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Archiv für Februar, 2009

[Chrysalis] Kapitel 6: Nebenher gehen – Begleitung

26. Februar 2009

[Das ist der siebte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Christ sein heißt in Gemeinschaft sein. Die Chrysalis-Phase der dunklen Nacht ist derjenige Abschnitt der christlichen Glaubensreise, in der es am wichtigsten ist, mit einer Gruppe, einem geistlichen Begleiter oder engen Freunden verbunden zu sein. Zwar braucht es Raum, um sich von dem alten Formen „Glauben zu tun“ zu befreien und die eigenen neuen Wege zu entdecken, aber es braucht genauso auch Begleitung. Ohne sie kann der Kokon zu unserem Grab werden. Wenn wir in dieser chaotischen Zeit alleine sind, dann ist das Risiko zu hoch, dass unser Glaube langsam sterben wird.
Jesus lud andere dazu ein, in seiner Nähe zu sein. Er ist das Vorbild, wenn es darum geht, andere an sich ran zu lassen. Er ließ es zu, dass sie seine tiefsten Wunden und Kämpfe sahen. Seine Narben und Verletzungen versteckte er nicht, sondern ließ sie von Maria waschen, von Thomas berühren und von seiner Mutter halten.

Auch wenn es schmerzhaft ist, müssen wir während dieser Zeit der Veränderungen dennoch mit mindestens einem Menschen des Glaubens offen und ehrlich verbunden sein. Wen wir als unseren Begleiter wählen, ist eine sehr wichtige Wahl. In Glaubenskrisen brauchen wir jemanden, der unsere Reise gut einschätzen und uns helfen kann, sie für uns zu normalisieren. Auch muss er in der Lage sein, uns Hoffnung auf einen tieferen Glauben hinter dem momentanen Chaos zu geben. Geistliche Begleiter sind die beste Ressource, auf die wir in Glaubenskrisen zurückgreifen können. Mit ihnen können wir unsere Geschichte teilen, wir bekommen Bestätigung und Wertschätzung sowie Hinweise auf bestimmte Bücher, Gebete, Gedichte, Bilder und Konzepte, die uns weiterbringen. Vielleicht ist es das Wichtigste, dass uns geistliche Begleiter uns dazu bringen, einen Blick dafür zu bekommen, wo und wie Gott mit uns ist und wie er uns zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen einlädt.

Wer kann ein geistlicher Begleiter sein? Es benötigt Weisheit in Glaubensänderungen, die Bereitschaft, uns unsere Geschichte erzählen und unseren Schmerz mitteilen, unsere Zweifel, Wut und Raserei gegen Gott ausdrücken zu lassen, ohne gleich eine Verteidigungshaltung einzunehmen oder die Hoffnung aufzugeben, dass der Geist Gottes in uns am Wirken ist. Es müssen Menschen sein, die sich im Umgang mit Geheimnissen und Widersprüchen nicht unwohl fühlen, auf viele Gebetsarten zurückgreifen können und selbst intensiv nach Gott gesucht haben. Aber es müssen auch starke Freunde sein, die bereit sind, mit uns zu gehen – in dem Wissen, dass es sich um eine lange und holprige Reise handeln könnte.

In unserer dunklen Nacht sollten wir nicht überrascht sein, wenn ungewöhnliche priesterliche Figuren (sie überbrücken die Kluft zwischen uns und Gott) an unsere Seite treten. Sie sind eine Gabe Gottes, denn sie helfen uns, unser wahres Selbst ins Dasein zu locken und Boden unter unseren Füßen zu finden, während unsere neue Identität im Glauben am Entstehen ist. Das Wichtigste, was ein solcher Weggefährte für uns tun kann, ist es, an unsere Seite zu stehen mit der aufrichtigen Verpflichtung, unsere Position und unsere Gefühle zu verstehen zu versuchen. Wir sollten die Kraft solchen Zuhörens nicht unterschätzen, handelt es sich doch dabei um eine hilfreiche, oft heilende Funktion in unserer Glaubensreise. Wenn ein solches Zuhören in nicht-verurteilender, annehmender Weise geschieht, schafft es den Kontext, in dem Schmerzen, Mißbrauch, Fragen, Verwirrung, Zweifel und Herzschmerz in Worte gefaßt und – wichtiger noch – gehört werden können.

