, Idole. Fahrer, mit denen ich gelitten habe, die ich angefeuert habe, denen ich solches nie zugetraut hätte. Nun sehe ich Ete aufgelöst, unter Tränen. Aldag blickt in’s Leere. Täter. Schuldige. Gedopt. Rechtswidriges Verhalten, für das es keine Entschuldigung gibt. Das aber erklärt werden kann. Sportler, die unter Druck stehen. Druck, der von Medien, Sponsoren und der Teamleitung kommt. Die Angst, nicht mehr mithalten zu können in einem Geschäft, in dem nur Siege zählen. Nur Helden. Und weil man ja nicht erwischt werden kann, weil man ja sonst nicht mithalten kann, weil es ja eh alle machen – dann dopt man eben. So einfach ist das. Illusionen zerbrechen. Was ist den nun mit all den Erfolgen, die von Millionen „mit heißem Herzen“ (Reporterlegende Klaus Angermann) bejubelt wurden? Welche davon waren auf ehrliche Weise errungen? Gab es überhaupt welche? Sind denn alle gedopt – auch heute noch?

Rolf Aldag erzählt von der Angst, nicht mehr mithalten zu können, die ihn zum Doping getrieben hat. Davon, wie er morgens um 5:00 Uhr aufstehen mußte, um seinen Blutwert zu messen. Wie er sich die Epo-Spritze in eine Tätowierung setzte, damit niemand einen blauen Fleck sehen konnte. Wie er sich erniedrigt fühlte. Nicht mit den Teamkollegen reden wollte. Nicht wollte, dass es irgend jemand etwas weiß. Wie er jahrelang alle angelogen hat. Wie er einen neuen Anfang machen wollte als Sportlicher Leiter bei T-Mobile. Bis ihn die Wahrheit eingeholt hat.

Vielleicht ist es die Gier nach Helden, die Gier nach Spitzenleistungen, die Gier einer Öffentlichkeit, die sich an immer schnelleren Gipfelanstiegen berauschen will. Die Über-Menschen sehen will. Doch es gibt sie nicht. Hinter der Fassade ist der Tod im Topf. Die vermeintlichen Helden tragen Masken. Die Wirklichkeit ist düster. Für den Leib Jesu gilt das genauso. Vor nicht allzu langer Zeit, hat uns die Geschichte Ted Haggards tief bewegt. Ein Pastor, dessen homosexuelle Aktivitäten an’s Licht kamen und der fallen gelassen wurde wie eine heiße Kartoffel. Was ist das für eine Welt, die von uns verlangt, immer perfekt sein zu müssen? Eine Welt, in der wir keine Schwächen zeigen dürfen. Eine Welt, in der alles passen muß? Wo der Mann auf der Kanzel superheilig aussehen muß?

Jesus hat Gnade und Wahrheit verbunden. „So verdamme ich Dich auch nicht. Geh hin, und sündige hinfort nicht mehr.“ Können wir uns diese Haltung zu eigen machen? Sünde beim Namen nennen und auf Wiederherstellung hinwirken? Es verstehen, dass in uns und in der Welt Kräfte am Wirken sind, die nichts Gutes im Sinn haben? Erkennen, dass Christus gekommen ist, um alles neu zu schaffen? Unser Herz umzupolen, durch den Heiligen Geist, so dass die Sünde nicht mehr in uns herrschen muß? Gleichzeitig aber verstehen, dass dies nicht im Hauruck-Verfahren geschieht, dass wir alle mannigfaltig straucheln und jeder seine Leichen im Keller hat? Uns zuerst um den Balken im eigenen Auge kümmern, bevor wir uns dem Splitter im Auge des Nächsten zuwenden?

Wo brauchst Du Gottes Vergebung?
Wo solltest Du Nein sagen zu Dingen, die doch alle machen?
Wo solltest Du barmherziger mit anderen sein?

Wie können wir in unseren Gemeinschaften einen Raum schaffen, in welchem Gnade und Wahrheit zu gleichen Teilen vorhanden sind und nicht das eine gegen das andere ausgespielt wird?

