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Archiv für Dezember, 2006

Exiles – Epilog

31. Dezember 2006

{Das ist der fünfzehnte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgängerposts: 1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12|13|14}

Die Rolle des Johannes als Vorläufer Jesu ist wohlbekannt, eine Rolle, durch die er die Verheißung erfüllt, daß ein von Jahve gesandter Bote den Weg für das Kommen des Herrn vorbereiten würde. Johannes predigte die Taufe der Umkehr, ein seiner Zuhörerschaft nicht ganz unbekanntes Konzept, obwohl sie die Taufe vorrangig für zum Judentum bekehrte Nichtjuden kannten. Worum ging es Johannes? Und warum gebrauchte er den Fluß Jordan? Nun, es benötigt einen Exilanten, um die Wichtigkeit dieses Augenblicks der Geschichte zu verstehen.

Wie wir wissen entließ der babylonische Herrscher Cyrus die ersten der jüdischen Exilanten zur Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren im Jahr 537 v. Chr. Sofort errichteten sie in den Ruinen Jerusalems einen Altar und legten das Fundament für einen neuen Tempel. Mehr als zehn Jahre später wurden die jüdischen Leiter Esra und Nehmemia während der Amtszeit des Artaxerxes nach Jerusalem gesandt, um die die Bildung des neuen Staates zu verwalten. Das Exil war vorbei. Israel sollte wieder erbaut werden. Für alle Exilanten, die sich so sehr nach der Wiedererrichtung des Tempels und der Freiheit für Gottes Volk gesehnt hatten, war das der Augenblick, auf den sie gewartet hatten. Aber dieser Moment wurde erst dann richtig wahr, als die schließlich den Jordan überquerten und in die Heimat zurückkehrten.

Das ist es, was den Dienst von Johannes so kraftvoll macht. Zu seiner Zeit, mehr als vierhundert Jahre nach Esra, wurde Israel erneut in Gefangenschaft gehalten. Dieses Mal geschah das nicht auf fremder Erde, sondern sie waren Gefangene eines Eindringlings, der jetzt alle Länder westlich des Jordans besetzte. Die römische Besatzung wahr in jeder Hinsicht ein ebensolches Exil wie es die bittere Erfahrung in Persien gewesen war, und die Sehnsucht nach Freiheit war nicht weniger groß, als sie damals zur Zeit des Kyrus gewesen war. Die Juden träumten von einem Tag, an dem sie erneut den Jordan überqueren konnten – dieses Mal in metaphorischer Weise – und wieder zuhause wären. Nun ertönt eine Stimme in der Wüste, wie es der exilische [Anm. DoSi: Darüber läßt sich streiten, hehe…] Prophet Jesaja angekündigt hatte, und verlangt, daß Israel sich für das Kommen seines Befreiers bereit macht. Die Taufe des Johannes war ein Aufruf an die Juden, sich geistlich auf das Ende ihres Exils vorzubereiten. Indem sie ihre Sünden bekannten und für ihre Verbrechen Buße taten, führte sie Johannes über den Jordan und bereitete sie darauf vor, in Freiheit, Gnade und Intimität mit Jahve nach Hause zu kommen. Das vorbereitende Werk des Johannes ist es, die Herzen der Menschen auf ihre Heimat zu lenken. Damit, wenn Jesus kommt und die Vergebung der Sünden verkündigt, diejenigen, die sich nach der Heimat sehnen, erkennen werden, daß ihr Exil von Gott jetzt in Christus endet.

Unsere Sünden wurden vergeben. Die Kluft, die uns von unserer Heimat bei Gott, trennt, wurde geschlossen. Das ist die gute Nachricht, von der Jesus so frei sprach und die er so mächtig in Wort, Tat und Symbol demonstrierte. Unser Exil von Gott ist vorbei. Wir haben den Jordan überquert und sind dahin zurückgekehrt, wo wir hingehören.

In all unserem Reden von Exilanten in einem Imperium nach Christendom dürfen wir die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, daß wir unseren Weg nach Hause tatsächlich gefunden haben, dorthin geleitet von unserem vertrauenswürdigen Führer und Retter, Jesus. Auch wenn usnere Kultur so weit von den Dingen Gottes abgekommen ist wie Babylon oder Rom, liegt unsere Staatsangehörigkeit jenseits des Jordans. Wir tragen unsere Heimat in unseren Herzen. Denn unsere Heimat ist dieser Ort der Versöhnung mit Gott, die durch Jesu Werk am Kreuz und in seiner Auferstehung möglich gemacht wurde.

Darum bleib dran, Exilant. Halte an diesen gefährlichen Erinnerungen Gottes fest. Mach auch weiterhin diese gefährlichen Versprechungen. Übe weiterhin diese gefährliche Kritik am Host-Imperium. Singe weiterhin dise gefährlichen Lieder. Unser Tag wird kommen. In der Zwischenzeit, bleib in der Balance. Und halte in Deinem Innern die Hoffnung fest, daß Heimat in der Gegenwart unseres gnädigen, liebenden, vergebenden Gottes liegt. Ich will Dich mit einem zeitgenössichen Segen zurücklassen, einem, der für den Exilanten Sinn macht, für den Gast und für den Pilger, der entschieden wieder die Heimat ansteuert:

Mögest Du aufwachsen und gerecht werden
Mögest Du aufwachsen und wahrhaftig werden
Mögest Du immer die Wahrheit kennen
Und das Licht sehen, das Dich umgibt
Mögest Du immer mutig sein
Aufrecht stehen und stark sein
Mögest Du für immer jung bleiben

[Bob Dylan, „Forever Young“, Planet Waves, Übers.: DoSi]

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Exiles (13) – Die Lieder der Revolution

29. Dezember 2006

{Das ist der vierzehnte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgängerposts: 1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12|13}

In diesem Kapitel drückt Frost seinen Frust über das aktuelle gemeindliche Liedgut aus und verwendet als Beispiel Matt Redmans „Let My Words Be Few“ (Refrain: „Das einfachste aller Liebeslieder will ich Dir bringen/darum werde ich nur wenige Worte verwenden – Jesus ich bin so verliebt in Dich“). Dabei stellte er fest:

Ich konnte mich nicht dazu bringen, Jesus zu sagen, ich sei in ihn verliebt. Ich dachte lange und intensiv darüber nach, warum mich das so beunruhigte. Gemäß Scott Peck kann in jeder Beziehung wahre Liebe erst dann beginnen, wenn das Gefühl des Verliebtseins verbraucht ist. Was bedeutet es also, Jesus zuzusingen, daß wir in ihn verliebt sind? Heißt das, daß wir uns auf intensive und erheiternde Weise von ihm angezogen fühlen? Daß wir weiche Knie bekommen und unser Magen schäumt, wenn er den Raum betritt? Ich habe keinen Zweifel daran, daß es bei der ersten Begegnung mit Jesus und seiner rettenden Gnade intensive Gefühle geistlichen Genusses, ja sogar Wonne geben kann. Ich habe das jedenfalls so erfahren. Ich zweifle ebenfalls nicht daran, daß es auf unserem lebenslangen Weg mit Jesus Zeiten geistlicher Gemeinschaft in ähnlicher Intensität geben kann. Manchmal, in Zeiten gemeinsamer Anbetung oder persönlicher Besinnung und Gebet, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit und es zieht mich auf wunderbare Weise zur Person Jesu hin. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, in Jesus verliebt zu sein. Es wird immer üblicher, sich in ausdrücklichster sexueller Weise auf unsere Beziehung zu Jesus zu beziehen. Aber warum steigen so viele Leute bei diesem Unsinn mit ein? Ist es angebracht, unsere Zuwendung zu Jesus auf solch romantisierte, sexualisiert und – wage ich es zu sagen – feminisierte Weise auszudrücken? Ich meine, sind wir wirklich die Romanze Gottes? [Anm. DoSi: Frost bezieht sich hier auf God’s Romance von Delirious?, auf das er an anderer Stelle eingegangen war.] Verwenden die Schreiber der Bibel jemals eine solche Sprache? Und hat es in der Geschichte des christlichen Gesangs eine Tradition des Schreibens von Liebesliedern an Jesus gegeben?

Die Schriften alttestamentlicher Propheten wie Jeremia, Hesekiel und besonders Hosea stellen Gottes Beziehung zu Israel als Ehe zwischen einem Mann und einer Frau dar, wenn es sich dabei auch in jeder Hinsicht um eine treulose und unglückliche Ehe handelt. Nirgendwo wird das Bild Israels als untreue Ehefrau sexueller ausgedrückt als in Hes 16. Aber auch wenn die Bildersprache eine sexuelle ist, kann sie schwerlich romantisch genannt werden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um „Hymnen“ an menschliche Schwäche, Treulosigkeit und Ungehorsam. Eine andere wohlbekannte Quelle romantischer und sexualisierter Sprache in der Bibel ist selbstverständlich das Hohelied, das im Großteil der Kirchengeschichte als verliebte Allegorie der Liebe Gottes zum Volk Gottes, oder Christi zur Kirche oder Christi zur Seele verstanden wurde. Ich behaupte, daß die einzige biblische Basis für Textzeilen wie „Jesus, ich bin so verliebt in Dich“ im Hohelied gefunden werden kann, wenn diese allegorische Auslegung verwendet wird. Zeitgenössische Interpretationen des Hohenliedes verstehen es allerdings als miteinander verbundene Gedichte, die ein Bild der menschlichen Liebe in all ihrer Spontaneität, Schönheit und Kraft ausmalen. Und in seiner Gewöhnlichkeit bejaht dieses Buch auf wunderbare Weise sexuelle und romantische menschliche Liebe. Es kann kaum als Vorbild für christlichen Lobpreis angesehen werden.

Die Autoren des Neuen Testaments beziehen sich weder auf das Hohelied, noch auf ein Verliebtsein in Jesus, aber es gibt ein Bild, das der christlichen Anbetungserfahrung einen romantischen Aspekt verleihen könnte. Wenn sich Jesus als Bräutigam bezeichnet, ein Bild, das Paulus wieder aufgreift, dann könnte hier eine sexuelle Komponente in die Beziehung der Gemeinde zu Christus hineininterpretiert werden. Das Bild der Gemeinde als Braut Christi ist nirgendwo auf sexuellere Weise impliziert als in 2Kor 11,2:

Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte.

Das hört sich gewiß romantisch an, aber wie die Bezugnahmen in Hosea oder Jeremia, wurde es an ein untreues Volk geschrieben. Es handelt sich hierbei um keinen sentimentalen Bezug auf ein „Verliebtsein in Jesus“, sondern um einen Ruf nach größerer Treue Christus gegenüber. Es scheint, daß jedesmal, wenn in der Schrift romantische Bildersprache über Ehemann/Ehefrau verwendet wird, auf die Untreue der Menschen (im Gegensatz zur beständigen Treue Gottes) Bezug genommen wird. In praktisch jedem Fall geht es um einen tieferen Gehorsam Gott oder Christus gegenüber. Wenig romantisch oder emotional ist dies eine hartnäckige Aufforderung zum Handeln, zu Heiligkeit und zum Gehorsam. Jeder Bezug (wie auch in Offb 19) auf die Heirat zwischen Christus und der Gemeinde steht im Kontext einer Darlegung dessen, daß die Gemeinde rein, treu und gehorsam sein soll. In dieser Hinsicht handelt es sich jedesmal um einen geerdeten, mutigen Aufruf zu konkreten Veränderungen im Lebensstil, nicht um einen verliebten, vergeistigten Ausdruck romantischer Liebe. Wo auch immer Gott oder Jesus als unser Bräutigam bezeichnet wird, kannst Du sicher sein, daß eine Aufforderung zu erneuerter Heiligkeit auf unserer Seite folgen wird.

Wenn es um den Ausdruck einer besonders intimen Beziehung zwischen Gott und der Gemeinde geht, haben wir eine andere Wendung im Neuen Testament, die auch von Jesus und Paulus bevorzugt wird: „Abba, Vater“. Dies drückt eine sehr nahe Beziehung zu Gott als Vater aus. Jesus kannte eine solche Intimität mit Gott, und wir können, so Paulus, durch den Geist dieselbe Intimität kennenleren. Er nennt uns nicht Sklaven, sondern Kinder Gottes, Miterben mit Christus. Tatsächlich wird die Vater/Kind-Sprache im ganzen Neuen Testament verwendet. Sie ist viel gebräuchlicher als der Bezug auf die Braut Christi, und sie beschreibt eine genauso intime Beziehung, die in der damaligen Zeit vielleicht sogar als noch intimer angesehen wurde. Viel mehr noch als einfach nur im rechtlichen Sinne Kinder Gottes zu werden, werden wir in eine tiefe, intime Beziehung zu unserem Vater hineingeleitet. Wir sind seine vielgeliebten Kinder, Brüder und Schwestern seines Sohnes, Jesus. Natürlich sollte ein Sohn seinem Vater gehorchen, und damit ist nicht nur Intimität, sondern auch Treue und Gehorsam impliziert. Darum erscheint es mir bizarr, daß, wenn die Autoren des Neuen Testamentes so deutlich die Vater/Kind-Bildersprache vorziehen, um die Beziehung der Gemeinde zu Gott zu beschreiben, die gegenwärtige Gemeinde [dennoch] Liebeslieder an Gott, unseren Vater singt. Ein Teil meiner Abneigung für die gegenwärtige Vorliebe für romantisierte Sprache in der Anbetung liegt darin begründet, daß dies eine vollständige Kapitulation den Werten der Lieder unseres Host-Imperiums gegenüber bedeutet. Die Hymnen und Kompositionen der Zeit nach Christendom sind zumeist inhaltsleere Liebeslieder, die von attraktiven Künstler dargeboten werden, die kaum der Pubertät entwachsen sind und auf jedem Radiosender der Welt gespielt werden. Diese Lieder vergöttern Sex und romantische Liebe als höchsten Ausdruck menschlicher Intimität. Und nun gibt es Verfasser christlicher Anbetungslieder, die den Glauben mit denselben Worten ausdrücken. Man nehme zum Beispiel [Anm. DoSi: „Madly“ von Steve Fee, Album „Sacred Space“ von 2005; ich lasse es unübersetzt, da es für sich spricht]: „And I’m madly in love with you. / Let what we do in here fill the streets out there. / Let us dance for you.“. Eine solche Sprache impliziert, daß wir auf dieselbe Weise mit Gott reden könnten, wie wir mit einem romantischen Partner reden, oder, genauer gesagt, auf dieselbe Weise wie ein von Liebeskummer geplagter Teenager mit seiner Angehimmelten sprechen würde. Und jetzt kommt mein Haupteinwand: IRRE in jemanden verliebt zu sein [Original: „madly in love“], ist eine so unbeständige, instabile, unzuverlässige Sensation, daß eine solche „Liebe“ Gott gegenüber auszudrücken bestenfalls respektlos wäre. Also wie können wir, die es besser wissen, Gott diese teenie-mäßigen Liebeslieder zusingen?

Exilanten müssen jedenfalls wieder ein biblisches Verständnis des Wesens der christlichen Liebe zu Gott gewinnen. Wenn Gott zu lieben sich nicht nur um das Singen von Liebesliedern dreht, was gehört dann noch dazu? Es verlangt von uns, eine klarere Vorstellung davon zu entwickeln, was Liebe ist und was nicht, etwas, das traurigerweise in einer Welt abhanden gekommen ist, die in Bezug auf diese Thematik mehr durch die Lieder von Britney Spears oder Christina Aguilera beeinflußt wurde, als von der Lehre des Neuen Testaments. Was Jesus über die Liebe zu Gott lehrt ist wirklich sehr überraschend, wenn es mit den weichen, gefühltsbetonten Äußerungen verglichen wird, die in der Kirche vorherrschen.