Es geht darum, die Perspektive eines Menschen zu akzeptieren und stehen zu lassen – ohne Fragen zu stellen oder die eigene Sichtweise hinzufügen zu wollen; in dem Bewußtsein, dass sich diese Perspektive mit der Zeit ändern kann und wahrscheinlich auch wird. Solches Zuhören hört den Schrei des Anderen, nimmt etwas von seinem Schmerz auf sich und bringt ihn im Gebet vor Gott.

Wenn Menschen ihre Zweifel, Ängste und Verletzungen in Worte fassen, dann ist es hilfreich, wenn ihnen jemand zuhört, der zumindest in gewisser Weise die Kirche, den Glauben und sogar den Gott repräsentiert, gegen die sie wettern und die sie angreifen. Die Unterstützung, die sie jetzt brauchen, ist die Begleitung von Menschen, die selbst in den tieferen Erzählungen, Verheißungen, Metaphern und Werten des christlichen Glaubens verankert sind. Menschen, die nicht so sehr Rat geben, als vielmehr Bilder und Vergleiche anbieten, die dabei helfen können, den eigenen Glauben neu zu formulieren und zu bewerten. Die Begleiter müssen auch Hoffnung auf eine Zukunft machen können, die so noch nicht existiert.

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[Chrysalis] Kapitel 5: Von tief innen – Kommen Lassen

25. Februar 2009

[Das ist der sechste Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Etwas Neues und zutiefst Persönliches findet statt, während wir langsam ein Gespür dafür bekommen, wer unser Gott ist und wie er such zu uns verhält. Darum brauchen wir einen weiten Raum, in dem wir geschützt und mit dem Kern des christlichen Glaubens verbunden sind. Für viele ist die Chrysalis-Phase eine Zeit, in der sie aufs Neue in ungekannter Tiefe erfahren, dass Gott sie liebt und sich an ihnen freut. Der Vater, der vormals für Autorität und Regeln stand, wird zu einem Vater, dessen natürliche Reaktion die Liebe ist. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn hat sich für immer verändert.

Die entscheidende Lektion der Chrysalis-Phase ist, dass unser Gott zu einem Gott wird, dessen uns zugewandtes Gesicht Weitherzigkeit und Mitgefühl ausdrückt; ein Gott, der sich viel größeres Interesse daran hat, sich wie ein Freund an uns zu freuen, anstatt sich über unser Tun zu sorgen. Gott bleibt Gott, aber sein Gesichtsausdruck hat sich für uns gewandelt. Wenn dies geschieht, dann wird der Kokon für uns zu einem kostbaren Schmelzofen der Veränderung, zu einem goldenen Ort. Dies ist die Schlüsselbegegnung mit Gott in der dunklen Nacht. Es ist die Begegnung, in der wir angenommen und umarmt werden, zu einem Grund der Freude werden – einfach nur für das, was wir sind. So unerklärbar und offenkundig unbestreitbar eine Begegnung mit der Gnade Gottes an sich schon sein mag, so ist dies nicht das Ende. Denn im Kontext der Annahme durch die Liebe fordert uns die Liebe zum Werden auf. In der Stille wird uns die Frage gestellt: »Was wirst Du mit dem Rest Deines Lebens tun?« In diesem Mix aus unserer eigenen Kleinheit und Unbedeutsamkeit und unserer Fähigkeit zum bedeutsamen Handeln werden wir gebeten, nach vorne zu sehen in Staunen und Vorstellungskraft. Wir werden darum gebeten, unsere tiefsten Sehnsüchte zu erkunden und zu fragen: „Ich frag mich, ob ich könnte?“ Wenn sich ein solches Fragen mit unserer Vorstellungskraft verbindet, wird Vision geboren. Eine solche Vision kann unserem Denken und unserem Handeln einen Rahmen geben, wenn wir bewußt hineintreten.