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Wladimir Klitschko, Ray Austin, Jesus und der Antichrist

11. März 2007

Während ich gerade an einem Artikel über Emerging Church arbeite, denke ich an den Boxkampf zurück, den ich vorhin gesehen habe. Das lang erwartete Duell zwischen Wladimir Klitschko und Ray Austin. Für die meisten Experten war klar, daß Austin eigentlich keine Chance haben würde. Trotzdem ließ er es sich als Herausforderer nicht nehmen, vor dem Kampf große Sprüche zu klopfen. Was dann aber folgte, war eine Demonstration der Kraft Klitschkos und der Ohnmacht Austins:

Der 36 Jahre alte Amerikaner Austin hatte nicht den Hauch einer Chance. Nach den ersten ernsthaften Schlägen von Klitschko – drei schweren linken Haken – ging Austin bereits in der zweiten Runde zu Boden. (Quelle: t-online)

ZACK – und vorbei war’s! (Foto: Reuters)(Foto: Reuters)

Das hat mich erinnert an jemanden, den Martin Dreyer immer „Mr. S.“ nennt. Dieser wird (so verstehe ich jedenfalls die Bibel) all seine Power in einen Menschen legen. Der Antichrist wird groß tönen und mächtig Sprüche klopfen, aber sein Ende wird genauso schnell kommen, wie das bei Ray Austin der Fall war. Nicht den Hauch einer Chance gibt es für die Mächte, die sich Gott entgegenstellen:

Dann wird der gesetzwidrige Mensch allen sichtbar werden. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch seine Ankunft und Erscheinung vernichten. Der Gesetzwidrige aber wird, wenn er kommt, die Kraft des Satans haben. Er wird mit großer Macht auftreten und trügerische Zeichen und Wunder tun. (2Thess 2,8f)

So wie Jesus hat es eben keiner drauf – er braucht nicht einmal seine Fäuste einzusetzen, der bloße Hauch seines Mundes reicht schon aus. Vielleicht ist wieder einmal an der Zeit, die Offenbarung zu lesen und unseren großen Gott anzubeten?!

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[Aus meinem Kopf] Mit oder für Gott kämpfen

11. Januar 2007

{Achtung: Völlig unreflektierte, spontane Gedanken. Weder komponiert noch wirklich durchdacht.}

Auf dem Heimweg vom angenehmen Kaffeetrinken mit Haso bin ich beim Anhören des letzten Emergent-Village-Podcasts durch eine Predigt von Was-weiß-ich-wem (der Podcast war ein Potpourri aus unterschiedlichen „Christmas Reflections“) auf einen interessanten Gedanken gestoßen. Was-weiß-ich-wer sprach über den Stammbaum Jesu in Mt 1 und über die unterschiedlichen Gestalten, die zu den Vorfahren des Gesalbten gehören. Darunter Jakob. Jakob, Enkel Abrahams und Stammvater Israels, erhält von Gott einen neuen Namen:

Nicht mehr Jakob soll dein Name heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast überwältigt. [Gen 32,29]

„Israel“ ist Jakobs neuer Name. Israel bedeutet „Kämpfer Gottes“. Aus dem betrügenden Fersenhalter ist ein Gottesstreiter geworden. Gott spricht eine neue Identität über Jakob aus. (Die Parallelen zu unserem Dasein als neue Kreatur in Christus möge der geneigte Leser selbst ziehen…) Gottesstreiter ist sein Name. Aber Gottesstreiter ist nicht nur der Name eines längst verstorbenen alten Mannes aus der Ahnenreihe Jesu, sondern Gottesstreiter ist auch der Name des von Gott auserwählten Volkes, in das wir Christen aus den Nationen (= Nichtjuden bzw. Nichtisraeliten) hineingepfropft wurden (siehe Röm 11). Folglich ist es auch unsere Identität, Gottesstreiter zu sein.

