[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« V – Samstag Mittag
20. Oktober 2007
Michael Herbst – Geistliche Führung wahrnehmen in der Kirche der Postmoderne
Vorbemerkungen
- “Führen” ist im deutschen Sprachgebrauch negativ behaftet und mit “ver-führen” verknüpft
- die 68er waren ein frischer Wind in der Gesellschaft, kritisierten aber leider fast jede Form von Autorität
- nur wenige jüngere Monographien und einige Aufsätze beschäftigen sich mit dem Thema Führung
- Führen (“leadership”) bezieht sich auf strategische Leitung, Leiten (“management”) auf das operative Geschäft
- Die christliche Theologie ist der Inbegriff der wissenschaftlichen Kenntnisse und Kunstregeln, welche die Leitung der christlichen Kirche ermöglicht
- geistliche Führung ist notwendig
- wir brauchen eine genauere Bestimmung unseres Verhältnisses
Worum geht es, wenn wir von geistlicher Führung im Kontext der Postmoderne reden?
- Bryman: Führung ist Prozess sozialer Einflussnahme, in der die Mitglieder einer Gruppe auf ein Ziel gesteuert werden
- Sammelbegriff für alle Interaktionsprozesse, denen eine absichtliche soziale Einflussnahme von Personen auf andere Personen zur Erfüllung gemeinsamer Aufgaben im Kontext einer strukturierten Arbeitssituation zu Grunde liegt (Wegge & Rosenstiel)
- in welche Richtung führen wir? Wie feiern wir Siege? Wie gehen wir mit Niederlagen um? Wann machen wir Pausen? Wo gibt es Verpflegung?
- schlechte Führung in der Kirche wird von Pfarrern und Pfarrerinnen kritisiert, in derselben Weise wird die Führung von Pfarrern in der Gemeinde kritisiert “Verliebtheit in den Talar”, “pfarrherrliches Selbstbewußtsein”, wir leben de facto in einer postmodernen Betreuungskirche, andere Pfarrer/-innen sind führungsschwach – “verunsicherte Moderatoren”, andere haben keine Autorität – “uns ist letztlich egal, wer unter uns (Ältesten) als Pfarrer die Gemeinde führt
- Das postmoderne Subjekt will nicht in Richtung auf die Ziele eines Führers durch absichtliche soziale Einflussnahme gesteuert werden – Zuspitzung der Kant’schen Aufforderung zum autonomen Gebrauch des eigenen Verstandes
- Höchstens: freiwillig, teilweise, und zeitweise, aus eigenem Entschluss, eher einem spirituellen Wegbegleiter folgen – unsere Kultur ist ein verrückter Vogel, der mit zwei unterschiedlichen Flügeln schlägt, dem postmodernen und (vor-)modernen. Darum wird Führung sowohl ersehnt als auch gefürchtet
Führungsbilder in der Organisationspsychologie
Früher: Wie führe ich ein Unternehmen?
- Great Man Mythos: Intelligenz, Extrovertiertheit, Selbstbeherrschung, Dominanz, physische Größe, Aussehen
- es wird eher nach Eigenschaften und Handlungsweisen gefragt – die Mitarbeiterorientierung (Wertschätzung, Achtung, Fürsorge, Offenheit, Zugänglichkeit) und Leistungsorientierung (Ziele setzen, kontrollieren, erreichen und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter aktivieren)
- Erfolgreiche Führung verlangt Kohäsion und Lokomotion
- diese Sicht ist zu einseitig, ein schlichtes Denken von Input und Output manifestiert sich hier
- wir brauchen eine reziproke Einflussnahme
- wie erkennen und fördern wir mögliche Führungspersönlichkeiten?
- keine monarchische Unterordnung, sondern Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Gaben – so sieht es die Bibel
Heute: Wie führen wir ein Unternehmen?
- Transaktionale (Tauschhandel – Entlohnung für Arbeitskraft – “do ut des!”) vs. Transformationale (der Geführte wird so beeinflusst, daß er sich aus eigenem Antrieb mit den Zielen der Organisation identifiziert – Geführter wird durch Kommunikation von Begeisterung, Visionen, Motivation etc. verwandelt, um die vom Vorgesetzten vertretene Mission zu unterstützen, der Führer lebt das in seiner Person vor) Führung
- die Verbindung von beidem hilft, Ziele zu erreichen
- Anfragen: Zurückhaltung gegenüber der fremden Wahrheit eines Führers, beliebige Ausrichtung: Hitler oder Gandhi, kollektive Infantilisierung
Morgen: Wie führt sich ein Unternehmen?
- Sytemtheoretische Infragestellungen: Wie viel nimmt ein Führer wirklich wahr? Wie erfolgreich kommuniziert er? Was kann er tatsächlich bewegen?