Für Jesus ist es unmöglich, Gott zu lieben, wenn wir diese Liebe nicht physisch und tatkräftig im Leben unserer Nächsten ausdrücken. Dies ist ein unmißverständlicher Aspekt der Spiritualität Jesu: Hingabe an Gott drückt sich primär im Gehorsam gegenüber der Lehre Jesu und der Liebe zu Anderen aus. Die Verbindung zwischen der Liebe zu Gott oder Jesus und dem Gehorsam ihren Geboten gegenüber ist unverbrüchlich. Es geht nicht primär um eine emotionale Tiefe unseres Empfindens für Gott. Die Liebe zu Gott drückt sich im Handeln aus, in Entscheidungen, in einer willensmäßigen Verpflichtung, den Willen Gottes zu tun. Deshalb sind der Dienst an Armen, Freigiebigkeit und Gastfreundschaft zu zeigen oder Christus mit anderen zu teilen, Ausdruck der Liebe zu Gott. Wir lieben Gott, wenn wir unseren Ehepartnern gegenüber treu sind. Wir lieben Gott, wenn wir die Leidenden bergen. Für die ersten Nachfolger Jesu war das so offensichtlich, daß es im ganzen Neuen Testament zu finden ist. Im Zentrum des christlichen Glaubens liegt das Verständnis, daß Gott uns den höchsten Ausdruck seiner Liebe in der Selbsthingabe Jesu am Kreuz gezeigt hat. Wer wissen will, wie Gottes Liebe ist, muß auf das Osterereignis schauen. Nirgendwo wird Gottes Liebe besser gezeigt. „Christliche“ Liebe drückt sich in Gehorsam und Opfer aus. Und nur für den Fall, daß wir uns´fragen, wie wir eine solch hohe Berufung erfüllen können, erklärt uns Paulus, daß wir unsere Pflicht zu lieben durch den Heiligen Geist entladen sollen:

„Gott hat seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, den er uns gegeben hat.“ (Röm 5,5b)

Genau derselbe Heilige Geist der Liebe, der Jesus durch Gethsemane und weiter getragen hat, ist derselbe Geist der Liebe, der uns heute gegeben wird. Wie die Jünger Jesu sind wir aufgerufen, zu lieben, wie es Christus tat: Aufopfernd, verschwenderisch, demütig, bis hin zu persönlichem Leiden, ja sogar Tod. Dann ist Gottes Liebe keine abstrakte Vorstellung oder ein wie auch immer intensives Gefühl. Sie ist die leidenschaftliche Verpflichtung des Willens Gottes an das Gute.

Wie sollen wir also Gott lieben? Indem wir seinem Beispiel folgen, indem wir für andere „sterben“, damit sie die Freude des ewigen Lebens kennenlernen. Liebe und Handeln sind für Gott untrennbar, und das sollten sie auch für uns sein. Deshalb ist der höchste Ausdruck unserer Liebe zu Gott die Annahme der Sendung/Mission Jesu: Anderen zu dienen, Hungrige zu speisen, Niedrige zu ermächtigen, Kranke zu heilen und Menschen in eine Beziehung mit Gott als „Abba, Vater“ zu führen. Im christlichen Paradigma ist Liebe also eine Handlung. Sie ist ein Verb, nicht ein Substantiv. Zu lieben bedeutet etwas für andere zu tun, nicht notwendigerweise etwas für sie zu empfinden. Es ist der Wunsch nach ihrem geistlichen Wachstum, damit sie erblühen und gedeihen mögen und alles das werden, wozu sie Gott ursprünglich vorsah. Und interessanterweise lieben wir Gott also auch, indem wir seiner Schöpfung dienen. Das soll nicht heißen, das unserer Dienst an Gott und Anderen nicht mit Gefühlen verbunden ist. Ebensowenig, daß der Ausdruck solcher Gefühl in gemeinsamem Singen nicht angebracht wäre. Aber diese Gefühle sind gewiß wechselhaft und unverläßlich wie die „unsterbliche Liebe“ eines Teenagers. Auch wenn sie menschliche Gefühle und tiefes Empfinden ausdrückt, sollte gemeinsame Anbetung uns vorwärts zu einer größeren und tieferen Hingabe daran rufen, Gott durch den Dienst an Anderen zu lieben. Wenn dies das Ziel ist, dann ist es lohnenswert, über konkrete Wege nachzudenken, in denen wir unsere Liebe zu Gott ausdrücken, wie z.B.:

  • Wir lieben Gott, indem wir andere lieben: Du liebst Gott so sehr und nicht mehr, wie die Person, die Du am wenigsten liebst (Roland Croucher). Unsere Liebe zu Gott wird sich klar und direkt in unserer Liebe für andere ausdrücken, darunter die Armen, Unterdrückten, Marginalisierten und diejenigen, die zu lieben sich niemand Gedanken macht. Dies ist gewiß eines der augenfälligsten Merkmale des Lebens und Dienstes Christi selbst, und wir als seine Nachfolger müssen es als unsere Berufung erkennen, dasselbe zu tun.
  • Wir lieben Gott, indem wir Jesus gehorchen: „Wer mich liebt, wird meiner Lehre gehorchen“, sagte Jesus. Wir gehorchen Jesus nicht, um uns das Heil zu verdienen – es ist ein Geschenk, das wir gratis erhalten. Wir gehorchen seinen Geboten aus Liebe und Dankbarkeit für seine Gnade und Vergebung.
  • Wir lieben Gott, indem wir in seiner Gesellschaft verweilen: Wir verbringen Zeit mit Gott in Gebet, Fasten und Kontemplation. Indem wir die Gegenwart Gottes praktizieren (siehe Kapitel 3), geben wir durch tägliche Gemeinschaft zu erkennen, daß wir Gott lieben.
  • Wir lieben Gott, indem wir über die Dinge Gottes reden: Es ist einfach: Aus unserem Mündern kommt das, was aus unserem Herzen fließt. Es ist normal, über das zu reden, was wir lieben. Darum zeigt der Grad, in dem wir über die Dinge Gottes reden, unsere Liebe zu Gott.
  • Wir lieben Gott, indem wir uns nach der Rückkehr Christi sehnen: Das war ein zentraler Bestandteil des Denkens der ersten Christen. Sie sehnten sich nach der Wiederkunft Christi, und das wurde ein Teil der Brille, durch die sie das Leben und den Glauben betrachteten.
  • Wir lieben Gott, indem wir andere Götter und Götzen aufgeben: Ob es jetzt die Götzen der Lust, Gier, Gewalt oder des Hasses sind – wir werden regelmäßig von den „Göttern“ unserer Kultur versucht, die eine stärkere Untertanentreue unsererseits verlangen. Unser Gott könnte unser Magen sein. Es könnte unser Geldbeutel sein. Es könnte unser Rassismus oder unsere Angst sein. Wir lieben Gott, wenn wir danach trachten, solchen Götzendienst in unserem Leben zu eliminieren.
  • Wir lieben Gott, indem wir unser Leben hingeben: Christen müssen sich fragen, für wen oder was sie zu sterben bereit wären. Niemand kann sich vorstellen, daß dies in der westlichen Welt jemals der Fall sein könnte, aber unsere Brüder und Schwestern in China, Saudi-Arabien, Vietnam, Indonesion, Pakistan und anderswo leben unter einer solchen Bedrohung als alltäglichem Teil ihres Lebens in Christus. Wir dürfen das nicht vergessen.
  • Wir lieben Gott, indem wir das lieben, was Gott geschaffen hat: Wie früher schon dargelegt, ist es unmöglich, ein treuer Nachfolger des lebendigen Gottes zu sein und nicht um Gottes Schöpung, deren Fürsorge er uns anvertraut hat, besorgt zu sein. Wir müssen ebenfalls erkennen, daß jedes menschliche Wesen ein Geschöpf Gottes ist, von Gott geliebt ist und Respekt wie auch Würde verdient. Wo auch immer die Gemeinde in einer Host-Kultur Wurzeln schlägt, können wir sicher sein, daß es sich um eine Schöpfung Gottes handelt. Es ist das Werk Gottes, die Gemeinde rund um die Welt zu gebären. Und wir wissen, daß Gott die Gemeinde liebt. Damit ist eine der Arten, auf die wir unserer Liebe zu Gott Gestalt verleihen können, das zu lieben, was Gott liebt: Die verfolgte und leidende Kirche in der ganzen Welt.
  • Wir lieben Gott, indem wir anderen vergeben: Im Kern jeder Bitte um Vergebung von Gott muß die Bereitschaft stehen, denen zu vergeben, die „gegen uns gesündigt“ haben. Jesus lehrt und lebt beispielhaft vor, daß ein göttlicher Lebensstil beinhaltet, daß wir beständig unseren Feinden vergeben.

Diese kurze Untersuchung der biblischen Lehre über die Liebe zu Gott sollte es deutlich machen, daß es Jesus um eine viel handlungsorientiertere, nach außen hin ausgedrückte Vorstellung von Liebe ging, als die gefühlsbetontere, die heute von vielen Anbetungsliedern zum Ausdruck gebracht wird. Aber gibt es ein Problem damit, unseren Gefühlen der Liebe zu Gott Ausdruck zu verleihen? Sicherlich nicht, solange wir erkennen, daß diese Gefühle, so wunderbar sie auch sind, nicht die Essenz des christlichen Glaubens darstellen. Dieser Glaube gewinnt am Besten in der Handlung Gestalt. Wenn wir emotionale Lieder singen, ohne unser Verlangen danach, Gott zu lieben, auf die aktive Weise, die wir gerade untersucht haben, auszuleben, dann ist unser Glaube, wie Paulus verkündete, nur ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Aber durch die Geschichte hindurch haben Christen gemeinsam über das sehr emotionale Erleben der Liebe Gottes gesungen. [Beispielhaft listet Frost den Text von Samuel Trevor Francis’s „Oh the Deep, Deep Love of Jesus“ und Charles Miles’s „In the Garden“ (das Freunde von Johnny Cash auf „My Mother’s Hmynbook“ finden – aber wem sage ich das, Freunde von Johnny Cash wissen das ja eh…) auf. Auf letzeres Lied bezieht sich Frost im Folgenden.] Die tiefe, tiefe Liebe Jesu wurde in der Tat am Offensichtlichsten in einem Garten erfahren, aber nicht in der Form der Umarmung eines heimlichen Liebhabers, sondern vielmehr in der schweren Entscheidung Jesu im Garten Gethsemane, seiner Liebe zu seinem Vater den ganzen Weg bis ans Kreuz nachzugehen. Die tiefe, tiefe Liebe Jesu ist mit Schweiß und Blut, Todesangst, Demütigung und dem Verrat seiner Freunde befleckt. Über diese Liebe wollen wir singen. Wir wollen in einer Weise von ihr singen, die uns zu einem ähnlichen Maß an selbstlosem Opfer und hingegebenem Leben inspiriert.

Dieses Buch begann mit einer Betrachtung der Weise, in der die Exiljuden in Babylon ihren Glauben erhielten und ihrem einen Gott Jahve gegenüber treu blieben. Wir haben uns kurz die Lieder angesehen, die ihre Propheten im Exil gesungen haben, besonders die des Jesaja. Das sind keine rührseligen oder anwidernden Liebeslieder; es sind vielmehr gefährliche Lieder, revolutionäre Lieder – Lieder des Aufstandes, gesungen im Angesicht des Unterdrückers Israels, Babylon. Es wäre sicherlich illegal gewesen, diese Lieder öffentlich zu singen, oder sie Kindern beizubringen. Deshalb waren sie gefährlich: Sie konnten konnten ein Volk dazu anspornen, für die Freiheit zu kämpfen. Sie beginnen mit einer Verheißung Jahves und wachsen dann in ein Crescendo der Revolution:

„Denn ich bin der Herr, Dein Gott,
der Dich bei Deiner rechten Hand hält
und zu Dir sagt, Fürchte Dich nicht;
ich werde Dir helfen.
Hab keine Angst, Du Wurm Jakob,
kleines Israel, fürchte Dich nicht,
Denn ich selbst werde Dir helfen“, spricht der Herr,
Dein Erlöser, der Heilige Israels.

Israel ist ein Wurm in Babylon, eine verachtete und niedrige Gemeinschaft von Sklaven und Gefangenen. Dieses Lied mal ein genaues Bild ihrer kraftlosen Situation als Exilanten, aber es wagt auch, von Jahve als ihrem Erlöser zu träumen. [Frost spricht über Ruth und Boas und bilanziert dann:] Jesaja sieht Gott als Ehemann-Beschützer des untreuen Israel, einer der seinem Volk selbst in seiner dunkelsten Stunde der Not nicht den Rücken zuwenden kann. Im ganzen Buch hören wir Gott über die aufständischen Taten singen, die er im Interesse der Freiheit Israels vollbringen wird:

  • Gott verspricht, ihnen ihr Eigentum wiederzugeben und ihr Land wiederherzustellen (Jes 54,1-3).
  • Gott wird sie aus der Sklaverei in Babylon befreien (Jes 52,11f).
  • Gott wird sie an denen rächen, die sie verfolgten (Jes 49,25f; 64,4).
  • Gott wird gut für die zukünftigen Nachkommen Israels sorgen (Jes 61,8f).

In Babylon solche Verheißungen zu singen, war gleichbedeutend mit Verrat, aber Jesaja selbst sagt: „Um Zions willen will ich nicht schweigen, um Jerusalems willen werde ich keine Ruhe geben“ (Jes 62,1). Der wahre Revolutionär kann auch im Angesicht von Verfolgung seitens eines ungerechten Regimes nicht still bleiben. [Es folgt ein Abschnitt über Martin Luther King Jr.] Exilanten wissen, daß auch angesichts offener Ablehnung oder sogar Verfolgung das Wort des Herrn gesungen werden muß. [Nach einem Abschnitt über die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die französische Revolution, die Revolution in Deutschland, welche die Wende einleitete, die philippinische, südafrikanische und ukrainische Revolution fragt Frost] Ist die radikale Lehre Jesu nicht ebenso revolutionär wie jedes dieser Beispiele politischen Umbruchs? Hat er uns nicht zu einer Revolution der Gnade, des Friedens und der Gerechtigkeit berufen? Und hat er uns nicht gesagt, daß wir, wenn wir ihn lieben, seinen Geboten folgen werden? Seine Botschaft ist ein Aufruf zum Aufstand, zur Meuterei gegen die Werte dieses unseren Host-Imperiums. Dies ist eine Welt, in die wir nicht gehören. Dies ist Babylon. Wir wurden von dem Revolutionär dazu berufen, unsere Liebe zu ihm in Aktion zu zeigen, in aufsässigen Taten der Freigiebigkeit und Freundlichkeit, im Kampf gegen Ungerechtigkeit, in der Vision eines Aktivisten für eine erneuerte Welt, in der Gott als der eine, wahre Gott anerkannt wird und sich jedes Knie im Dienst für ihn beugt. Ist dies nicht das Endziel der tiefen, tiefen Liebe Jesu?

Die erste bittere Lektion in einer Ehe besteht darin, die Person zu lieben, die wir geheiratet haben, anstelle der Vorstellung, die wir heiraten wollten. Ich muß auch bekennen, daß Jesus sich nicht als derjenige herausgestellt hat, den ich geheiratet zu haben dachte. Meine romantischen Vorstellungen des zahmen Jesus, sanft und mild, sind verdampft. Er hat sich als ein viel fremdartigerer und unvorhersehbarerer Gott herausgestellt, als ich es mir in meinen Teenagerjahren vorgestellt hatte. Ich dachte, er würde mich in einer ewig warmen und bequemen Weise lieben, sicher in seinen liebenden Armen. Aber es hat sich herausgestellt, daß er mir desöfteren in den Hintern getreten hat und mich auf eine Art zu wachsen gezwungen hat, die ich mir nie vorgestellt hatte. Seine Liebe war fordernd, hart, kompromisslos. Ich will damit nicht sagen, daß er nicht wunderbar großzügig und geduldig mit mir gewesen wäre. Aber es ist eine Liebe, die mich nicht so lassen wollte, wie ich war, die darauf bestand, daß ich erwachsen würde und mich im Kern dessen, das ich zu sein glaubte, verändern würde. In jeder Hinsicht ging es dabei um mein höheres Gut, aber das war nicht alles leicht und süß. Und wurde ich von ihm enttäuscht? Ja sicher, vielmals, jedoch gewiß nicht so oft, wie ich annehme, daß er von mir enttäuscht war. Aber unsere Liebe hat Enttäuschung und Versagen überlebt und ist dadurch stärker geworden. Nach fast dreißig gemeinsamen Jahren mit Jesus sind meine Identität und mein Sinn im Leben so eng mit meiner Beziehung mit ihm verwoben, daß ich all diese Geschichte nicht wieder auftrennen und mich abseits von ihr wiederfinden könnte. Wir sind jetzt in einer Partnerschaft für’s Leben – zum Guten und zum Schlechten. Madeleine Engle schreibt in The Irrational Season:

Ich habe gelernt, daß es immer ein nächstes Mal geben wird, und daß ich in der Dunkelheit abtauchen, aber daß ich nicht unter Wasser bleiben werde. Und jedesmal wurde etwas unter Wasser gelernt, etwas wurde gewonnen, eine neue Art der Liebe ist gewachsen. Das Beste, um das ich bitten kann, ist, daß diese Liebe, die auf zahllosem Versagen aufgebaut wurde, weiter wachsen wird. Ich kann nicht mehr sagen, als daß dies ein Geheimnis ist, ein Geschenk und daß auf irgendeine Weise unser Versagen durch Gnade erlöst und gesegnet werden kann.

