Der Sämann

Saatgut aus der Fülle des Lebens-mit-Gott







  • Buchtipps vom Sämann



    vernetzt mit Emergent Deutschland

    Das Buch vom Sämann Wie die Bibel Sinn macht

    Bücher mit dem Sämann In allen Städten und Dörfern Beziehungsweise Leben Zeitgeist
    Zeitgeist
  • Täglich Brot

    • Irisches Gebetbuch
    • Richard Foster, Dallas Willard, Walter Brueggemann (Hrsg.) – Renovaré Spiritual Formation Study Bible
  • Was ich höre

    • Bob Dylan – Nashville Skyline
    • Bon Iver – Bon Iver
    • Coldplay – Mylo Xyloto
    • Jens Böttcher – Viva Dolorosa
    • Johnny Cash – Bootleg Vol. 2: From Memphis to Hollywood
    • Johnny Cash – Bootleg Vol.3: Live Around the World
    • Johnny Cash – I Would Like to See You Again
    • Johnny Cash – Now, there Was a Song!
  • Was ich lese

    • Gustav Aulén – Das christliche Gottesbild in Vergangenheit und Gegenwart: Eine Umrißzeichnung
    • Manfred Scheuch – Historischer Atlas Deutschland: Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung
    • Saul Friedländer – Das Dritte Reich und die Juden
    • Stephen R. Covey – The 8th Habit: From Effectiveness to Greatness
    • Thomas C. Oden und Cindy Crosby – Ancient Christian Devotional: A Year of Weekly Readings
    • William Shakespeare – The Complete Works
Egoload - Analytischer Denker

Emergent Village

Friend of Missional

Firefox

Falls dieser Blog nicht richtig angezeigt wird, klicke hier

Dieser Blog ist lizensiert unter einer Creative Commons 3.0-Lizenz

ecto

apple

Döner macht schöner!

Archiv für November, 2006

Von Google zum Sämann III

30. November 2006

Heute suchte ein Mitmensch bei Google nach einem „hörtest für 13jährige“ und landete prompt auf dem Feld des Sämanns bei diesem Post – meinem Gedicht über Abraham…

Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare »

Exiles (8) – Für das Host-Imperium arbeiten

30. November 2006

{Das ist der neunte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5|6|7|8}

Exilanten werden sich hingebungsvoll ihrer Arbeit widmen, weil sie wissen, daß sie von Gott berufen sein können, in einer Fabrik, einer Anwaltskanzlei, einer Schule oder zuhause zu arbeiten, genauso wie jemand von Gott berufen sein kann, als Pastor zu dienen. Wie Daniel oder Joseph werden Exilanten hart für das Host-Imperium arbeiten und dabei versprechen: „Wir werden rechtschaffen arbeiten.“

Exilisches Denken strebt danach, den Beruf eines Menschen mit seiner Mission [Sendung; im traditionellen Verständnis: „Berufung“] in Einklang zu bringen. Zulange ist die Kirche dem Dualismus aufgesessen und hat Arbeit als weltlich angesehen, Dienst in der Gemeinde hingegen als heilig und rechtschaffen. Diese Sichtweise erkennt nur den vollzeitlichen „geistlichen“ Dienst von Pastoren oder Missionaren als heilig an. Viele Kirchgänger bekommen den Eindruck vermittelt, daß Gott kein Interesse daran hat, was sie die ganze Woche über an ihrem Arbeitsplatz leisten und statt dessen viel mehr an den wenigen Stunden ihrer gemeindlichen Aktivitäten interessiert ist. Biblisch gesehen ist eine solche Sichtweise fehlerhaft, denn Gott ist in unserem Arbeitsleben im selben Maße gegenwärtig und daran interessiert, wie das bei jedem anderen Bereich unseres Lebens der Fall ist. Exilanten müssen sich sowohl von einer Kirche, welche die Rechtschaffenheit ihres alltäglichen Arbeitslebens abwertet, als auch von einer Welt, die Arbeit nur als Möglichkeit, Geld zu verdienen ansieht, freimachen. Natürlich sollte jeder Christ den Ruf, verantwortlich zu arbeiten und nicht zum Leid anderer beizutragen, ernstnehmen. Wer seinen Beruf als seine Mission ansieht, dem geht es nicht nur darum, seinen Arbeitsplatz für das persönliche Zeugnis zu nutzen, sondern er wird danach streben, seine Berufung, Gott zu dienen, durch die Arbeit, die er tut, zu erfüllen. Selbstverständlich verdienen wir mit unserer Arbeit Geld, aber unsere primäre Motivation als Exilanten ist es, unsere Arbeit als Ausdruck unserer Beziehung zu Gott zu tun.

Wenn Jesus uns aufträgt, zu unserem „Vater im Himmel“ zu beten, dann beitet er uns mehr als eine bloße Anrede für Gott. Er lädt uns vielmehr dazu ein, einen wichtigen Teil unserer Beziehung zu Gott zu erkennen. Zur Zeit Jesu schauten die Söhne ihren Vätern jeden Tag bei der Arbeit zu und lernten auf diese Weise schon in sehr jungen Jahren deren Handwerk. Bis vor 150 Jahren war das bei uns noch genauso. Heutzutage sehen Kinder ihren Vätern nur noch selten bei der Arbeit zu und kommen folglich auch gar nicht auf die Idee, in deren Fußstapfen zu treten. Der junge Jesus lernte die Arbeit seines irdischen Vaters von frühester Kindheit an, indem er zuerst mit Holz spielte, dann einfache Techniken zu seiner Bearbeitung lernte und dann im Betrieb seines Vaters ausgebildet wurde. Natürlich würde er später auch einmal Zimmermann werden. Söhne folgten ihren Vätern. Im Alter von zwölf Jahren fällt die Verbundenheit Jesu mit seinem himmlischen Vater auf, als er, wie in Luk 2 berichtet, im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutiert und zu seinen Eltern sagt, er müsse im Haus seines Vaters sein. Wie er seinem irdischen Vater ins Zimmermannshandwerk folgte, so folgte er seinem himmlischen Vater in den Tempel.

Wenn wir zu unserem Vater im Himmel beten, dann drücken wir damit auch unsere Beziehung als Lehrlings-Kind zu ihm aus. wir bekennen damit, daß wir Gott in den „Familienbetrieb“ folgen wollen. Während wir im Glauben wachsen, sollten wir immer mehr das Werk unseres Vaters tun. Als kleine Kinder fangen wir an, sehen unseren Vater jeden Tag mit Sägemehl bedeckt nach Hause kommen, langsam aber sicher nehmen wir dann seine Berufung als die unsrige an, lernen Stück für Stück als Lehrlings-Kinder und später dann als Mitarbeiter. Was allerdings ist der „Familienbetrieb“?

Als Nachfolger des lebendigen Gottes sind wir nicht nur dazu berufen, ihn zu lieben und anzubeten, sondern ihm bei seinem Werk zuzuschauen und ihn in unserer Sphäre nachzuahmen. Dies geschieht vor allen Dingen in dem Beruf, den wir wählen. In unserem Geist verspüren wir das Rufen Gottes, erkennen unsere Berufung und wählen unseren Beruf. Fälschlicherweise sprechen wir oft nur von Berufung in den „geistlichen“ Vollzeitdienst, bspw. in der Gemeindeleitung oder auf dem Missionsfeld. Mit einem solchen falschen dualistischen Denken sehen wir nur die Kirche als den „Familienbetrieb“ unseres himmlischen Vaters an. Dualismus trennt zwischen dem weltlichen und dem geistlichen, dem säkularen und dem sakralen Bereich, sieht nur Gottesdienste, Stille Zeit, theologische Ausbildung, Bibelstudium u.s.w. als „geistlich“ an. Zum weltlichen Bereich gehört dann der Rest des Lebens: Sex haben, Gartenarbeit, eine Ausstellung besuchen, essen, das Haus renovieren, Sport, Arbeitsplatz u.ä. Vielleicht denken wir gar nicht, daß Gott bei diesen Aktivitäten abwesend ist, aber wir nehmen jedenfalls nicht an, daß er so wirklich besonders gegenwärtig ist. In Wahrheit ist aber die Welt nicht in zwei Bereiche geteilt. Gottes Gegenwart beschränkt sich nicht auf den sogenannten „geistlichen“ Bereich. Im Büro, im Garten oder im Stadion ist er genauso gegenwärtig wie im Gottesdienst. Wir müssen endlich mit der Vorstellung Schluß machen, daß die einzigen, die ihrem Vater in den Familienbetrieb folgen, diejenigen im vollzeitlichen „geistlichen“ Dienst sind.

Im Neuen Testament nimmt Gott selbst die Materie an, er wird ganz Mensch, teilt unser normales alltägliches Leben, lernt ein Handwerk, nimmt echtes Essen zu sich, leidet und stirbt. Mitten in der Materie, im alltäglichen Leben fühlt sich Gott mehr als zuhause. Exilanten haben diesen alten Dualismus verlassen. In einem System, das nur die Arbeit des Predigers wertschätzt und ihre Arbeit in der Schule, im Krankenhaus oder im Büro ignoriert. In einer biblischeren Weltsicht nehmen sie ihre Rolle als Kinder Gottes an und folgen ihrem Vater in den Familienbetrieb. Und diese Beschäftigung ist nicht auf den Klerus limitiert, sondern beinhaltet jede Tätigkeit, die das Werk Gottes in dieser Welt weiterführt. Jede Arbeit, die Gottes Wirken nachahmt, ist für den Exilanten eine edle Berufung. Was können wir uns darunter vorstellen?

Schaffen/Bauen: Gott ist der Schöpfer. Er erträumt neue Welten, kreiert Sonnensysteme, gestaltet das Leben selbst – vom kleinen Kolobri bis zum mächtigen Himalaya. Gott ist kreativ, er schafft Systeme, denkt in den kompliziertesten vernetzten Strukturen und Organisationen. Welche Arbeit könnte dem entsprechen? Z.B. Computerprogrammierer, Designer, Klempner, Gärner, Arbeiter auf Baustellen, Elektriker, Unternehmer, Künstler, Dichter, Autor, Maler, Schiffsbauer, Architekt, Mechaniker etc. Nirgendwo sehen wir allerdings die schöpferische Tätigkeit auf wundervollere Weise, als wenn zwei Menchen zusammen ein Kind zeugen.

