[Chrysalis] Kapitel 6: Nebenher gehen – Begleitung
26. Februar 2009
[Das ist der siebte Post zu Alan Jamiesons Buch Chrysalis: The Hidden Transformation in the Journey of Faith.]

Christ sein heißt in Gemeinschaft sein. Die Chrysalis-Phase der dunklen Nacht ist derjenige Abschnitt der christlichen Glaubensreise, in der es am wichtigsten ist, mit einer Gruppe, einem geistlichen Begleiter oder engen Freunden verbunden zu sein. Zwar braucht es Raum, um sich von dem alten Formen “Glauben zu tun” zu befreien und die eigenen neuen Wege zu entdecken, aber es braucht genauso auch Begleitung. Ohne sie kann der Kokon zu unserem Grab werden. Wenn wir in dieser chaotischen Zeit alleine sind, dann ist das Risiko zu hoch, dass unser Glaube langsam sterben wird.
Jesus lud andere dazu ein, in seiner Nähe zu sein. Er ist das Vorbild, wenn es darum geht, andere an sich ran zu lassen. Er ließ es zu, dass sie seine tiefsten Wunden und Kämpfe sahen. Seine Narben und Verletzungen versteckte er nicht, sondern ließ sie von Maria waschen, von Thomas berühren und von seiner Mutter halten.
Auch wenn es schmerzhaft ist, müssen wir während dieser Zeit der Veränderungen dennoch mit mindestens einem Menschen des Glaubens offen und ehrlich verbunden sein. Wen wir als unseren Begleiter wählen, ist eine sehr wichtige Wahl. In Glaubenskrisen brauchen wir jemanden, der unsere Reise gut einschätzen und uns helfen kann, sie für uns zu normalisieren. Auch muss er in der Lage sein, uns Hoffnung auf einen tieferen Glauben hinter dem momentanen Chaos zu geben. Geistliche Begleiter sind die beste Ressource, auf die wir in Glaubenskrisen zurückgreifen können. Mit ihnen können wir unsere Geschichte teilen, wir bekommen Bestätigung und Wertschätzung sowie Hinweise auf bestimmte Bücher, Gebete, Gedichte, Bilder und Konzepte, die uns weiterbringen. Vielleicht ist es das Wichtigste, dass uns geistliche Begleiter uns dazu bringen, einen Blick dafür zu bekommen, wo und wie Gott mit uns ist und wie er uns zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen einlädt.
Wer kann ein geistlicher Begleiter sein? Es benötigt Weisheit in Glaubensänderungen, die Bereitschaft, uns unsere Geschichte erzählen und unseren Schmerz mitteilen, unsere Zweifel, Wut und Raserei gegen Gott ausdrücken zu lassen, ohne gleich eine Verteidigungshaltung einzunehmen oder die Hoffnung aufzugeben, dass der Geist Gottes in uns am Wirken ist. Es müssen Menschen sein, die sich im Umgang mit Geheimnissen und Widersprüchen nicht unwohl fühlen, auf viele Gebetsarten zurückgreifen können und selbst intensiv nach Gott gesucht haben. Aber es müssen auch starke Freunde sein, die bereit sind, mit uns zu gehen – in dem Wissen, dass es sich um eine lange und holprige Reise handeln könnte.
In unserer dunklen Nacht sollten wir nicht überrascht sein, wenn ungewöhnliche priesterliche Figuren (sie überbrücken die Kluft zwischen uns und Gott) an unsere Seite treten. Sie sind eine Gabe Gottes, denn sie helfen uns, unser wahres Selbst ins Dasein zu locken und Boden unter unseren Füßen zu finden, während unsere neue Identität im Glauben am Entstehen ist. Das Wichtigste, was ein solcher Weggefährte für uns tun kann, ist es, an unsere Seite zu stehen mit der aufrichtigen Verpflichtung, unsere Position und unsere Gefühle zu verstehen zu versuchen. Wir sollten die Kraft solchen Zuhörens nicht unterschätzen, handelt es sich doch dabei um eine hilfreiche, oft heilende Funktion in unserer Glaubensreise. Wenn ein solches Zuhören in nicht-verurteilender, annehmender Weise geschieht, schafft es den Kontext, in dem Schmerzen, Mißbrauch, Fragen, Verwirrung, Zweifel und Herzschmerz in Worte gefaßt und – wichtiger noch – gehört werden können.
Es geht darum, die Perspektive eines Menschen zu akzeptieren und stehen zu lassen – ohne Fragen zu stellen oder die eigene Sichtweise hinzufügen zu wollen; in dem Bewußtsein, dass sich diese Perspektive mit der Zeit ändern kann und wahrscheinlich auch wird. Solches Zuhören hört den Schrei des Anderen, nimmt etwas von seinem Schmerz auf sich und bringt ihn im Gebet vor Gott.
Wenn Menschen ihre Zweifel, Ängste und Verletzungen in Worte fassen, dann ist es hilfreich, wenn ihnen jemand zuhört, der zumindest in gewisser Weise die Kirche, den Glauben und sogar den Gott repräsentiert, gegen die sie wettern und die sie angreifen. Die Unterstützung, die sie jetzt brauchen, ist die Begleitung von Menschen, die selbst in den tieferen Erzählungen, Verheißungen, Metaphern und Werten des christlichen Glaubens verankert sind. Menschen, die nicht so sehr Rat geben, als vielmehr Bilder und Vergleiche anbieten, die dabei helfen können, den eigenen Glauben neu zu formulieren und zu bewerten. Die Begleiter müssen auch Hoffnung auf eine Zukunft machen können, die so noch nicht existiert.
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