Es liegt etwas reicheres, tieferes und weiseres in diesen Worten, als im Schaum und Blubbern neu gefundener Liebe. Das Verliebt-sein-auf-den-ersten-Blick läßt die Liebenden denken, daß sie sich für immer so tief und einwandfrei lieben werden. Anbetungslieder, die auf dieser leichtgläubigen, naiven, simplistischen Sicht der Liebe basieren, berühren mich nie. Meine Beziehung zu Gott durch Jesus hat mich beizeiten desillusioniert, enttäuscht und verwirrt zurückgelassen. Unsere Liebe wurde auf zahllosem Versagen erbaut, aber es ist eine Liebe, die beständig in die Tiefe wächst, wie ein Ozean, ein dunkles, unergründliches Meer, auf dem regelmäßig Hoffnung und Freude und sogar Triumph aufblitzen. Dürfte ich bitte hierüber singen? Dürfte ich über das Geheimnis von Gottes Gnade im Angesicht von Ärger und Schmerz singen? Kann ich Gott für seine Treue in der Not des Exils und der Abgeschiedenheit anbeten? Kann ich, wie bei den Schlachtgesängen der Revolution, dazu inspiriert werden, mit dieser lebenslangen Reise des Dienstes, der Hingabe und Freundschaft weiterzumachen, trotz der Kämpfe und Schwierigkeiten, welche die Treue gegenüber Gott auf fremdem Boden mit sich bringt? Wo sind die Verfasser von Anberungsliedern, die eine neue Stimme für Exilanten schaffen können, die den romantischen Unsinn nicht singen können, den wir heute in zu vielen Gemeinden hören?

Viele gegenwärtige Songwriter lieben Passagen wie die folgende aus Jes 42:

Singet dem Herrn ein neues Lied,
sein Lob von den Enden der Erde
Ihr, die ihr zur See fahrt und alles im Meer,
ihr Inseln, und alle, die darauf wohnen.
Die Wildnis und ihre Städte mögen ihre Stimmen erheben,
Die Siedlungen Kedars sich freuen.
Das Volk Selas singe vor Freude,
sie sollen von den Gipfeln der Berge rufen.
Sie sollen dem Herrn Herrlichkeit bringen,
und sein Lob den Inseln verkündigen (Jes 42,10-12).

Es gilt im Gedächtnis zu behalten, daß dies an ein unterdrücktes Volk geschrieben wurde, an Exilanten, die des Jochs der Sklaverei müde waren, die von Gott enttäuscht waren und sich nach Freiheit und Rechtfertigung sehnten. Das Lied geht weiter und kommt an ein Crescendo, als Gott wie ein mächtiger Krieger erscheint, der sein eigenes Lied als Antwort auf des eben gehörte Loblied singt. Gottes Lied ist jedoch kein hohles, gefühlsmäßiges Liedchen, sondern eine wilde, stürmische, aufrührerische, revolutionäre Hymne:

Ich schwieg wohl eine lange Zeit,
war still und hielt an mich
Nun aber will ich schreien wie eine Gebärende,
ich will laut rufen und schreien.
Ich will Berge und Hügel zur Wüste machen
und all ihr Gras verdorren lassen
und die Wasserströme zu Land machen
und die Seen austrocknen.
Aber die Blienden will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen;
ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen.
Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen
und das Höckerige zur Ebene.
Das alles will ich tun
und nicht davon lassen.
Aber die sich auf Götzen verlassen
und sprechen zum gegossenen Bilde: „Ihr seid unsere Götter!“,
die sollen zurückweichen und zuschanden werden.

Hier ist genau das Wort, das Exilanten hören müssen. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß der niedrige Exilant am Ende für seinen oder ihren Glauben an Gott gerechtfertigt werden wird, daß das momentane Erleben nicht das letzte Wort ist. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß die hochgradige Sinnlosigkeit des Reality TV unsere Sehnsucht nach echtem Leben nicht befriedigen kann. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß die vorgetäuschten Beziehungen, die Menschen online haben, indem sie falsche Namen benutzen und vorgeben, etwas anderes zu sein als was sie sind, nicht die Art sind, in der wir uns aufeinander beziehen sollten. Es ist ein Aufruf, zu glauben, daß es einfach nicht richtig ist, daß die reichsten 20% der Weltbevölkerung mehr als 80% des gesamten Welteinkommens erhalten. Es bekräftigt, daß es böse ist, daß Zehntausende jeden Tag verhungern, während wir in einer Nation der Übergewichtigen und Fettleibigen leben. Gottes Lied, gesungen wie eine Frau in den Wehen, bringt eine neue Hoffnung zur Welt, eine Hoffnung, daß wir als Exilanten niemals „zuhause“ sein werden in einer Welt obszön mächtiger Konzerne und Technokraten, ansteigender Militarisierung, unaussprechlicher Gier und Habsucht. Und schließlich warnt es uns, daß wir als Exilanten uns weigern müssen, den Götzen unseres Host-Imperiums zu vertrauen. Wir können den Versprechungen unseres Imperiums in der Zeit nach Christendom nicht vertrauen. Wir dürfen den Konzernen, in die wir unser Geld investiert haben, nicht sagen: „Ihr seid unsere Götter“. Genausowenig den Einkaufszentren, Fast-Food-Ketten, Hollywood, politischen Parteien, Televangelisten, Zeitschriften, Magazinen oder Fernsehapparaten. Wer dies tut, wird zurückweichen müssen und zuschanden werden.

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[Schnappschüsse] Weihnachtsfeiertage

27. Dezember 2006

Da Manu so lieb war, mir sein altes 6230 zu überlassen, werden an dieser Stelle in lockerer Folge immer mal wieder verwackelte Bilder aus meinem Leben erscheinen. Den Anfang machen drei Pix, die Einblicke in mein Weihnachtsfest geben…

  • Heiligabend-Gottesdienst in Heimerdingen, fotografiert aus dem Handgelenk während des Singens 😉
  • Coretta nagt am (Misereor-)Hungertuch, 26.12., 4:00 Uhr morgens in Talheim
  • Schnee unter meinen Füßen! 26.12., 23:58, irgendwo im Nirgendwo bei Kapfenhardt

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Exiles (12) – Exilanten am Altar

27. Dezember 2006

{Das ist der dreizehnte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Zugegebenermaßen der ausuferndste, aber Frosty verbindet hier viele Kapitel aus dem Buch und spricht mir mehr noch als bisher aus dem Herzen. Dazu habe ich einige Beispiele drin gelassen, die das Gesagte verdeutlichen. Die Vorgängerposts zum selben Buch: 1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12}

Wenn eine missionale Gemeinde einen öffentlichen Gottesdienst hat, dann ist stellt dieser buchstäblich nur die Spitze des Eisbergs dar – ein sehr kleiner, sichtbarer Teil eines viel größeren Körpers. Warum können wir uns unser gemeinsames „Gemeinden“ [Anm. DoSi: als Verb verstanden – ich gemeinde, du gemeindest etc.] nicht als ein Netz von Beziehungen vorstellen? Warum sind wir besessen von einer einzelnen Veranstaltung, anstatt daß wir den Rhythmus einer Gemeinschaft suchen, die zusammen gemeindet?

Im Mittelalter wurden alle Menschen Europas aufgrund ihrer Kindertaufe als Christen angesehen. Darum brauchte die Kirche nicht mehr missional zu sein. Und weil sie keinen missionalen Beitrag mehr zum europäischen Christentum leisten konnte, beschränkte sie sich auf die eine Hauptfunktion, die sie noch anbieten konnte: Rituale zur Anbetung. Dies wurde die Spezialität der Kirche in der Zeit des Christendom. Das Resultat von beinahe zwei Jahrhunderten Christendom ist, daß Christen sich an die Vorstellung gewöhnt haben, ihr Glaube bestünde nur aus der Teilnahme an bestimmten Treffen – Gottesdiensten, Heiraten, Beerdigungen, Gebetstreffen usw. Selbst heute, in unserer durch und durch vom Post-Christendom geprägten Zeit, in der die Hauptaufgabe der Kirche – die Ausrichtung religiöser, liturgischer Gottesdienste – irrelvant geworden ist, können Christen (darunter viele Exilanten) den Gedanken des Christentums nicht von einem wöchentlichen Gottesdienst trennen.

Die frühen Christen hatten weder Gebäude, noch Priester, noch alte Liturgien. Sie fanden den Grund für ihr Dasein nicht in einem wöchentlichen Gottesdienst, sondern in ihrer gemeinsamen Verpflichtung, Gott in Christus zu verherrlichen. Sie wurden von den Römern nicht als neue Religion angesehen, sondern eher als Antireligion. Obwohl die Wurzeln unserer Bewegung in einer Antireligion liegen, liegt der Fokus der gegenwärtigen Form des Gemeindelebens sehr stark auf religiösen Treffen, Liturgien, „Priestern“ (ob das jetzt Prediger oder Anbetungsleiter sind), Bauwerken und Veranstaltungen. Die Anstellung von Personal und die Errichtung von Gebäuden mündet in einen Teufelskreis. Die Gemeinde muß beständig neue Leute anziehen, damit Gebäude und Personal finanziert werden können. Selbst wenn eine Gemeinde daraus ausbrechen will, werden sie von ihren finanziellen Verpflichtungen daran gehindert.

Aber es gibt einen weiteren Grund für unser Besessensein von gemeinsamen Gottesdiensten, und dieser liegt in einem falschen Verständnis der reformatorischen Lehre über Anbetung. Ein berühmter Satz aus der Westminster Confession lautet: „Das Hauptziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.“ [Anm DoSi: Im Original: „Man’s chief end is to glorify God, and to enjoy him forever.“] Die meisten Christen sind sich sicher darin, daß der Hauptzweck der Menschheit die Verherrlichung Gottes ist. Und sie sind sich gleichermaßen sicher, daß das Hauptvehikel zur Verherrlichung Gottes der gemeinsame christliche Gottesdienst ist. Aber ist das wirklich der Fall?

Viele Christen aus der reformatorischen Tradition sehen unsere Hauptaufgabe in der Anbetung Gottes. Und diese hat im Gottesdienst zu geschehen. Ein solcher, auf rechte Weise durchgeführter Gottesdienst kann nach ihrer Ansicht unterschiedliche Elemente enthaten, zentral ist jedoch die Predigt des Wortes Gottes durch einen rechtmäßig ausgebildeten und anerkannten Lehrer/Priester. Viele Christen unserer Zeit sehen das Hauptziel der Menschheit in der Teilnahme an einer solchen Zusammenkunft. Demzufolge besteht ihre Vorstellung von Evangelisation darin, daß es hauptsächlich darum geht, Ungläubige in den Gottesdienst mitzubringen, wo diese dann eine formgerechte Predigt der Bibel im Kontext einer anbetenden Gemeinschaft hören werden.

Die Aussage, die es zu untersuchen gilt, impliziert, daß unser Hauptziel als Christen ein zweifaches ist: Gott zu verherrlichen und uns an ihm zu erfreuen. Zunächst einmal: Was bedeutet es, Gott zu verherrlichen? Beschränkt sich das auf das Singen von Anbetungsliedern und die Teilnahme am Gottesdienst? Im allgemeinen Verständnis von Gottes Herrlichkeit hat diese zwei Komponenten, wesenseigene und deklarative Herrlichkeit. Die wesenseigene Herrlichkeit ist Gottes eigene, intrinsische Herrlichkeit. Gott ist per se herrlich. Gottes deklarative Herrlichkeit wird ihm von seiner Schöpfung zugeschrieben. Dies ist der kleine Teil, den wir beitragen können. Zu Gottes wesenseigener Herrlichkeit können wir nichts hinzufügen, unser Beitrag gilt der deklarativen Herrlichkeit Gottes. Gott zu verherrlichen bedeutet deshalb, den Namen Gottes in der Welt zu erheben und Gott in den Augen anderer groß zu machen. Gemäß dem Westminster Katechismus verherrlichen wir Gott auf viererlei Weise:

  • Würdigung (Liebe, Respekt): Gott wertschätzen in all unserem Denken und Glauben, in all unserer Bewunderung und Vorstellungskraft.
  • Verehrung (öffentliche Anbetung): Gott auf eine fromale, liturgische Weise in einer öffentlichen Zusammenkunft anbeten.
  • Zuneigung (lieben, sich erfreuen): Gott lieben, ihm eine freudige Liebe darbringen, unsere Herzen auf Gott ausrichten und ihm unsere Liebe geben.
  • – Unterwerfung (Gehorsam, Dienst): Uns dem Dienst Gottes durch unsere Handlungen widmen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Bibelstudium, Gebetsleben, Zeugnis, mitfühlsames Leben, Freigiebigkeit und Gastfreundschaft, die in Gottes Namen dargebracht werden. Wer dem göttlichen Willen durch Dienen gehorcht, verherrlicht Gott.

Ich denke, das Bekenntnis von Westminster hat es ziemlich gut getroffen. Ich verherrliche Gott, wenn ich die Bibel studiere, den Armen zu Essen gebe, mit meinem Nächsten teile, einen Gebetspaziergang den Strand entlang mache und dabei dem Himmel für seine Schönheit danke, wenn ich von der Schönheit der Schwertlilien Van Gogh’s, der Heuschober Monet’s oder der Äpfel Cezanne’s tief berührt werde, wenn ich ein Waisenhaus in Vietnam besuche, meinen Parlamentsabgeordneten mit der Bitte um mehr Geld für Entwicklungshilfe anschreibe oder eine Zusammenkunft mit anderen Gläubigen besuche, wo wir singen, beten oder Gott auf andere Weise gemeinsam anbeten. Bei all dem verherrliche ich Gott. Auch wenn die Teilnahme an einem Gottesdienst ein Weg ist, Gott zu verherrlichen, ist es nicht der einzige Weg.
Der zweite Teil unserer Aufgabe ist es, gemäß des Westminster Bekenntnisses, uns für immer an Gott zu erfreuen. Welch eine wundervolle Vorstellung! Wenn wir die Verherrlichung Gottes zu unserem Hauptziel machen, dann öffnen sich unsere Augen für die unzähligen Möglichkeiten, auf deren Weise wir uns hier auf Erden an Gott erfreuen können. Ein Besuch in einer Kunstausstellung wird zur Anbetungszeit. Eine Speisung von Obdachlosen wird zum Akt der Gemeinschaft mit Gott. Ein Tag im Haus des Herrn ist wunderbar, aber die tausend Tage draußen sind ebenfalls großartig. Eine solche süße, alltägliche Gemeinschaft mit Gott zu genießen bleibt für die meisten Menschen ein Rätsel und ein Geheimnis, aber diejenigen von uns, die Gottes erstaunliche Gnade in Christus erfahren haben, können sich gar nicht vorstellen, wie jemand das Leben genießen könnte, ohne sich an Gott zu erfreuen. Ich persönlich kann es mir nicht vorstellen, körperliche Gesundheit, tolle Freunde, glückliche Zufälle oder irdische Freuden zu genießen, ohne gleichzeitig Gott zu genießen. Eine solche Freude kann genauso in einer tiefen und befriedigenden gemeinsamen Anbetungszeit erfahren werden. Es gibt nichts, was mit der Freude verglichen werden kann, die wir empfinden, wenn wir unsere Hände und Stimmen erheben und gemeinsam wie mit einer Stimme zum Lob Gottes singen. Aber wir dürfen unsere Freude an Gott nicht auf diese Erfahrungen reduzieren. Wenn wir unseren Rasen mähen, die Hecke zurückschneiden, die Blumenbeete düngen und dabei eine mächtige Gemeinschaft mit dem Gott der Schöpfung verspüren, dann erfreuen wir uns an Gott. Wenn wir mit lieben Freunden für die Nöte eines anderen beten und uns in dieser Sache tief mit unseren Mitgläubigen verbunden fühlen, erfreuen wir uns an Gott. Sich an Gott zu erfreuen bedeutet aber auch, daß wir uns dem langsamen und beständigen Werk der Heiligung unterziehen und jeden Teil unserer Welt auf die Herrlichkeit Gottes hin orientieren. Wenn wir uns der Lust, Gier oder anderen ungöttlichen Sinnesfreuden hingeben, verherrlichen wir Gott nicht. Sich an Gott zu erfreuen bedeutet auch, den „Schmerz“ eines hingebungsvollen und disziplinierten Lebens zu leben. Schädigenden Trieben zu widerstehen ist ein Teil der Freude an Gott und bringt ihm Herrlichkeit. Ebenso geschieht das, wenn wir Arme speisen, Obdachlose aufnehmen, Kranke besuchen, Wunden verbinden etc. Ich stimme von Herzen der Aussage zu, daß es unsere Hauptaufgabe ist, Gott zu verherrlichen und uns an ihm zu erfreuen, solange dies mehr als nur die gemeinsame Anbetung im Gottesdienst ist.