- Strategien. z.B. “zweite Beobachter” (Feedback, Supervision, Mentoring) – ergänzende Beoabachtung, um die Selektivität der Wahrnehmung etwas aufzuweichen
Geistliche Führung in der Gemeinde – eine theologische Perspektive
- führungskritische Ansätze bei den Synoptikern: Keine Titel, der Größte sei der Diener aller (Mt 23,8-11)
- der Geist wird über alle (!) ausgegossen – Knechte, Mägde, Söhne, Töchter (Joel 3)
- Eph 4,7.11-16; 2,19-22 und 2: jedem der Geist gegeben, einige eingesetzt, Apostel und Propheten der Grundstein – Apostel und Propheten sind keine gegenwärtigen Ämter – Evangelisten, Hirten und Lehrer sind zur Führung beauftragt – das Führungsamt ist Gabe des Herrn – Führung in der Gemeinde ist nicht autark, sondern wird geistliche Führung, wenn sie sich an den Zusagen und Weisungen dessen, der sie eingesetzt hat, orientiert – Führung ist zur Zurüstung der Heiligen da, Schaffung der Einheit, Wachstum der Erkenntnis Jesu etc.
- gute Führung ist zu erkennen an gesteigerter Mündigkeit der Gemeinde und am selbständigen Dienst der Begabten
- “Die Pfarrerskirche ist eine Geisel aus der Sicht von Eph 4″
- Triangulierung: Es ist eine Dreierbeziehung: Führer und Geführte sind auf Christus und das apostolisch-prophetische Zeugnis von ihm. Führer sind Führer zweiter Ordnung, sie haben eine eher “schwache Identität” (postmodern gesprochen), nach beiden Seiten hin sind sie gebunden – Freiheit in der Bindung an Christus zum Dienst am Nächsten
- Das Amt darf das allgemeine Priestertum der Gläubigen nicht schmälern, sondern muß ihm dienen und es stärken. (Eberhard Jüngel)
Folgerungen:
- Hemmungen gegenüber dem Willen zur Macht – Distanz der Geführten zum Willen des Führenden
- Führungspersonen müssen sich selbst führen lassen
- Offenheit für Kontingenz
- geistliche Leitung ist … sich selbst geistlich leiten, andere anleiten, sich selbst geistlich zu leiten; alles zur Verfügung stellen, was dafür notwendig ist, daß solche Leitung und Selbstleitung möglich wird. (Gerhard Wegner)
- Eddie Gibbs (Leadership Next): Die Mission der Gemeinde braucht neue, junge Führungskräfte; Gemeinden in einer vernetzen Gesellschaft wandern flexibel in diverse Netzwerke ein; Führung geschieht mit “Fluidity” in wechselnden Teams; Verantwortung ist Handlungsfreiheit und Bindung an die gemeinsame Vision und Mission.
- Leitung hat eine Vision von der Richtung, in der sich Kirche entwickeln wird, sie hat eine Inspiration von dem, was Gott will, und sie will nicht kontrollieren, sondern ermöglichen, befähigen und freisetzen (Peter Böhlemann)
- “Leading empowered networks of Christ-followers” (Eddie Gibbs)
Ansätze für eine erneuerte geistliche Führung in der Gemeinde
Kimball: Christliche Leiter werden von Kirchenfernen als machtsuchend, mit dem Finger zeigend, Frauen unterdrückend wahrgenommen
Vergleich Führungsmodelle der Enterprise-Captains Kirk (direktiv, kein Rat von Frauen, trägt Narben vieler Kämpfe wie einen Orden) und Picard (verwundbar, schwierige Kindheit, riskiert Beziehungen, wird enttäuscht, seine Narben bringen ihn uns näher, Team entscheidet, Frauen haben einen wichtigen Raum)
Kimball: Postmoderne Führungskräfte werden in die Picard-Schule geschickt
Vier Schlüsselqualifikationen: Geistliche Führungspersonen in der Postmoderne…
- lernen, sich selbst der Führung des Geistes anvertrauen – Nachfolge ist das entscheidende – Integrität durch Spiritualität
- sind keine einsamen Träumer ichbezogener Wunschträume – Visionen mit anderen entdecken und teilen
- sind teamorientiert und wissen, dass gute Führung plural sein muss
- verfolgen stets das Ziel, dass Menschen stark werden können und ihre Gaben entfalten können
“Das monarchische Pfarramt ist ein Irrtum! Führung durch Teams ist fast immer die bessere Technik!”
Es geht darum, immer neuere Teams zu bilden, mal mitzuspielen und mal an der Seitenlinie zuzuschauen.
“Unsere theologische Aus-, Fort- und Weiterbildung muß noch eine ganze Reihe von Nachhilfestunden nehmen, bis sie von sich sagen kann, daß sie geistliche Führungspersönlichkeiten für die postmodernen Kontexte ausbildet und bereitstellt.”
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