Bennenen/Umbennen: Eine Aufgabe hat Gott dem Menschen exklkusiv anvertraut: Das Benennen der Tiere (Gen 2,19f). Wie können wir dieses Namengeben ausleben? In jeder Form von Forschung; Eltern, die ihren Kindern Namen geben; aber auch Lehrer, Seelsorger, Therapeuten u.a., die Menschen von ihren Lebenslügen befreien und ihnen neue Namen geben. Vgl. Abram –> Abraham; Jakob –>Israel; Simon –> Petrus

Die Wahrheit sagen: Lehren im biblischen Sinn bedeutet nicht einfach, in einer Ausbildungsstätte zu arbeiten, sondern vielmehr andere auf den rechten Weg führen. Gott ebnet Wege und führt uns in die Wahrheit. Die Wahrheit aussprechen – das gilt auch für Angestellte im Patentamt, für Forscher, Polizisten, Journalisten, Richter, Pastoren, Psychotherapeuten etc. Viele Exilanten werden auch Läden aufbauen, in denen Fair-Trade-Produkte verkauft werden oder auf ökologische Verantwortung geachtet wird. Christliche Autoren, Dichter und Journalisten werden sich darum bemühen, die Wahrheit zu schreiben.

Heilen: Die heilende Seite Gottes ist im irdischen Dienst Jesu offensichtlich. Menschen, die dasselbe tun, sind z.B. Ärzte, Pfleger, Physiotherapeuten, Psychiater, Sozialarbeiter, Angestellte in der Pharmabranche etc. Wenn wir unser Verständnis von Heilung erweitern wollen, dann gehört dazu auch das Saubermachen eines Spielplatzes, das Schaffen von Wohlfühlräumen wie Cafés und Restaurants dazu.

„Wenn wir Schuhe verkaufen, Straßen fegen, Computer programmieren oder Lastwagen fahren, bringen wir unserer Welt Heilung, wenn wir die Menschen durch unsere Güte, Integrität und Mitleid, die sich in unserem täglichen Leben zeigen, auf Jesus hinweisen. Auf diese Weise werden wir „kleine Jesusse“, Lehrlings-Kinder unseres Vaters und Meisters, Gott. … Wenn der Beruf, den wir gewählt haben, gut bezahlt wird, dann soll es so sein. Falls das aber der Fall ist, dann müssen wir sicherstellen, daß wir viel Geld weggeben, so daß damit anderen gedient werden kann. Wenn unsere Tätigkeit von der Gesellschaft nicht allzu sehr wertgeschätzt wird, dann dürfen wir uns daran erinnern, daß es der Hauptgrund unserer Berufung ist, das Werk unseres Meister-Vaters zu vollenden. Das ist eine heilige Aufgabe, die weder die Gesellschaft noch die Gemeinde für gering erachten darf.“

Abgelegt unter Bücher | 3 Kommentare »

Exiles (7) – Exilanten bei Tisch

29. November 2006

{Das ist der achte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5|6|7}

Statt gewöhnliche und alltägliche Handlungen wie z.B. Essen als weltlich und unheilig anzusehen, sind sie als Möglichkeiten zu betrachten, Gott und seine Gnade in unsere alltägliche Welt hineinzutragen. Viele Exilanten haben genug von Exzessen und der gedankenlosen, hochmütigen Art, das Essen als Entertainment anzusehen. Fettleibigkeit liegt in den USA noch vor dem Rauchen als primäre vermeidbare Todesursache. Heutzutage werden Mahlzeiten selten noch als heilig empfunden. Wir haben das Tier, das wir verspeisen, nicht selbst geschlachtet und genausowenig haben wir durch das Jahr hindurch für ein gelingendes Wachsen der Saat gebetet oder selbst an der Ernte teilgenommen. Viele Familien kennen keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr. Wahrscheinlich kommen wir an Weihnachten dem heiligen Essen am nächsten, im Alltag haben unsere Essensgewohnheiten jedoch oft dazu geführt, daß wir Kochen und Essen als Ärgernis oder Unterbrechung ansehen. Die Bibel nennt eine solche Nachlässigkeit „Völlerei“. Spr 23 ruft dazu auf, sich von Säufern und Schlemmern fernzuhalten. Welche Essensgewohnheiten sind für Exilanten angemessen? Um dies herauszufinden, gilt es (außer dem Beispiel Jesu, das schon betrachtet wurde), einen Blick auf die biblischen Exilanten zu werfen und von ihnen zu lernen.

Joseph schuf eine Kultur der Mäßigung, welche dazu führte, daß im sonst so von Ausschweifungen gekennzeichneten Ägypten Maß gehalten und ein verantwortlicher Umgang mit den eigenen Ressourcen erreicht wurde, so daß in den Jahren der Hungersnot nicht nur die Not leidenenden Ägypter, sondern auch andere Nationen versorgt werden konnten. Wird noch das Mahl, welches Joseph mit seinen Brüdern hielt, in Betracht gezogen, so ergibt sich das Bild eines freigiebigen und gastfreundlichen Exilanten, der zudem die ihm anvertrauten Ressourcen gut verwaltete. Heutige Exilanten in einer Welt, in der täglich Zehntausende verhungern, werden sich ebenfalls für eine gerechte und verantwortliche Verteilung der Ressource einsetzen. Wenn unser Host-Imperium nicht freigiebig ist, so ist es unsere Pflicht, wie Joseph alles dafür zu tun, daß Armen und anderen Nationen bestmögliche Hilfe zuteil wird.

Daniel gedeiht körperlich und geistlich, ohne sich den babylonischen Essensvorschriften zu unterwerfen. So bleibt er ein Affront am Königshof. Wie Jesus Jahrhunderte später erklärte, daß seine Jünger in der Welt („in the world“), aber nicht aus/von der Welt (also weltlich – „of the world“) sein würden, zeigt Daniel die Macht der Exilanten, indem er still und subversiv seine eigene Speisekarte entwirft und den Beamten am Hof demonstriert, dass der Speiseplan Gottes der bessere ist. Heute, da die Speisegesetze Israels nicht mehr für uns gelten, müssen wir dennoch nicht alles essen, was uns Werbung, Fast-Food-Ketten und Freunde anbieten. Wie Daniel sollten wir dadurch gerechtfertigt werden, daß wir gesünder und wohlgenährter als andere aussehen. Exilanten werden gut und gesund essen, dabei mäßig bleiben, ohne sich gasttronomischen Köstlichkeiten zu entziehen und so delikate, frische und schmackhafte Speise zu sich nehmen, wie es von Gott vorgesehen ist.

Paulus‚ Essensgewohnheiten sind – ähnlich wie bei Jesus – ein Fenster in seinen Dienst. Ursprünglich lehnte er nach gut pharisäischer Lehre alle Verunreinigungen durch Essen mit Ungläubigen oder nichtkoschere Speise ab. Nachdem er die Freiheit in Christus verstanden hatte, brach er mit jeglichen Konventionen und genoß die Gesellschaft von Nichtjuden wie auch deren Gastfreundschaft. Auf die Frage, ob denn Christen auch heidnischen Götzen geweihtes Fleisch essen dürften, antwortet Paulus auf differenzierte Weise: Zunächst einmal gilt es, alles zur Ehre Gottes zu tun – auch und gerade das Essen. Christen können keinesfalls durch geweihtes oder unreines Fleisch beschmutzt werden. Es könnten aber im Glauben Schwächere dieser Ansicht sein und darum am Essen des Götzenopferfleisches Anstoß nehmen. Um ihres Heils willen soll der Stärkere, der die höhrere Offenbarung hat, in diesem Fall auf die Speise verzichten. Besorgt um das Heil der Heiden teilt Paulus gerne deren Tischgemeinschaft und wird so einer der ihren, ißt also in missionaler Absicht. Genauso können Exilanten nichtgläubige Freunde ihre Gastfreundschaft genießen lassen und ihnen so Anteil am eigenen Leben, Glauben und der eigenen Freude geben.

„Wir sollten draußen in der Öffentlichkeit essen, wo andere uns sehen und sich uns anschließen können, wenn wir das Leben und die Freiheit in Christus feiern. Aber wir sollten uns genauso dessen bewußt sein, daß unser Verhalten den Glauben junger Christen in’s Schwanken bringen könnte. So oder so müssen wir uns in unseren kulinarischen Gebräuchen nach den anderen richten.“

Joseph lehrt uns, ein Reich zu bauen, dem eine faire Verteilung der Nahrungsmittel am Herzen liegt; Daniel erinnert uns daran, auf eine Weise zu speisen, die uns so gesund und lebendig wie nur möglich sein läßt, damit unser Lebensstil Gott verherrlicht; Paulus weist uns an, in unserer Freiheit verantwortlich zu sein und gemeinsam mit denen zu essen, die unseren Herrn und Retter nicht kennen. Alle drei sehen die Nahrungsaufnahme als missionales Handeln an, die ihr Host-Imperium verändert. Wenn wir von ihnen lernen wollen, dann müssen wir über die Bedeutung der Mahlzeiten in unserer Gesellschaft nachdenken. Dazu müssen wir erneut die „dritten Orte“ in den Blick bekommen. Sie sind für den Aufbau von Feundschaften mit Noch-nicht-Christen entscheidend. Zwei Kernzutaten, die dritte Orte für Mission fruchtbar machen, sind Essen und Alkohol. Über einer schmackhaften Mahlzeit mit guten Getränken lassen sich die besten Gespräche führen. Wenn uns Paulus anweist, bei anderen keinen Anstoß zu erregen (1Kor 10,32), dann geht es nicht darum, daß sich Nicht-Christen von unseren Essensgewohnheiten angegriffen fühlen. Er hat vielmehr schwächere Gläubige im Blick, die unsere Freiheit in Christus nicht würdigen. In unserer Kultur ist die geteilte Mahlzeit der beste Ort für ein missionarisches Essen, wie es Paulus in 1Kor beschreibt. Das einzige Problem dabei ist, daß Christen im Allgemeinen nicht an dritte Orte gehen, weil sie so sehr von Gemeindeaktivitäten in Anspruch genommen werden. Davon haben sich Exilanten befreit, um mit Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen gemeinsam essen zu können. Nur wenn ein Gast sich wirklich willkommen, respektiert und sicher fühlt, wird er sich seinem Gastgeber gegenüber öffnen. Exilanten werden darum besorgt sein, solche sicheren Räume für andere zu schaffen und auch selber solche Räume betreten, die von Nicht-Christen geschaffen wurden. Das bedeutet, im Terminkalender für die Gesellschaft solcher, die unseren Glauben nicht teilen, Raum zu schaffen.