Worauf zielt Gott mit der Welt ab? Am Ende der Offenbarung wird die erlöste Stadt beschrieben, in der es keinen Tempel braucht, um Gott anzubeten, weil Gott selbst in der Mitte seines Volkes wohnt. Sich an Gott zu erfreuen, bedeutet, nach einer solchen Welt im Hier und Jetzt zu streben. Eine Welt der Gesundheit und des Friedens für kranke Kinder. Eine Welt, in der Arbeiter ihr eigenes Zuhause genießen und auf ihrem eigenen Land leben können, ohne von der Barmherzigkeit habgieriger Landesherren abhängig zu sein. Eine Welt, in der Gott immer bei uns gegenwärtig ist. Eine Welt, in der Klagen und Weinen der Vergangenheit angehört. Das ist die Art Welt, in der wir uns für immer an Gott erfreuen könnten. Aber sich an Gott zu erfreuen, beinhaltet noch mehr. Wenn es unser Endziel ist, Gott zu verherrlichen und uns an ihm zu erfreuen, was ist dann die Rolle Gottes? Falls Gott dafür existiert, die Menscheit zu erlösen, dann müssen wir als die Erlösten dies zu unserem Hauptanliegen machen. Diese Denkweise führt viele christlichen Lehrer und Autoren zu der Annahme, Evangelisation sei unsere primäre Aufgabe. John Piper vertritt in seinem Buch Desiring God einen leicht anderen Standpunkt. Er nimmt an, daß die Erlösung der Menschheit nicht das Endziel Gottes ist:

Gottes Rettungshandeln ist das Vorletzte, nicht das Letzte. Errettung, Erlösung und Wiederherstellung sind nicht das Endziel Gottes. Sie dienen einem größeren Zweck: Nämlich, die Freude, die er an der Verherrlichung seiner selbst empfindet.

Wie Piper darlegt, ist Gott umfassend selbstsuffizient und absolut souverän, Gott fließt immer über mit Energie um deretwillen, die ihr Glück in Gott suchen. Pipers einfallsreiche Überarbeitung des Bekenntnisses von Westminster besagt, daß es das Endziel der Menschheit ist, Gott zu verherrlichen, um sich für immer an Gott zu erfreuen. Wenn wir uns an einen Lebensstil hingeben, der Gott geweiht ist und darauf abzielt, ihm Ehre zu bringen, ist es die zweite, natürliche Konsequenz, daß wir mit Freude und Zufriedenheit erfüllt werden, weil wir vom Glück eines verherrlichten Gottes trinken. Und das Gegenteil ist ebenso wahr: Worum es in unserem Leben geht, ist die Verherrlichung Gottes durch die Freude an ihm. Zwischen Pflicht und Vergnügen kann hier kein Unterschied gemacht werden, als ob diese sich polar gegenüberstehen würden. Für den Nachfolger Gottes ist die Pflicht ein Vergnügen. Dies ist das Vorbild, das uns in Jesus offenbart wurde. Er nimmt die Pflicht des Kreuzes wegen der Freude an, die sie seinem Vater bringt. Dies scheint uns ein verwirrender Gedanke zu sein, daß ein Vater vom Leiden seines Sohnes Freude ziehen könnte. Aber in einem weiteren oder globalen Sinn geschieht genau das. Zweifellos haßte Gott den Schmerz und das Leiden. Gott haßte die Sünde, die Christus trug. Wenn wir aber durch eine breitere Linse schauen, dann erkennen wir, daß der Vater an dem die Sünde bedeckenden, den Tod überwindenden Gehorsam seines Sohnes Jesus Freude empfand. Gottes Freude über die Erfüllung des endgültigen Zieles – die Verherrlichung Gottes – überwiegt die verengte Sicht des Leidens. Der Punkt ist, daß Gottes Streben nach Lobpreis von uns und unser Streben nach Freude an Gott ein und dasselbe Streben sind. Gottes Streben danach, verherrlicht zu werden und unser Streben danach, zufriedengestellt zu werden, erreichen beide ihr Ziel in ein und derselben Erfahrung: Unserer Freude an Gott, die in ein gehorsames, göttliches Leben mündet. Für Gott stellt ein an die göttliche Herrlichkeit hingegebenes Leben das süße Echo auf Gottes eigene Exzellenz im Herzen des Volkes dar. Für uns sind Lobpreis und Göttlichkeit der Gipfel der Zufriedenheit, die aus einem Leben in Gemeinschaft mit Gott kommt. Gott ist für uns!
Anstatt zu sagen, daß es unser Hauptziel ist, „Gott zu verherrlichen und uns für immer an ihm zu erfreuen“, schlage ich eine noch simplere Maxime vor: „Das Hauptziel der Menschheit ist es, Gott zu gefallen.“ [Anm. DoSi: „The chief end of humankind is to please God“]. Das bedeutet, daß wir zur Freude beitragen, die Gott über seine eigene Herrlichkeit empfindet. Dieses war sicherlich das vorrangige Ziel von Jesu eigenem Dienst. Er lebt uns beispielhaft vor, wie ein menschliches Leben aussieht, das ausschließlich zur Freude Gottes gelebt wird. Gott kann nichts anderes tun, als ausdrücklich seinen Wohlgefallen am gehorsamen Leben seines Sohnes ausdrücken. Die Erwartung, daß wir Gott auf eine ähnliche Weise Freude bereiten könnten, wie das Jesus getan hat, mag vielleicht etwas unverfroren erscheinen. Die meisten von uns fühlen für gewöhnlich, daß wir Gott durch unser Scheitern und unseren Ungehorsam enttäuschen und ihm Sorge bereiten. Aber vielleicht wäscht das gottgefällige Werk Jesu ja alle Verurteilung weg, die uns treffen sollte. Die Ziele Gottes sind und werden erreicht, unabhängig davon, ob wir scheitern. Die Freude Gottes können wir nicht verringern. Wenn wir durch Glauben an Christus mit Gott versöhnt sind, dann werden die Enttäuschung und die Sorge, von der wir annahmen, Gott würde sie uns gegenüber empfinden, von dem Tsunami der Freude überflutet, die Gott von seiner Verherrlichung durch Christus empfängt. Frei von Verdammung sollte sich unsere Sichtweise dahingehend erneuern, daß dies das eine Endziel ist, für das die Menschheit geschaffen wurde. Alles andere, was wir sein, tun oder wonach wir streben mögen, ist nur ein Mittel zu diesem Zweck. All unser Dienst an anderen, unsere gemeinsame Anbetung, unser Kummer über Sünde, jedes Opfer, jede Sehnsucht – alles muß dem höheren Zweck, Gott zu erfreuen dargebracht werden. Und selbst wenn wir Gott enttäuschen, erfreut sich Gott immer noch an Gottes Selbst, weil Gott durch die weitere Linse sieht. Wir haben einen fröhlichen, ewig frohlockenden Gott. Mit einem großen und robusten Glauben an unseren glücklichen Gott, sollten wir in der Lage sein, alle Dinge als Möglichkeit ansehen, Gott mehr Freude zu bringen. G.K. Chesterton wird nachgesagt, er habe gewitzelt, Gott sei das einzig übrige Kind im Universum und alle anderen seien durch die Sünde alt und zynisch geworden. Ein solcher Glaube sollte Exilanten dazu befähigen, es anzuerkennen, daß unser ganzes Leben auf Gott gerichetet sein kann und deshalb Gott verherrlichen kann. Ebenso wird ein zum Wohlgefallen Gottes gelebtes Leben bedeuten, daß unsere Entscheidungen, unsere Vorlieben und unsere Wünsche sich unserem größeren Ziel unterordnen. Den Herrn zu lieben oder sich am Herrn zu erfreuen oder dem Herrn zu gehorchen oder sogar die Erlösung des Herrn an erster Stelle anzunehmen – all dies sind nur Mittel, die dem Hauptziel dienen sollen, nämlich Gott zu gefallen. Krankenschwestern gefallen Gott, wenn sie das Gott verherrlichende Werk tun, Kranke zu heilen. Lehrer tun das [Gott gefallen], wenn sie ihre Schüler die Wahrheit lehren. Läufer tun das, wenn sie schnell laufen. Und wenn wir mehr und mehr mit Gottes unaufhaltsamem Ziel seiner Selbstverherrlichung zusammenarbeiten, bringen wir Gott und uns immer mehr Freude. Wie Jesus werden wir buchstäblich leuchten. Warum scheinen viele Anbetungsleiter davon auszugehen, daß die vorrangige Art, wie wir Gott Freude bringen, der gesungene Lobpreis ist? Unser ganzes Leben soll zum Lob Gottes gelebt werden, als Ausdruck der Herrlichkeit Gottes, sie sollten zur Freude beitragen, die Gott an Gottes Selbst hat und in der Erfüllung des göttlichen Willens auf diesem Planeten.
Selbstverständlich spricht nichts davon gegen gemeinsame oder öffentliche Lobpreiszeiten. Wir verherrlichen Gott durch Würdigung, Zuneigung, Unterwerfung und Verehrung. Dieser Aspekt der Anbetung ist essentiell, aber es war meine Hoffnung, ihm wieder seinen Platz zu geben als eine Art und Weise, auf die wir Gott verherrlichen, nicht die einzige. Aus meiner Perspektive sollten Gottesdienste der gemeinsame Ausdruck dessen sein, was aus dem normalen Leben einer Gemeinschaft überfließt, die täglich auf irgendeine Weise miteinander gemeindet. Wenn wir eine Gemeinschaft sind – ein Netz oder Netzwerk von Beziehungen – der es hauptsächlich darum geht, Gott Freude zu bringen, dann werden die Zeiten, an denen wir uns gemeinsam versammeln, das widerspiegeln. Und wenn wir an gemeinsamen Gottesdiensten teilnehmen, beten wir Gott natürlich genau deshalb an, weil er unseres Lobes würdig ist und nicht als Werbemaßnahme, um Christen anzuziehen, die über andere Gemeinden verärgert sind. In der Kultur der Zeit nach Christendom muß die Kirche als eine Parallelgesellschaft anbeten. Unsere gemeinsame Versammlung gibt uns die Möglichkeit, unsere Sprache zu sprechen, unsere Geschichten über das Wirken Gottes zu lesen, authentische Glaubenslieder in allen Stilarten zu singen, unsere Gebete zu singen und auszugießen, bis wir die Wahrheit so gut kennen, daß wir hinaus in die Welt gehen können, die uns umgibt, und diese Welt mit der Botschaft unseres Freundes Jesus zu durchdringen. Exilanten werden von den biblischen Erzählungen geformt, die eine andere Geschichte als die der sie umgebenden Kultur erzählen. Indem sie die Mission annehmen, diese Kultur zur Herrlichkeit Gottes zu zerrütten [Anm. DoSi: to subvert – also zerrütten, umstürzen, untergraben – er meint genau das ;-)], werden Exilanten zu einer Gemeinschaft geformt, die ihre eigenen und ihr gemäßen Liturgien und Rhythmen zur Anbetung entwickeln wird. Die gefährlichen Geschichten von Jesus zu kennen, kann uns nur hinauf und heraus aus dem Kaninchenbau und hinein in die uns umgebende Welt treiben. Wenn wir das Vorbild Jesu authentisch verstehen und anwenden, wird uns Bequemlichkeit und Sicherheit unbehaglich vorkommen. Es sendet uns hinaus, jemandem oder etwas anderem als uns selbst zu dienen. Kurz gesagt landen wir bei der Mission, Gastfreundschaft, Freigiebigkeit, Gerechtigkeit und Frieden zu üben. Das nächste Glied in der Kette kommt dann, wenn wir die liminale Erfahrung der Mission machen, die über unsere Kraft geht und wir uns nach anderen Gläubigen ausstrecken, die uns auf dieser Reise unterstützen. Dann entwickeln wir Rhythmen und Muster dafür, miteinander zu gemeinden. Diese Rhythmen kommen aus dem sozialen Kontext, in dem wir stehen. Es ist essentiell, miteinander anzubeten, denn wenn wir Gott in diesem liminalen, missionalen Raum erfahren, sehen wir Gott am Wirken, sich selbst verherrlichend, und wir wollen Gott dafür anbeten, daß er ein wunderbarer, glücklicher und gnädiger Gott ist. Wahre Anbetung (im Unterschied zum bloßen Singen von Liedern) kommt aus der Beschaffenheit einer missionalen Gemeinschaft. Exilanten haben es satt, zu einem Publikum zu gehören, ihr Geld zu bezahlen und eine anständige Darbietung mit ordentlicher Predigt, schicklicher Musik und bequemer Sitzgelegenheit zu erleben. Sie haben es satt, jede Woche aufzukreuzen, aber kaum jemanden zu kennen und den Darstellern auf der Bühne dabei zuzusehen, wie sie ihr Ding durchziehen. Kurz gesagt, haben sie vom Christendom geprägte, von der Bühne aus gelenkte Gottesdienste hinter sich gelassen. Wie ich bereits früher gesagt habe, schließt nichts hiervon gemeinsame Anbetung aus. Tatsächlich ist es unbedingt notwendig, daß Gruppen von Exilanten sich miteinander treffen, um Gott anzubeten, so wie sie von ihrer liminalen Erfahrung der Mission dazu inspiriert werden. Anbetungszeiten werden ein Ausdruck des gememeinsamen Ausflusses unserer geteilten Leben sein, und sie können jede mögliche Form annehmen, welche die Gemeinschaft für passend erachtet. Sie werden nicht die Summe des Lebens der Gemeinschaft sein, sondern eher das, was aus ihm überfließt. Es sollte Tage dauern, um eine missionale Gemeinschaft kennenzulernen, nicht nur die neunzig Minuten ihres Gottesdienstes. Werden missionale Gemeinschaften anders anbeten/andere Gottesdienste feiern als die Gemeinden des Mainstream? Aus den bereits erwähnten Gründen gehe ich sehr davon aus und es gibt Hinweise darauf, daß eine Revolution der Anbetung vor sich geht, die von Exilanten angeführt wird. Gesang und Predigt, die beiden zentralen Elemente eines protestantischen Gottesdienstes, sind hauptsächlich dazu da, Lehre zu vermitteln. Das Geheimnisvolle, Staunenswerte und Ehrfürchtige ist verschwunden. Exilanten fangen damit an, Anbetungserfahrungen zu schaffen, welche die Beteiligung aller erfordern und vielerlei Möglichkeiten für die Interaktion der Gruppe anbieten. Viele Exilanten haben versucht, die geistlichen Übungen der Kontemplation und der Meditation wiederzuentdecken, Beziehungen und Gemeinschaft zu betonen, Transzendenz und Geheimnis, Erfahrbares und Symbolisches. Solche Gottesdienstarten/Anbetungsformen sind überaus kreativ, in tiefer Weise auf Gott ausgerichtet und gleichzeitig wunderbar spielerisch und bedeutungsvoll. Mein vorrangiges Ziel ist hier nicht, die gemeinsame Anbetung wiederzubeleben. Ich sehe das eher als Teil eines weiteren Bedürfnisses für eine komplette Erneuerung der Kirche an. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf schlage ich vor, daß Anbetung/Gottesdienste von Exilanten oftmals folgende Aspekte enthält:

  • – gemeinschaftlich: Ein von der Bühne geleiteter Gottesdienst ist in sich selbst elitistisch. Exilanten sehnen sich nach einer Anbetungserfahrung, die den Beitrag aller anerkennt und nicht nur den der Talentierten. Das soll nicht heißen, daß manche nicht besonders begabt darin sind, Lehre zu vermitteln oder den Gesang zu leiten, sondern die Erkenntnis vermitteln, daß wir durch multiple Erfahrungen lernen können, nicht nur durch Monologe und daß wir Gott in vielerlei Weise anbeten können, nicht nur durch Singen. Es sollte für jeden die Möglichkeit geben, auf irgendeine Weise beitragen zu können, auch auf der Gestaltungsebene. Und die Versammlung selbst sollte den wichtigen Beitrag vieler anerkennen, indem sie Menschen den Zugang dafür bietet. Idealerweise sollte der Raum so angeordnet sein, daß es kein spezifisches „Vorne“ gibt, und der Fokus der Aktivität sich von einem Teil des Raumes zu einem anderen bewegt, oder sich an vielerlei Orten gleichzeitig befindet. Steve Collins meint:

    Leitung geschieht durch Einladung, ohne die Verpflichtung, überhaupt teilnehmen zu müssen oder daß alle gleichzeitig dasselbe tun müssen. Die Elemente des Gottesdienstes sind für gewöhnlich alle um eine Thematik herum erstellt, so daß die Lehre durch alles, was geschieht, vermittelt wird, statt auf eine Predigt konzentriert zu sein, die von einer einzigen, autoritativen Stimme verkündet wird. Es gibt Raum für Diskussion und Austausch in Kleingruppen oder mit der ganzen Versammlung.

