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Archiv für Dezember, 2007

»Ich denk‘ es war ein gutes Jahr« – Rückblick 2007

31. Dezember 2007

Rückschau
Wenn ich in diesen Tagen das vergangene Jahr Revue passieren lasse, dann fällt mir zuerst der Titel eines Liedes ein, das Reinhard Mey (den ja auch Haso kürzlich treffend zitiert hat) bereits 1967 veröffentlichte: »Ich denk‘ es war ein gutes Jahr«, das jetzt in seinen letzten Zügen liegt.

Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? (Jes 43,19 – Jahreslosung 2007)

Eigentlich bin ich ja kein Freund der Tageslosung (was sich allerdings im nächsten Jahr dank der Losungen in der Ursprache ändern wird), die Jahreslosung allerdings hatte es mir immer angetan und als ich hörte, daß obiges Wort über dem Jahr 2007 stehen sollte, machte sich Vorfreude in mir breit. Das Jahr hielt, was die Losung versprach und so blicke ich in diesen Tagen dankbar zurück und erinnere mich u.a. an Folgendes:

  • nach knapp siebenjähriger Aushilfstätigkeit in einem mittelständischen Unternehmen verdiene ich meine Brötchen seit Februar komplett bei der Werkstatt für Gemeindeaufbau
  • 2007 ist das erste komplette Kalenderjahr, das ich in meinem neuen Zuhause – dem Haus meiner verstorbenen Großeltern – verbracht habe. Endlich Raum für Übernachtungsgäste, zum Feiern, Gespräche führen und Filme schauen sowie ein feines Arbeitszimmer mit Platz für meine geliebten Bücher und einem großen Schreibtisch – meine neue Homebase
  • ich wurde Eigentümer eines MacBook Pro, dem ich zu Weihnachten Leopard und iWork ’08 geschenkt habe
  • meine Diplomarbeit wurde mit »summa cum laude« bewertet, ich habe zumindest den BA-Abschluß eingetütet und die erste MA-Arbeit geschrieben
  • in der Jugendarbeit meiner Heimatgemeinde scheint sich seit langem mal wieder was zu bewegen
  • der Fußballverein meines Herzens ist Deutscher Meister geworden – welch ein Freudenfest!
  • trotz vollem Terminkalender hatte ich die Möglichkeit, einige Tage im goldenen Prag zu verbringen, sowie Freunde in Leipzig und Berlin zu besuchen
  • ich hatte die Ehre, einen Artikel zum ZeitGeist-Buch beizutragen
  • es war eine Freude, Neal Morse und Mortification mal wieder live zu sehen
  • wir sind mit Emergent Deutschland an den Start gegangen und meine Hoffnungen und Erwartungen sind übertroffen worden
  • selten habe ich in einem Jahr so viele neue und interessante Menschen kennengelernt, die mein Leben bereichert haben

Ausblick
Ein gefüllter Terminkalender und verschiedene mir übertragene Verantwortungsbereiche bringen Herausforderungen mit sich, die unterschiedlichen Bereiche meines Lebens in guter Balance zu halten, und lassen mich die alten Vorsätze wieder neu fassen:

  • mich selbst nicht zu wichtig nehmen
  • mehr Zeit für Stille vor Gott und Reflektion nehmen – ohne Agenda wie »Ich sollte für dieses beten oder jenen Bibeltext lesen«
  • mehr Tagebuch schreiben
  • die Wegmarken-Reihe fortsetzen
  • die Zeit in der Blogosphäre effizienter nutzen
  • ein Gleichgewicht zwischen Studium, Arbeit, Fortbildung und Erholung finden, das allem gerecht wird
  • GTD weiter implementieren
  • Menschen vor Aufgaben setzen und ihnen einen angemessenen Platz einräumen, der mich nicht knechtet und ihnen gerecht wird
  • Dringendes und Wichtiges unterscheiden
  • Herausforderungen annehmen und neue Projekte ohne Menschenfurcht angehen
  • meine Wünsche und das Reden Gottes unterscheiden

Was sind Deine Vorsätze?

Als christlicher Hedonist freue ich mich natürlich auch über die Jahreslosung 2008: »Ich lebe und ihr sollt auch leben« 😉 In diesem Sinne: Feuer frei!
Budapest - Von Burg Aus - Feuerwerk IvDsc00557

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« VIII – Nachtrag II – Splitter

30. Dezember 2007

Bei der Durchsicht meiner handschriftlichen Notizen habe ich noch einige Splitter vom Symposium in Greifswald gefunden, die es wert sind, festgehalten zu werden, während der Rest im Papierkorb gelandet ist.

  • Bei Umfragen nach der Gottesdienstteilnahme geben deutlich mehr Befragte an, zur Kirche zu gehen, als tatsächliche Erhebungen belegen. Karl Gabriel meint dazu: »Man möchte in die Kirche gegangen sein.«
  • Nach dem Eindringen wissenschaftlicher Ansprüche in die Bibelexegese bildete sich ein »moderner Fundamentalismus« (Karl Gabriel)
  • »God rules in mysterious ways« (Lamin Sanneh)
  • Theologische Wahrheit ist nicht gleich gesellschaftliche oder politische Wahrheit (Andreas Feldtkeller)
  • Wir brauchen eine Kirche des Weges, die aufbricht aus sicheren, modernen Formaten und offen ist für alle, die mühselig und beladen sind – nicht nur sozial Schwache, sondern auch unter Angst, Einsamkeit und Arbeitslosigkeit leiden. Damit wird die Diakonie vom beliebigen Standbein zum entscheidenden Spielbein. Es braucht Modelle unverbindlicher Mitarbeit und Angebote gestufter Mitgliedschaft. (Heinz-Peter Hempelmann)
  • »We must speak at the edge of blasphemy to reach into the thinking of so many men and women.« (John G. Finney)
  • »Structure matters: the medium is the message.« (Linda Woodhead)

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[Auf Reisen] »Kirche und Postmoderne« VII – Nachtrag

30. Dezember 2007

[Im Rahmen meiner Rückschau auf das vergangene Jahr habe ich auch über das Symposium in Greifswald nachgedacht und lustigerweise noch einen alten, nicht veröffentlichten Post zum Vortrag von Karl Gabriel gefunden, den ich jetzt der Vollständigkeit halber nachreiche.]

Karl Gabriel – Im Spannungsfeld von Entkirchlichung, individualisierter Religiosität und neuer Sichtbarkeit der Religion: Der gesellschaftliche Ort der Kirche in der Gegenwartsgeschichte.

1. Moderne Gesellschaft und Religion in Spannung
Die Spannung hat ihre Ursache, in den Grundlagen moderner Gesellschaften, die in der Postmoderne weiterbestehen. Alle gesellschaftlichen Funktionen haben selbständige Handlungsstrukturen; es existiert keine übergeordnete Ordnung. Die Moderne bindet sich im Ansatz an die ratio. Das Individuum muß seine Weltsicht/seinen Sinn selbst deuten. Religion ist strukturell ein Teilsystem unter anderen; kulturell eine Wirklichkeitsperspektive unter anderen. Daher handelt es bei der Postmoderne, deren Weltsicht im Kern vom Verlust einer Zentralperspektive gekennzeichnet ist, um die radikalisierte, zugespitzte Moderne.

2. Tendenzen fortschreitender Entkirchlichung
Auf lange Sicht ist ein Rückgang der kirchlich institutionalisierten Religion, die sich im Glauben an ein Leben nach dem Tod und an einen persönlichen Gott ausdrückt, zu erwarten. Die Bindung an die Institution Kirche schwächt sich ab, regelmäßiger Gottesdienstbesuch und regelmäßige Gebetszeiten nehmen ab. Deutschland befindet sich in einer besonderen Lage in zwei kulturellen Bereichen: Im industrialisierten Westen liegt die Kirchenbindung im europäischen Mittelfeld; der Osten gehört zur nordosteuropäischen Region mit Estland und der tschechischen Republik, die den kirchendistanziertesten Gürtel der Welt darstellt. Der kirchliche Glaube verliert an Selbständigkeit und Normalität; die kirchliche Religion hat ihren Charakter als zwingende Primärinstitution verloren und ist zu einer (ab-)wählbaren Sekundärinstitution geworden. Die Selbstverständlichkeit, mit der die kirchliche Religion einen entscheidenden Posten in der Gesellschaft innehatte, löst sich auf.