„Wir sollten die frischeste, gesündeste Kost kochen, sie mit tollem Wein veredeln, kleine Läden und Bauernhöfe unterstützen sowie Produkte vermeiden, die aus Ländern ohne Fair Trade stammen oder auf ökologisch fragwürdige Weise hergestellt und gelagert werden. Der Tisch des Exilanten sollte ein gerechter, freigiebiger Ort sein, voll Lachen, Gastlichkeit und Geborgenheit. Serviere etwas Köstliches und dann sieh einfach zu, wie sich die Gespräche entwickeln und vertraue darauf, daß Gott an irgendeiner Stelle seine Nase ‚reinsteckt.“

Wer undiszipliniert und ausschweifungsvoll nur das Vergnügen sucht, macht das poteniell Heilige weltlich und gewöhnlich. Wenn wir uns einschränken, erhöhen wir den Wert gewisser Erfahrungen und das Staunen darüber. Für Paulus war Essen mehr, als nur seinen Tank aufzufüllen. Es war eine Möglichkeit, Gott zu verherrlichen, seinen Glauben mit anderen zu teilen oder den Glauben eines anderen Gläubigen aufzuerbauen. Er hieß die Freiheit willkommen, ohne sie immer voll auszuleben. Es ist wichtig, das ängstliche Befolgen der pharisäischen Regeln hinter sich zu lassen; wer sich aber der ein oder anderen Vergnügung enthält, kann ein gewöhnliches Mahl ins Reich heiliger Ekstase erheben. Wie Daniel können Exilanten heute die Qualität ihrer Religion bezeugen, indem sie das Leben genießen, gut essen, ihren Tisch mit Ungläubigen teilen und darauf hinarbeiten, eine gerechte Welt zu schaffen, in der die Armen genährt und die Ressourcen der Erde fair verteilt werden. Nicht nur um gesund zu leben, sondern auch um unsere Hingabe an Gott auszudrücken, macht Frost einige praktische Vorschläge:

  • – trinke mehr Wasser (verbessert die Haut, gibt Energie, hält Kopfschmerzen zurück etc.)
  • – iß langsam und genieße Deine Mahlzeit (dankbar essen und erkennen, wann es genug ist)
  • – iß „echte“ Nahrungsmittel statt kalorienarme (Niedrigfettprodukten sind oft chemische Geschmacksverstärker beigefügt)
  • – öfter essen, kleinere Mahlzeiten (dreimal täglich gesund und ordentlich essen)
  • – Kohlenhydrate nicht übertreiben (Pasta und Kartoffeln nicht mittags, sondern abends essen)
  • – Kein Alkohol auf leeren Magen (Blutzucker fällt, Hunger steigt; statt dessen eine tolle Mahlzeit mit Alkohol veredeln)
  • – weniger Koffein, mehr Protein, fünfmal täglich Obst oder Gemüse

Abschließend unterstreicht Frost die Wichtigkeit der Offenheit für andere – Arme, an den Rand gedrängte, Hungrige etc. In Jesu Gleichnis vom Weltenrichter in Mt 25 werden die Menschen auch danach beurteilt, wem gegenüber sie sich gastfreundlich verhalten, wem sie zu Essen gegeben haben. Göttliche Besucher kommen als Fremde zu uns. So war es bei Abraham in Mamre, der Witwe von Zarepta und so stellt es auch Heb 13,2 in Aussicht.

„In der Innenstadt von Melbourne gibt es eine Gemeinde für Obdachlose, Straßenkinder, drogenabhängige Prostituierte im Teenageralter und psychisch Angeschlagene. Sie heißt „Matthew’s Party“ – wirklich ein perfekter Name für eine Gemeinde. Eigentlich sollte jede Gemeinde eine Party des Matthäus sein, ein Ort, wo Zöllner und „Sünder“ mit dem Exilanten Jesus und seinen Freunden zu Tisch sitzen und feiern können.“ [vgl. Mt 9,10]

Abgelegt unter Bücher | 2 Kommentare »

Exiles (6) – Ein Kollektiv von Exilanten formen

28. November 2006

{Das ist der siebte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5|6}

Wer mittlerweile von der Freude an Communitas und dem Bedarf an Mission als liminaler Erfahrung überzeugt ist, muß einen Schritt weitergehen. Exilanten haben entweder die Gemeinden des Mainstream verlassen oder halten in freudloser Pflichterfüllung in ihnen aus. Aber auch im Host-Imperium der Zeit nach Christendom sind sie nicht zuhause. In Kurzzeitprojekten haben sie Communitas erfahren und wissen also, wie es sich anfühlen sollte, gemeinsam mit anderen Reisenden auf der Welle der Liminalität zu surfen und nichtinstitutionelles religiöses Dienen zu genießen. In ihren Gemeinden erleben sie dies meist nicht. Wir beschäftigen uns weiter mit den „gefährlichen Versprechungen“ der Exilanten. Eine davon ist die Gestaltung von Alternativen zu den exisitierenden Gemeinden des Host-Imperiums. Um dies zu erreichen, müssen Exilanten missionale Gemeinschaften schaffen.

Exilanten geben sich nicht damit zufrieden, zu glauben, daß das liminale Erleben christlicher Mission nur gelegentlicher Bestandteil ihres Christenlebens sein soll. Sie haben damit aufgehört, jeden Sonntag Kirche zu spielen und dabei herausgefunden, daß ihre missionale Erfahrung mit anderen ihre Gemeinde ist. [Frost beschreibt im Anschluß unterschiedliche Beispiele dafür.]
Pete Ward wirbt in seinem Buch Liquid Church für ein Umdenken von fester zu flüssiger Kirche. Erstere versteht er als eine mehr oder weniger zusammenhängende Gruppe von Menschen mit ausgeprägter organisatorischer Struktur, die sich zu einer besonderen Zeit an einem besonderen Ort trifft. Dabei ist Treue ist gleichbedeutend mit Gottesdienstbesuch, Erfolg wird in Zahlen gemessen, Anbetung und Lehre sind standardisiert und die Mitgliedschaft ähnelt soziologisch gesehen der in einem Golf- oder Tennisverein. Im Gegensatz dazu erhält flüssige Gemeinde gemäß Ward ihre Identität aus der formlosen und fließenden Idee, daß Gläubige miteinander in Verbindung stehen. Flüssige Gemeinde ist keine Institution, sondern etwas, das „wir miteinander schaffen, indem wir Christus mitteilen“. Sie besteht aus Beziehungsnetzwerken, und die Basis für das Gemeindeleben findet sich nicht in organisatorischen Mustern oder Gebäuden, sondern in dem geistlichen Handeln der Menschen. Außerdem muß flüssige Gemeinde nicht unbedingt die Form eines wöchentlichen „Gottesdienstes“ haben, sondern Anbetung und gemeinsame Zusammenkunft „werden dezentralisiert und umgearbeitet, um dem wachsenden geistlichen Hunger in der Gesellschaft zu entsprechen“. David Barrett und Todd Johnson haben in einer Studie die Existenz einer „neo-apostolischen Bewegung“ herausgefunden, die von folgenden Eigenschaften gekennzeichnet ist:

  • – Ablehnung von Denominationalismus und einschränkender, niederdrückender zentraler Autorität
  • – Streben nach einem an Jesus ausgerichteten Leben
  • – Streben nach einem effektiveren missionarischen Lebensstil
  • – Es handelt sich um eine der am schnellsten wachsenden Bewegungen der Welt

Frost berichtet von einheimischen Evangelisten in Tansania, Sambia, Kambodscha, Vietnam und Brasilien, die einfach durch die Dörfer ziehen, das Evangelium verkündigen, neue Gläubige miteinander verbinden, eine Leiterschaft etablieren und die Gemeinde sich selbst überlassen, bis sie dann irgendwann später zu gelegentlichen Besuchen vorbeikommen werden. Abgesehen davon daß es sich hierbei auch um die Methode des Paulus handelt, geschieht dies ganz ohne Gebäude, Ausbildungsstätten, Bücher und andere Ressourcen, welche für die Gemeinde Jesu einen Luxus darstellen, aber keinesfalls notwendig sind. Auch ohne diese Hilfsmittel wächst die Kirche in China rasant.

„Warum erscheint es im Westen so viel schwerer? Warum können wir es uns nicht vorstellen, eine Gemeinschaft von Nachfolgern Christi ohne Gebäude oder offiziell ausgebildeten und akkreditierten Klerus zu sein?“

Oftmals erscheint an dieser Stelle der Einwand, daß aus solchen kleinen Zellen nur lehrmäßige Verirrungen entstehen könnten, aber die größten Häresien der Kirchengeschichte entstammten meist dem kirchlichen Mainstream.