Die Anweisungen, die Paulus den Korinthern bezüglich ihrer gottesdienstlichen Versammlung gibt, werden meist komplett aus dem Kontext genommen, in dem sie geschrieben wurden. Alles, was Paulus ihnen zu dieser Thematik sagt, besonders in 1Kor 11-14, impliziert, daß sich die Versammlung um Essen und in einem gemeinschaftlichen, egalitären Geist ereignete. Seine Anweisung darüber, wie das Fest der Erinnerung durchgeführt werden sollte (1Kor 11,23-26) sind ein sein Verständnis eingebettet, daß der „Gottesdienst“ um Tische herum, auf Sofas und Kissen stattfinden sollte, mit für alle ausreichendem Essen. Seine Verfügung, daß sie sich vor dem Essen prüfen sollen (1Kor 11,28), scheint anzudeuten, daß darüber nachzudenken sei, auf welche Weise sie sich der Gier und des Parteigeistes schuldig machten. Das hat wahrscheinlich weniger mit persönlicher Frömmigkeit als mit gemeinschaftlicher Verantwortung zu tun. Wenn das Gericht auf sie kommen würde, dann wegen ihrer selbstsüchtigen und diskriminierenden Haltung, die manchen Gliedern vollen Zugang gewährte und anderen nicht. Im weiteren betont Paulus, daß Anbetung gemeinschaftlich und nicht elitistisch sein soll und mündet in seine bekannte Lehre über Geistesgaben und sein Bild der Gemeinde als Leib aus vielen Gliedern, an dem jedes einzelne zum Ganzen beiträgt (1Kor 12). Zweifellos läßt sich diese Lehre auch jenseits der gemeinsamen Feier anwenden, aber behalte im Gedächtnis, daß sie in eine Diskussion des gottesdienstlichen Lebens der Korinther eingefügt ist. Botschaften der Weisheit und Erkenntnis (1Kor 12,8), Gaben der Heilung (1Kor 12,9), Prophetie, Unterscheidung, Sprachen und ihre Auslegung (1Kor 12,10) werden alle im Kontext des Erinnerungsmahles angesprochen und bilden die Brücke zur paulinischen Lehre von der Gemeinde als Leib. Die Gedächtnisfeier und die gemeinsame Anbetungszeit sollten die Ausübung vielerlei Gaben von vielen Menschen ermöglichen. Es ist keine geringe Sache, daß Paulus mitten in dieser Darlegung seine schöne Ode an die Liebe in Kapitel 13 einfügt. Während manche prophezeien, andere in Zungen reden, wieder andere großen Glauben zeigen oder dienen, verkündet Paulus, daß ihre Versammlungen von geduldiger, freundlicher, selbstloser, wahrhaftiger, ausdauernder, schützender Liebe gekennzeichnet sein sollen. Die Gemeinschaft ist ein Ort der Ehrlichkeit, Hingabe und Unterstützung, wo Menschen durch ihre gemeinsame Verpflichtung, anderen zu dienen, an Intimität und Vertrauen wachsen. Viele Exilanten haben sich aufgrund ihrer gemeinsamen Unzufriedenheit mit der Kultur der Anbetung/Gottesdienstformen im Mainstream miteinder verbunden. Aber wenn sie beginnen, zusammenzuarbeiten, einander und anderen zu dienen, Anbetung zu schaffen und Theologie zu erkunden, wachsen sie als intime Gemeinschaften zusammen. In der Kirche des Mainstream ist dies viel weniger möglich, wo einige Experten die Gottesdienste kreieren und durchführen und der Rest von uns schlicht die Rolle des Publikums spielt.

  • – kontextbezogen: Die Anbetung entspringt aus den Rhythmen der Kultur oder Subkultur, der zu dienen sich die Gemeinschaft gesandt fühlt. Diejenigen, die inkarnatorische Gemeinschaften formen, um ein Zeugnis in Subkulturen zu sein, stellen bald fest, daß sie ihre Gottesdienstform überdenken müssen – nicht nur um zugänglich für diejenigen zu sein, die sie erreichen müssen, sondern auch um der Veränderung zu entsprechen, die mit ihnen selbst vorgegangen ist. In Großbritannien entwickelte sich in den 1990ern eine neue Bewegung, die „Alternative Worship“ genannt wurde. Das Modell, das sie der Clubkultur entnahm, war das des Chill-Out-Raumes – ein Raum mit stiller, beruhigender Atmosphäre, um von der Hitze, Intensität und dem Krach des Dancefloors auszuruhen. Chill-Out-Räume zeigten auf, wie eine Gemeinde in der sich neu formenden [emerging] Kultur aussehen könnte: Ein reflektierter, entspannender Ort des Nachdenkens oder der ruhigen Unterhaltung, visuell und klanglich reich aber dennoch sanft, eine Erholung von Krach und Aktivität. Heute wird der britische Alternative Worship in die ganze Welt exportiert. Sein Ursprung findet sich aber in einem Versuch, auf eine Weise anzubeten/Gottesdienst zu feiern, deren Substanz der Kultur entsprach, aus der er entstammte. In den Vereinigten Staaten trat eine ganz ähnliche Bewegung auf, wo warme, atmosphärische Cafés mit kostenlosem, drahtlosem Internetzugang, kostenlosen Zeitungen und Zeitschriften, bequemen Sofas und einfachen Stühlen den Markt für Junge Erwachsene immer mehr dominierten, vor allem in Universitätsstädten. Chill-Out-Musik, eine entspannte Atmosphäre und guter Kaffee schaffen einen Bereich, in dem junge Leute entspannen, auftanken, sich erholen und andere treffen. Als Ergebnis versuchen „Café Churches“ diese gemütliche und freundliche Atmosphäre zu kopieren, wo Gespräche bei gutem Essen und Trinken stattfinden. Die Leute kommen und gehen, wie sie wollen, es gibt keinen formellen Beginn und Schluß, abgesehen von den Öffnungszeiten. Möglicherweise gibt es Musik im Hintergrund, Kunstinstallationen, vielleicht sogar einen Liveact – aber nichts, was alle Unterhaltungen auslöschen würde. Sogenannte sich im Enstehen befindliche Gemeinden [emerging churches] haben besonders an der Westküste diese Subkultur mit großen Auswirkungen verwendet und auf Kunst basierte Gebetsstationen, Gesprächsgruppen wie auch Versammlungen in freier Form ermöglicht. Den Gottesdienst zu kontextualisieren beinhaltet mehr, als in der Gemeinde Popmusik statt klassischer Choräle einzuführen. Es beinhaltet einen ernsthaften, inkarnatorischen Versuch, die Kultur, in die Du gesandt bist, zu betreten, zu kennen, zu lieben und zu genießen. Dann wird die Gottesdienstform/Anbetungsart und GoDi-/A- Umgebung auf natürliche Weise den Lebensstil, die Rhythmen und Interessen dieser Kultur widerspiegeln.
  • – atmosphärisch: Das Ambiente eines Gottesdienstraumes ernstzunehmen, heißt ernstzunehmen, daß Gott mit all unseren Sinnen angebetet werden kann. Einige der Bereiche, die wir diesbezüglich in Betracht ziehen sollten, sind folgende:
  • – visuelle Kunst: Videobeamer, Monitore, Kunstinstallationen, auf Kunst basierende Erfahrungen (z.B. unsere Gebete zu malen), atmosphärische Bilder etc.
  • neu entdeckte christliche Traditionen: interaktive Erfahrungen etc. In einer Zeit umfassenden kulturellen Wandels ist es notwendig, daß wir die gesamte christliche Tradition in Betracht ziehen und uns Gedanken darüber machen, was neu wertvoll oder reif zur Reinterpretation sein könnte und was vielleicht für eine Weile zur Seite gelegt werden sollte.
  • – Ritualisiert: Labyrinthe sind eine altehrwürdige christliche geistliche Übung, und dem Pfad in das Labyrinth hinein und wieder heraus zu folgen wird zu einer begangenen Meditation und Metapher für unsere geistliche Reise als Einzelne und in Gemeinschaft. Menschen entdecken alte Rituale wieder, ob das jetzt Gebetsketten sind, lectio-divina-mäßiges Bibellesen, keltische Formen der Anbetung etc. und verbinden diese mit einer atmosphärischen Umgebung, mit visuellem Hintergrund, Tanzmusik und Chill-Out-Zonen. Auf diese Art kommt die Gestaltung und Durchführung des Gottesdienstes zurück in die Hände der Versammlung selbst, so daß gewöhnliche Christen die Möglichkeit haben, geistliche Übungen aus unterschiedlichen Traditionen und Zeitepochen miteinander zu verbinden und zu erleben.
  • Geisterfüllter Gesang: Ich denke, daß wir das gemeinsame Singen bislang sehr überbetont und auf seine Kosten vieles andere ausgeschlossen haben. Trotzdem ist es nicht überflüssig. Gemeinsamer Gesang war eine der rechtmäßigsten Weisen der christlichen Anbetung Gottes in der Geschichte unserer Bewegung. Aber die augenblickliche Besessensein von sog. „Lobpreis und Anbetung“ – die Verbindung von vielen unzusammenhängend nacheinander gesungenen Liedern – ist eine relativ neue Erfindung. Die Geschichte des christlichen Gesanges ist viel reicher. Die bekannteste Bezugnahme von Paulus auf gemeinsames Singen steht in Kol 3,16:

Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Wenn wir „Psalmen“ als das Singen von altestamentlichen Psalmen u.ä. ansehen, „Lobgesänge“ gesungene Formen christlicher Lehre wie z.B. der Christushymnus in Phil 2 darstellen, was sind dann diese „geistlichen Lieder“? Es scheint mir so, als ob wir heute zwar Psalmen und Lobgesänge (ob jetzt klassische oder zeitgenössische) singen, aber verpassen wir etwas, das in den paulinischen Gemeinden an der Tagesordnung war? Augustinus nannte die geistlichen Lieder einen gewissen Klang der Freude ohne Worte, jemand der sich in unverständlichen Worten der Freude ausdrückte etc. Es gibt Hinweise dafür, daß die frühesten Christen einen verlängerten Singsang [Anm. DoSi: „chant“ – kann man das überhaupt adäquat übersetzen?] kannten, der als ekstatischer Lobpreis, ein reines, wortloses Jubilieren verstanden wurde. Nichtsdestotrotz müssen wir den Rat des Paulus in 1Kor 14,14f beachten:

Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist; aber was ich im Sinn habe, bleibt ohne Frucht. Wie soll es denn nun sein? Ich will beten mit dem Geist und will auch beten mit dem Verstand; ich will Psalmen singen mit dem Geist und will auch Psalmen singen mit dem Verstand.

Die Improvisation mag (im Geist) weitergehen, aber Paulus verliert die Kontrolle über seinen Verstand nicht. Wenn „geistliche Lieder“ tatsächlich ekstatische Äußerungen oder wortlose Improvisationen waren, während derer der Anbetende voll Staunens, Liebe und Lobpreises war, dann scheint es Paulus wichtig zu sein, daß diese einen kleineren Teil der gemeinsamen Anbetungserfahrung ausmachen, um andere nicht zu befremden. Es bleibt aber die Tatsache, daß sie zum gemeinsamen Treffen gehören. Sie richten sich auf Gott und verherrlichen Gott. Und obwohl das Singen geistlicher Lieder den Anbetenden sehr gesegnet zu haben scheint, war das doch nur ein Nebeneffekt dieser Übung. Geisterfüllter, Gott verherrlichender gemeinsamer Gesang ist essentiell für jede Gemeinschaft im Glauben. Exilanten haben es aufgegeben, verdrehte, bedeutungslose Lieder zu singen. Sie können Lieder nicht ertragen, die uns zum Zentrum des Universums machen, so z.B. „Ich entscheide mich für Dich, Gott“ oder „Du kannst mein Herr sein“. Sie sind blasphemisch, selbstsüchtig, ungöttlich. Und nur weil sie den Menschen ein gutes Gefühl geben, sind sie noch lange nicht annehmbar.

Gruppen von Exilanten, die mit der Liminalität von Mission leben, Communitas genießen, anderen dienen und miteinander essen, müssen von geisterfüllter, Gott ehrender Anbetung getragen werden. Ein gemeinschaftlicher, atmosphärisch gestalteter Raum, der um einen gastlichen Eßtisch angeordnet ist, die örtliche Kultur reflektiert, altehrwürdige und zeitgemäße Rituale gebraucht und von geisterfülltem Gesang durchdrungen ist, wird ein wundervoller Ausdruck dessen sein, was aus Leben überfließt, die täglich zur Freude unseres glücklichen, fröhlichen, allmächtigen Gottes gelebt werden.

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[Wortakrobatik] Fußspuren

24. Dezember 2006

Runder Bauch spannt sich
Fuß eines noch Ungeborenen zeichnet sich ab

Christus im Bauch Marias
Drängt auf die Welt
Will seine Fußspuren hinterlassen

Suchen und selig machen, was verloren ist
Armen frohe Botschaft bringen
Kranke heilen

Geknicktes Rohr nicht zerbrechen
Glimmenden Docht nicht auslöschen
Die Werke des Teufels zerstören

Seit 2000 Jahren ist die Welt nicht mehr dieselbe
Dieses Kind hat seine Fußspuren hinterlassen

Ob Du sie finden
und ihnen folgen wirst?

.
..

….
……
…….
..
..

In diesem Sinne wünsche ich allen regelmäßigen und zufälligen Gästen auf dem Feld des Sämanns ein gesegnetes Weihnachtsfest, Zeit, über die Menschwerdung Gottes und ihre Folgen nachzudenken und neu von Staunen und Dankbarkeit erfüllt zu werden.

[Keine Ahnung, wem die Credits für obiges Bild gehören, gesehen habe ich es schon viele Male, vor kurzem bei Ben Edson.]

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[Aus dem Netz gezogen] Glatzen-Doug

22. Dezember 2006

Das ist doch mal eine schöne Nachricht: Doug Pagitt, Autor feiner Bücher, anregender Denker und außerordentlich bedachter Gemeindegestalter hat sich eine Glatze gegönnt. Hut ab (im vollen Wortsinn, hehe) – wer zieht nach?