3. Religiöse Individualisierung
An die Stel der institutionalisierten Religion mit klarer Repräsentanz ist keine vergleichbare Instanz getreten; das einst von einem Monopolanbieter bestellte religiöse Feld wandelt sich zu individuell zusammenbastelbarer Religiosität, eine Vielzahl von Kirchgängern nimmt problemlos Elemente östlicher Religionen wie z.B. die Reinkarnation in ihr Glaubenssystem auf – das religiöse Feld verengt sich nicht, sondern erweitert sich (Wiederkehr des Okkulten, Tendenz zur Sakralisierung von Liebesbeziehungen), der Erlebnis- und Erfahrungsbezug des Glaubens nimmt zu. Der Markt der Sinnangebote bietet Substitute für Glauben, auf die zurückgegriffen werden kann, z.B. Versicherung zur Sicherheit oder Idole zum Anbeten. Psychokulte und Therapien sind insbesondere unter Großstädtern zw. 30-50 verbreitet, welche sich diese Angebote überhaupt leisten können. Das Fernsehen ist geprägt von Information und Sensation bei stark überzeichneter Qualität und Quantität , aber großer kultureller Auswirkung.

4. Pluralisierung der und in den Religionen

  • Zunahme der religiösen und konfessionellen aber auch innerkirchlichen Verschiedenheit
  • die praktizierte Ökumene ist weiter fortgeschritten als viel wahrhaben wollen
  • Differenz des Glaubens auf der individuellen Ebene
  • es gibt keine konfessionell geprägten persönlichen Beziehungsnetzwerke mehr
  • wachsende religiöse Pluralisierung betrifft die institutionell-organisatorische Ebene genauso wie die persönliche mit Patchwork-Religiosität – das wird auch so weitergehen

5. Neue Tendenzen seit der Wende zum 21. Jahrhundert
Die neuen Tendenzen sind schwer einzuordnen, liegen aber auf der Hand: Die öffentliche Präsenz der Religionen (z.B. in den Medien) hat zugenommen, auch gibt es unter den Journalisten und Spitzenpolitikern wenige Atheisten. Die Säkularisierungsthese muß als widerlegt gelten: „In dem Maße, wie sich der aufklärerische Glaube an Fortschritt … abdunkelt, nimmt die Religiosität zu.“ Die Entwicklungen der neuen Lage von Religion und Kirchen im Globalisierungsprozeß weisen in eine doppelte Richtung:

  • ein weltweites Referenzsystem in Sachen Religion ist im Entstehen begriffen (asiatische Religionen müssen dazu erst zur Religion werden), um dessen Ausgestaltung im Moment bei nicht absehbarem Ergebnis gerungen wird. Benedikt XVI. und Johannes Paul II. brachten in diese Diskussion ein, daß der Gott der Christen sich als Gott der Liebe offenbart und der Glaube sich dem kritischen Korrektiv der Vernunft stellt aber gleichzeitig die Vernunft von ihren blinden Flecken befreit.
  • neue Bedeutung für traditionelle Kirchen- und Religionsgemeinschaften, die neben den Charismatikern etabliert sind; die Kirchen sind trotz ihrer oft zu negativen Selbstwahrnehmung aus der religiösen Landschaft nicht wegzudenken, da viele andere religiöse Formen von ihrem Gegenüber zur institutionalisierten Religion leben

6. Herausforderungen für die Religionen und Kirchen
Die neue Frage lautet: Wie können wir zum religiösen Frieden und zur Minderung religiöser Konflikte beitragen? Daraus ergibt sich die Verpflichtung zur Verarbeitung der Dissonanzen in der Begegnung mit den anderen Konfessionen und Religionen. Neben dem religiösen Pluralismus muß sich die Religion mit der modernen Wissenschaft und ihrem Anspruch, für das geltende Weltwissen verantwortlich zu sein, auseinandersetzen und den säkularen Verfassungsstaat sowie die Menschenrechte, die beide nicht mehr auf Gott gründen, anerkennen. Die religiösen Institutionen können ihren Beitrag erst dann leisten, wenn sie auf Macht vom Staat verzichten und die Religionsfreiheit akzeptieren. „Alle Völker werden immer mehr eine Einheit, Traditionen und Kulturen kommen in Beziehung – um Frieden zu schaffen muß überall auf Erden die Religionsfreiheit einen Rechtsschutz genießen.“ Das Vaticanum II ist eine innere Revolution der römisch-katholischen Kirche – was kann die islamische Tradition daraus lernen?

7. Kirchen als Akteure der Zivilgesellschaft
Die verrechtlichte Religion in Europa ist ein Problem, aber weder die radikale Trennung noch die Staatsreligion wäre eine Lösung – ist der Religionsmarkt überreguliert? „In Europa hat es das Christentum zugelassen, eng mit den weltlichen Mächten verknüpft zu werden. Jetzt sind sie zusammengestürzt, und es liegt unter ihren Trümmern. Es ist ein Lebendiger, den man an einen Toten binden wollte. Befreit ihn von den Fesseln!“ (Tocqueville) Das Christentum muß sich vom Charakter der staatsanalogen Institution verabschieden und darf sich auch nicht mit einer politischen Partei verknüpfen. Die Kirchen müssen ihren Freiraum gegen den Säkularismus erstreiten, der ihnen nur Raum im Privaten zugestehen will. Das innerkirchliche Sälularisierungsdenken, das einen Rückzug in eine Enklave am Rande der Gesellschaft erstrebt, muß überwunden werden. Ziel ist eine in die Gesellschaft als ganze integrierte Zivilreligion. Die Aufgaben der Kirchen sind die Verteidigung der Menschenrechte und der Würde der Person (begründet im Imago Dei), die Übernahme öffentlicher Verantwortung und ein Gegengewicht zum radikalen Individualismus durch Einbringen ihrer Positionen z.B. beim Embryonenstreit, damit sich das Gemeinwohl nicht auf die Gesamtsumme individueller Positionen reduziert.

8. Kirchen als intermediäre Organisationen

  • individuelle Religiosität der Menschen wecken, fördern und begleiten – Abschied von der Zwangsinstitution
  • Vermittlung des persönlichen Glaubens in die Deutungsgemeinschaft der Kirche
  • Praxis der Entprivatisierung des Glaubens
  • Orientierung am Ursprung, an der Gesellschaft und an der Religiosität des Menschen

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Staunend anbeten

24. Dezember 2007

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

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[Everything Must Change] Rückschau

21. Dezember 2007

Etwas spät beende ich meine Serie zu Brian McLaren’s Buch Everything Must Change: Jesus, Global Crises and a Revolution of Hope mit dieser Rückschau. Nach einer inhaltlichen Zusammenfassung, die sich an Brian’s Wortlaut orientiert, folgt eine Bewertung des Buches und persönliche Gedanken zu Brian, bevor die Links zu meinen Posts über die einzelnen Teile des Buches und der Hinweis auf andere Blogs, die sich mit diesem Buch befasst haben, den Post beenden.

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Zusammenfassung

(1) Die Absicht – Als Nachfolger Christi auf dem Grund der Botschaft Jesu die Probleme dieser Welt angehen
Brian schreibt als Mensch wie Du und ich, der sich Gedanken über unsere Welt macht und das Richtige tun will, damit Gottes Wille auf der Erde getan wird. Ausgehend von seinen beiden grundlegenden Fragestellungen (a) nach den größten Problemen dieser Welt und (b) der Relevanz der Botschaft Jesu in Bezug auf diese Probleme, kam Brian zu dem Schluß, daß wir Menschen eine selbstmörderische Maschine in Gang gesetzt haben, die zu vier globalen Krisen geführt hat, die alle miteinander zusammenhängen: Die globale Ökonomie schuf durch Raubbau an der Umwelt und Mißbrauch der natürlichen Ressourcen großen Reichtum für ein Drittel der Weltbevölkerung – die Wohlstandskrise. Diese Ungleichheit führt auf der Seite der armen Mehrheit zu Ablehnung, Haß und Neid gegenüber der reichen Minderheit, was in dieser wiederum Angst und Wut auslöst – die Gleichheits- bzw. Fairneßkrise. Spitzt diese sich zu, so besteht die Gefahr eines katastrophalen Krieges zwischen den Gruppierungen an den zwei Enden des wirtschaftlichen Spektrums – die Sicherheitskrise. Aus dem Scheitern Weltreligionen, die es nicht verstanden, eine Rahmenerzählung zu schaffen, die in der Lage wäre, die drei ersten Krisen zu heilen und zu vermindern, erwuchs die Spiritualitätskrise. Brian ist der Ansicht, daß sich aus dem Leben und der Botschaft Jesu eine Antwort auf diese Krisen finden läßt, die eine Revolution der Hoffnung entfachen kann. Dazu sei es notwendig, daß sich Christen nicht mehr nur damit auseinandersetzen, wie sie (a) nach dem Tod in den Himmel gelangen oder (b) mit der Hilfe Gottes auf Erden glücklicher und erfolgreicher werden können. Die Ausgangsfrage des vorliegenden Buches lautet also: »Was müßte geschehen, damit die Nachfolger Jesu in zunehmendem Maße zu einer einflußnehmenden Kraft würden, die dem Guten dieser Welt dient?« oder etwas modifiziert: »Was könnte sich ändern, wenn wir die Botschaft Jesu – die gute Nachricht vom Reich Gottes – auf die größten Probleme der Welt anwenden würden?« Brian will das Gute und Wahre im Christentum nicht verwerfen. Statt dessen plädiert er dafür, unseren Glauben von den modernen, westlichen, kolonialen, imperialen, rationalistischen, reduktionistischen und anderen Viren zu entwanzen, die in seine Software eingedrungen seien.