„Ich möchte eines klarstellen: Ich behaupte nicht, daß an Ausbildungsstätten, Denominationen, Kirchengebäuden, und der restlichen gewaltigen Infrastruktur, die der Kirche im Westen zur Verfügung steht, etwas falsch ist. Was ich aber sagen möchte, ist, daß unsere Abängigkeit hiervon unser geistliches Wachstum limitiert. Solange wir auf Geld, Gebäude und bezahlte Experten vertrauen, realisieren wir unsere ganze Berufung als Gemeinde Christi nicht. … Warum können wir nicht flüssig denken, uns christliche Gemeinschaften vorstellen, die entstehen und wieder zurückgehen, sich in Risse ergießen und in Myriaden von Voklsgruppen und Orten Myriaden von Formen annehmen? Mit solch einer befreienden Ekklesiologie können Exilanten die „Gemeinde“ in allen möglichen verrückten und wunderbaren Ausdrucksformen erkennnen. … Wir müssen wiederentdecken, daß die sechs, acht, zehn oder dreißig von uns, die gemeinsam als Nachfolger Jesu leben, jede geistliche Resource haben, die wir benötigen, um an diesem Ort und in dieser Zeit seine Gemeinde zu sein.“

Frost zitiert einen weisen Satz von Antoine de Saint-Exupéry, dem Verfasser des Kleinen Prinzen:

„Wer ein Schiff bauen will, der rufe nicht Menschen zusammen um Holz zu kaufen, Werkzeuge vorzubereiten, Arbeiten zu verteilen und das Werk zu organisieren, sondern er lehre sie die Sehnsuch nach dem weiten, endlosen Meer.“

Im Westen ist die Gemeinde zu sehr damit beschäftigt, ihre Glieder zu motivieren, die Technik des Schiffbaus zu lernen, ohne sie zuerst mit der Sehnsucht, die Hochsee zu besegeln, inspiriert zu haben. Exilanten leben für den Ozean. Sie haben die Freude nichtinstutionalisierter Freundschaften und die Freiheit des Gewissens geschmeckt, und das genießen sie. Sie vertrauen Gott in ausreichender Weise, um glauben zu können, daß Gott die Gemeinde baut und die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden und daß die Form, die Gottes Bauwerk erhält, manche Christen verunsichern oder ängstigen wird. Exilanten, die einen solchen Hunger in sich tragen, haben die Verantwortung, ihn an andere weiterzugeben und sie zu lehren, sich nach dem weiten, endlosen Meer zu sehen. Wie geht das?

  • Jesus den Referenzpunkt sein lassen: Unsere Identität kommt aus unserem Verständnis davon, wer Jesus ist, was er tut und was er sagt. Wenn wir von dem Jesus der Evangelien besessen sind, können wir uns nur nach dem weiten Meer sehnen. Er ist frei – wunderbar und beängstigend frei – von den Schranken institutioneller Religion. Was würde Jesus tun? Wenn wir diese Frage ernsthaft beantworten wollten, würden wir uns in den liminalsten und missionalsten Erfahrungen unseres Lebens wiederfinden. Leiter unter den Exilanten werden ihre Freunde lehren, selbst ihre Leben in den Evangelien zu marinieren.
  • Eine Spiritualität des Engagements ergreifen: Jesus zu folgen, bedeutet, sich ernsthaft im Leben anderer zu engagieren. Das Leben Jesu bestand nicht primär aus Rückzug, Reflektion und Einsamkeit. Solches war die Ausnahme, Satzzeichen in einem Leben des Engagments, des Handelns und der Teilhabe an anderen. Mt 9,5: Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, predigte in den Synagogen, verkündigte die gute Nachricht vom Reich Gottes und heilte alle Krankheiten und Gebrechen. Leiter unter Exilanten werden es vorleben, daß Engagement normal ist und der Rückzug in die Einsamkeit einen gelegentlichen aber notwendigen Bestandteil der Spiritualität darstellt.
  • Sich von der vorbereitenden Gnade inspirieren lassen: Wer an die präveniente Gnade glaubt, geht davon aus, daß Gott uns auch in die unreligiösesten Situationen vorausgeht und dort eine Umgebung schafft, in der unser christusähnliches Beispiel in Empfang genommen werden kann. Die Ewigkeit in unseren Herzen (Pred 3,11) bringt uns dazu, uns auf die Suche nach Gott zu machen, nach dem Gott, der sich beständig auf der Suche nach uns befindet. Exilanten erkennen das an und gehen deshalb vertrauensvoll mitten hinein in die Welt, weil sie davon ausgehen, daß Gott ihnen vorausgeht. Darum müssen wir nicht dafür sorgen, daß gewisse Dinge geschehen, sondern mit Gott zusammenarbeiten, der sie stets geschehen läßt.
  • Dem missionarischen Gott an seltsame Orte folgen: Wenn Exilanten danach Ausschau halten, wo Gott bereits am Wirken ist, dann werden sie überrascht sein von dem, was sie entdecken werden. Vielleicht finden sie Gott in der Kneipe, in der Biker-Gang, in der Stripbar oder im Kasino. Zur Zeit Jesu hätte niemand damit gerechnet, Gott beim Essen mit Zöllnern oder beim Spielen mit Kindern anzutreffen.
  • – Menschen um Dich herum dazu inspirieren, dasselbe zu tun: Exilanten finden sich in den Rissen zwischen einem Host-Imperium, das sie nicht annehmen können, und einer Kirche, zu der sie keinen Bezug haben. Viele verlassen die Gemeinde, genießen die Freiheit von den vielen Verpflichtungen, denen sie zuvor unterworfen waren, und treiben dann einsam in einer kleinen Nußschale auf dem weiten Meer, zusammen mit wenigen – wenn überhaupt – anderen, die diese Reise mit ihnen teilen. Exilanten wollen das, was sie in ihren Gemeinden nicht gefunden haben: Freie, organische, egalitäre Communitas, verbunden durch eine gemeinsame Sache, die größer ist, als sie selbst, die Sache der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und des Friedens. Exilanten, die genug vom traditionellen Gemeindeleben haben und des Alleinseins müde geworden sind, müssen die Herausforderung annehmen, Verbündnisse von Exilanten zu schaffen und sie in die Mission zu leiten. Aber: „Was immer Du tust, führe andere in eine tiefere Gemeinschaft untereinander und mit Gott. Vielleicht hast Du plötzlich eine Gruppe Exilanten, die durch eine gemeinsame Sache verbunden sind. Kann ich es zu sagen wagen? Vielleicht hast Du aus Versehen eine Gemeinde gepflanzt.“

Vielleicht müssen wir wiederentdecken, was eigentlich ein biblisches Gemeindeverständnis ausmacht. Wenn Exilanten missionale Communitas erfahren haben, ist ihr Appetit nach beständigem, Jesus-zentriertem Glaubensleben geweckt, aber sie wollen nicht das ganze Paket traditioneller Kirche. Darum fragen sie oft: „Was ist das nackte Minimum, das eine Gruppe Exilanten tun oder sein muß, um auf rechte Weise zu gemeinden (bzw. Gemeinde zu sein)? Frost schlägt folgende Mindestanforderungen für eine missionale Communitas oder Gruppe von Gläubigen vor:

  • Trinitarische Theologie: Der Glaube an die Dreieinigkeit steht im Mittelpunkt christlichen Glaubens. Ihre Wiederentdeckung bietet sowohl den Rahmen als auch den geistlichen Klebstoff für wahre Gemeinschaft. Gott der Vater lädt uns sein, seine Lehrlings-Kinder zu sein; Gott der Sohn inspiriert uns dazu, an der Ausbreitung seines Reiches in der Welt teilzuhaben; Gott der Heilige Geist weist uns an, Jesus als Herrn anzuerkennen und schenkt uns jede gute Gabe. In dem von Kevin Vanhoozer herausgegeben Buch The Trinity in a Pluralistic Age werden diverse Gründe genannt, warum trinitarische Theologie dazu führen kann, daß der christliche Glaube sich viel besser mit dem vorherrschenden Pluralismus auseinandersetzen kann, als andere Religionen:
  • – Gott als Dreieinigkeit zu verstehen wirkt dem Individualismus unserer Tage entgegen. Die sich selbst verschenkende Liebe der Trinität ermutigt uns zu Erbarmen und Versöhnung (was zur Verkündigung des Evangeliums gehört).
  • – Mitgefühl und Beziehung sind verbunden. Weil Gott in ewiger Beziehung einer-in-drei ist, können wir uns der Basis für Gottes Erbarmen uns und anderen gegenüber sicher sein.
  • – Eine auf der Trinität basierende Theologie repektiert Unterschiedlichkeit und lernt daraus (pluralistisch), während sie gleichzeitig daran festhält, daß eine Botschaft für alle wahr ist (exklusivistisch).
  • – Trinitarische Theologie gibt unserem Verständnis von Gott ein Stück des Geheimnisses zurück und lehnt das aufklärerische Streben nach absoluter Sicherheit ab, das auch postmoderne Menschen zurückweisen.
  • – Weil die Trinität ein Geheimnis ist, das uns trotz unseres Götzendienstes und unserer Selbstgerechtigkeit offenbart wurde, motiviert uns unsere Dankbarkeit der göttlichen Gnade gegenüber dazu, Andersgläubigen Respekt zu erweisen.
  • – Das Leben der Trinität ist eine intrapersonale Gemeinschaft, an der wir aus Gnade als Insider teilhaben und das gleichermaßen aus der Außenperspektive ein Modell für menschliches Zusammenleben darstellt.
  • – BÜNDNISHAFTER AUSDRUCK: Benedikt von Nursia formte Gruppen von jeweils zwölf Einsiedlern, Mönchen und anderen Exilanten aus der korrupten institutionellen Kirche, die er zu gemeinsamem Leben in Christus brachte und die sich gegenseitig dabei unterstützten, die Lehren Jesu auszuleben. Diese Gemeinschaften waren von Intimität, Offenheit, Liebe und Sanftheit geprägt. Benedikt entwickelte einen Orden, ein Regelwerk, das den göttlichen Zusammenhalt sicherstellen sollte, indem sich die Mitglieder zu gegenseitiger Loyalität verpflichteten. Der Gedanke eines Kollektivs von Exilanten, die einer korrupten Kirche entkommen und dem Einfluß einer säkularen Kultur widerstehen und in Harmonie Christus dienen wollen, drückt aus, was wir heute brauchen. Was ist damit gemeint, wenn davon gesprochen wird, die Kirche wieder zu „mönchisieren“? Stuart Murray schlägt in Post-Christendom vor, daß sich die Gemeinde verstehen soll als „monastischer, missionarischer Orden, Gemeinschaften der Erbauung, der Unterstützung und des Trainings, aus denen wir hervortreten, um als Christen am Arbeitsplatz zu leben und in die wir zum Zweck der Reflektion und Erneuerung zurückkehren.“ Es bedeututet also, eine Gruppe Gleichgesinnter zu finden, die sich durch eine „Regel“, einen gemeinsamen Wertekodex und gemeinsame Verpflichtungen mit uns verbinden. [Hallo Schoßhocker – haben wir je was anderes gewollt?8)] Ein solches gemeinsames Leben ist in seinem Wesen bündnishaft. Die Verpflichtung, die Gegenwart Christi zu feiern, miteinander das Leben zu teilen und gemeinsam die Mission Gottes anzunehmen, ist mehr als ein Versprechen oder eine Verpflichtung. Es ist ein Vertrag, wie eine Heirat, eine Einheit aus mehr als einer Partei mit gemeinsamen Werten und Verpflichtungen im Zentrum. Wir sind in geistlicher Kommunion verbunden; die Gemeinschaft selbst ist etwas Heiliges, viel mehr als nur ein Treffen Gleichgesinnter. Voraussetzung ist allerdings die explizite Verpflichtung der Mitglieder an Gott und aneinander und an die Welt, der zu dienen sie gesandt sind.
  • – KATHOLISCHE ORIENTIERUNG: Im wahren Wortsinn katholisch zu sein, bedeutet, sich seiner eigenen Stellung in der universellen Kirche aller Zeiten und allerorten bewußt zu sein. Wenn wir gemeinden, dann sollten wir ein Auge auf unsere Verbundenheit mit anderen Brüdern und Schwestern haben. Wenn sich Exilanten so miteinander verbinden, dann sind sie auch verpflichtet, in die reguläre Gemeinde hinein zu sprechen. Nach Ansicht Victor Turners treiben liminale Gemeinschaften den Mainstream vorwärts, indem sie Vitalität, Innovation und Kreativität mitbringen. Jede exilische Gemeinschaft tut der Kirche denselben Dienst. Die Benediktiner, Franziskaner, Reformatoren, Täufer, Methodisten, Heilsarmisten und Pfingstler taten es. Die in christlicher Communitas erlebte Freiheit sät den Samen der Erneuerung in zurück in die Kirche, die um die Welt wächst. Exilanten kennen ihren Platz in ihr. Sie haben eine globale Sicht und werden die Übersee-Mission unterstützen, während sie einen lokalen Ausdruck haben und den anderen traditionellen Gemeinden in ihrer Mitte zu dienen suchen.
  • – MISSIONALE ABSICHT: Ein rechtes Verständnis von Christus (Christologie) führt zu angemessener Hingabe an die Mission (Missiologie), was uns dazu antreibt, ein rechtes gemeinsames Leben zu entwickeln (Ekklesiologie). In dieser Reihenfolge muß es geschehen. Wer ein Schiff bauen will, muß erst die Sehnsucht nach dem Ozean wecken. Diese entspringt unserem Zusammensein mit Jesus. Sein Geist wird uns hinaus auf die steigende Flutwelle treiben und nur dann werden wir die angemessensten Strukturen für Anbetung, gemeinsames Leben und Leiterschaft entwickeln können.

