13. August 2007
[Nachdem ich vor einer Woche nach einem blinden Fleck in der evangelischen Theologie gefragt und auf Scot McKnight's Serie über die »New Perspective on Paul« hingewiesen habe, hat Scot seine Reihe mittlerweile beendet. Ich möchte seine Gedanken an dieser Stelle auf deutsch zusammenfassen. (Wenn Du jeweils auf die erste Hälfte der Überschrift "Teil X" klickst, landest Du bei Scot's originalem Post. Für Interessierte empfehle ich die Diskussion in den Kommentaren bei Scot.)]
Teil 1 – Alles beginnt mit E. P. Sanders
Abgesehen von den Forschungen zum historischen Jesus (über die Scot, hurra, hurra! gerade eine neue Serie angefangen hat) handelt es sich bei der »New Perspective on Paul« um die bedeutendste Entwicklung in der biblischen Forschung innerhalb der letzten 50 Jahre. Alles beginnt mit dem 1977 veröffentlichten Paul and Palestinian Judaism von E.P. Sanders.

Die Kernaussagen von Sanders waren:
- Das Judentum war keine “Religion der Werke”, wo Anerkennung bei Gott dadurch erreicht wird, daß man genügend Punkte sammelt. Paulus’ Aussagen über die Juden so zu verstehen , heißt, sie mißzuverstehen.
- Das Judentum zu einer “Religion der Werke” zu machen, widerspricht der Ansicht jüdischer Gelehrter und der überwiegenden Mehrheit der antiken jüdischen Quellen. Eine solche Sichtweise entstammt den Problemen, die Luther mit der katholischen Kirche hatte und wurde im Nachhinein auf Paulus übertragen.
- Das Judentum sah die Wurzel des Heils/der Erlösung (was wiederum ein christlicher Ausdruck ist) in zwei Motiven verwurzelt: In Gottes Erwählung und im Bund. Gott erwählte Israel, und dadurch erhielt Israel das Heil/die Erlösung. Juden machten sich keine Gedanken über eine finale Errettung und strebten nicht danach, durch verdienstvolle Werke ewiges Leben zu bekommen. Der Bund ist das Fundament aller jüdischer Religion.
- Das Gesetz, oder das Halten des Gesetzes bzw. Gehorsam gegenüber der Torah [»Gesetz« bzw. »Torah« wird auf dem Feld des Sämanns ansonsten immer als »die Weisung Gottes« bezeichnet] ist für Juden der Weg, ihre Beziehung zum Bund und zu Gott “aufrechtzuerhalten” und nicht der Weg, in den Bund hineinzugelangen. Wer sagt, daß Juden das Gesetz befolgten, um erlöst zu werden, läßt außer Acht, daß Jesus die Torah liebte.
- Gerechtigkeit beschreibt das Verhalten im Einklang mit der Torah.
Das bedeutet letztlich, daß der Bund eine Gemeinschaft schafft, die dazu berufen ist, das Gesetz zu befolgen. Wenn die Torah übertreten wird, ist ein angemessenes Opfer und Sühne notwendig. Wer auf diese Weise in der Torah lebt, ist gerecht.
Diese Grundgedanken machen den Kern der »New Perspective on Paul« aus.
Teil 2 – James D. G. Dunn schließt sich an
Die zweite Phase der NP verbindet sich mit dem Werk von James D.G. Dunn. Sie begann 1982 und kam zur Erfüllung in Dunn’s Buch The Theology of Paul the Apostle, das 1998 erschien.