(2) Die Analyse – Eine von einer fatalen Rahmenerzählung angetriebene Suizidmaschine
Brian ist der Ansicht, daß sich in unserer Welt ein selbstmörderisches System herausgebildet hat, das aus drei ineinander greifenden Subsystemen besteht. Das Wohlstandssystem versucht, unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte mit diversen Produkten und Dienstleistungen zu stillen. Wenn aber einige mehr vom Kuchen haben, erwacht in anderen die Eifersucht. Die Gefahr, daß sich Außenstehende in das eigene Streben nach Glück einmischen, führt zum wachsenden Bedürfnis nach Schutz, worum sich das aus vielen Untersystemen wie Rüstung, Geheimdienst, Polizei etc. bestehende Sicherheitssystem kümmert. Das Gleichheits- oder Fairneßsystem erläßt Gesetze, um die Freiheit der Menschen in ihrem Streben nach Wohlstand und Sicherheit zu beschützen; es erhebt Steuern, um die Entwicklung und Aufrechterhaltung der drei Systeme zu finanzieren; es schafft und erhält die Presse wie auch das Rechtssystem, deren Aufgabe die beständige Untersuchung und der Bericht über Ungerechtigkeiten ist.
Auf der höheren Ebene gehört dieses ganze System wiederum zum Ökosystem unseres Planeten Erde. Es nimmt Masse und (Solar-)Energie in sich auf und produziert Abfallprodukte, die zurück in’s Ökosystem dringen. Eine Frage zeichnet sich ab, die dringend zu beantworten ist: Wie groß sollte unser System im Vergleich zum Ökosystem sein? Es könnte eine Größe erreichen, die mehr Ressourcen verbraucht, als das Ökosystem hergibt und mehr Abfall produzieren, als letzteres absorbieren kann. Dann würde es zu einer Suizidmaschine.
Die Rahmenerzählung, die gegenwärtig unser System vereint und antreibt, wirkt insofern fatal, als daß sie (a) uns dazu führt, immer mehr und immer schneller Ressourcen zu verbrauchen und Abfall zu produzieren, statt die Grenzen unserer Umwelt zu respektieren, (b) die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich legitimiert, statt uns zur Anstrengung für das Gemeinwohl zu leiten, und (c) die rivalisierenden Fraktionen nicht zu einer friedlichen Versöhnung führt, so daß sich immer mehr ein Teufelskreis der Spannung zwischen dem verängstigten Weltreich der Reichen und einer wütenden globalen terroristischen Revolution der Armen entwickelt.

(3) Der Weg – Wie Jesus die Rahmenerzählung verändern
Wir können unserer Krise nur beikommen, wenn wir die Rahmenerzählung verändern – so wie Jesus der Rahmenerzählung der Gesellschaft seiner Zeit die Stirn geboten und eine radikale Alternative aufgezeigt hat. Darum handelst es sich um eine der vorrangigen Herausforderungen für Jesus-Gläubige heute, sein Wirken zu verstehen und darüber nachzudenken, wie wir seinem Beispiel folgen und sein Werk weiterführen können. Das damalige römische Reich verlangte völlige Unterwerfung und versprach Frieden, Sicherheit und Gleichheit/Fairneß durch Dominanz. Die Juden, die sich von der Pax Romana nicht befrieden lassen wollten, entwickelten ihre eigenen Erzählungen, die – in abgewandelter Form – auch heute noch lebendig sind: Imperiale oder dominante Erzählungen, welche die Machthaber legitimieren (Sadduzäer, Herodianer), Gegenerzählungen oder revolutionäre Erzählungen, die zum Umsturz aufrufen (Zeloten), duale Erzählungen, die zu einem Leben nach der imperialen Narrative in der Öffentlichkeit, nach einer anderen, gezähmten Erzählung im Privatleben führen (Pharisäer) oder Rückzugserzählungen, welche die Nichtpartizipation und Isolation von Subkulturen rechtfertigen (Essener). Demgegenüber lautete die Botschaft Jesu: »Die Zeit ist gekommen! Überdenkt alles! Ein radikal neues Reich ist da – das Königreich Gottes! Glaubt an diese gute Nachricht und wendet euch ab von allen menschlichen imperialen, dualen, revolutionären und Rückzugs-Erzählungen. Öffnet euren Verstand und eure Herzen wie Kinder, um die Dinge auf frische Weise in dieser neuen Art zu sehen, folgt mir und meinen Worten und fangt mit dieser neuen Lebensweise an.« Der verheißene König würde Israel dabei helfen, seinen Sünden in’s Auge zu sehen, von ihnen umzukehren und Vergebung zu empfangen, so daß das Volk aus der Dunkelheit römischer Unterdrückung zu Freiheit und Schalom – Wohlergehen und Frieden – geführt würde. In seiner Botschaft vom Reich Gottes schlägt Jesus eine ganz neue Rahmenerzählung vor und möchte, daß die Menschen ihm genug vertrauen, um seinem Weg zum Frieden eine Chance zu geben. Zwar verwendet er ebenfalls eine stark exklusive Sprache, die aber denen gilt, die selbst andere ausschließen (Schriftgelehrte, Pharisäer). Dagegen schließt er diejenigen ein, die sonst ausgeschlossen werden (Prostituierte, Sünder, Nichtjuden). So dekonstruiert Jesus das vorherrschende System der Exklusion. Es ist der Wunsch des Vaters im Gleichnis vom verlorenen Sohn, alle seine Kinder zum Fest nach Hause zu holen. Weil die Metapher vom Königreich Gottes, die Jesus verwendete, in heutiger Zeit etwas problematisch geworden ist, würde Jesus heutzutage vielleicht andere Metaphern entwickeln und vom göttlichen Friedensaufstand, von Gottes Unterror-Bewegung oder von der globalen Liebesökonomie reden. Seine ganze Rahmenerzählung ließe sich vielleicht als Gottes heiliges Ökosystem bezeichnen, in dem es darum geht, daß Gottes Traum für diese Welt wahr wird. Letztlich wirbt Jesus für eine Rahmenerzählung, in der Gott uns durch die natürlichen Systeme der Schöpfung versorgt, in der wir innerhalb dieser Systeme unsere geschöpfliche Würde, aber auch unsere Begrenzungen erkennen, in der wir unsere Verwandtschaft mit Vögeln und Blumen, Jahreszeiten und dem Erdboden feiern. Jesus nachzufolgen heißt, seinem Friedensaufstand beizutreten und Gemeinschaften zu formen, die nicht mehr durch Gewalt, Unterdrückung, Genozid, Ausschluß und Einschüchterung Frieden schaffen wollen, sondern durch Gerechtigkeit, Weitherzigkeit, gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft, Verfolgung zu erleiden statt sie anderen widerfahren zu lassen.