Abgelegt unter Bücher | 8 Kommentare »

[Wegmarken] Josua 3 (5) – Der Durchzug durch den Jordan

28. November 2006

Und es geschieht: Die Priester, welche die Bundeslade tragen, setzen ihren Fuß in’s Wasser des Jordans, der zu diesem Zeitpunkt weit über die Ufer getreten ist, und das Wasser steht still. Wie beim Durchzug durch’s Rote Meer halten die Wassermassen inne; das Volk zieht hindurch, während die Priester mit der Lade in der Mitte des Flusses warten und dann als Letzte an das Ufer treten.

Das ist Glaube: Wider den Augenschein auf das Wort Gottes hin handeln. Ihm Vertrauen und den Schritt in’s Ungewisse wagen. Gott hält sein Wort. Erst nach dem Loslaufen, im Gehen, während der Aktion erfährt das Volk die Erfüllung der Verheißung. Geht es uns nicht oft ähnlich? Also: Frisch an’s Werk! Setze um, was Gott Dir aufgetragen hat – er war mit Mose, er war mit Josua und er ist auch mit Dir und ebnet Deinen Weg.

Abgelegt unter Wegmarken | Keine Kommentare »

[Wegmarken] Josua 3 (4) – Der Lebendige

27. November 2006

Josua kündigt dem Volk den unmittelbar bevorstehenden Durchzug durch den Jordan an. Am Passieren des Jordans werden sie erkennen, daß der lebendige Gott mit ihnen ist und ihnen das Land geben wird.

Es ist immer wieder gut, sich bewußt zu machen, daß Gott lebendig ist – aktiv, am Wirken, ein reales Gegenüber und nicht nur ein philosophisches Spekulationsobjekt. Was hast Du in der Vergangenheit mit Gott erlebt, das Dir Vertrauen gibt, daß er auch in Zukunft Deinen Weg ebnen wird?

Abgelegt unter Wegmarken | Keine Kommentare »

Exiles (5) – Der Esprit de Corps des Exilanten

26. November 2006

{Das ist der sechste Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture. Die Vorgänger: 1|2|3|4|5. Dies ist das Kapitel, in dem ich mich bislang am allermeisten wiedergefunden habe. Sensationell, wie Frost mein/unser Empfinden in Worte fassen und deuten kann!}

Ein zweites Versprechen der Exilanten ist, dass wir einer Sache dienen werden, die größer ist als wir selbst. In einem Reich der Selbstzentriertheit und der Gier muß jemand eine Alternative vorleben und Gemeinschaften schaffen, die von Dienst, Liebe und Gerechtigkeit geprägt sind, denn wir brauchen Andere, die mit uns unterwegs sind und uns auf unserer Reise durch’s Leben unterstützen. Frost erzählt von seinen eigenen Versuchen, authentische Gemeinschaft zu schaffen. Er wurde dabei sehr inspiriert von Scott Pecks Buch The different Drum. Peck zählt darin folgende Elemente wahrer Gemeinschaft auf:

  • Inklusivität, Commitment und Konsens
  • Realitätssinn
  • Die Fähigkeit, kontemplativ und sich seiner selbst bewußt zu sein
  • Ein Gefühl der Sicherheit bei allen Mitgliedern
  • Die Möglichkeit für Mitglieder, mit neuen Verhaltensweisen zu experimentieren
  • Raum für Mitglieder, würdevoll zu kämpfen
  • Ein Ort, wo alle Mitglieder Leiter sind
  • Ein Geist des Friedens

Peck schreibt dann weiter:

Gemeinschaft ist und muß inklusiv sein. Der große Feind von Gemeinschaft ist Exklusivität. Gruppen, die andere ausschließen, weil sie arm, Zweifler, geschieden oder Sünder sind, … sind keine Gemeinschaften; sie sind Cliquen – genau genommen Abwehrbollwerke gegen Gemeinschaft.

Die Glieder einer Gruppe müssen sich in irgendeiner Art und Weise aneinander verpflichten, wenn sie eine Gemeinschaft werden oder bleiben wollen. Exklusivität, der Feind der Gemeinschaft, erscheint auf zwei Arten: Andere oder sich selbst ausschließen. Ein Freund hat Gemeinschaft richtigerweise definiert als „eine Gruppe, die es gelernt hat, über ihre persönlichen Unterschiede hinweg zu kommen.“ Aber ein solches Lernen braucht Zeit, und diese Zeit kann nur durch Commitment erlangt werden.

Peck sieht vier Entwicklungsstufen, die eine Gruppe durchschreiten muß, wenn sie eine wahre Gemeinschaft werden will:

  1. Pseudogemeinschaft, wo ein falsches Bravsein regiert und die Mitglieder versuchen, Gemeinschaft vorzutäuschen, indem sie die wichtigen Dinge nicht ansprechen und ihre Frustration aneinander nicht zum Ausdruck bringen.
  2. Chaos, wo die Leichen endlich aus dem Keller kommen und die Masken abgelegt werden.
  3. Leere, eine Zeit der Stille und des Übergangs.
  4. Wahre Gemeinschaft, die von Ehrlichkeit und Sorge füreinander geprägt ist.

Zusammenfassend sagt Peck:

Gemeinschaft ist ein Geist – aber nicht in der Weise, wie der bekannte Ausdruck „Gemeinschaftsgeist“ gemeinhin verstanden wird. … Die Glieder einer Gruppe, die wirkliche Gemeinschaft erlangt haben, erfreuen sich an sich selbst als Kollevtiv, ja sie genießen es regelrecht.

Diese Art Gemeinschaft kennzeichnete wohl die Jerusalemer Urgemeinde. Allerdings waren deren Tage gezählt, denn das gemeinsame Brotbrechen, Gebet und Hören auf die Lehre der Apostel hielt sie davon ab, den Auftrag Jesu zu erfüllen: Nämlich das Evangelium zu allen Nationen zu tragen. Im Zuge der Verfolgung, die nach der Steinigung des Stephanus hereinbrach, wurde die Gemeinde zerstreut und entdeckte so ihr ursprüngliches Mandat wieder: Ein missionarische Volk zu sein, eine Gemeinschaft-auf-dem-Weg. Christliche Gemeinschaft resultiert aus dem übergeordneten Ziel der christlichen Mission. Es geht also nicht um die therapeutische Gemeinschaft Pecks, sondern um die missionarische Gemeinschaft, über die Paulus schreibt. Wer Gemeinschaft liebt, zerstört sie, wer aber die Menschen liebt, schafft Gemeinschaft.