Dunn stimmt mit Sanders überein, was das Judentum anbelangt: Eine auf der Erwählung basierende und vom Bund geformte Beziehung mit Gott für Israel, dem Gott die Torah gibt, damit sie wissen, wie man als Volk Gottes lebt. Für Dunn besteht das Problem, welches Paulus mit den Judaisierern hatte, darin, daß diese eine nationalistische Gerechtigkeit errichten wollten, von der die Nichtjuden ausgeschlossen waren. Die Judaisierer wollten die nichtjüdischen Christen zu Juden machen. Also würden sie die Torah nicht halten, um gerecht zu werden, sondern um Teil des Volkes zu sein, dem Gott sich zugewandt hatte. Für Paulus gehörte man aufgrund des Glaubens zur Gemeinde (dem Volk Gottes) und nicht aufgrund von Werken – dem Verhalten, das Juden und Nichtjuden unterschied. Es war die Mission des Paulus, auf der Basis des Glaubens ein neues Volk Gottes zu schaffen (die Gemeinde), und weil es auf Glauben und nicht auf Werken(Zeichen der äußeren Zugehörigkeit) gründete, war es ein Volk Gottes, zu dem Juden und Nichtjuden gehören konnten. Die Rechtfertigung war Gottes Werk, diejenigen gerecht zu sprechen und gerecht zu machen, die Vertrauen in bzw. Glauben an Jesus Christus hatten. Man könnte sagen: Rechtfertigung bedeutet, daß Gott bekannt macht, wer zum Volk Gottes gehört.
Teil 3 – N. T. Wright kommt in’s Spiel
Die dritte Phase besteht aus dem Werk von N.T. Wright. Wichtig ist dabei: Nicht alle drei genannten Theologen sagen dasselbe, sondern sie ergänzen und widersprechen einander.

Wright’s hauptsächliche Erkenntnis war die Exils-Thematik. Zur Zeit von Jesus und Paulus war Israel zwar wieder zurück im verheißenen Land, allerdings hatten sich die Verheißungen Jesajas und anderer noch nicht vollständig erfüllt – darum lebte Israel unter der Herrschaft Roms noch immer im gefühlten Exil. Das prägte die Theologie des Paulus genauso wie sein Verständnis des Bundes und der Neuschöpfung. Wright stimmte – wie auch Dunn – mit der Sicht von Sanders bezüglich des Judentums überein: Auf der Erwählung basierendes, vom Bund geformtes Werk Gottes zur Schaffung des Volkes Gottes, dem Gott die Torah gab, um ihm zu zeigen, wie es vor Gott in Gerechtigkeit leben konnte. Wright’s Sicht der paulinischen Theologie ist schwer zusammenzufassen: Ende des Exils, Jesus rekapituliert die Bundesgeschichte, die Notwendigkeit, “in Christus” zu sein, die Sehnsucht nach der neuen Schöpfung und eine Ideologie, die sich gegen das Imperium richtet. Für Wright beschreibt Rechtfertigung nicht, wie man in’s Volk Gottes kommt, sondern identifiziert, wer im Volk Gottes ist. Rechtfertigung als Begriff ist nicht der “Erlösung” zuzuordnen, sondern dem “Bund”, es ist ein “ekklesialer” Ausdruck, der etwas darüber sagt, wer schon im Volk Gottes ist und nichts darüber, wie man in’s Volk Gottes hinein kommt.
Interessanterweise wird Wright, der intensiv an und mit der Bibel arbeitet, im Lager der Reformierten sehr angegriffen, weil seine Sicht nicht der reformatorischen Lehre entspricht. Aber ging es der Reformation nicht auch darum, zu fragen, was die Bibel sagt? Ein Zitat von Scot über Wright:
No one has captured the young scholar more than Tom Wright. One reason is because there is no one out there who writes as well; combine that with a fertile, creative, courageous mind and a life dedicated to the church and you come up with Tom Wright. Do I agree with him all the time? Nope. But, like Jimmy Dunn and Ed Sanders, I read their every word.
Teil 4 – Klarstellungen
- Es gibt keine offizielle Institution, welche die Lehre der »New Perspective on Paul« festlegt. Dunn nannte es die “neue Perspektive”, weil er damit ausdrücken wollte, wie Paulus in das neugewonnene Verständnis des Judentums paßte. Seitdem wurde Vieles veröffentlicht, und jeder Autor vertritt seine eigene Sichtweise.
- Gemeinsam ist allen der rote Faden: Israel wurde von Gott erwählt, in den Bund geführt und erhielt das Gesetz (die Torah), welches das Leben des Gottesvolkes regelte. Die jüdische Religion fußte auf dem Bund, nicht auf den Werken. Diese waren Ausdruck des Bundes.
- Was ihr Verständnis der Theologie des Paulus anbelangt, unterscheiden sich Sanders, Dunn und Wright. Dennoch werden sie von ihren Kritikern immer in denselben Topf geworfen.