(4) Wie es praktisch wird – umdenken und andere Werte leben
Das Sicherheitssystem existiert zum Schutz und zur Unterstützung des Wohlstandssystems. Beide können nur zusammen “repariert” werden. In der Wirtschaft geht es nicht um Zahlen oder Statistiken, sondern um die immaterielle Währung des Verlangens und der Sehnsüchte. Wenn Jesus zu unseren globalen Krisen etwas zu sagen hat, dann muß er diese falsche Gottheit angehen. Dazu gehört der verantwortliche Umgang mit den Ressourcen der Erde, von denen auch unsere Nachkommen leben werden müssen. Wenn wir einen Krieg um die knapper werdenden Rohstoffe vermeiden wollen, dann müssen wir weniger verbrauchen und unabhängiger werden. Es ist Wahnsinn, zu glauben, daß wir durch “Wachstum” – den immer steigenden Verbrauch – alle Probleme lösen werden können. In seiner neuen Rahmenerzählung vom Reich Gottes wirbt Jesus für gute Taten zum Wohle der Allgemeinheit, für Zufriedenheit durch Dankbarkeit und Teilen, für Erlösung durch das Streben nach Gerechtigkeit und für Freiheit zum Gedeihen durch den Aufbau besserer Gemeinschaften. In der Liebesökonomie Gottes setzt jeder seine Gaben ein und strebt danach, aus ihnen das Beste zu machen und teilt mit den Notleidenden. Systemische Ungerechtigkeiten, von denen einige profitieren und andere benachteiligt werden, werden angegangen, damit das System immer mehr zu dem wird, was es sein kann und soll. Reiche und Arme trachten gemeinsam danach, bessere Gemeinschaften zu schaffen, die wiederum eine bessere Welt schaffen. Sie erkennen dabei, daß diese gemeinsame Anstrengung wahren Wohlstand freisetzt. Die Gerechtigkeit Gottes geht über Fairneß hinaus und schließt das Anliegen sozialer Nachhaltigkeit, Heilung und Transformation mit ein. Seine Fairneß beinhaltet eine Gnade, welche die Gesellschaft heilen und systemische Ungerechtigkeit unterminieren kann, statt einfach den Status quo zu erhalten. Systemische Ungerechtigkeit muß bloßgestellt und konfrontiert werden, wo immer sie auch auftritt und durch eine höhere Gerechtigkeit ersetzt werden, welche die der Pharisäer und Schriftgelehrten übertrifft und das Königreich Gottes widerspiegelt, wo Klassenunterschiede verschwinden, Verlorene und Ausgeschlossene ihren Platz finden und eine neue, inklusive Gleichheit Gestalt gewinnt. Um die extreme Armut auf der Welt zu überwinden, müssen wir uns für freien und fairen Handel, weise Hilfsleistungen, Schuldenerlaß, das Respektieren der ökologischen Grenzen unseres Planeten, gerechte Löhne und allgemeine Gerechtigkeit einsetzen. Außerdem müssen wir die öffentliche Meinung verändern, indem wir die Werte verändern, die Einzelpersonen und Gruppen leiten, indem wir die Vision dessen ändern, was sowohl möglich als auch wünschenswert ist, indem wir letztlich unsere Rahmenerzählung ändern. Die selbstmörderische Rahmenerzählung, die unsere Welt bestimmt, bezieht ihre Macht nur daraus, daß ihr Glauben geschenkt wird. Wir stehen vor der Wahl, ob wir es wagen, gegen die Suizidmaschine zu glauben und Jesus zu vertrauen – hin zu einer anderen Welt. Es verlangt ein “lebendiges Opfer”: Das Leben aufzugeben, das wir leben könnten und stattdessen konkrete Entscheidungen zu treffen: Anders beten, arbeiten, kaufen, wählen, essen, Geld investieren, andere Aufgaben übernehmen, unsere Mitmenschen anders behandeln, gemeinsame Initiativen unterstützen, auf gewaltfreiem Weg für gesellschaftliche Veränderungen eintreten, etc.

(5) Das Ziel
In der Welt, von der wir träumen, respektiert das Wohlstandssystem demütig die schöpfungsimmanenten Begrenzungen. Zusammen mit dem Gleichheits-/Fairneßsystem setzt es die Energie der Gemeinschaft zum Wohle aller ein, ohne daß dabei die schwächsten Glieder vergessen werden. Gemeinsam transformieren diese beiden Systeme das Sicherheitssystem, dessen Bestreben sich nun darauf richtet, menschliches Leiden zu lindern. Im Kern dieser Gemeinschaft steckt eine gute Botschaft, welche die Menschen zu Kreativität, Harmonie, Versöhnung, Gerechtigkeit, Tugendhaftigkeit, Integrität und Frieden aufruft, weil dies die Werte unseres Schöpfers sind. Wir sind alle Teile eines Reiches, eines wunderbaren Ganzen, mit einem fürsorglichen Schöpfer, der treu zu uns ist, sogar in unserer Dummheit und Sünde. Gott ruft uns zur Versöhnung mit Gott, miteinander und der Schöpfung, damit wir von den falschen Erzählungen, die uns trennen und zerstören, ablassen, und er ruft uns auf, zusammen mit ihm auf die Heilung der Welt durch Liebe und das Streben nach Gerechtigkeit und dem Wohl aller hinzuwirken. Die Vision vom neuen Jerusalem kann unserer Vorstellungskraft Hoffnung in Bezug darauf geben, was durch die gute Nachricht vom Reich Gottes aus unserer Welt werden könnte.

Fazit
Auf den ersten Blick stechen die Mängel dieses Buches in’s Auge – Cover und Titel sind viel zu reißerisch und sensationslüstern, als daß sie ernst genommen werden könnten; die Probleme dieser Welt lassen sich nicht in drei bis vier Punkten zusammenfassen; die Analyse fällt sichtlich verkürzt aus und der Weg zur Veränderung scheint mir zu idealistisch dargestellt. Dazu komme ich mit der aus meiner Sicht sehr verkürzten Deutung des Todes Jesu und der ausschließlich diesseitigen Eschatologie nicht klar. Darum bleibt mir zu viel vom klassischen Liberalismus und zu wenig reformierte Theologie. Ich hätte mir beides gewünscht. Zu Brian’s Ehrenrettung muß allerdings erwähnt werden, daß dieses Buch keine Antworten auf (klassische) soteriologische Fragen geben will, sondern einen Aufruf zum Handeln darstellt. Darum habe ich diese Passagen auch nur verkürzt wiedergegeben. Bei der Eschatologie sieht es wiederum anders aus, aber auch diese soll hier nicht das Thema sein und ich will nicht auf dem herumreiten, was mir an der Theologie dieses Buches nicht gefällt. Nein, ich will Brian ernstnehmen als belesenen und reflektierten Menschen, der seit Jahren in einem anderen Kontext als dem meinigen und mit einer anderer Biographie als der meinigen dasselbe Ziel hat, das auch mich antreibt – Jesus nachzufolgen und den Willen Gottes zu leben. Diesem Ziel dient »Everything Must Change«. Die mitreißende Schreibweise macht das Lesen zu einer Freude, die Bilder, die Brian heranzieht, illustrieren seine Gedanken und bleiben lange haften. Zwar wiederholt er sich meines Erachtens zu oft, aber dafür prägen sich die Grundgedanken schnell ein. Am Ende bleibt eine Unzufriedenheit darüber, daß es uns als Leib Jesu nicht gelungen ist, die Ideen Gottes zu verstehen und zu leben. Brian bleibt der Stachel im Fleisch einer sich selbst genügenden Existenz im christlichen Ghetto. Er legt seinen Finger in die Wunden dieser Welt und erinnert uns als Nachfolger Jesu an unsere Verantwortung gegenüber der Schöpfung sowie unseren lokalen und globalen Nächsten. Er läßt christlichen Individualismus hinter sich und spricht die Gemeinde als Ganze an, an der es liegt, gemeinsam auf allen Ebenen für eine Gestaltung der Welt nach der Idee Gottes zu beten und zu wirken. Darum ist »Everything Must Change« ein wichtiges Buch.

Persönliche Gedanken zu Brian McLaren
Brian’s Bücher sind mir in den letzten Jahren zur wichtigen Inspirationsquelle geworden. Weil er jenseits ausgetretener Pfade seinen Weg geht und darum ringt, Gottes Gedanken besser zu verstehen und das Verstandene zu kommunizieren. In der persönlichen Begegnung habe ich ihn als äußerst sympathischen und liebenswerten Menschen erlebt. Sein Denken hat dazu geführt, daß ich zum ersten Mal seit vielleicht fünfzehn oder sogar zwanzig Jahren die Bibel wieder so lese, als sei es das erste Mal – die Antworten, die ich hatte, zur Seite stelle, mich in meiner tradierten Auslegung biblischer Texte hinterfragen lasse und mir selbst beständig die Frage stelle: »Was ich da lese – bedeutet das wirklich das, was ich immer dachte?« Das ist für ein sehr fruchtbarer und anregender Prozess, der bislang dazu geführt hat, daß ich mich in den allermeisten meiner bisher gehaltenen Positionen bestätigt fühle, aber auch manchen Elementen meines Glaubensmosaiks anderes Gewicht beimesse als zuvor. Meine Sehnsucht nach einer Theologie, welche die Botschaft der ganzen Bibel (statt präferierter Teile) ernst nimmt, wächst weiter. Brian hat mich dazu gebracht, auf einigen Brocken, die mir bislang schwer im Magen lagen, herumzukauen, mich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie für mich fruchtbar zu machen. Danke sehr! »We may disagree, but we are friends
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Meine Beiträge im Einzelnen

Einführung

Teil 1 – Zwei alles beherrschende Fragen

Teil 2 – Suizidalsystem

Teil 3 – Jesus wieder in seinem ursprünglichen Zusammenhang sehen

Teil 4 – Jesus neu vorgestellt

Teil 5 – Das Sicherheitssystem

Teil 6 – Das Wohlstandssystem

Teil 7 – Das Gleichheits-/Fairneßsystem

Teil 8 – Eine Revolution der Hoffnung

Andere Stimmen zu diesem Buch

  • Alan Roxburgh bringt eigene Gedanken und ein dreiteiliges Interview mit Brian, das als Audio und Video verfügbar ist. Die einzelnen Teile: 1|2|3
  • Andrew Jones bietet diese Buchbesprechung.
  • Scot McKnight endet seine Serie mit diesem Fazit.