Alan Hirsch brachte Frost auf das radikalere Konzept der Communitas, welches von dem Anthropologen Victor Turner in seinem Buch The Ritual Process eingeführt wurde. [Alan hat im Mai in Erlangen und Romanshorn darüber gesprochen, hier Mike’s Bericht. Auch andere haben drüber gebloggt, aber ich bin zu faul, die Links rauszusuchen 8) – Ich selbst habe nur einen kurzen Eindruck gepostet] Turner studierte die Initiationsriten afrikanischer Stämme und prägte dabei den Begriff der Liminalität, den Schwellenzustand, in dem sich Individuen oder Gruppen befinden, nachdem sie sich rituell von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben und bevor sie wieder mit neuem Status in die Stammesgesellschaft eingliedern werden. In diesem Schwellenzustand, den junge Männer meist draußen in der Wildnis verbringen, erleben sie eine Tiefe der Gemeinschaft, die den ursprünglichen Sinn dieses Begriffs weit übersteigt und von starker Nähe und Gleichheit geprägt ist. Gleichzeitig ist diese Zeit gekennzeichnet von der Suche nach einem heiligen Ort, Gott, oder Geist. Die Eingeweihten reden von einer sie verändernden Erfahrung der Verbindung mit sich selbst, miteinander und mit dem Universum. Diese Erfahrung der Verbundenheit nennt Turner Communitas. Die Gesellschaft wird von der Erfahrung, die einzelne „außerhalb“ der Gesellschaft machen, gestärkt. Communitas ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil der normalen Gesellschaft, aber beide bereichern und befruchten einander. Gesellschaften brauchen die liminale Erfahrung der Communitas, weil diese die Gesellschaft vorwärtsbringt und mit Frische und Lebendigkeit ernährt. Offensichtlich brauchen Gesellschaften aber auch die Stabilität des normalen Lebens. Die Befreiung, welche in in der Communitas erfahren wird, sät die Saat kultureller Erneuerung in der normalen Gesellschaft. Sogenannte christliche Gemeinschaft tritt meist in der Form eines nach innen orientierten Treffens von umeinander besorgten Menschen an einem sicheren Ort auf, wo Offenheit und Verletzlichkeit möglich ist. Die gegenseitige Unterstützung und Fürsorge finden Initiaten in der Communitas ebenfalls, aber sie erleben dies, während sie gemeinsam durch eine Prüfung hindurchgehen. In dem Schwellenzustand außerhalb der Struktur der normalen Gesellschaft erfahren die Initiaten eine reichere, tiefere, mächtigere Form von Verbundenheit. Nicht Gemeinschaft, sondern Communitas. Wer beispielsweise auf einem missionarischen Kurzeinsatz war, kennt diese besondere, intime und intensive Verbundenheit mit anderen. Die Erfahrung von Liminalität, angefacht von der Herausforderung, gewisse Ziele erreichen zu müssen, bringt Communitas hervor. Diejenigen, die aus einem Erleben von Liminalität kommen, können die Gewöhnlichkeit des alltäglichen Lebens in der Gesellschaft herausfordern.

Idealerweise sollte dies die Erfahrung unserer Gemeinden sein. Menschen die auf irgendeine Art und Weise Liminalität und Communitas erfahren, sollten in das normale Gemeindeleben zurückkehren können und an dieser wichtigen Dialektik partizipieren. … Es ist beunruhigend, junge Menschen, die gerade aus einer Erfahrung von Liminalität und Communitas zurückgekehrt sind, darüber klagen zu hören, daß ihre Gemeinde ihre Erfahrung nicht versteht und keine Möglichkeit zum Austausch darüber schafft.

Nun zeigt Frost die Verbindung zum Leben des Exilanten:

Exilanten sind in einem liminalen Zustand. Genau genommen definiert Liminalität exakt die Erfahrung des Exils. … Gemeinsam mit anderen sind wir auf der Reise, und wir haben keine Ahnung davon, was geschehen wird. Ich bin besorgt darüber, daß viele Exilanten diese Reise alleine unternehmen. Wenn wir gemeinsam mit anderen unterwegs sind, verspricht uns diese Reise eine tiefere Verbundenheit, eine hingegebenere Vereinigung von Freunden, die einander ermutigen und auferbauen. Diese Gemeinschaft miteinander Pilgernder schenkt ein Gefühl der Sicherheit, aber auch nur diese Art Schutz, die Reisende gemeinsam auf der Straße finden. Die Gefahren sind immer noch da, aber zusammen sind wir sicherer und stärker, als wenn wir alleine reisen würden. Und unsere gemeinsame Erfahrung wird den Keim für großangelegte Veränderung im Mainstream der Kirche enthalten.

Dies ist die Gemeinschaft der ersten Jünger Christi, die mit Jesus im Zentrum eine Liminalität und Communitas erfuhren, die so tiefgreifend in den Haupstrom der Gesellschaft gesprochen hat, daß die Geschichte der Welt für immer verändert wurde. Nur in der Liminalitätserfahrung konnten die Jünger die Kraft der Communitas erleben. Männer wie Zeloten und Zöllner, die im Normalfall nichts miteinander zu tun haben würden, wurden durch ihre gemeinsame Hingabe an Jesus verbunden und entwickelten durch seine Lehre über Liebe und Vergebung sowie durch das gemeinsame Leben auf der Straße ihre außerordentliche Communitas. Nach der Himmelfahrt Christi zerfiel diese Gemeinschaft nicht etwa, sondern wuchs und nahm Menschen aus aller Welt in sich auf. Genauso sehen wir eine solche Art von Communitas in den missionalen Teams von Paulus.

Es gibt nichts Süßeres oder Zufriedenstellenderes als die Liebe, die Exilanten miteinander teilen. Paulus legt großen Wert darauf. Als Johannes Markus die Gruppe von Paulus in Pamphylien verließ, um nach Jerusalem zurückzukehren (Apg 13,13), brach er damit den Bund einer liminalen Gemeinschaft. … In Communitas liegt die Latte höher. Eine Herausforderung muß gemeistert werden und jeder hat dabei seine Aufgabe zu erfüllen. Als Barnabas später vorschlägt, Johannes Markus auf ihre nächste Reise mitzunehmen, lenkt Paulus nicht ein (Apg 15,36-41). … Wenn ein Partner desertiert, hat das in einer Communitas katastrophale Auswirkungen. … Communtias ist kein warmer, entspannter Ort, wo man je nach Gusto kommen und gehen kann. Communitas setzt Hingabe, Integrität, harte Arbeit und Mut voraus. Kurz, in Communitas geht es um Liebe. Ja, ich empfinde die Einstellung von Paulus als hart, aber verständlich. Du mußt Communitas erlebt haben, um meine Sichtweise teilen zu können.

Eine Beschreibung des Erlebens von Liminalität und Communitas findet Frost in einem Bericht des französischen Ritters Jean de Brueil über die Kameradschaft im Krieg aus dem Jahre 1465:

Krieg ist eine freudige Sache. Wir lieben einander so sehr in der Schlacht. Wenn wir erkennen, daß unsere Sache gerecht ist und unsere Kameraden mutig kämpfen, dann haben wir Tränen in den Augen. Eine süße Freude steigt in unserem Herzen auf, weil wir unsere ehrliche Loyalität zueinander fühlen; wenn wir sehen, daß unser Feund so mutig seinen Körper in Gefahr gibt, um den Auftrag unseres Schöpfers zu erfülllen, sind wir entschlossen, vorwärtszugehen und mit ihm zu sterben oder in Liebe zu leben. Das bringt uns eine solche Freude, dass keiner, der sie erlebt hat, sagen kann, wie wundervoll das ist. Denkst Du, daß jemand, der Solches empfindet, sich vor dem Tode fürchtet? Nicht im Geringsten! Er ist so gestärkt, so voll Freude, daß er nicht weiß, wo er ist. Er fürchtet wahrhaftig nichts auf der Welt.

Communitas ist keine exklusiv männliche Erfahrung. Es ist eine Intimität, eine Verbundenheit, die über das warme innere Glühen, das viele Gemeinschaften in unserer Gesellschaft erleben, hinausgeht. Sie wird im Kampf erhärtet, durch wahre und echte Partnerschaft erweicht und von einer gemeinsamen Vision für eine bessere Welt geschmiedet. Wir lieben Filme, in denen eine Gemeinschaft von Freunden in den Herausforderungen, die sie zu bewältigen haben, eine tiefe Verbundenheit entwickeln, weil wir uns dieselbe Verbundenheit mit unseren Freunde wünschen – eine Freundschaft, die spontan ist, unmittelbar, egalitär und nichtrational, geschmiedet von würdigen Herausforderungen und Prüfungen. Kurz gesagt: Menschen sehnen sich nach Communitas.

Wer ohne die Erfahrung von Liminalität eine Gemeinschaft aufbauen will, endet bei der Pseudo-Gemeinschaft, die so viele Gemeinden kennzeichnet. Das ist dann mehr Selbsthilfegruppe als Communitas. Wenn sich Communitas entwickeln soll, dann müssen alle Glieder die gleiche Herausforderung durchleben. Eine Gemeinschaft um ihrer selbst willen bauen zu wollen, ist wie eine Kirche, die Deine Loyalität und wöchentliche Teilnahme fordert, ohne Dir ein Ziel zu geben, auf das Du hinarbeiten kannst. Oder wie eine Gemeinde, die endlose Bibelstudien abhält oder zahllose Predigten anhört, nur um Informationen anzusammeln, die niemals angewandt werden. Es geht nicht darum, in Jerusalem zu den Füßen der Apostel zu sitzen und ihre Lehre zu genießen. Das macht zwar Sinn, aber der Auftrag der Gemeinde in Jerusalem war, hinzugehen und alle Nationen zu Jüngern zu machen. Die Lehre der Apostel diente dazu, die gewöhlichen Gläubigen dazu zu motivieren, in alle Welt zu gehen, neue Jünger zu taufen und ihnen alles zu lehren, was Christus geboten hatte.

Warum verpassen unsere Gemeinden so häufig diese Erfahrung der Communitas? Aus keinem anderen Grund, als daß sie oftmals Liminalität vermeiden und sich für eine ruhigere, sicherere Umgebung entscheiden. Ich will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, daß christliche Communitas unser aller Bedürfnis nach Sicherheit nicht ansprechen sollte. Sie sollte es in der Tat. Dennoch sollte sie sichere Orte nicht als Alternative zu missionalem Engagement in unserer Welt schaffen, sondern als parallele Erfahrungen dazu.