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Exiles (11) – Die Unterdrückten trösten

22. Dezember 2006

{Manche mögen schon darauf gewartet haben, aufgrund vielerlei Beschäftigungen bin ich aber nicht dazu gekommen. Dafür gibt’s den Rest des Buches in den nächsten Tagen – Versprochen! Das hier ist der zwölfte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11}

Exilanten werden bereit sein, aufzustehen und eine gefährliche Form der Kritik auszuüben, die ihrem Host-Imperium deutlich macht, daß die Großzügigkeit seiner Gesellschaft nicht ausreicht, daß es keine Gerechtigkeit geübt hat und als Haushalter über die Umwelt nicht sorgsam genug war. Sie werden auch dazu bereit sein müssen, ihr Imperium bezüglich des Grades zu kritisieren, in welchem dieses Imperium weder rechtmäßig anerkannt hat, daß Jesus Christus Herr über alle ist, noch die Rechte derer, die ihm dienen, geschützt hat. In vielen Teilen der Welt erleiden unsere Brüder und Schwestern in Christus Unaussprechliches eben wegen ihrem Glauben an Jesus. Eine solche Schmähung der Menschenrechte muß unsere ernste Kritik auf sich ziehen, im selben Maße wie dies für die Regierungen der entwickelten Nationen gilt, die sich weigern, die Rechte derer zu verteidigen, die das am allerwenigsten selbst tun können, und die den Wellen der Verfolgung und Gewalt, die immer wieder über sie kommen, nicht entfliehen können.

In der Erzählung aus Dan 3, wo sich Schadrach, Meschach und Abed-Nego weigern, vor dem Götzen niederzuknien, wohnt heute eine große Kraft. Es ist die Geschichte politischer und religiöser Dissidenten, die angesichts unüberwindlich scheinendem Bösen einen klaren Stand beziehen. Natürlich – sie werden aus dem Ofen gerettet und ihr Mut wie auch ihr Glaube wird gerechtfertigt. Heute stehen jedoch viele Christen im Angesicht von Folter, Demütigungen, Einerkererungen und Mißbrauch auf – und werden nicht errettet; ihr Leiden nimmt niemals ein Ende. Dennoch können heute tausende Christen in der ganzen Welt wie die drei in Babylon sagen: „Aber selbst wenn Gott es nicht tut [uns aus den Flammen retten], wollen wir Dich, oh König, wissen lassen, daß wir Deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das Du aufgestellt hast, nicht anbeten werden“ (Dan 3,18).

Heute stehen Christen rund um den Globus vor derselben furchtbaren Entscheidung: Sich zu weigern, Christus zu verleugnen, selbst wenn Gott sie nicht erretten wird. In einer Welt, die nicht anerkennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, wissen Exilanten, wo immer sie auch sind – ob in Ägypten, Eritrea, China, Vietnam -, daß es in der Tat hochgradig gefährlich ist, den Staat zu kritisieren, indem sie nicht vor seinen Götzen niederknien. Heute gibt es mehr als 200 Millionen Christen, die nicht den vollen Schutz der Menschenrechte genießen. Diese Rechte werden ihnen aus dem einfach Grund verweigert, weil sie ein Leben als Christ gewählt haben. Diese 200 Millionen machen uns durch ihr stilles, leidendes Zeugnis deutlich, daß das Host-Imperium extrem feindlich werden kann, wenn es sich einer standfesten Weigerung, mit dem Strom zu schwimmen, auseinandergesetzt sieht. [Anm. DoSi: Wortspiel im Englischen: „host“ meint „Gastgeber“ – also das Host-Imperium als das Imperium, in dem die Exilanten fern der Heimat leben; „hostile“ meint feindlich – der „host“ wird „hostile“]. Heutzutage gibt es eindeutige Beweise dafür, daß Christen folgende Qualen erleiden müssen:

  • – Gefängnisstrafe ohne vorherige Gerichtsverhandlung
  • – Folter
  • – Überfälle auf ihr Zuhause
  • – Konfiszierung von Bibeln und christlicher Literatur
  • – körperlicher Mißbrauch durch Polizei oder Nichtchristen aus ihrer Umgebung
  • – Morddrohungen
  • – Diskriminierung am Arbeitsplatz oder vor Gericht
  • – Einschüchterung, daß sie ihre Gemeinden schließen sollen
  • – Zwangsbekehrungen zu anderen Religionen
  • – Niederbrennen und Zerstörung von Kirchengebäuden
  • – Hinrichtung ohne Gerichtsverhandlung
  • – plötzliches „Vermisst-werden“
  • – Entführungen und Zwangsverheiratungen mit Anhängern anderer Religionen
  • – systematische Vergewaltigung der christlichen Bevölkerung
  • – Verksklavung

Selbstverständlich ist die Diskriminierung und Verfolgung von Anhängern anderer Religionen absolut inakzeptabel. Wie bereits gesagt wurde, müssen Exilanten bereit sein, auf eine gleichere und gerechtere Weltgemeinschaft für alle Menschen hinzuarbeiten. Aber in einer Welt, in der Christen in vielen nichtwestlichen Ländern unsagbare Pein erleiden, muß es eindeutig auf der Tagesordnung eines biblischen Volkes stehen, für deren Verteidigung Stellung zu beziehen, ihr Leiden zu lindern und die Kraft der Liebe Jesu zu demonstrieren. Es ist ein Teil der gefährlichen Kritik, die wir äußern müssen, die Illegitimität solch grausamer Regime zu erklären. Ein solche Kritik ist gefährlich, weil diese Reiche über unausgewogene Macht verfügen und in der Vergangenheit bewiesen haben, daß sie diese gegen jeden einsetzen werden, der ihre höchste Autorität in Frage stellt. Die christliche Gemeinschaft im Westen erfreut sich bemerkenswerter Freiheit. Für einen solchen Segen sollten wir beständig dankbar sein. Aber wir sollten ebenso bereit sein, für unsere Brüder und Schwestern in anderen Teilen der Welt, deren Regierungen ihnen keine solche Freiheit erlauben, zu beten und ihnen praktisch beizustehen. Eine Geschichte nach der anderen aus allen Ecken der Erde erinnert uns daran, daß es heute vielerorts eine Furcht einflösende Sache ist, Christ zu sein.Von Kreuzritten bis zu Conquistadores, von britischen Kolonialmächten in Afrika, Indien und Australien bis zu den Nazis haben Christen viel Blut an ihren Händen. Ich sage nochmals: Wir müssen uns mit Ungerechtigkeit auseinandersetzen, wo immer wir auf sie treffen, aber es ist eine nicht zu verleugnende Tatsache, daß ein großer Anteil der Gewalt, die heute auf der Welt erlitten wird, von den Nachfolgern Christi aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ertragen wird. Und wo auch immer einem Christen das Recht auf freie Religionsausübung verweigert wird, werden in der Konsequenz auch andere Menschenrechte verletzt, beispielsweise das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, auf Gleichheit vor dem Gesetz, auf Freizügigkeit, auf freie Wahl des Ehepartners, auf Eigentum, auf freie Meinungsäußerung oder auf Versammlungsfreiheit. [Frost geht in zwei Fallstudien auf die Greuel in Ruanda und auf den Maluku-Inseln ein. Als Fazit schließt er:] Manchmal erscheinen diese Situationen so festgefahren und ihre historischen Wurzeln reichen so tief, daß es wohl nichts zu geben scheint, was wir tun könnten, um leidenden Christen auf der Welt zu helfen. Aber das stimmt nicht. Christen im Westen haben deutlich mehr politische Muskeln, als wir oftmals erkennen können und während Konservative sie auf der lokalen Ebene zum Einsatz bringen, wenn es um Abtreibung und Homo-Ehe geht, sollten Exilanten nicht vergessen, was sie für die leidende Kirche rund um den Globus tun können. Hier sind ein paar Vorschläge:

  • Zuerst: Schau hin! Wir müssen dazu bereit sein, auf die Tränen der Unterdrückten zu schauen. Wir können dem Unglück unserer Brüder und Schwestern in den Malukus, Darfur, Ägyptern, Saudi-Arabien, Vietnam, Eritrea, China, Nordkorea usw. nicht mehr länger ein blindes Auge zuwenden. Christen im Westen können eine wesentliche Rolle spielen und mithelfen, die Gewalt an diesen Orten zu beenden und den Frieden zu beginnen, aber das fängt mit unserer Bereitschaft an, dieser Dinge innewerden zu wollen. Exilanten im Westen müssen globale Christen werden, Bürger des ganzen Planeten, die sich der Unterdrückung bewußt sind, welche die Verteidigungslosen an vielen Orten der Welt erleiden.
  • Entwickle eine Theologie der Verfolgung: Wann immer wir auf schreckliches Leiden treffen, kann das zu einer ernsthaften existentiellen Krise führen. Wir fragen uns, warum Gottes Kinder, die Nachfolger Jesu, solche Qualen erleiden müssen. Zu solchen Zeiten ist es wichtig, ein theologisches Verständnis der Verfolgung zu entwickeln. Die Bibel hat viel über Verfolgung zu sagen, darunter die Tatsache, daß dies eine wahrscheinliche Aussicht für jeden ist, der Christus folgt. Ein Ausschnitt des biblischen Zeugnisses: Die Prophten wurden verfolgt; Jesus wurde verfolgt; seine Nachfolger wurden verfolgt; mitten im Leiden ereignet sich Segen; die Verfolgten müssen ihren Unterdrückern vergeben; Verfolger können sich durch Gottes Gnade bekehren; Christen sollten für ihre Verfolger beten und sie segnen; Jesus verläßt seine verfolgten Nachfolger nicht, sondern sendet den Heiligen Geist; eine Zeit wird kommen, in der Gott verherrlicht werden und alles Leiden und Verfolgung ein Ende nehmen wird.
  • Bete für die Leidenden und für diejenigen, die das Leiden verursachen: Wer die Verfolgten fragt, was er für sie tun kann, wird meist als Antwort bekommen, daß er für sie beten soll. Sie haben das Wunder des Gebets erlebt. Und wir sollten dafür beten, daß die Unterdrücker die Liebe Jesu erkennen.
  • Handle auf der politischen Ebene: Mächtige westliche Nationen wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien, ebenso die Vereinten Nationen und andere Fürsprecher des Friedens müssen weniger reden und mehr handeln. Verursacher von Völkermorden [Anm. DoSi: speziell im Sudan; Frost setzt sich intensiv mit der dortigen Situation auseinander] müssen gestoppt und vor Gericht gebracht werden. Sie müssen wissen, daß die internationale Gemeinschaft sie für ihre furchtbaren Verbrechen zur Verantwortung ziehen wird. In anderen Worten: Wir müssen den Unterdrückern verständlich machen, daß wir die Tränen der Unterdrückten auch gesehen haben, daß ihr Tun beobachtet wird und daß sie mit einem solchen Blutvergießen nicht davonkommen werden. Aus diesem Grunde ist unsere Fürsprache essentiell. Erkunde die Arbeit von Organisationen wie Tears of the Oppressed, Micah Challenge, Save Darfur und Die Stimme der Märtyrer und mache Gebrauch von den Ressourcen, die sie anbieten, wie z.B. Briefvorlagen und Adressen unterschiedlicher Botschaften und einflußreicher Behörden. Einige wenige Minuten, die es braucht, einen bedachten Brief an einen Regierungsbeamten zu schreiben – sei es ein Minister, Staatsekretär, Parlamentsabgeordneter, Botschafter oder Mitarbeiter einer Botschaft -, können in der Notlage verfolgter Christen einen Unterschied ausmachen. Diejenigen, die an der Macht sind, können die Order für Veränderung geben, oder sie können diejenigen beinflussen, welche die Macht für Veränderung haben. Fünf Minuten, die es braucht, einen Brief an einen Menschen an der Macht zu schreiben, könnten fünf Jahre weniger Qual für einen leidenden Christen ausmachen. Denk daran, ein von Hand geschriebener Brief kann eine große Wirkung haben, weil er eine von Herzen kommende, persönliche Hingabe an die Sache vermittelt. Aber auch ein am Computer verfaßter Brief wird in den Händen der Autoritäten großen Wert haben, wenn Du ihn selbst entworfen hast.
  • – Biete praktischen und geistlichen Trost für die Opfer: Wir sollten es nicht zulassen, daß unsere Brüder und Schwestern rund um den Globus sagen könnten, daß niemand sie getröstet hätte. Wir können Christen im Gefängnis Briefe schreiben. Es ist wahr, daß Briefe manchmal von den Beamten im Gefängnis abgefangen werden und es niemals in die Hände der Gefangenen schaffen. Aber das sollte uns nicht abhalten. Ein Brief von einem Christen aus dem Westen zeigt nicht nur persönliche Besorgnis um eine bestimmte Person, sondern macht den handelnden Autoritäten auch bewußt, daß ihre Taten von der Welt gesehen werden. Ein solcher Brief schenkt dem Gefangenen auch die Hoffnung, daß jemand etwas wegen seiner misslichen Lage unternimmt. [Anm. DoSi: Ganz wichtig ist hierbei die Arbeit von Open Doors. Du solltest sie unbedingt kennenlernen: Von konkreten Gebetsanliegen über Adressen von Gefangenen kannst Du hier einiges erfahren, was nötig ist, um Deine Stimme vor Gott und Menschen zu erheben.]

[Die andere Seite der Verfolgung macht Frost am Beispiel Chinas deutlich.] Auch wenn in letzter Zeit die Einschränkungen, die chinesischen Christen auferlegt waren, etwas gelockert wurden, leidet die Kirche in China noch immer um ihres Glaubens willen. Aber im Gegensatz zu den verheerenden Auswirkungen des Völkermordes in Darfur, haben die Flammen der chinesischen Verfolgung eine starke und standfeste Untergrundkirche geschmiedet, die in den vergangenen Jahrzehnten auf bemerkenswerte, ja wundersame Weise gewachsen ist. Dies ist die andere Seite der Verfolgung: Die reinigende Wirkung auf die leidende Gemeinde. Wie erstaunlich, daß die Kirche, die von Mao und der Chinesischen Kommunistischen Partei fünfzig Jahre lang unterdrückt wurde, nun plant, Missionare auszusenden, um Menschen anderer Nationen zu erreichen! Nachdem im Jahre 1953 fast alle ausländischen Missionare entweder aus China vertrieben worden waren oder das Martyrium erlitten hatten, wuchs die Kirche von maximal fünf Millionen Christen auf mindestens 110 Millionen. Heute lernen hunderte Christen in China Fremdsprachen wie Arabisch und Englisch während ihrer Vorbereitungszeit für die Auslandsmission. Aber sie glauben auch, daß die vergangenen fünfzig Jahre des Leidens, der Verfolgung und der Folter, die chinesische Hausgemeinden erlitten, alle ein Teil von Gottes Zubereitung für diesen Moment der Geschichte sind. Einer der chinesischen Gemeindeleiter meint:

Wir beten niemals gegen unsere Regierung oder verfluchen sie. Stattdessen haben wir gelernt, daß Gott die Kontrolle sowohl über unser Leben als auch über die Regierung, unter der wir leben, hat. Es gibt wenig, was uns eines der muslimischen, buddhistischen oder hinduistischen Länder antun kann, was wir nicht schon in China erfahren hätten. Gott ruft Tausende von Hauskirchenkriegern, ihre Zeugnisse mit ihrem eigenen Blut zu schreiben. Wir sind absolut hingegeben, Gruppen von örtlichen Gläubigen zu pflanzen, die sich in ihrem Zuhause treffen. Wir haben keinerlei Verlangen danach, irgendwo auch nur ein einziges Kirchengebäude zu errichten! Das ermöglicht es dem Evangelium, sich schneller zu verbreiten, ist für die Behörden schwerer aufzuspüren und bringt uns dazu in die Lage, alle unsere Ressourcen in den Dienst am Evangelium zu investieren.