- Es gibt keine echte “Systematische Theologie” in der NP. Sanders, Dunn und Wright sind Bibeltheologen und Historiker – keine Systematiker. Ein Großteil der Kritik an der NP kommt von Systematikern, die aufgrund der Aussagen von Sanders, Dunn und Wright eine systematische Theologie zu konstruieren versuchen.
- Das Gewicht, das die Vertreter der NP auf die Paulus-Exegese legen, kann zu großen Veränderungen in der Theologie und in unserem Verständnis der Erlösung führen.
Teil 5 – Zu viel Augustinus?
Die Ursache für einen Großteil der Kritik an der »New Perspective on Paul« kann in einer augustinischen Anthropologie gesehen werden. Wer aus dem Becher des heutigen Evangelikalismus trinkt, findet Augustinus am Grunde, da er hinter der Reformation steht, die das Fundament zeitgenössischer Evangelikaler ist. Welches Bild zeichnet Augustinus u.a. vom Menschen?
- Menschen sind in Ursünde geboren
- Menschen sind in ihrer sündhaften Natur gefangen
- Menschen versuchen sich ständig rechtzufertigen und Verdienste zu bekommen
- Menschen können Gott nicht gefallen, weil ihre sündhafte Natur Gott nicht gefallen kann
- Menschen sind darum “natürlicherweise” verdammt vor Gott
- Sie brauchen die erweckende Gnade Gottes und neues Leben – durch den Heiligen Geist
- Der einzige Weg aus diesem Zustand der Selbst-Rechtfertigung und dem Trachten nach Verdiensten ist es, dieses selbstsüchtige, stolze Selbstbild niederzulegen und sich durch die neuschaffende Kraft des Geistes Gottes Gnade in Christus anheim zu geben
Jeder dieser Punkte prägte das Verständnis, das die Reformatoren vom Evangelium, von der Erlösung und von Paulus entwickelten. Und das prägte die Verkündigung des Evangeliums: Zeige den Menschen ihre Selbstsucht, ihre Sündhaftigkeit und mach’ ihnen klar, daß sie Gnade brauchen, vertrauen und ihre eigenen guten Werke aufgeben müssen. Der Ausgangspunkt der reformatorischen Evangeliumsverkündigung ist die augustinische Menschenlehre. Darin weitergedacht: Das Gesetz ist der Weg, wie korrumpierte Menschen bei Gott Gefallen suchen; sie erklettern das Gesetz, um den Weg zu Gott zu finden. Aber gemäß der reformatorischen Auslegung ist das der falsche Weg, der in Gesetzlichkeit und Tod führt. Das Evangelium ist der dem Gesetz entgegengesetzte Weg zur Erlösung – durch Gnade, aufgrund von Glauben und Glauben allein.
Wenn die »New Perspective« lehrt, daß weder die Gegner des Paulus noch die Juden im allgemeinen nach Verdienst durch gute Werke strebten, dann ändert sich das ganze Evangelium. Darum zielen die Kritiker der NP auf deren soteriologischen Rahmen, den sie (die Kritiker) für den richtigen halten, von Calvin-Luther-Augustinus übernommen haben und den sie im Zentrum der Theologie des Paulus sehen. In Wirklichkeit ist der wahre Feind der alten Perspektive nicht die katholische Kirche, sondern Pelagius. Darum sollte sich die »New Perspective« weniger um die anti-katholische Polemik Luthers und mehr um Augustinus und Pelagius kümmern. Hatte Augustinus recht? Die Frage ist: War das die Anthropologie des Paulus? Oder des Judentums? Oder des Alten Testaments? War das Evangelium des Paulus geprägt von seiner Anthropologie?
Natürlich finden sich in der »New Perspective« noch andere Elemente, aber eines ist wichtig: Solltest Du etwas finden, was eine Schieflage hat, so bedeutet dies nicht, daß die ganze NP verworfen werden muß. Auf beiden Seiten gibt es viel zu viele “Alles oder Nichts”-Ansätze.
Update 18.08.07:
Mittlerweile ist die komplette Serie von Scot McKnight als pdf zum Download erhältlich..
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