Wer jetzt an Terroranschläge, aggressive Evangelisationskampagnen, vollmächtig gebietendes Gebet und gepfefferte Erweckungspredigen denkt, hat nicht ganz erfaßt, was an dieser Stelle meinem Empfinden nach mit „Gottesstreiter“ gemeint ist. Jakob hat nämlich nicht für Gott gekämpft, sondern der Mann, der mit ihm rang, sagte: „Du hast mit Gott (…) gekämpft.“ Ich schätze, daß niemand gegen Gott kämpfen, also Gott ausschließlich zum Feind haben will. Jakob hat mit Gott gerungen. Die Bedeutung Israels als „Gottesstreiter“ meint also nicht jemanden, der für, sondern mit Gott kämpft. Und damit ist es auch unsere Berufung als in Israel eingepfropfte Christen aus den Nationen, mit Gott zu kämpfen und zu überwältigen.

Was das wohl bedeutet? Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich keine Ahnung. Ob es ein Bild für Fürbitte ist, wie manche meinen? Ob wir mit Gott ringen sollen, wie Abraham um Sodom und Mose um das Volk in der Wüste? Ich weiß es nicht…

Jeremia fällt mir ein, der mit Gott um seinen Auftrag rang, der ihm zu schwer schien, daß es in seinem Herzen wie ein brennendes Feuer war und er schier vergangen wäre. Jesus selbst fällt mir ein, der in Gethsemane mit Gott um seinen Auftrag rang, der ihm zu schwer schien, den er gerne auf andere Weise erfüllt gesehen hätte, sich aber dem Willen des Vaters unterordnete.

Jakob hat überwunden, aber er blieb gezeichnet für sein Leben. Er ging als Hinkender in die Geschichte ein. Jesus hat überwunden, aber er blieb gezeichnet. Die Wundmale in seinen Händen und in seiner Seite waren es, die Thomas von der Realität der Auferstehung überzeugten. Und ich gehe davon aus, daß diese Male in Ewigkeit an Jesus sichtbar bleiben werden, Zeichen seines Sieges über Sünde, Tod und Teufel, Zeichen seiner Hingabe an den Willen Gottes, Zeichen seines Opfers um Deinet- und meinetwillen.

Ob Paulus mit Gott gerungen hat? Gegen den Stachel des Treibers konnte er nicht ausschlagen. Seiner Mission konnte er nicht entgehen. „Wehe mir“, sagte er, „wenn ich das Evangelium nicht predige!“ Paulus hat überwunden, er hat den Lauf vollendet, er hat Glauben gehalten. Er blieb gezeichnet. Verfolgung, Entbehrungen, körperliches und seelisches Leiden kannte er zur Genüge. Was unter dem Engel Satans, der ihn mit Fäusten schlug, zu verstehen ist? Ich weiß es nicht… Meinem Gespür nach handelt es sich dabei wohl mehr um psychisches als um physisches Leiden. Die Verfolgungshypothese greift zu kurz und steht meines Erachtens auf außerordentlich wackligen Füßen. Ob es Krankheit war? Möglich, aber ich weiß es nicht und will die Spannung aushalten.

Was bedeutet das, ein Streiter Gottes zu sein? Ich weiß es nicht. Aber ich will ein Streiter Gottes sein. Nein, gegen Gott will ich nicht kämpfen. Für den König zu streiten, danach sehne ich mich. Mit Gott zu ringen, das ist unangenehm. Bewegt sich im Grenzgebiet. Zwischen Nacht und Morgengrauen, wie bei Jakob. In der Nacht, wie bei Jesus. Dunkel war es in beiden Fällen. Beide haben überwunden. Beide waren gezeichnet. Beide haben den Namen Gottes groß gemacht. Das Gottes Wille in, durch und an uns geschieht, dazu scheint auch ein Ringen im Dunkeln zu gehören. Den auf uns lastenden Druck auszuhalten, was allein aus einem Grunde gelingen kann: Es ist die Hand Gottes. Schwer. Beinahe erdrückend. Aber Gottes Hand.

Was wohl Dein Auftrag ist? Ob Du auch mit Gott ringst? Ob dieser Druck Dich vielleicht auch gerade zu erdrücken scheint? Du diese Hand lieber abschütteln möchtest, aber wie Paulus nicht gegen den Stecken des Treibers ausschlagen kannst? Wie Jeremia schier vergehst?

Bleib dran. Laß nicht locker. Fliehe von Gott zu Gott. Ringe mit ihm. Klage. Halte aus. Der Morgen dämmert. Überwinde! ER wird Dich segnen….

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