Bevor wir die Kraft haben, aus dem Kokon zu treten, müssen wir uns in der Wärme des Sohnes sonnen. Denn wir dürfen die anstrengende geistliche und emotionale Arbeit nicht unterschätzen, die in der Chrysalis-Phase der Seele zum Abschluß gebracht wurde. Diese Seelenarbeit hat uns aufgezehrt. Danach kommt die Zeit, den Kokon zu verlassen. Das innere Sehnen des Geistes, das uns dazu brachte, den geschäftigen, auf Aktivität ausgerichteten Glauben zu verlassen um im Winterschlaf nach innen zu gehen, zieht uns jetzt wieder zu anderen hin. Der Kokon war nur für eine bestimmte Zeit gedacht; er hielt uns während der Phase des Übergangs und der Verwandlung, aber er ist nicht für immer. Nun ist es an der Zeit, herauszukommen.

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[Chrysalis] Kapitel 4: Im Dunkel – Loslassen

5. Februar 2009

[Das ist der fünfte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Nun beginnt die dunkle Nacht, eine Zeit des Schweigens und der Stille. Johannes vom Kreuz ist der große Lehrer über die Chrysalis-Phasen im Glaubensleben. Er nennt diese Zeiten dunkle Nächte und lehrt uns, dass es angesichts von Verzweiflung und Leid, Zweifeln und Fragen, Bösem und letztlich sogar dem Tod keinen Sinn macht, davonzulaufen. Die Dunkelheit ist echt, und wir müssen in sie hineintreten, müssen uns der Finsternis stellen. In diesem Raum erhält unser Glaube neuen Sinn, eine neue Bestimmung und neue Energie.
Während Johannes vom Kreuz den Begriff der dunklen Nacht verwendet, spricht die Heilige Schrift von der Wüste. Beides beschreibt eine fremde, vormals unbekannte, unwirtliche und obskure Umgebung. Unsere vergangenen Erfolge und Erkenntnisse sind jetzt nutzlos. Es liegt nicht einfach an der Gemeinde oder an den äußeren Dingen des Glaubens. Tief in uns stimmt etwas nicht. Die Chrysalis-Phase stellt uns neuen Raum zur Verfügung, in dem wir alte Wege loslassen und neue zur Entfaltung bringen können. Hier geschieht Wachstum und Veränderung. Alles, was uns behütet und beschützt, getragen und gehalten hat, bricht nun auseinander. Wir haben keine Kontrolle mehr, sind machtlos. An einem solchen Ort möchten wir normalerweise nicht sein.
Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, unsere eigenen Dämonen bekämpfen und unsere eigene Reise machen. Trauerarbeit ist gefragt: Es ist eine Zeit des Loslassens und des Vertrauens darauf, dass Gott etwas Neues beginnen wird, während wir – im Bild gesprochen – wie die Raupe kopfüber hängen und warten. Der Raum, in dem wir uns in der Chrysalis-Phase befinden, kann als liminal bezeichnet werden – ein Zwischenraum auf der Schwelle, ein Niemandsland, eine neutrale Zone. Ein mehrdeutiger, verschwommener, jedoch heiliger Raum, die Schwelle von etwas Neuem.

Fremde werden Freunde
Die Fremden, mit denen wir in dieser kritischen Phase unserer Glaubensreise Freundschaft schließen, sind wie die Weisen von Bethlehem: Sie bringen Geschenke. Diese Fremden sind:

  • die Dunkelheit: Es ist die scheinbar dunkelste Nacht, tief und scheinbar endlos. Wir können nicht sehen, wohin wir gehen. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Wir können Gott nicht ausfindig machen und haben keinen Zugang zu dem, was Gott in unserem Leben oder in der Welt tut. Die Dunkelheit lädt uns zu einer neuen Tiefe des Vertrauens auf Gott ein und auch dazu, unsere eigene Verletzlichkeit und unseren mangelnden Durchblick zu akzeptieren. Gott als Licht finden wir nicht nur, wenn wir der Finsternis entfliehen oder sie loswerden; vielmehr scheint das Licht in der Dunkelheit.
  • die Trägheit: Dies ist die Zeit des Winterschlafs, in der wir lernen, einfach nur zu sein. Das Tun macht dem Sein im Jetzt Platz und der Erkenntnis, dass Gott sich allein schon an unserem Sein erfreut. Wir müssen nichts tun – Gott freut sich an uns.
  • der Verlust: Bevor wir weitergehen können, werden wir vieles verlieren – alte Wege, den Glauben zu leben; die Bilder und Vorstellungen von Gott, die uns so wertvoll erschienen; unser Gefühl unserer Identität und Rolle. Dazu kommt die Trauer über den Verlust der Sicherheit und Gewissheit im Glauben, Trauer über den Verlust der sicheren Unterscheidungen in schwarz und weiß in den Gebieten von Glaube, Ethik, Theologie und Überzeugungen. Ein weiter Raum ungekannter und nicht erkennbarer Graustufen tut sich auf. Schmerzhafte Erinnerungen an eine nun vergangene Zeit plagen uns. Dies ist harte emotionale Arbeit, aber sie ist notwendig. Wir müssen Platz für das neue machen, und dieser Verlust schafft den Raum dafür, dass Gott uns auf neue Weise begegnen kann.