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Über die Bibel und den Willen Gottes

17. Dezember 2007

Heute hat mich Anna mit einer Frage zum Nachdenken gebracht: Wie lebt man als Christ den Willen Gottes?

Was mir bei der Antwort auf diese Frage geholfen hat und immer noch hilft, ist, immer wieder viel Bibel am Stück zu lesen oder anzuhören (toller Link von Storch: Die ganze Bibel zum Runterladen und Anhören). Am liebsten lese ich dabei immer ein komplettes Buch. Wenn ich eine durch habe, wechsele ich die Übersetzung. Das hilft mir immer wieder, neue Aspekte in Texten zu entdecken, die ich schon seit Jahren in der Luther-Version auswendig kenne.

Warum so viel am Stück lesen? Bei einem solchen Lesen geht es mir nicht darum, irgendwelche Details zu studieren oder zu entdecken oder zu meditieren, sondern darum, den roten Faden zu verstehen, die Zusammenhänge zu sehen, die Geschichte Gottes mit den Menschen zu verfolgen und mitzuerleben. So habe ich als Kind angefangen – mit Hörspielkassetten und der Kinderbibel. Später wurde mir dann »Stille Zeit« beigebracht. Dabei wurde anhand eines Leseplanes mit Erklärungen täglich ein kurzer Abschnitt gelesen und intensiv darüber nachgedacht. Diese Art des Bibellesens hat mir geholfen, an manchen Stellen in die Tiefe zu gehen. Andererseits brachte sie aber auch diverse Nachteile mit sich: Ein Absatz wird detailliert betrachtet, der Kontext wird ausgeblendet und so lange auf den paar wenigen Versen herumgekaut, bis irgendetwas herausgelesen wird, was nicht im Text steht. Das ist dann »Gottes Wort für heute«. Ich will an dieser Stelle nicht behaupten, daß Gott so nicht reden könnte. Aber dafür bräuchte er nicht die Bibel. Das würde mit jedem anderen Buch auch funktionieren.

Ich habe immer wieder über die Tatsache nachgedacht, daß es erst seit ca. 500 Jahren für jeden Christen die Möglichkeit gibt, die Bibel zu lesen, und daß auch Paulus und Petrus mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit keine Schriftrollen im Handgepäck hatten. Warum also sollte jeder Christ jeden Tag die Bibel lesen müssen? Faszinierenderweise beobachte ich, daß selbst unter denjenigen, die nach eigenen Angaben fast täglich in diesem Buch lesen, die Kenntnisse der innerbiblischen Zusammenhänge nicht allzu ausgeprägt sind. Bekannt sind eher einzelne Verse, die (leider viel zu oft!) aus dem Kontext gerissen werden und aus denen dann eine Theologie gemacht oder ein vermeintliches »biblisches Prinzip« entwickelt wird. Oftmals stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich mir anhören darf, was nicht alles «ein biblisches Prinzip« sein soll.

Die Schriften der Bibel sind »gottgehaucht«, sind entstanden auf geheimnisvolle Weise aus göttlichem und menschlichem Ursprungs zugleich. Hier erfahre ich Ausschnitte aus der Geschichte Gottes mit der Welt und den Menschen. Je mehr ich in mit dieser Geschichte vertraut bin, desto weniger würde ich auf irgendwelche Fragen einfache Antworten in nur einem Satz geben. (Zum Beispiel auf Fragen, die mit den Worten »Darf man als Christ …« beginnen.) Aber desto mehr verstehe ich, wie Gott tickt, was ihm wichtig ist, wie sein Herz schlägt, wie er sich die Schöpfung, die Menschen und ihr Zusammenleben gedacht hat. Das gibt mir einen guten Rahmen für meine konkreten Entscheidungen, die mir Gott übrigens nicht abnimmt.

Im Judentum wurden die Kinder (okay: vorrangig die Söhne) schon in jungen Jahren in den heiligen Schriften unterrichtet, so daß sie mit dem Inhalt des AT vertraut waren. Das gefällt mir. Dadurch erhielten sie einen Deutungsrahmen für ihr Leben. Meiner Ansicht nach sollten wir die Losungshefte und Bibellesepläne-mit-Auslegungen mal eine Weile zur Seite legen und uns wieder auf die Suche nach dem roten Faden der Geschichte Gottes machen. Möglicherweise würden sich dann manche der »biblischen Prinzipien« von selbst auflösen…

P.S.: Das soll nicht heißen, daß ich es nicht schätzen würde, mich über längere Zeit mit einem kürzeren Text zu beschäftigen. Dazu nehme ich dann immer meine schön bemalte Luther’84 zur Hand. 😉 Ein feines Buch zum meditativen Bibellesen ist übrigens Eugene Peterson’s Eat This Book, das ich hiermit von Herzen empfehle.
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Jesus, Petrus, Emergent Deutschland und Du

12. Dezember 2007

[Nachfolgend einige Gedanken, die als morgendlicher Kurzimpuls für den Sonntag auf dem Emergent Forum gedacht waren, die wir aber aus Zeitgründen gestrichen haben. Mit ihnen schließe ich meine Reihe zum Forum ab.]

Nachdem Jesus sich mehrmals seinen Jüngern gezeigt hat, erzählt das letzte Kapitel im JohEv von einer besonderen Begegnung am See Tiberias. Petrus, Johannes, Jakobus, Thomas, Nathanael und zwei weitere Jünger fischen erfolglos eine ganze Nacht lang. Am Morgen steht Jesus, den sie nicht erkennen, am Ufer des Sees und schickt sie ein zweites Mal zum Fischen, diesmal allerdings sollen sie ihre Netze zur rechten Seite des Bootes auswerfen. Sie tun das und machen einen reichen Fang. Während der Rückfahrt wird es Johannes bewußt, daß das Jesus ist, der am Ufer steht, er teilt es Petrus mit, worauf sich dieser wieder anzieht und in den See springt. Die anderen kommen ans Ufer, Petrus zieht das schwere Netz mit den 153 großen Fischen an Land, bringt sie zum Kohlenfeuer, auf dem schon Brot und Fische liegen. Jesus fordert sie zum Essen auf. Keiner wagt es, ihn nach seiner Identität zu fragen, weil sie wissen, daß er der Herr ist. Jesus kommt und nimmt das Brot und die Fische und gibt sie ihnen. Nach dem Essen entspinnt sich ein interessanter Dialog:

Als sie nun gefrühstückt hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe.
Spricht er zu ihm: Weide meine Lämmer!
Wieder spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe.
Spricht er zu ihm: Hüte meine Schafe!
Er spricht zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Petrus wurde traurig, daß er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach: Herr, du weißt alles; du erkennst, daß ich dich lieb habe.
Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und hinbringen, wohin du nicht willst. (Dies aber sagte er, um anzudeuten, mit welchem Tod er Gott verherrlichen sollte.) (Und als er dies gesagt hatte, spricht er zu ihm:) Folge mir nach!
Petrus wandte sich um und sieht Johannes nachfolgen und spricht zu Jesus: Herr, was aber dieser?
Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!