Es scheint so, als ob wir einen christlichen fundamentalistischen Eifer geschmiedet sähen, der es mit dem fundamentalistischen Eifer des Islam im Mittleren Osten aufnehmen kann. Entweder wird dies zu einem globalen Konflikt führen, oder das chinesische Christentum wird genau das sein, was Indien, Bangladesch, Afghanistan brauchen, um das Evangelium Jesu Christi zu hören. Die verfolgten chinesischen Christen können nicht dafür angeklagt werden, reiche imperialistische Missionare zu sein, die das Dogma westlicher Gier und Unmoral verbreiten. Tatsächlich werden sie ein Affront für alles sein, wofür diese Nationen das Christentum halten. Sie glauben sich nicht nur berufen, westwärts durch die muslimische Welt zu gehen, sondern auch dazu, das Evangelium zu den ethnischen Minderheiten in Südwestchina und den Nationen Südostasiens zu bringen. Ihre Vision bezieht auch die nordasiatischen Länder wie Japan, Nordkorea und die Mongolei ein. Gewisse Gemeindenetzwerke beten schon jetzt für diese Gebiete und bereiten sich auf sie vor. Sie wählen ihre besten Leute und bilden sie nicht nur darin aus, wie man interkulturelle Hindernisse überwindet, Zeugnis gibt und besondere Volksgruppen erreicht, sondern bringen ihnen auch bei, wie man für Jesus leidet und stirbt oder aus der Haft entkommt. Im Augenblick schätzt man, daß die Mitglieder chinesischer Hauskirchen trotz ihrer extremen Armut etwa eine Million Vollzeitler finanzieren. Sie glauben, das Mindeste was sie tun können, ist, den Zehnten dieser Leiter für die Auslandsmission zu geben. Infolgedessen sind sie bei der Zahl 100.000 angekommen und sie haben vor, so viele Missionare von China aus auszusenden. Wenn diese verrückten fundamentalistischen chinesischen Christen ihren Weg machen, dann werden sie bald die von Islam, Buddhismus und Hinduismus dominierten Länder überfluten. Diese neuen Missionare werden einen sehr konservativen, fast puritanischen Lebensstil teilen, der dem der fundamentalistischen Muslime, unter denen sie leben werden, ähnelt. Und sie werden von Unterdrückung gefestigt und darum in der Lage sein, Verfolgung besser zu ertragen als westliche Missionare, die nie Widerstand kennengelernt haben. Offen gesagt habe ich keinen blassen Schimmer, was daraus geschehen wird, aber es ist eine Erinnerung für uns, daß Gott etwas so Schreckliches wie die maoistische Verfolgung der Kirche für seine eigene Herrlichkeit gebrauchen kann.

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Exiles (10) – Exilanten und die Erde

9. Dezember 2006

{Das ist der elfte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5|6|7|8|9|10}

Exilanten kritisieren ihr Imperium dafür, daß es sich nicht um die Schöpfung gekümmert hat. Jared Diamond beschreibt in seinem Buch Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed wie Zivilisationen kollabieren. Diamond’s zentrale Erkenntnis ist es, daß, wo auch immer diese völlig unterschiedlichen Kulturkreise scheiterten, die Ursache daran lag, daß Menschen ihr Ökosystem zerstörten. Dabei wuchs meist die Bevölkerung an, wollte im Überfluß leben, holzte die Wälder ab, zerstörte ihren Lebensraum, und überbeanspruchte ihre natürlichen Ressourcen. Dies führte zu Bodenerosion und dem Verlust sowohl lebensfähiger Nahrungsquellen als auch der Ressourcen, um Zuflucht finden und sich gegen Feinde verteidigen zu können. Es wäre nicht so gewesen, daß ihre jeweilige Umwelt diese Zivilisationen nicht hätte erhalten können, vielmehr waren diese unfähig, sich an ihre sich verändernde Umgebung anzupassen. Diamond’s Warnung ist, daß ein Ökozid mittlerweile mögliche Atomkriege oder Pandemien als größte Gefahr für die globale Zivilisation abgelöst hat. Was kennzeichnet nach Diamond Kulturkreise, die überlebt haben? Zunächst einmal zeichnen diese sich durch nachhaltige Umweltnutzung aus – ganz im Gegensatz zu gescheiterten Zivilisationen, die ihr Schicksal meist ignoriert haben und ein bis zwei Jahrzehnte nach dem Höhepunkt der Kultur dann zusammengebrochen sind. Zweites fanden überlebende Zivilisationen Möglichkeiten, sich dem natürlichen Klimawandel anzupassen, drittens waren kollabierende Gesellschaften entweder dazu gezwungen, kritische Ressourcen in bewaffnete Auseinandersetzungen mit feindlichen Nachbarn umzuleiten, statt sie für die Landwirtschaft zu nutzen, oder waren zu abhänig von ihren Handelspartnern, weil sie selbst nicht für ihre Grundbedürfnisse aufkommen konnten. Viertens entwickelten überlebende Zivilisationen die Fähigkeit, sich an wechselnde Umstände anzupassen. Diamond resümiert mit der Erkenntnis, daß sich unsere Weltgesellschaft momentan auf einem nicht tragbaren Kurs befindet, und jedes einzelne unserer Umweltprobleme sich in einigen Jahrzehnten gewaltig auf unseren Lebensstil auswirken könnte. Es stellt sich nur die Frage, ob diese Probleme sich auf angenehme Weise durch unsere Wahl auflösen, oder ob dies unfreiwillig durch Kriegsführung, Völkermords, Hungersnöte, Pandemien und dem Zusammenbruch einiger Zivilisationen geschehen wird.

Viele Exilanten sind sehr besorgt über den Zustand der globalen Umwelt und schämen sich dafür, daß Christen in der ganzen Welt unfähig scheinen, mit einer Stimme über die uns bevorstehende ökologische Krise zu sprechen. Wenn wir einen zutiefst christlichen Ausdruck von Umweltschutz entwickeln wollen, sollte dieser aus einer informierten, bedachten und treuen Erwägung der umweltlichen Belange aus der Sicht des christlichen Glaubens fließen. Wie bei jeder moralischen Frage muß ein christlicher Ansatz als zentrale Quelle seiner Einsicht das biblische Zeugnis beinhalten. Damit soll nicht gesagt sein, daß das biblische Weltverständnis nicht durch weitere Einsichten in die Natur der Dinge erweitert werden könnte; vielmehr soll damit gesagt werden, daß sich eine wahrhaft christliche Ethik mit dem Zeugnis der christlichen Schriften vertragen muß. Selbst unter Christen besteht ein Wettstreit zwischen der Sicherung adäquater Ressourcen auch für zukünftige Generationen und der Möglichkeit unmittelbaren wirtschaftlichen Gewinns. Warum sprechen Christen nicht mit einer gemeinsamen Stimme über die Belange des Umweltschutzes? Dafür gibt es einige Gründe:

  • Ignoranz der Sache: Wer an kein Problem glaubt, sieht auch keinen Bedarf für eine Lösung. Viele Christen sehen alle „Ökos“ als langhaarige, linke Faulenzer an und verachten Umweltschutz als antichristlich.
  • Dominionismus/Subjektionismus: Weil Gott den Menschen anweist, sich die Erde untertan zu machen, denken manche Subjektionisten, daß die Welt nur zum Zweck der menschlichen Selbstbefriedigung geschaffen wurde. Aus ihrer Sicht sind die nicht-menschlichen Bestandteile der Erde bloße Ressourcen, die zur Wohltat einer souveränen Menschheit gebändigt und gehandhabt werden müssen. Allerdings läßt sich der Text aus Gen 1,27f auch anders auslegen. Dann wird das „untertan machen“ nicht als bloße Lizenz zum Gebrauch verstanden, sondern als Verantwortung, für die Schöpfung zu sorgen. Weil alles in und auf der Welt Gott gehört, trägt es eine Würde und Wertigkeit in sich, die von Gottes eigener Integrität und Herrlichkeit übertragen wurde. Darum ist der Menschheit die Haushalterschaft über die Welt verliehen, so daß Herrschaft nur dann auf rechte Weise ausgeübt werden kann, wenn sie der Absicht des Eigentümers entspricht. Wer als im Bild Gottes geschaffenes Geschöpf leben will, muß im Einklang mit den Zielen Gottes leben, was Haushalterschaft über die Erde und nicht Ausbeutung ihrer Ressourcen nach sich zieht. Nur aus einem Verständnis der Haushalterschaft kann sich christlicher Umweltschutz entwickeln. Ein solches Verständnis ruft alle Christen dazu auf, Gottes Eigentümerschaft über alles, was ist, anzuerkennen und für die Schöpfung so zu sorgen, daß dieses Eigentumsrecht geehrt wird. Als Christen glauben wir, daß die Welt und alles an ihr eine bewußte und liebende Schöpfung Gottes ist. Gott schätzt sie sowohl um ihrer selbst willen als auch für ihren instrumentellen Wert für die Menschen und andere Geschöpfe. Und weil Gott die Natur wertschätzt, werden wir, die wir Gott ehren und ihm recht dienen wollen, sie auch wertschätzen.
  • Prämilleniale Eschatologie: Viele Christen glauben, daß, sobald Israel den Rest seines sogenannten biblischen Landes eingenommen hat, es von Legionen des Antichristen angegriffen werden wird und es zum Showdown im Tal von Armageddon kommt. Zu diesem Zeitpunkt werden die wahren Gläubigen in den Himmel entrückt werden, wo sie zur Rechten Gottes sitzend das Schicksal der Übriggebliebenen in den kommenden Jahren der Trübsal verfolgen werden. Die Ursache für diese Sichtweise ist eher in der Finale-Romanserie von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins zu sehen, als in selbständiger Bibellektüre. Die Grundannahme ist jedenfalls, daß die Welt bei der Wiederkunft Christi zerstört werden wird. Und wenn das der Fall ist, warum sollte man sich dann noch Gedanken um die Erhaltung der Umwelt machen? Wenn Dürreperioden, Flut- und Hungerkatastrophen sowie Seuchen als in der Bibel prophezeite Vorboten der Apokalypse angesehen werden? Warum sich um den globalen Klimawandel sorgen, wenn Du mit den Deinen entrückt werden wirst? Warum über alternative Energiequellen und eine Reduktion der Abhängigkeit vom Öl aus dem unbeständigen Mittleren Osten nachdenken?

Neuere Forschungen haben herausgefunden, daß die Wirkung der Sonne auf die Erde getrübt wird. Schmutzpartikel in Wolkenbändern blockieren das Sonnenlicht nicht nur, sondern wirken wie Spiegel und reflektieren die Strahlen der Sonne hinaus in den Weltraum. Solche Schmutzbänder wirken sich auch auf die Höhe der Regenfälle aus. Infolge der globalen Trübung kühlen die Ozeane ab und tropischer Regen zieht nicht nordwärts nach Afrika oder Asien. Wenn die Monsune nicht kommen, können Millionen von Menschenleben durch Hunger und Dürre getroffen werden, wie das in der schrecklichen Hungersnot 1984 in Äthiopien der Fall war.

„So entsetzlich es auch klingt: Es scheint ein direkter Zusammenhang zwischen der Verbrennung fossiler Treibstoffe durch unsere Fahrzeuge und Fabriken im Westen und dem Verlust von Millionen von Menschenleben an Orten wie Äthiopien zu bestehen.“

Wenn das Sonnenlicht getrübt wird, warum wird dann die Atmosphähre nicht kälter? Aufgrund der gegensätzlichen Auswirkungen der Erderwärmung. Würden wir die Treibgasemissionen reduzieren, um der Erderwärmung Herr zu werden, würden wir das gegenteilige Ergebnis erzielen. Ohne die Schmutzbänder in der Erdatmosphäre würden die Auswirkungen des Sonnenlichtes dramatisch ansteigen. Die Erderwärmung ist also viel weiter fortgeschritten als bisher angenommen, sie wurde nur von den Schmutzbändern in der Atmosphäre verdeckt, welche die Sonnenstrahlen trüben. 1992 wurde vorhergesagt, daß die Erderwärmung zu einem Anstieg der Temperaturen auf der Erde um fünf Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würde. Mit dem zusätzlichen Wissen um die globale Trübung könnte diese Zahl gemäß mancher Stimmen verdoppelt werden. Ein Temperaturanstieg um zehn Grad würde viele Teile unseres Planeten für alle Lebewesen unbewohnbar machen. Regenwälder wie in Südostasien und dem Amazonasbecken würden buchstäblich eintrocknen und sterben. Ohne diese planetarischen „Lungen“ würde das irdische Ökosystem kollabieren. Ein Temperaturanstieg um nur drei bis fünf Grad würde die Zerstörung von Atollstaaten wie Kiribati, die Malediven, die Marshallinseln, Tokelau und Tuvalu durch die steigende Meereshöhe nach sich ziehen. Seit 1979 sind 20% der arktischen Eiskappe geschmolzen. Ein Temperaturanstieg bis 1,7 Grad hätte wohl eine exponentielle Zunahme bedrohter Tierarten zur Folge. Es wäre verheerend.
Trotz dieser alarmierenden Informationen vergessen viele Menschen diese Bedrohung. Trotz des Kyoto-Protokolls verspotten manche Industrieländer immer noch die Ziele, die sich die internationale Gemeinschaft gesetzt hat. Kyoto will den Ausstoß der sechs Treibhausgase bis 2012 auf mindestens fünf Prozent unter dem Stand von 1990 verringern. Aber selbst wenn dieses Ziel erreicht wird, stellt dies einen nur geringen Fortschritt dar im Vergleich zu dem, was gemäß Wissenschaftlern erreicht werden müßte, um die oben beschriebenen Folgen zu verhindern. Die Lutftverschmutzung, die dreißig Kohlekraftwerke in den Vereinigten Staaten verursachen, zeichnet in den USA für beinahe 30.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Es gibt Alternativen, aber unsere Gesellschaft hat sich in einem Lebensstil eingerichtet, den unser Planet nicht bezahlen kann. Und zu dem Problem der Gewinnung von Elektizität kommt unsere mit sich selbst nachsichtige Liebesaffäre mit dem Auto.

Als Exilanten müssen wir zur gefährlichen Kritik der tollkühnen westlichen Politik bereit sein. Es stimmt, daß viele Menschen aufgrund der Verbrechen und dem Mißbrauchsverhalten sogenannter Ökoterroristen von der Umweltbewegung abgeschreckt werden. Aber für Exilanten basiert das Sorgen für die Umwelt nicht auf einer besonderen politischen Richtung. Es entspringt vielmehr aus einer Theologie, die den intrinsischen – nicht nur instrumentellen – Wert der Natur erkennt. Exilanten sind gewillt, die Absicht des Eigentümers der Erde zu erfüllen und im Einklang mit dem göttlichen Ziel für die Erde zu leben. Um andere kritisieren zu können, müssen Exilanten vorleben, wie ein verantwortliches Sorgen für die Umwelt aussehen kann. Sie sind sich dessen bewußt, daß das Christentum zur anthropozentrischsten Religion wurde und rufen die Kirche zurück zur Fürsorge für die ganze Schöpfung und nicht nur für den Menschen. Damit dürfen wir die rein menschlichen Probleme wie Leid und Ungerechtigkeit keineswegs vernachlässigen, auch wenn diese oftmals mit der Umweltproblematik zusammenhängen.

„Auch die Schöpfung leidet unter den Auswirkungen des Falles der Menschheit, wie in Gen 3,17-19 berichtet wird („Verflucht sei der Erdboden um deinetwillen…“). Jesus ist gekommen, um die ganze Schöpfung zu erlösen. Jesus, das fleischgewordene Wort, derjenige, durch den das Heil erlangt wird, war an der Erschaffung der Welt beteiligt (Joh 1,3), zusammen mit Gott und dem Heiligen Geist. Und Jesus wird an der völligen Wiederherstellung der Erde beteiligt sein. Nur auf welche Weise das geschehen wird, bin ich mir nicht so genau sicher. Klar ist aber, daß die Menschen eine wichtige Verantwortung haben, die Schöpfung für alle Menschen und anderen Lebewesen zu bewahren, bis er wiederkommt.“

Christlicher Umweltschutz wird den Wert der Schöpfung und ihren gottgegebenen Zweck schätzen, aber auch den gefallenen Zustand der Erde anerkennen und sich auf ihre finale Erlösung freuen. Auf welche Weise können wir kleine, gemeinsame Schritte tun, um für die Schöpfung zu sorgen, Gott geschaffen und für gut erklärt hat? Zunächst müssen wir das überproportioniert Ausmaß des Energieverbrauchs im Westen anerkennen und zuhause wie auch im Auto einen Unterschied machen. Das könnte beinhalten:

ZUHAUSE:

– Glas, Plastik und Papier recyceln
– Normale Glühbirne durch Energiesparlampen ersetzen
– Bei der Neuanschaffung eines Elekrogerätes auf Produkte mit dem EnergieStar-Label achten
– Einen Thermostat mit programmierbarer Uhr installieren
– Erneuerbare Energien soweit möglich nutzen

IM AUTO:

– Motor in gutem Zustand halten und Reifen ganz aufpumpen
– Das Auto nicht unnötig länger als eine Minute im Leerlauf lassen
– Wer zwei Autos besitzt, sollte nur dann den Benzinfresser nehmen, wenn er auch genügend Mitfahrende hat
– Beim Neukauf den Wagen mit der längsten Laufzeit wählen – besser noch ein umweltfreundliches Hybridmodell

IM BÜRO:

– Plastik vermeiden
– Papier beidseitig nutzen
– Alles recyceln, was möglich ist
– Arbeitgeber sollten alle Energiesparmöglichkeiten nutzen und Angestellte belohnen, die Car-Sharing betreiben oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen

Als Nachfolger des Exilanten Jesus werden Exilanten, motiviert von ihrem Glauben, das biblische Gebot zur Sorge um die Erde ernstnehmen und die Erde samt ihren wundersamen Ressourcen für ein verantwortliches Leben gebrauchen, um sie für die kommenden Generationen zu erhalten. Der bekannte Biologe Barry Commoner beschreibt in seinem Buch The Closing Circle die Grundgesetze der Ökologie in vier einfachen Aussagen:

  1. Alles ist mit allem anderen verbunden. Das ist das Grundverständnis der Ökologie. Alle Lebewesen spielen eine Rolle im System der Natur. Wenn Menschen an einem Punkt in die Umwelt eingreifen, könnten sie einen anderen Teil in Unordnung bringen.
  2. Alles muß irgendwohin gehen. Die Wissenschaft nennt dieses Gesetz „Masse kann weder geschaffen noch zerstört werden“. Energie kann ihre Form wandeln, aber – mit Ausnahme von Nuklearenergie – ihre Quantität bleibt dieselbe.
  3. Die Natur weiß es am Besten. Wenn Menschen nachhaltig auf der Erde leben wollen, müssen sie die Natur selbst beobachten und ihre ökologischen Prinzipien emulieren. In der Schöpfungsordnung liegt eine Harmonie, die auch Menschen zu harmonischem Leben führen kann.
  4. Es gibt kein „free lunch“. Leben verbraucht Energie, die von irgendwoher außerhalb von Lebewesen kommen muß. Auf jedem Schritt in der Herstellung und dem Verbrauch von Nahrung geht Energie verloren. Niemand kann aus einem natürlichen System soviel Energie herausholen, wie hineinkommt. Die Wissenschaft kennt diese Regel als „Zweites Gesetz der Thermodynamik“.