Unsere Monster niederzwingen
Die Dunkelheit bringt allerdings nicht nur Fremde mit sich, sondern sie erweckt auch Monster, deren Bedeutung in unserem Leben wir erkennen müssen:

  • Unsicherheit und Selbstwert, die in äußeren Erfolgen, Besitztümern u.ä. ihre Bestätigung suchen: Das Erkennen unserer Fehler, unserer Unzulänglichkeiten und unseres Scheiterns kann zu unserer tiefsten Gotteserfahrung werden. Henri Nouwen meint: »Gottes Geliebter zu werden, ist die wichtigste Reise, die wir zu machen haben.« Auch wenn wir es im Augenblick nicht fühlen, so ist doch jeder von uns Gottes erwähltes Kind, wertvoll in den Augen Gottes, von aller Ewigkeit her »geliebt« genannt, sicher gehalten in einer immerwährenden Umarmung. Wenn wir das Licht immer wieder geltend machen, dann werden wir selbst mehr und mehr leuchten. Aber Nouwen warnt uns auch: »Wenn wir uns nicht auf unseren Segen berufen, dann werden wir schnell im Land der Verfluchten landen. Es gibt keinen neutralen Boden, Du mußt wählen, wo Du leben willst.«
  • der Glaube, dass das Leben ein Kampf ist, aus dem unvermeidlich Gewinner und Verlierer hervorgehen werden: Auch hier kann uns Nouwen weiterhelfen: »Als der Geliebte Gottes erwählt zu werden, ist ganz anders. Das schließt andere nicht aus, sondern ein, weist sie nicht als zu wenig wertvoll zurück, sondern nimmt sie in ihrer Einzigartigkeit an. Es ist keine Wahl des Konkurrenzdenkens, sondern der Barmherzigkeit.
  • funktionaler Atheismus, der Glaube, dass die letzte Verantwortlichkeit für alles in uns liegt, die unbewußte Überzeugung, dass wenn hier etwas geschehen soll, wir diejenigen sein müssen, die es ins Rollen bringen.
  • Angst: Wir müssen unser Leben und unseren Glauben nicht durch übermäßiges Planen und Kontrollieren vor dem Chaos schützen. Statt dessen sollten wir das Chaos einladen, denn aus dem Chaos erschafft der Geist Gottes Neues. Wir brauchen diese chaotische Zeit, weil sonst nichts Neues kommen kann. Der freie Raum für das Chaos wird durch ehrliche Trauerarbeit geschaffen und geschützt.
  • die Leugnung des Todes – nicht nur des Todes von Menschen, sondern wir wollen auch Organisationen, Programmen und gesellschaftlichen Strukturen das Sterben nicht erlauben.