Das war nicht das erste Treffen zwischen Jesus und Petrus. Wir wissen aus dem LukEv, daß Jesus Petrus allein am Ostertag begegnet ist, bevor er sich den zehn Jüngern zeigte. Dabei sprach er die Worte, die uns so wichtig sind: »Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Empfangt den Heiligen Geist! Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, und wem ihr sie behaltet, dem sind sie behalten.« Eine Woche später trat er dann nochmals in ihre Mitte, als auch Thomas dabei war. Irgendwann in den Tagen danach dann diese Begegnung am See Tiberias. Sie wußten sich gesandt von Jesus, wußten aber nicht, was als Nächstes passieren sollte. Der allgemeine Auftrag war klar. Nun also gingen die Jünger fischen. Vielleicht war es ihnen langweilig – wer weiß? Wahrscheinlich waren sie zum letzten Mal fischen. Wahrscheinlich kam die Himmelfahrt kurze Zeit später, und danach blieben sie ja in Jerusalem. Jetzt aber war wohl manches unklar. Sie gehen fischen. Und begegnen Jesus. Stellen keine Fragen, sitzen nur beim Essen. Und dann dieses Gespräch. Ob Petrus den anderen wohl erzählt hatte, wie seine erste Begegnung mit Jesus abgelaufen war? Wir wissen es nicht. Jedenfalls stellt Jesus jetzt drei Fragen: »Liebst Du mich mehr als diese? Liebst Du mich? Hast Du mich lieb?« Drei Fragen. Dreimal hatte Petrus Jesus verleugnet. Jetzt darf er dreimal bestätigen: »Herr, Du weißt, daß ich Dich lieb habe«. Etwas wird heil in Petrus und in der Jüngergemeinschaft. Dreimal gibt Jesus den Auftrag: »Weide meine Lämmer. Hüte meine Schafe. Weide meine Schafe.« Was Jesus einst in Cäsarea Philippi zu ihm gesagt hatte, ist durch die Verleugnung nicht hinfällig geworden: »Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Gemeinde bauen.« Petrus hat den Auftrag zurückbekommen, den Jesus ihm damals gegeben hatte. Sein Versagen hat ihn nicht disqualifiziert. Jesus sieht in sein Herz. Daß Petrus Jesus lieb hat – das ist es, was ihn qualifiziert. Das ist die angenehme Nachricht.
Die eher unangenehme Nachricht ist das, was im Folgenden kommt: Jesus deutet den Märtyrertod des Petrus an. Das schreibt Johannes in der Rückschau, zu einer Zeit, als Petrus wohl schon tot war. Jesus sagt zu Petrus: »Früher hast Du gemacht, was Du wolltest. Folge mir nach. Später werden Dinge mit Dir geschehen, die Du nicht willst.« Petrus will dann wissen, was mit Johannes geschehen wird. Jesus blockt das ab: »Was geht es Dich an, was ich mit Johannes vorhabe? Folge Du mir nach!«

Was sagt uns diese Geschichte, uns, die wir uns mit emergentem Gedankengut auseinandersetzen? Uns, die wir irgendwie nicht ganz zufrieden sind mit dem Bild, das die Kirche unserer Tage abgibt? Uns, die wir vieles Althergebrachte auf den Prüfstand stellen? Manche von uns sind schon länger in diesem Prozeß, andere erst seit kurzem. Manche haben in den letzten Monaten oder Jahren so viele Bücher und Blogs gelesen, daß sie gar nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Wenn wir berufen sind, an der Sendung Gottes zu partizipieren, dann kommt uns das so ungeheuer weit vor. Mission und Evangelisation, Umweltschutz und Gesellschaftstransformation, soziale Gerechtigkeit und inkarnatorische Ekklesiologie etc. Ein so weites Feld. So viel muß hinterfragt, dekonstruiert, neu verstanden, gedacht und artikuliert werden. Ein Gefühl der Unsicherheit schleicht sich ein. Können wir das? Sind wir überhaupt fähig dazu? Was ist mit den Menschen, die uns für das kritisieren, was wir tun und denken? Haben die recht? Sind wir nicht überfordert? Was kann Gott schon mit uns anfangen?

Ich glaube, daß uns Jesus die eine entscheidende Frage stellt: »Hast Du mich lieb?« Es geht nicht in erster Linie um Werte, Prinzipien oder Philosophien. Es geht in erster Linie um diese Frage, die uns Jesus stellt, jedem und jeder Einzelnen: »Hast Du mich lieb? Wenn ja, dann habe ich einen Auftrag für Dich. Möglicherweise ist der unbequem. Möglicherweise könnten Dir Dinge geschehen, die Du nicht willst. Vergleiche Dich nicht mit anderen. Entscheidend ist das, was ich zu Dir persönlich sage. Es kommt nicht darauf auf, ob Du bei den coolen und innovativen Leuten dabei bist oder irgendwelche verrückten Sachen machst. Entscheidend ist, daß Du mich lieb hast und mir auf dem Weg folgst, den ich Dir zeigen werde. Folge Du mir nach.«

Diese Frage will ich nicht vergessen. Sie bleibt die wichtigste.

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Emergent Deutschland – Offene Fragen

12. Dezember 2007

Anfang des Jahres haben wir uns als Koordinationsteam zum ersten Mal getroffen. Ein durchaus bunter Haufen. Mittlerweile rückt das Jahresende näher. Studientage und Forum sind vorbei. Emergent Deutschland ist gestartet. Einige Fragen sind beantwortet. Zum Beispiel die Frage, ob sich das Koordinationsteam als Leiter von Emergent Deutschland sieht. Nein, tun wir nicht. Eher als Moderatoren der Konversation und Ermöglicher der Infrastruktur. Oder die Frage nach der Resonanz. Die war gut, sehr gut sogar. Gut besuchte Studientage und ein Forum mit vielen wunderbaren Menschen, die Emergent Deutschland verkörpern und ein Gesicht geben. Einige interessante Initiativen sind entstanden. Ich freue mich noch immer.

Einige Fragen (nicht an das Koordinationsteam, sondern an alle, die sich mit Emergent Deutschland identifizieren) sind offen. Für mich z.B. folgende:

  • Werden wir es schaffen, einen sicheren Raum zu schaffen (»to save safe space«), in dem die Konversation stattfinden kann?
  • Wird sich das emergente Virus ausbreiten und an vielen Orten viele neue Initiativen hervorbringen?
  • Werden es Außenstehende und Kritiker verstehen, daß diese Konversation bzw. Bewegung keine zentrale Leitung besitzt, die für alle sprechen kann?
  • Wie werden wir mit Kritik umgehen? Demütig genug, um das berechtigte Anliegen herauszuhören, aber auch selbstbewußt genug, um Falsches zurückzuweisen?
  • Werden wir Arroganz, Elite-Denken und Besserwisserei ablegen können?
  • Wird es uns gelingen, die Puriformität und Breite der Bewegung nicht nur beizubehalten, sondern auszuweiten?
  • Werden wir es schaffen, unsere hochtrabenden Gedankengänge praxisrelevant zu machen?
  • Werden wir irgendwann auch über Gemeindemodelle, -formen und -strukturen reden?
  • Werden wir den Herrschaftsanspruch Jesu im Blick behalten?
  • Werden wir uns mit der evangelikalen Vergangenheit, welche die meisten von uns teilen, aussöhnen können?
  • Werden wir es im Blick behalten können, daß es nicht um Emergent Deutschland oder unser cooles Ding geht, sondern um das Reich Gottes, das nicht mit Emergent Deutschland gleichzusetzen ist?
  • Werden wir freundliche Kritiker haben, die uns auf unsere blinden Flecken hinweisen?
  • Werden wir es schaffen, andere in ihrem Denken und Paradigma stehen zu lassen?
  • Wird es uns gelingen, daß auch Frauen nicht nur eine Vielzahl von Stimmen bekommen, sondern den Austausch prägend mitbestimmen?
  • Werden wir eigene Grabenkämpfe vermeiden können?

Das sind einige der Fragen, die mich im Moment bewegen und die ich auch mir selbst stelle. Was sind Deine Fragen?

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Emergent Forum – Rückschau (3) – Splitter

10. Dezember 2007

Brian McLaren und Jason Clark
Wenn ich auf die Zeit in Erlangen zurückblicke, empfinde ich Freude und Dankbarkeit. Brian und Jason habe ich erlebt, wie ich sie erwartet hatte – offen, herzlich, geerdet und nahbar. Insbesondere Brian stellte alle Vorurteile (woher kommen die eigentlich?) auf den Kopf. Er nahm sich Zeit für uns, war gekommen, um zu lernen, interessierte sich für die Geschichte Deutschlands, für die deutsche Sprache, für die persönliche Situation seiner Gesprächspartner, stellte Fragen wie: »Woher kommst Du? Was machst Du? Was bewegt Dich?« Faszinierenderweise hat sich das Bild, das ich mir von ihm durch das Hören von Podcasts und das Lesen seiner Bücher gemacht hatte, exakt bestätigt. Das nennt man wohl Authentizität. Fazit: Diesen Kerl muß man einfach mögen. Kein abgehobener Stargast, sondern ein Gefährte auf dem Weg.