Gott hat diese Gesetze in das Muster unserer Welt hineingewoben. Exilanten werdne anerkennen, daß Gott eine solche Welt geschaffen und die Menschheit auf seine Welt gestellt hat, um ihn zu vertreten, um Haushalter über seine Schöpfung zu sein. Es ist uns nicht gelungen, die Erde vor der Verwüstung durch unseren eigenen Mißbrauch zu schützen. Als Konsequenz flirten wir mit globaler Katastrophe. Ein wahrhaft christlicher Umweltschützer wird erkennen, daß das Ehren und Behüten der Schöpfung Teil des göttlichen Planes Gottes für das Volk Gottes ist. Zuviele Christen haben ihren Glauben so weit vergeistlicht, daß Ökologie – wenn überhaupt – nur noch am Rande vorkommt. Manche Menschen sind zu Umweltaktivisten geworden, weil sie von humanitären oder ästhetischen Gründen angetrieben werden, andere zum Zweck wirtschaftlichen Aufschwungs, öffentlicher Anerkennung oder politischen Gewinns. Exilanten setzen sich nur deshalb für die Umwelt ein, weil sie Christen sind.

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Exiles (9) – Ruhelos im Angesicht von Ungerechtigkeit

6. Dezember 2006

{Das ist der zehnte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5|6|7|8|9}

Wir wenden uns nun der Übung gefährlicher Kritik zu, im vollen Bewußtsein, daß jeder, der ein Imperium von innen her kritisiert, in ernsthafte Schwierigkeiten kommen wird. Wir kritisieren unser Imperium für Dinge, die wir als christliche Gemeinschaft nicht selbst verwirklichen können, versprechen aber andererseits, dasjenige zu tun, was in unserer Macht als christliche Gemeinschaft liegt. Die folgenden kritischen Äußerungen sind Aufschreie an unsere Welt, die Christen in Worte fassen müssen, weil sie wissen daß z.B. Unterdrückung und Habgier Gottes Herz bekümmern.

Nach der Tsunami-Katastrophe und dem unerwartet hohen Spendenaufkommen sticht die Ungerechtigkeit des Imperiums weniger in’s Auge. Aber dieser Vorfall machte auch deutlich, daß wir die Möglichkeit haben, in hohem Maße Zeit und Geld zu geben. Die Flutwelle der Freigiebigkeit ebbte schnell ab. Im Allgemeinen kümmert sich der Westen leider nur sehr wenig um das tägliche Leiden auf unserem Planeten. Die Art der Massenbewegungen ändert sich. Waren die Menschen in früheren Zeiten noch bereit, Zeit, Geld und Energie in eine Sache zu investieren, an die sie glaubten, so ist es heute eher der Fall, daß sie spontan protestieren oder spenden, um auszudrücken, was sie in einer bestimmten Situation „empfinden“. Es läßt sich also eine Tendenz zu schnellen und kurzen Reaktionen als Antwort auf globale Probleme erkennen. Die Motivation, sich auf lange Zeit einer Bewegung anzuschließen und auf Veränderungen hinzuarbeiten, ist mehr oder weniger Geschichte. Wenn sich eine neue Bewegung des Friedens, der Barmherzigkeit und des Großmutes formieren sollte, dann werden Exilanten die ersten sein, die ihr beitreten. Und das nicht um ihre „Gefühle“ bezüglich Ungerechtigkeit, Armut und Leiden auszudrücken, sondern um unermüdlich auf die Ausbreitung des Reiches Gott hinzuarbeiten, damit Barmherzigkeit, Friede, Freundlichkeit und Großmut die Erde erfüllen. Christen kann es nicht nur darum gehen, in ihren Gemeinschaften eine auf den Werten des Reiches Gottes basierende Kontrastgesellschaft zu leben. Eine angemessene christliche Antwort auf das Leiden in der Welt beinhaltet auch die Verpflichtung, gegen die Bedingungen, die zu Elend und Not beitragen, zu arbeiten. Wir sind in der Lage, uns dafür einzusetzen, daß die von westlichen Regierungen und Konzernen verursachte Ungerechtigkeit ein Ende findet. In dieser Hinsicht wird von Exilanten erwartet, daß sie eine sehr gefährliche Kritik an ihrem Host-Imperium äußern.

„Wie Sklaverei und Apartheid ist Armut nichts Natürliches. Sie wurde von Menschenhand gemacht und kann durch menschliches Handeln überwunden und ausgelöscht werden.“ (Nelson Mandela)

Würden die reichsten Nationen der Welt ein bloßes Prozent ihres Einkommens zur Bekämpfung der globalen Armut einsetzen, so könnte diese in weitem Maße reduziert werden. Grundlegende Versorgung mit Nahrungsmitteln, Gesundheit und Bildung für alle wäre für diesen geringen Betrag viel eher möglich. Gleicherweise wären die Auswirkungen auf die Kindersterblichkeitsrate und Pandemien. Extreme Armut zu beenden ist nicht allzu kostspielig. Es braucht nur den Willen dieser Nationen.

„Wir sollten mit dem Zustand unseres Host-Imperiums nicht zufrieden sein. Diese Welt ist verdorben von Gier, Selbstsucht, Ungerechtigkeit und Gewalt und braucht eine geistliche Neuausrichtung. Exilanten sind bereit, die Vorurteile gegenüber Globalisierungsgegnern fallen zu lassen und sorgfältig auf deren Gedanken zu hören, auch wenn das eine sehr gefährliche Kritik an der Kultur, von der wir umgeben sind, bedeutet. Es ist gut möglich, daß wir zwischen dieser Kritik und den Anliegen Gottes eine große Übereinstimmung entdecken.“

Es genügt nicht, mit den Armen das Brot zu teilen. Wir müssen uns mit den Gewalten auseinandersetzen, die für Ungerechtigkeit und Armut auf der Welt verantwortlich sind. Wir dürfen nicht mehr länger unsere Augen vor der Tatsache verschließen, daß die Regierungen des Westens zu ihrem eigenen Vorteil großen Konzernen viel Macht übertragen und dabei Menschenrechte, Umwelt, öffentliche Gesundheit, Wirtschaft und sogar Demokratie riskieren. Der Großkonzern ist die prägende Institution unserer Epoche und hat eine Rolle übernommen, die zu anderen Zeiten und Orten die Kirche, die Monarchie oder die kommunistische Partei innehatte. Konzerne haben ihre eigene „Persönlichkeit“ entwickelt – selbstsüchtig und gierig streben sie nur nach Reichtum und verlieren mögliche Konsequenzen ihres Handelns wie unzählige Krankheitsfälle, Tod, Armut, Umweltverschmutzung, Ausbeutung und Lügen aus den Augen. Frost listet mehrere Bedenken bezüglich Großkonzernen auf:

  • Sie empfangen ungerechte Steuervorteile – zwar schaffen sie Arbeitsplätze, aber die Milliarden, die Konzerne indirekt vom Staat enthalten, können weder für Schulen, soziale Programme oder die Armen eingesetzt werden.
  • Sie kümmern sich nicht um die Auswirkungen der Privatisierung – staatliche Unternehmen werden privatisiert und dienen nicht mehr dem Allgemeinwohl, sondern dem Aktionär – und der freut sich über Entlassungen…
  • Sie verursachen den größten Schaden an der Umwelt – würde alles, was in amerikanischen Haushalten benutzt wird, gewissenhaft recycelt werden, würde das den Abfall, den die USA produzieren, nur um 1-2% reduzieren
  • Sie profitieren von unfairen Handelsabkommen – euphsmistisch so genannte „Freihandels“abkommen nehmen demokratischen Regierungen Macht und geben sie multinationalen Konzernen
  • Sie schaffen eine ungerechte Weltwirtschaft – die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung erhalten 82,7% des gesamten weltweiten Einkommens; die ärmsten 20% erhalten davon nur 1,7%. Trotz der sogenannten Experten in WTO und Weltbank wächst diese Kluft.

Die Globalisierung geht uns an. Sie ist voll von Doppelsinnigkeit, unfairem Wettbewerb und ungerechten Beziehungen in allen Bereichen des Lebens; politische, ökonomische und kulturelle Domination sind miteinander verbunden. Der Exilant kann nicht zur Geborgenheit des Christendom zurückkehren, als die Kirche die Macht hatte, die jetzt in der Hand der Konzerne liegt. Wir haben die bittere Frucht ungerechter Weltherrschaft geschmeckt und wollen sie nicht zurück. Genausowenig wollen wir vor den ökonomischen Gewalten, die jetzt alle Autorität beanspruchen, das Knie beugen. Die Armen müssen uns wichtig sein – in allen Bereichen des Lebens: Wirtschaft, Politik, Kultur, Ökologie. Wie alle Menschen beziehen sie ihre Würde aus ihrer Gottebenbildlichkeit und sind mitverantwortlich für die Schöpfung. Wir müssen sie befähigen, sich selbst zu ermächtigen und ihr Leben in ihre eigenen Hände nehmen zu können. Wenn wir nicht für uns selbst leben, sondern Jesus folgen und Gottes souveräne Autorität verkündigen wollen, dann müssen wir uns für globale Gerechtigkeit einsetzen und uns den Nöten anderer nicht verschließen, sondern der Globalisierung eine Gegenstrategie entgegensetzen: Eine Kultur der vernetzten Gemeinschaften auf dem Weg zu einer Globalisierung, welche die Armen nicht an den Rand drängt, unterwegs zu einer weltweiten Gemeinschaft der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung. Als treue Jünger Jesu gilt es die riskante Solidarität mit den Opfern der gegenwärtigen Gewalten. Die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses hängt von unseren ehrlichen und aufrichtigen Einstellungen, Worten und Taten ab. Und das wird uns mehr abverlangen, als gelegentlich bei einem Unglück Geld zu spenden oder gegen einen Krieg zu demonstrieren. Was können wir aber konkret tun, außer nach Indonesien zu ziehen und unter den Opfern der Weltwirtschaft zu arbeiten? Ohne die Möglichkeit des Engagements in Indonesien ausschließen zu wollen, macht Frost folgende praktische Vorschläge:

  • Laß Deine Stimme hören: Exilanten werden ihre gewählten Abgeordneten hören lassen, was sie über globale Angelegenheiten denken. Sie werden sie für die Belange der Armen einsetzen, öffentliche Kampagnen starten oder Briefe an Politiker schreiben.
  • Nimm Dein Wahlrecht ernst: Wir dürfen nicht einfach denjenigen wählen, der unsere Einkommenssteuer senkt, sondern müssen uns über den Hintergrund eines Kandidaten informieren.
  • Gewinne eine weitere Perspektive: Die Darstellung der Nachrichten in Fernsehen oder Zeitung ist selten unparteiisch. Das Internet bietet die Möglichkeit, einen weiteren Blick zu gewinnen. Wer die Wahrheit über globale Geschehnisse herausfinden möchte, muß weit und verantwortlich lesen.
  • Spende Dein Geld weise: Exilanten sollten das biblische Gebot von Großmut und Liebe ernstnehmen und darauf achten, daß sie ihr Geld dorthin geben, wo Leiden gemindert und Gottes Reich ausgebreitet wird. Einer finanziell gut gestellten Ortsgemeinde den Zehnten zu zahlen, wo es für einen neuen Teppich oder eine neue Jugendhalle verwendet wird, ist nicht die effektivste Weise…
  • Gib acht, daß Du nicht von der ungerechten Weltwirtschaft profitierst: Es ist schwer, Produkte zu finden, die nicht auf ungerechte Weise hergestellt, transportiert und gelagert wurden. Dennoch sollten wir uns Mühe geben. Es ist möglich,
    • – kleine Betriebe und lokale Bauernhöfe zu unterstützen
    • – keine Produkte zu kaufen, die in Ländern ohne gerechte Arbeitsbedingungen hergestellt wurden
    • – den Hintergrund von Unternehmen und Markennamen zu erforschen
    • – ökologisch sichere Produkte zu wählen
    • – Obdachlose als Opfer steigender Mieten und Kürzungen der Sozialhilfe zu sehen
    • – mit Menschen zu sprechen, die von solchen Ungerechtigkeiten direkt betroffen sind und Gruppen von lokalen Aktivisten zu unterstützen

Exilanten können nicht einfach ihre Zelte im Host-Imperium aufschlagen und so tun, als ob sie hierher gehörten. Korruption, Mißbrauch, Verfolgung, Gewalt, Unterdrückung und Gier erinnern sie an ihre Fremdlingschaft. Aber ebensowenig können Exilanten in ein verschlafens Christentum in der Mittelschicht zurückkehren, das sich nicht um die Manifestationen des Bösen in unserer Welt bekümmert. In aber nicht aus dieser Welt zu sein, verlangt die beständige Verpflichtung, den weniger begangenen Weg zu gehen – die Straße der Gerechtigkeit, des Mitleidens, der Freigiebigkeit. Wir dürfen vor der Größe der Aufgabe nicht verzweifeln. Am Ende wird Gott sich verherrlichen und die Verfolgten rechtfertigen. In der Zwischenzeit müssen wir uns einer Bewegung für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz anschließen. Nicht, weil es uns Vorteile erbringt, sondern weil es richtig ist. Der Kampf der Exilanten gegen Ungerechtigkeit braucht Vision, Schönheit und Vorstellungsvermögen. Wir müssen uns diesem Kampf anschließen.

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[Aus dem Netz gezogen] Die Geschichte von Marie

5. Dezember 2006

Advent ist die Zeit des Wartens auf Weihnachten. Zeit, sich Zeit zu nehmen und nachzusinnen über das Kommen Gottes. Wer die Geschichte der Geburt Jesu einmal anders lesen wolle, der gönne sich Die Geschichte von Marie, die Toby Faix wunderbar nacherzählt. Das ist Gedankenfutter…

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[Wortakrobatik] Rede Herr, Dein Knecht hört

3. Dezember 2006

Aus meiner gestrigen Meditationszeit:

Wind kommt auf
Meine Segel straffen sich
Habe lange gewartet
Bricht jetzt die Zeit an?

Will die Wolke suchen
Dem Feuer nachgehen
Dem Lamm folgen, wohin es mich führt

Der zarten Stimme Raum geben
Hinhören auf das leise Wispern
Das sanfte Klopfen in meinem Herzen
Das von außen, von oben kommt
Soll mich leiten

Alles in mir verzehrt sich nach Dir

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