Solche Monster sind gängige Beispiele für falsche Wahrheiten und Fundamente, die wir in dem Prozeß des Loslassens während unserer dunklen Nacht der Seele ausreißen und zerstören müssen. Ostern erinnert uns daran, dass das »Halleluja« erst nach dem Todeskampf und der Einsamkeit von Kreuz und Grab erklingt, weil Gott bereit war, in die Dunkelheit hineinzutreten. Wie hat Gott das getan? Erstens wurde Gott Mensch und entschied sich dafür, als gewöhnlicher Mensch nicht aus Macht und Göttlichkeit heraus zu handeln, sondern aus Verletzlichkeit und durch Hoffnungslosigkeit. Geführt vom Heiligen Geist bewegte sich Jesus von seinen Versuchungen in der Wüste bis zu seinem letzten Atemzug in voller Selbsthingabe: Er gab sich dem Kreuz und dem Geheimnis Gottes hin. Seine dunkle Nacht begann in der Agonie im Garten, wo er nur ahnen konnte, was vor ihm lag. Hier erfahren wir, dass seine Seele sehr aufgewühlt und verängstigt war, während er alleine wartete. Seine Freunde schliefen und seine Feine kamen näher. Niemand war da, um ihn zu unterstützen, als seine qualvollen Gebete, dass Gott das bevorstehende Leiden von ihm nehmen möge, in das reine Gebet völliger Hingabe mündeten. Auch wenn unsere Erfahrung nicht die des Messias sein wird, so können wir uns Jesus doch als Vorbild und Wegweisenden nehmen, in unsere dunkle Nacht hineintreten und sie leben. Der entscheidende Schritt ist derjenige, der uns in unsere persönliche und einzigartige dunkle Nacht hineinbringt. In der Chrysalis-Phase unseres Glaubens muß eine Form gewissenhaften und glaubensvollen Lebens sterben, und aus diesem Tod entsteht dann Leben. Diese Veränderung und Metamorphose wird uns in der Chrysalis-Reise angeboten, eine Veränderung, die von den Fremden, die wir einladen, Freunde zu werden, genauso geprägt werden wird wie von den Monstern, die niederzuwingen wir uns entscheiden. Diese Phase wird uns so radikal verändern wie Jakob, der zu Israel wurde, oder die Raupe, aus der ein Schmetterling wird. Wenn sich der Kokon um uns schließt, schlagen Leere, Einsamkeit, Schock, Wut und möglicherweise sogar Zweifel an unserer Existenz Wurzeln in uns. Das ist harte emotionale Arbeit, die uns viel Energie, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit kosten wird, die aber den Boden dafür bereitet, dass wir dem Geist Gottes auf neue, frische und tiefere Weise begegnen können.

Wie lange währt die Finsternis?
Die Wahrheit ist, dass wir keine Ahnung davon haben, wie lange die Nacht andauern wird. Für manche Menschen hat sie gar kein Ende. Sie bleibt bestehen, hüllt uns ein und bringt meist Niedergeschlagenheit, Trauer, Verwirrung, Zweifel und Verzweiflung mit sich. Andere wiederum suchen die Dunkelheit wie die Wüste, weil sie sich in positiver Weise davon angezogen fühlen, immer tiefer hineinzudringen. Viele erleben die Dunkelheit eine Zeitlang, während tiefere Veränderungen im Gange sind. Wie lange die Dunkelheit auch immer dauert, so wissen wir doch, dass wir mit Gott sind. Gott wirkt in der Dunkelheit, denn das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis wird es nicht überwinden.

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[Chrysalis] Kapitel 3: Goldene Feuerprobe – Der Rückzug

1. Februar 2009

[Das ist der vierte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]
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Ohne daß sie eine Erklärung dafür hätten, stellen viele Menschen plötzlich fest, daß sie genau diejenigen Dinge nicht mehr tun wollen, die ihren Glauben über Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte hinweg erhalten und ernährt haben. Natürlich haben wir alle immer wieder Phasen, in denen uns das kalt läßt, was uns am lohnendsten vorkommt und uns am stärksten mit dem Geist Gottes zu verbinden scheint. Das ist ganz normal. Aber wenn wir uns große Mühe geben und das Gefühl der Trennung und Entfremdung sich nur noch weiter verstärkt, dann könnte das die Einladung zu etwas komplett Neuem sein. Das empfindet jeder auf seine eigene Weise, aber meist sind mindestens zwei der folgenden Merkmale mit dabei:

  • Ernüchterung – das Gefühl, die Glaubenspraktiken nicht mehr zu genießen, die vorher am wertvollsten waren
  • Desillusionierung – das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein; eine traurige, zynische oder destruktive Sicht des eigenen Glaubens, des Glaubens anderer und vielleicht der Kirche. Was früher Leben gab, scheint jetzt leblos und wie eine Zeitverschwendung.
  • Loslösung – das Gefühl, nicht mehr damit verbunden, daran interessiert oder darin involviert zu sein, was in der Kirche, ihren Strukturen, ihrer Ausrichtung oder der Gemeinschaft geschieht
  • Entfremdung – das Gefühl, sich nicht mehr mit der Gemeinde, den Aktivitäten, der Anbetung / dem Gottesdienst und den Menschen dort zu identifizieren und sie so zu beobachten, wie das ein Außenstehender tun würde.
  • Desorientierung – das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo man hin gehört.