Persönliche Begegnungen
In diversen Beiträgen zum Forum wurde ein Aspekt deutlich, der auch für mich das Highlight war – der persönliche Austausch und Kontakt mit Gleichgesinnten. Ich gehöre zu einer Generation von Nachfolgern Jesu, die sich für das denominationelle Label ihrer Gesprächspartner nur noch insofern interessiert, als es hilft, die Wurzeln und die (geistliche) Biographie des anderen besser zu verstehen. Alle Glieder am Leib Jesu erfahren Wertschätzung – die bunten Schafe ebenso wie die (nur auf den ersten Blick) grauen Mäuse. Das ist cool. Schön ist es, wenn aus online-Kontakten offline-Begegnungen werden. Von Freundschaften läßt sich nach so kurzer Zeit noch nicht sprechen, aber was noch ist, kann ja noch werden. Meine besten Zeiten auf dem Forum hatte ich außerhalb des Vortragsraumes – in der Kneipe, im Restaurant, beim Kaffee oder irgendwo zwischen Tür und Angel.

Der sonntägliche Doppelpunkt
Am Sonntag setzten wir gemeinsam einen Doppelpunkt hinter das Forum: In »Open Space«-Manier fanden sich diverse Initiativgruppen zu den unterschiedlichsten Schwerpunkten zusammen. Die Bandbreite reicht von der emergenten Damenwelt über kommunitäres Leben bis zur theologischen Arbeit. In Kürze wird sich eine Auflistung dieser Gruppen auf der Emergent Deutschland Website finden. Mögen die Initiativen fruchtbar sein und sich vermehren! Ich freu mich drauf.

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Emergent Forum – Rückschau (2) – Samstag Nachmittag und Abend

7. Dezember 2007

Nach dem entspannten Mittagessen stehen die Workshops an. Meiner dreht sich um »Missionale Kirche«. [Wen es interessiert – mehr auf diesem Blog gibt’s hier: „Missional“ vs. „Missionarisch“. Solltest Du auf diesem Blog neu sein und Dich dafür interessieren, was ich unter »Emerging Church« verstehe, dann lies doch mal dies und das. Ob Dich der missionale Virus angesteckt hast, erfährst Du hier.] Interessante Teilnehmer, leider aber driftet das Gespräch ab und dreht sich schwerpunktmäßig um die Frage, wie denn Außenstehende zu erreichen sind. Das ist zwar schade, aber in Ordnung.
Weil wir ein wenig überzogen haben, stehen für mich erstmal Kaffee und Zigarillo an. Währenddessen läuft schon die »Open Space«-Zeit. Beeindruckt registriere ich, wie viele Themen auf dem Flip-Chart stehen und wie engagiert im Raum diskutiert wird. Klasse! Die Themen sprechen mich nicht direkt an, mein Körper tendiert zu Mittagsschlaf. Den kriegt er aber nicht.

Abends spricht Brian wieder. Wir sehen ein Video mit Basketballspielern, ein weiß und ein schwarz gewandetes Team. Jedes hat einen Ball, den es sich gegenseitig zuspielt. Der Raum wird in drei Gruppen aufgeteilt. Unsere zählt die Pässe des weißen Teams. Nach einer Minute ist der Film vorbei und Brian fragt, wer den Gorilla gesehen habe. Welcher Gorilla? Die andere Hälfte des Raumes streckt und mir schwant: Da muß ein schwarzer Gorilla gewesen sein, den wir auf weiß Fokussierte nicht gesehen haben. Der Clip läuft ein zweites Mal, und tatsächlich: Ein Mensch im Affenkostüm läuft entspannt zur Mitte des Bildes, winkt in die Kamera, bleibt stehen und läuft danach entspannt wieder aus dem Bild. Krass. Brian bemerkt dazu: »What you focus on determines what you see.« Hier haben wir wieder eine Lektion gelernt. Schade, daß die Pluriformität der biblischen Botschaft selten wahrgenommen wird. Wie es anders geht, zeigt eine Predigt von Jens Stangenberg, die ich hiermit empfehle: Die sieben Farben des Evangeliums. Jens demonstriert, wie wir aufgrund unterschiedlicher Frequenzen nur Facetten des Evangeliums wahrnehmen. Sehr cool.
Brian erzählt weiter. Er spricht von Theologie als dem Prozess, ein Weltbild zu entwerfen, das auf Annahmen über Gott basiert. Wenn wir nun diese Annahmen hinterfragen, werden Menschen eingeschüchtert, weil ihr Weltbild zusammenbricht. In diesem Zusammenhang beschäftigt mich die Frage, inwiefern es sinnvoll ist, einfach nur aus Prinzip das Weltbild anderer zu erschüttern, nur um die eigene intellektuelle Überlegenheit zu demonstrieren. Wer in einem anderen Paradigma zu Hause ist, darf es meines Erachtens gerne behalten. Das neue Paradigma ist indes noch offen. Brian nennt Fragestellungen, die in unserem Jahresring aktuell seien, z.B.:

  • Wie stellt sich Gott unseren Umgang mit der Bibel vor?
  • Wovon ist Jesus uns zu retten gekommen?
  • Was ist das Evangelium?
  • Wie ist Gott?

Einmal mehr denke ich, daß die Antwort nur aus der Bibel kommen kann. Und wenn wir sie lesen, sollten wir uns nicht in einem solchen Maße auf den Gorilla konzentrieren, daß wir plötzlich die Basketballspieler aus dem Blick verlieren. Die ganze Breite sehen. Aussagen, die mir schwer im Magen liegen, auch mal aushalten.
Im Anschluß an diesen Part erfolgt für mich das Herz des Forums: Der Austausch in kleinen Gruppen über Fragen, die uns bewegen, oder die andere Menschen – Christen und Nicht-Christen – uns stellen, und die wir nicht einfach so beantworten können. Ich mag diesen Teil. »Safe Space«. Brian hat eine Atmosphäre geschaffen, die Offenheit und Wahrhaftigkeit ermöglicht. So stelle ich mir die Zukunft von »Emergent Deutschland« vor. Raum für offenen Austausch und Fragen. Andererseits stelle ich auch das in-Frage-stellen selbst in Frage. Wenn die Antwort auf eine Frage der Zweifel ist, dann ist das zwar Zweifel, aber auch eine Antwort. Als Dialektiker mag ich Menschen mit Überzeugungen. Auch wenn ich die Überzeugung an sich vielleicht nicht mag – sie ist mir lieber als ein im Brustton der Überzeugung gesprochenes: „Das kann man eh nicht wissen“. Das klingt wie: „Es ist eine objektive Wahrheit, daß es keine objektive Wahrheit gibt“. Oder: „Die einzig gültige Metanarrative ist die Ablehnung der Metanarrativen“. Das Kätzchen beißt sich in’s Schwänzchen… Lieber sage ich: „Ich weiß es nicht“. Das weiß ich dann aber sicher…
Im weiteren Verlauf des Abends geht Brian auf die Fragen ein. Ein interessanter Aspekt: Für ihn kann auch ein Anhänger einer nichtchristlichen Religion Jesus folgen. Hier wird das Eis so dünn, daß ich nicht mehr drüber laufen will. Die Nachfolge Jesu im neutestamentlichen Sinn beginnt für mich mit dem Bekenntnis: »Kyrios Iesus – Jesus ist Herr!“ Soteriologische und eschatologische Fragen kommen in’s Spiel. Wo wird ein Anhänger einer anderen Religion das neue Äon verleben? Ich weiß es nicht. Vielleicht gilt, was C.S. Lewis in den Chroniken von Narnia formuliert hat: Wer in der rechten Haltung kommt, landet immer bei Gott. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, daß Jesus seine Nachfolger aussendet, alle Nationen zu Nachfolgern zu machen, indem sie sie auf den dreieinigen Gott taufen und sie alles halten lehren, was Jesus geboten hat. In dieser Spur will ich weiter gehen. Aber wie sagte Brian: »DoSi, we may disagree, but we are friends«. Yo.

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Emergent Forum – Rückschau (1)

6. Dezember 2007

[Eigentlich wollte ich diesen Post ja »Nachlese« nennen, aber Peter ist mir damit zuvorgekommen. Weitere Berichte gibt es in Hufi’s Redationsbüro.]

Vorgeschichte
Anfang des Jahres trafen wir uns in einer kleinen Gruppe, um über Emergent Deutschland nachzudenken. Nur ein paar wenige Menschen. Entscheidungen werden getroffen, erste Aufgaben verteilt. Fühlte sich gut an. Mitte August ging der Blog online. Schnell verbreiteten sich die Banner in der Blogosphäre, die ersten Anmeldungen zu den Studientagen und zum Forum trudelten ein. Schmerzlich wurde mir dann bewußt, daß ich nicht in Marburg und Hamburg würde dabei sein können. Während der Tage sitze ich am Rechner und warte auf die Reaktionen der Blogger. Sie sind positiv. Erleichterung macht sich breit.