Wenn wir an diesem Punkt stehen, dann wissen wir ziemlich genau, was unserem Glauben keine Nahrung mehr gibt und was wir aufhören oder verlassen wollen. Oft büßt das Wort »Gott« seine besondere Bedeutung für uns ein und wir spüren die Gegenwart Gottes nicht mehr. Unsere Unzufriedenheit wird möglicherweise von einer stillen Sehnsucht nach etwas ganz Neuem begleitet, die tief aus unserem Innern kommt. Eines steht fest: Weiterhin das zu tun, was wir immer getan haben, bringt uns nicht weiter. Je mehr wir das versuchen, desto mehr nimmt unser Gefühl der Unzufriedenheit und der Entfremdung zu, und wir werden bloß wütend.

Wer hat Schuld?
Die natürlichste Reaktion wäre es, einen Sündenbock zu finden. Insbesondere zwei scheinen sich anzubieten: Wir selbst oder andere – der Prediger, der Pastor, der Lobpreisleiter… Geben wir uns selbst die Schuld, dann strengen wir uns einfach noch mehr an oder ignorieren unsere negativen Gefühle oder probieren eine neue Methode aus oder geben einfach auf, weil wir denken, dass wir das Zeug dazu nicht haben. Wenn wir die Gemeinde, Gruppen, Leiter, Strukturen, Programme etc. verantwortlich machen, ändert das nichts an der eigentlichen Problematik. Äußeres zu verändern fördert die sich im Tiefen anbahnende neue Kernstruktur des Glaubens und Lebens nicht. Verständlicherweise können wir aber auch jemand ganz anderen verantwortlich machen: Gott. Ihm die Schuld zu geben, ihn vielleicht sogar zu fluchen, ist für diejenigen, die christlich aufgewachsen sind, ein Anathema. Dabei wäre es sehr biblisch. Wie Hiob ist bei vielen Menschen die innere Unruhe mit dem christlichen Glauben eng mit äußeren Faktoren wie Leid, Trauer und Schmerz verbunden. Bei anderen hängt es vielleicht mit einem neuen Lebensabschnitt oder einschneidenden Ereignissen wie dem Tod eines lieben Menschen, Krankheit, einem schweren Unfall, dem Verlust einer Arbeitsstelle, einer zerbrochenen Beziehung oder zerschmetterten Träumen zusammen. Bei anderen sind es innere Anreger wie eine beständige Unruhe, Stress, ein Burnout, ein Gefühl der Erschöpfung, eine Sucht, die nicht mehr länger ignoriert werden kann, nicht verheilte Wunden aus der Vergangenheit oder ein Ausbruch von Angst oder Zweifel, die für eine Unrast und Hunger nach etwas mehr oder anderem sorgen. Solche inneren Antriebe, die wir am tiefsten spüren, und die uns auf eine neue Seelenreise führen, sind oft mit kontextuellen Veränderungen verbunden oder werden von diesen beeinflusst.

Eine Welt im Wandel
Eine neue Welt ist am Entstehen, die mit dem Wandel von Moderne zu Postmoderne umschrieben werden kann. Dazu gehören folgende Entwicklungen:

  • das Misstrauen in übergreifende Rahmenerzählungen, Experten und Autoritäten, was zu einer Sinnkrise führt
  • der Verlust des Glaubens an den Fortschritt, was zu einer Krise der Hoffnung führt
  • die Bewegung weg von Institutionen, was zu einer Identitäts- und Zugehörigkeitskrise führt
  • der Wandel von einer produktionsgesteuerten zu einer konsumgesteuerten Wirtschaft, was zu einer Schuldenkrise führt
  • die Explosion der Kommunikationstechnologie, was zu einer Krise in der Beziehung zwischen Raum und Zeit führt