Freitag
Es geht los mit Stau. Eine halbe Stunde zu spät komme ich zum Treffen der Koordinationsgruppe. Sitze zum ersten Mal Brian und Jason gegenüber. Und sie sind mir sofort sympathisch. Abends spricht Brian aus »Everything Must Change«. Nichts Neues, habe ich doch erst das Buch gelesen. Will aber die Frage nicht zur Seite schieben: Was hat die Botschaft Jesu den Problemen der Welt zu sagen? Und wie haben Nachfolger Jesu damit umzugehen?
In der Nacht wird Bier getrunken. Ein Beweisfoto gibt es bei Haso. Schön.

Samstag -1-
Ich habe recht gut geschlafen. Die anderen nicht. Schnarchend habe ich sie wachgehalten. Nach dem Besuch beim Bäcker geht es um 10 Uhr los. Toby beginnt und erinnert an David, der in des großen König Sauls Rüstung nicht laufen konnte. Die Kleider müssen passen. Welche sind es, die für »Emergent Deutschland« passen? Wir wissen es (noch) nicht, sind aber gespannt. Peter macht weiter und betont: Wenn wir über das Neue nachdenken, stehen wir im Strom des Alten. Yo, das gefällt mir. Habe ich doch von den unterschiedlichsten Ecken der Kirchengeschichte Inspiration erhalten. Und ich will auch meine persönlichen Wurzeln nicht verleugnen. Oftmals denke ich, daß Vertreter der emergenten Konversation am Schärfsten gegen ihre (meist evangelikalen) Hintergründe schießen und dabei das Kind mit dem Bade ausschütten.

Der erste Input kommt von Brian. Er betont: Bei »Emerging Church« handelt es sich nicht um ein denominationell begrenztes Phänomen oder eine neue Bewegung, sondern um einen neuer Jahresring am gesamten Baum des Leibes Christi, der in allen Denominationen wächst. Hier, in diesem Jahresring, müssen Gespräche stattfinden und Freundschaften entwickelt werden, in denen Raum für Austausch über Probleme und Fragen ist, die wir nicht im Griff haben. Wir starten neue Experimente, die nicht miteinander konkurrieren. Brian kommt auf mich zu und sagt: »DoSi, we may disagree on some areas, but we are friends.« Lustig, das. Hat er vielleicht doch eine prophetische Gabe? Dann kommt ein weiser Satz: Kritik wird kommen, aber »critic makes you bitter or better.« Brian betont: In allem, was wir an den Start bringen, muß Christus, der immer in Bewegung ist, im Zentrum bleiben und wir müssen der Zeit, die wir miteinander verbringen, einen hohen Stellenwert einräumen. Er erzählt von neuen Gemeinde-, Evangelisations- und Jüngerschaftsmodellen, neuen liturgischen Ansätzen, dem Einsatz für Arme, Umwelt und Frieden („Wenn die Kirche nur barmherzig ist, ohne Gerechtigkeit zu üben, dann ist sie Teil des Problems“) sowie dem neuen Stellenwert des geistlichen Wachstums (»spiritual formation«, leider nicht wirklich auf deutsch wiedergebbar). Eben davon handelt sein neues Buch Finding our way again. Erwähnung findet auch die neue Wertschätzung der Verschiedenheit (Konfessionen, Rassen, Geschlechter, globaler Norden/Süden).

Nach einem schönen Kaffee, der von Haso bezahlt und dem VfB Stuttgart ermöglicht wurde, geht es mit Jason weiter. Auch er betont den sicheren Raum für Austausch und Begegnung. Außerdem beobachtet er auch unter älteren Gemeinden und Gemeindegliedern den Wunsch nach Bewegung und Veränderung der Kirche. Zwar machen wir einzigartige Erfahrungen mit der Postmoderne, andererseits hat die Kirche in der Geschichte aber auch schon Ähnliches in anderen liminalen Situationen erlebt. Jetzt wachsen tiefe, ökumenische Beziehungen. Traditionelle Kirchen und Megachurches werden nicht abgeschafft, sondern behalten ihren Platz – sie erreichen Menschen, die andere Kirchen nicht erreichen können – auch nicht die neuen Gemeinden. Diese gibt es in vielfältiger Gestalt: Missional, monastisch, liquid, experimentell. Das sind die Forschungsabteilungen der Kirche, die großes Risiko eingehen, um dem Leib Christi Segen und Ressourcen zu bringen. Manche von ihnen haben eine kurze Dauer – sie leben auf und verwelken wieder, aber ihre Samen befruchten die anderen Gemeinden. Andere leben länger und arbeiten nachhaltiger. Es gibt kein allein selig machendes „Gemeindemodell“ – auch nicht für die »Emerging Church«. Wenn wir als Christen unseren Fokus auf die Probleme der Welt richten und uns fragen, was Jesus will, daß wir dafür tun, dann wird sich Gemeinde daran ausrichten. Die Zukunft gehört den bestehenden und traditionellen genauso wie den emergenten Gemeinden – wir brauchen sie alle und wir brauchen einander. Deep Church & Generous Ecclesiology gründen in Hebr 12,1f: Wir sind gefordert, die Kirche zu verändern, zu sagen: »Ich will helfen; Jesus, ich werde Dich suchen und finden und die Träume und Wünsche, die Gott für seine Kirche hat, festhalten.« Ein Wolke von Zeugen feuert uns an. Die kleinen und unscheinbaren Schritte, die wir gehen, schließen sich zur weiten Bewegung des Leibes Christi zum Bau des Reiches Gottes zusammen.

[to be continued…]

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4. Dezember 2007

Eigentlich wollte ich es nie tun, aber die »Emergent Deutschland«-Gruppe hat mich jetzt dazu gebracht, sowohl dem StudiVZ als auch Facebook beizutreten. Ich bleibe skeptisch.

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Dezember 2007

3. Dezember 2007

Fast unbemerkt ist der Advent angebrochen. Mitten auf dem Emergent Forum war es soweit. Nun sind es noch vier Wochen bis Weihnachten. Die letzten Wochen waren randvoll gepackt. Als ich gestern aus Erlangen zurückkam, habe ich nach einem groben Überblick über meinen physischen und elektronischen Posteingang zuerst Richard Wright’s Roman Native Son fertig gelesen.
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Eine Erzählung über einen Afroamerikaner, der in den 1930ern zum Mörder wird und dem der Prozeß gemacht wird. Ein Roman, der aufrüttelt und in’s Nachdenken bringt und sich mit vielem anderen in meinem Kopf vermischt. Eine ganz andere Welt als die, welche mich in den vergangenen Wochen in Beschlag genommen hatte. Es ist gut, zu spüren, wie Streß und Druck abfallen und langsam die innere Ruhe zurückkehrt.

Der Advent ist angebrochen. Wochen des Wartens und der Vorbereitung auf das Kommen Christi. Wochen, die ruhig sein werden. Bis Weihnachten, so ist meine Hoffnung, werde ich keine Autobahn mehr sehen. Innere Ruhe und Stille sind sehr rar gewesen in der letzten Zeit. Einsamkeit ein hohes, viel zu seltenes Gut. Ich freue mich auf diese traditionelle Fastenzeit, Zeit der Reflektion, Zeit des Innewerdens. Wochen, in denen ich wieder viel lesen werde (siehe meine aktuell upgedatete Sidebar). In denen auch der ein oder andere Film gesehen wird. In denen ich die Möglichkeit haben werde, wieder in meinen Lebensrhythmus zurück zu finden, der mir im letzten halben Jahr ein wenig verloren gegangen ist. Ich freue mich auf Spaziergänge, auf Stille, Ruhe und Einsamkeit.

Der Weihnachtsstreß geht mich nichts an. Dieses Jahr nicht. Ich freue mich darauf, Rückschau zu halten, das vergangene Jahr zu überdenken und meine Gedanken zu sortieren. Ich freue mich darauf, die alten Adventslieder zu meditieren. Ich freue mich darauf, an Heiligabend anbetend vor dem Kind in der Krippe zu staunen. Ich freue mich auf die Zeit, Altes abzulegen und Neues anzudenken. Ich freue mich auf die Tränen der Dankbarkeit, die ich am Jahreswechsel in den Augen haben werde.

Im Jahreszyklus hat jeder Monat seinen ganz eigenen Charme. Ich freue mich auf diesen Dezember.

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