Diese fünf Ströme zusammen machen aus der festen eine flüssige Gesellschaft. In diesem turbulenten Kontext großer Veränderungen bewegen wir uns zwischen einer sterbenden Welt und einer, die gerade erst geboren wird. Diese Veränderung äußerer Faktoren bringt eine wachsende Anzahl von Menschen dazu, sich über das vor-kritische Rahmenwerk des christlichen Glaubens hinaus zu bewegen. Und wenn nun noch ein inneres Ziehen des Heilligen Geistes dazu kommt, kann das schwer ignoriert werden.

Wie immer: Mehr Fragen als Antworten
Der Schritt in diesen Übergang hinein, den niemand freiwillig sondern nur gezwungen vollzieht, kann nicht beschleunigt werden. Das Ganze bleibt ein Geheimnis, um das sich die verschiedensten Fragen ranken: Warum bewegen sich manche Menschen nie über die vor-kritische Glaubensphase hinaus? Warum beginnen andere den Übergang, aber gehen nicht weiter? Warum bringen manche der oben genannten Faktoren die einen Menschen zu einer Wandlung ihres Glaubens, während andere in ihrer vor-kritischen Phase nur bestärkt werden? Über globale Veränderungen und persönliche Erfahrungen läßt sich trefflich diskutieren, aber das innere Wirken des Heiligen Geistes bleibt schlicht ein Geheimnis. Darum dürfen wir andere Menschen auch nicht zum Übergang zwingen, bevor sie nicht bereit sind.
Wenn wir an diesem Punkt stehen, dann haben wir keinen blassen Schimmer von dem, was vor uns liegt. Es gibt nur den Verlust des Bekannten und Sicheren und eine dunkle, unbekannte Zukunft, für die es weder Land- noch Straßenkarten gibt. Wir müssen die Art, wie wir unseren Glauben verstehen und leben hinter uns lassen, aber was vor uns ist, liegt im Nebel. Der Prozess des Rückzugs in den Kokon ist immer kummervoll – Erschütterung und Wut, Entziehung und das Bedürfnis nach offenen Räumen für Stille und Verzweiflung gehören dazu. Die Zeit im Kokon ist eine Zeit der Verwandlung, die wir nicht selbst durchführen können. Wir müssen bereit sein, uns dem Wirken des Heiligen Geistes auszuliefern und die schwere emotionale und spirituelle Arbeit zu tun, die uns abverlangt wird. Meistens treten wir in diese Chrysalis-Phase ein, weil wir gar nicht anders können. Unsere eigene Unfähigkeit bringt uns auf unsere Knie, ebenso unser Scheitern, unser Leiden oder das Abenteuer, das uns im Unbekannten erwartet.
Wir sollten bei unseren (kirchlichen) Aktivitäten kürzer treten, um uns dem Neuen, das Gott in uns ins Leben bringt, hingeben zu können. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Gemeinde verlassen müssen, sondern dass wir für eine vorübergehende Zeit etwas weniger involviert sein werden. Verlasse Deine Gemeinde nur dann, wenn Du wirklich nicht bleiben kannst, wenn das Bleiben Deinem Glauben und Leben nur schaden würde. In dieser Zeit ist es angebracht, die persönliche Aufmerksamkeit nicht auf die Ausrichtung der Gemeinde, sondern auf die Veränderungsprozesse im persönlichen Glaubensleben zu richten. Was da in Dir zum Vorschein kommt ist anders als alles Vorhergehende. Diesem Übergang kommt dieselbe Bedeutung zu, wie wenn eine Raupe aufhört zu essen und den Befestigungspunkt sucht, an dem ihr Kokon hängen wird. Sie wandert nicht mehr herum, sondern und spinnt ein kleines Seidenkissen auf der Unterseite eines Blattes oder Astes, dreht sich um und ergreift dieses Kissen mit ihren Hinterbeinen. Wenn sie sich daran festgehakt hat, läßt sie sich fallen, wird von ihren Hinterbeinen gehalten und vertraut auf die Sicherheit des Seidenpolsters. Danach beginnt ihre Metamorphose.

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