Alan Hirsch definiert Communitas folgendermaßen:

Eine von einem starken Gefühl der Zielbestimmung durchtränkte Gemeinschaft; ein Ziel, das außerhalb ihrer momentanen inneren Realität und Verfassung liegt. Es ist diese Art Gemeinschaft, die Menschen während des eigentlichen Umsetzens einer gemeinsamen Vision dessen, was sein könnte, „widerfährt“. Sie beinhaltet Bewegung und sie beschreibt die Erfahrung der Zusammengehörigkeit, die nur dann geschieht, wenn eine Gruppe Menschen tatsächlich an einer Mission außerhalb ihrer selbst teilhat.

Exilanten haben den Kaninchenbau verlassen. Sie haben den Ruf der Wildnis gehört und erkannt, daß sie die Communitas, die sie brauchen, nicht innerhalb des kirchlichen Mainstream entwickeln bzw. erleben können. Sie können nicht durch die Versprechungen von Gemeindeleitern ruhig gestellt werden, die denken, sie könnten die Exilanten bei Laune halten, indem sie innerhalb der Gemeinde ein Komitte für Communitas gründen.

Bei Christen entsteht Communitas auf natürliche Weise, wenn wir uns an eine Mission jenseits unserer selbst hingeben. So einfach ist das. … Wir wissen seit jeher, daß der Grund für das Dasein der Gemeinde die Mission ist – die gute Nachricht von Christus weiterzugeben, die Hungernden zu speisen, die Nackten zu kleiden, die Gefangenen zu besuchen, auf Gerechtigkeit hinzuarbeiten. Wenn wir diese Ziele verfolgen, werden wir mit unseren Mit-Arbeitern Communitas erfahren.

Manche sind der Ansicht, die Gemeinde existiere zum Lobpreis Gottes. Aber was schafft Gott Ehre? Nur das Singen von Liedern? Mission ist der zentrale und kraftvollste Ausdruck christlichen Lobpreises (Vgl. Röm 12-15).

Ist es nicht ironisch, daß in vielen Gemeinden Menschen, die nicht einmal miteinander reden, gemeinsam Choräle oder zeitgenössische Anbetungslieder singen, ohne zu wissen, daß ihre Taten die Worte, die sie singen, unterminieren? Exilanten sind des bedeutungslosen gemeinsamen Singens müde geworden und sehnen sich danach, sich mit anderen Nachfolgern Jesu zu verbinden und gemeinsam freigiebig oder gastfreundschaftlich aktiv zu werden.

Viele Exilanten verlassen die Gemeinden des Mainstream und suchen anderen Möglichkeiten, das Werk Gottes zu tun. Aber zu oft tun sie das alleine, weil sie denken, es gäbe entweder die konventionellen Gemeinden oder aber gar keine.

Meine Ermutigung an sie ist, sich mit anderen zusammenzuschließen, vielleicht auch nur mit einer Handvoll, und einer Sache zu dienen, die größer ist als sie selbst. Schließe ein paar Christen mit ein und vielleicht auch einige Ungläubige, die Deine Werte des Glaubens, der Gerechtigkeit und Integrität teilen. Dann verpflichte Dich, anderen zu dienen. Es muß nicht so dramatisch sein, wie das Aufstehen gegen eine argentinische Diktatur oder das Zerstören eines Rings auf dem Schicksalsberg im Herzen Mordors. Es könnte jedes kleine, mutige Experiment sein, zu dem Jesus Dich führt.
Aber darüberhinaus enthalten unsere liminalen, missionalen Erfahrungen das Material, was benötigt wird, um den Mainstream der Kirche zu verändern. Erinnere Dich daran, daß Turner glaubte, dass Erfahrungen der Communitas von Menschen, die „außerhalb“ der Gesellschaft stehen, diese Gesellschaft stärken. Die Gemeinde braucht Exilanten mit der liminalen Erfahrung von Communitas, weil dies die Gemeinde vorwärts drängt und sie mit der Frische und Lebendigkeit aus der missionarischen Gemeinschaft behelligt. Die Freiheit, die christliche Communitas erfährt, pflanzt den Samen kultureller Erneuerung zurück in die Kirche. Wie Turner vorschlug, ruht in der Dialektik zwischen Communitas und normaler Gesellschaft die Hoffnung für die Zukunft der Gesellschft. Genauso ist es im christlichen Sektor der Gesellschaft. Wenn die Leiterschaft im kirchlichen Mainstream diesen Gedanken nur begreifen könnte!

Abgelegt unter Bücher | 14 Kommentare »

[Wegmarken] Josua 3 (3) – Groß sein

24. November 2006

„Heute werde ich anfangen, Dich in den Augen der Israeliten groß zu machen und zu demonstrieren, daß ich mit Dir bin“ sagt Gott zu Josua.

Irgendwie wollen wir ja alle groß sein, anerkannt werden. Wie in Babel einen Turm bauen. ist dieses Streben schöpfungsimmanent? Oder ist es Teil unserer gefallenen Natur? Gott verwirklicht sich ja auch selbst – in der Schöpfung. Und er verschenkt sich selbst – in der Erlösung. Er verschenkt sich, um sich zu verwirklichen. Christus entäußert sich, um den Traum Gottes zu erfüllen. Wieder mal diese Perichoresis, ein eng umschlungener Tanz. Lassen sich diese Punkte auseinander halten? Hat Gott die Welt erschaffen, um angebetet zu werden? Oder um sich an Menschen zu verschenken? Verschenkt sich Gott an Menschen, um geliebt zu werden? Oder um zu lieben? Beides! Wie die Sache mit der Prädestination und dem freien Willen… Er verwirklicht sich im Verschenken und verschenkt sich im Verwirklichen. Faszinierend…

Was ist es also um dieses Streben nach Größe in uns? Ist der Wunsch, am Ende vom Herrn das „Recht so, Du tüchtiger und treuer Knecht!“ zu hören, am Ende nicht doch reiner Egoismus? Ich wehre mich dagegen. Schließlich trägt uns Jesus auf, aus dem uns Anvertrauten viel Frucht zu schaffen und stellt sogar eine Belohnung in Aussicht.

Wer ist groß? Wie wirst Du groß in den Augen Gottes? Indem Du nicht danach trachtest. Aber wenn Du danach trachtest, klein zu werden, DAMIT Du einmal groß wirst, schießt Du Dir dann nicht selbst in’s Knie? Also geht es gar nicht darum, groß zu werden, sondern treu den Willen des Herrn zu tun und „der Diener aller“ zu sein. Darum: Ich will mich nicht selbst groß machen bzw. groß von mir denken. Andererseits: Auch ich bin wundervolles Geschöpf Gottes, nach seinem Plan und seinen Vorstellungen erdacht, mit wunderbaren Fähigkeiten ausgestattet. Das gilt es von Herzen zu bejahen und zu feiern! Und wenn Gott dann der Ansicht hat, jemanden von uns groß zu machen, weil er das für unseren Dienst nützlich erachtet, dann soll es eben sein…

Abgelegt unter Wegmarken | 1 Kommentar »

[Wegmarken] Josua 3 (2) – Heiligt Euch!

23. November 2006

„Heiligt Euch, denn morgen wird der Herr unter euch Wunder tun!“ Das ist die Aufforderung Josuas an das Volk Israel vor dem bevorstehenden Durchzug durch den Jordan.

Heute würde ich gerne Deine Gedanken hören, geschätzter Leser. Die simple Anweisung Josua’s bringt mich zum Nachdenken. Zwar scheiden uns unsere Vergehungen von Gott, aber in Christus sind wir zur Gerechtigkeit geworden. Im Alten Testament war die Heiligung des Volkes wichtig, sonst hätte Gott nicht unter ihnen wohnen können. Heute sind wir in Christus die Geheiligten Gottes, also Heilige. Wenn wir unsere Sünde bekennen, reinigt uns sein Blut von aller Ungerechtigkeit. Die Frage, die ich mir dabei stelle: Müssen wir uns zusätzlich heiligen? Geht das überhaupt? Einige Male habe ich in meinem Leben die Erfahrung gemacht, daß mich der Geist Gottes sanft wispernd aufforderte, bestimmte Situationen vorbereiteter anzugehen als sonst – also irgendwie „geheiligter“, wenn das auch sonderbar anmutet. Beispielhaft sei hier eine Freizeit genannt, vor der ich den Impuls spürte, CDs und Kleidungsstücke von nicht explizit Christus glorifizierenden Bands zuhause zu lassen. Das habe ich getan und während der Freizeit eine Hauptrolle bei der Befreiung eines lieben Menschen von dämonischer Belastung gespielt. (Die nachfolgende positive Veränderung im Leben dieses Menschen ist mit dem Abstand mehrerer Jahre einfach wundervoll anzuschauen!) Das war das erste Mal, dass ich mit einer solchen Geschichte zu tun hatte, und ich hatte zuvor auch auf keinen Fall damit gerechnet. Bei der Konfrontation mit dämonischer Manifestation fühlte es sich definitiv gut an, die erwähnten Kleidungsstücke und Tonträger daheim gelassen zu haben. Nur: War ich deshalb „heiliger“? Hätte das Nicht-Befolgen dieses sanften Anstoßes durch Gott die Situation geändert? Wäre die Person evtl. nicht befreit worden? Hätte ich Schaden davontragen können? Wer hat bereits Ähnliches erlebt oder irgendwelche (gerne unfertigen) Gedanken dazu?

Mein Zwischenfazit: Es ist gut, sich bei bestimmten Anlässen auf den Impuls Gottes hin stärker durchleuchten zu lassen, als sonst und damit die Bereitschaft zum Gehorsam auszudrücken. Über die praktischen Folgen bin ich mir nicht wirklich im Klaren. [Nebenbei bemerkt will ich hier nicht das Faß der Frage nach „christlicher“ Musik bzw. der Beeinflussung des Hörers durch „nichtchristliche“ Musik aufmachen. Ich habe eine Meinung dazu, aber in diesem Post bewegt mich eine andere Frage.]

Abgelegt unter Wegmarken | 1 Kommentar »

[Allgemein] Von Google zum Sämann II

23. November 2006

Wieder eine nette Google-Suche, die mir einen Besucher beschert hat: „Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir erweckt haben“ listet das Feld des Sämanns an zweiter Stelle von immerhin ca. 100.

Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare »

[Wegmarken] Josua 3 (1) – Folgen

22. November 2006

Früh am Morgen steht Josua auf und zieht mit den Israeliten von Schittim aus an den Jordan. Am Ende der in Kapitel 1 angekündigten drei Tage gibt er dem Volk die Anweisung, der von den Priestern getragenen Bundeslade in gebührendem Abstand zu folgen.

Einiges zum Nachdenken:

  • Folge ich Gott? Gehe ich dorthin, wo er zu finden ist? Tue ich das, was er segnet? (oder bitte ich um Segen für das, was ich tue?)
  • Gibt es menschliche Leiter, denen ich folgen sollte, weil sie das Siegel der Gegenwart Gottes tragen? Oder will ich immer nur ein Freelancer sein?
  • Zum Abstand – Habe ich den nötigen Respekt vor der Heiligkeit Gottes? Nehme ich seine Gebote und Anweisungen ernst? Ist mir bewußt, dass er ein heiliger Gott ist, der trotz seiner Gnade und Barmherzigkeit Sünde in meinem Leben nicht cool findet?
  • Zum Abstand II – Wo baue ich einen künstlichen Abstand zu anderen Menschen auf, unter denen ich in Wahrheit nur ein Gleicher bin?
  • Kenne ich die „Furcht des Herrn“? Ehre ich seine Gegenwart? Oder ist sie schon normal geworden?

Abgelegt unter Wegmarken | Keine Kommentare »

Exiles (4) – Im Exil aus einer hyperrealen Welt

21. November 2006

{Das ist der fünfte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture.
Die Vorgänger: 1|2|3|4}

Welche Versprechungen ergeben sich aus der Entscheidung des Exilanten, Christus mitten im Host-Imperium nachzufolgen? Frost zählt fünf auf, die alle mit der neuen Art Gemeinschaft zusammenhängen, die es in der Zeit nach Christendom auszuleben gilt:

  • Wir werden authentisch sein. In einer Welt vorgespiegelter Realitäten (Pseudo-Prominente, künstliche Erfahrungen etc.) werden Exilanten mit ihrem Leben die Antwort auf das Versprechen geben, ehrlich, aufrichtig und wirklich zu sein.
  • Wir werden einer Sache dienen, die größer ist als wir. Exilanten werden nicht einfach das Spiel des Host-Imperiums mitspielen, sondern sich in Liebe und gegenseitigem Dienen miteinander verbinden.
  • Wir werden missionale Gemeinschaft schaffen. Exilanten werden sich an das Versprechen halten, mit anderen Menschen eins zu sein, ihre individuellen Gaben zur Verfügung zu stellen, voneinander lernen und sich einem gemeinsamen Ziel verpflichten.
  • Wir werden freigiebig sein und Gastfreundschaft üben. Jenseits konventioneller Gastfreundschaft werden sich Exilanten in den Dienst der Hungrigen und Bedürftigen stellen.
  • Wir werden auf gerechte Weise arbeiten. Exilanten werden alles, auch die säkularste Tätigkeit, als Ausdruck dessen verstehen und tun, dass sie von Gott in jeden Winkel des Host-Imperiums gesandt sind.

Exilanten schwimmen gegen den Strom. Sie folgen dem Beispiel Jesu, indem sie immer wieder neue Wege suchen, ohne sich dabei von der sie umgebenden Gesellschaft zu verstecken oder deren Werte einfach anzunehmen. Dabei leben sie die oben erwähnten Versprechen aus, deren erstes (wir werden authentisch sein) im nun Folgenden näher untersucht wird.

In einer Kultur der Falschheit und Vortäuschung legen die Nachfolger Christi das gefärliche Versprechen ab, eine Gemeinschaft der Authentizität und Ehrlichkeit zu formen. Frost sieht eines der größten Hindernisse für ein treues Christenleben in der westlichen Besessenheit mit Hyper-Realität, künstlicher Massenware, die vorgibt, besser als das Echte zu sein. In einer Welt der Täuschung fällt es vielen schwerer, authentisch zu sein, als sich von Pornographie, Drogen oder Abtreibung zu enthalten. Selbst in der christlichen Szene wird vieles vorgegaukelt: Die Familie des Pastors ist die glücklichste von allen, jedes Gebet wird beantwortet und jeder Cent, der in der Ofperbüchse landet, kommt als Euro zu seinem Geber zurück. Uns wird gesagt, dass alles besser schmeckt, sich besser anfühlt und besser aussieht, wenn wir ein bestimmtes Produkt erwerben – selbst wenn es sich bei diesem Produkt um Jesus handelt. Warum erzielen Soap-Operas, Quizsendungen, Talk- oder (Pseudo-)Reality-Shows so hohe Einschaltquoten? Für Frost liegt der Grund darin, dass sich die fragmentierten und beziehungslosen westlichen Zuschauer dadurch einerseits als Teil einer Gemeinschaft wähnen und andererseits das Fernsehen die Welt einfach macht bzw. erklärt.

„Was läßt sich daraus schließen? Die Menschen wollen es real, aber nicht zu real! Wir haben die Meisterschaft darin erlangt, eine vorgetäuschte Wirklichkeit zu konsumieren.“

Wir wünschen uns eine klinisch reine und auf Hochglanz polierte Wirklichkeit, weil uns die wahre Realität Angst einjagt. In diesem Zusammenhang denkt Frost auch über Blogs nach und fragt sich, warum hier Menschen Dinge aus ihrem Leben der weltweiten Öffentlichkeit präsentieren. Auch Blogs gaukeln die Realität vor, in Wahrheit aber erfahren wir nur das, was uns die Schreiber erzählen wollen und kennen so nur einen Teil von ihnen – denjenigen nämlichn, den sie der Welt präsentieren wollen.

Auf der anderen Seite findet sich jenseits der Hyper-Realität der „Neue Realismus“, dessen Vertreter sich nach Authentizität sehnen – echtes Essen genauso wie Realität in Nachrichtensendungen, Kultur, Politik, Unterhaltung, Umweltbewußtsein und Spiritualität. Diese Bewegung, die das Echte, das Lokale, das Wahrhaftige, das Handgemachte etc. betont, nimmt immer mehr zu. Frost sieht darin einerseits die Gefahr eines neuen Elitedenkens der Reichen, die sich die teureren „echten“ Produkte leisten können, andererseits aber auch eine willkommene Kritik des Zeitgeistes. Sie spielt Exilanten in die Karten, die dem Beispiel von Jesu Integrität, Wahrhaftigkeit und Authentizität folgen wollen.

„Warum können christliche Gemeinschaften nicht zum Ort werden, an dem offen die Wahrheit gesagt wird und man sich verletzlich macht? … Warum, wenn wir doch wissen, dass Gott alles sieht und alles weiß, betrügen wir uns manchmal selbst, so daß wir denken, wir müßten uns in der Kirche bzw. Sonntags anders benehmen als unter der Woche? Wir kommen nicht zur Kirche [Gemeinde/GoDi], um dort Gott zu begegnen, was manche Prediger fälschlicherweise sagen. Gott lebt nicht in Kirchen[gebäuden], sondern in unseren Herzen und unserer Vorstellung.“

Die meisten der neuen Realisten haben einen Blick für die Wahrheit, der sie hinter die Fassade sehen läßt. So erkennen sie die Wirklichkeit hinter der Maske des zuckersüßen Lächelns vieler Christen. Exilanten teilen diese Sichtweise und sind über das betrügerische Wesen zeitgenössischen kirchlichen Lebens beschämt.

„Vielleicht gibt es wirklich viele dieser strahlenden, glücklichen Menschen in der Gemeinde. Aber diejenigen unter uns, die sich nicht beständig glückselig fühlen, entwickeln mit der Zeit ein Gefühl der Entfremdung. … Am Ende, so Brueggemann, führt diese Entfremdung und Benommenheit zu einer Art Zorn – unausgesprochener, stiller Zorn. … Vor mehr als einer Generation schrieb Ken Miller in The Taste of New Wine:

In unserer heutigen Gemeinde gibt es viele Menschen, die rein aussehen, rein klingen, aber innerlich von sich selbst, ihren Schwächen, ihrer Frustration und dem Mangel an Wahrhaftigkeit in ihrem kirchlichen Umfeld die Schnauze voll haben. Unsere nichtchristlichen Freunde denken entweder, dass „dieser Haufen netter Menschen ohne Schwierigkeiten niemals meine Probleme verstehen würde“ oder diejenigen, die tiefer blicken und uns aus dem beruflichen oder persönlichen Umfeld kennen, spüren, dass wir Christen entweder stark abgeschottet vom wahren Leben sind und dieses schlicht nicht kennen, oder aber, dass wir die größten Hechler sind, welche ihre Sünden und Schwächen nicht zugeben wollen.

Exilanten werden nicht auf den Kirchenbänken sitzen bleiben und alles still ertragen. Aber genausowenig werden sie einfach aufstehen und gehen. Falls sie jedoch letzteres tun (oder hinausgedrängt werden), werden sie einen neuen Weg suchen, Gemeinschaften der Ehrlichkeit, Offenheit, Gastfreundschaft und wahrhaftigen Liebe zu formen. Sie haben verstanden, dass sie sich in dieser Welt erst einmal das Recht, gehört zu werden, verdienen müssen. Wenn wir – im weltlichen oder politischen Sinne – machtlos sind, dann führt uns das zurück auf dem Kern des Inhalts unseres Glaubens – unsere gefährlichen Erzählungen. Wenn wir weder über beindruckende Gebäude noch über ein aufgeblähtes Budget zur Verwirklichung unserer Ideen verfügen, erkennen wir, dass das Beste, was wir dieser Welt nach Christendom anbieten können, die Qualität unserer Beziehungen, die Kraft unserer Vertrauenswürdigkeit und das Wunder unserer Freigiebigkeit ist. Das Recht, wieder gehört zu werden, verdienen wir uns durch die Wahrhaftigkeit unseres Lebensstils. Darum müssen wir unsere Zeit und unser Geld für das einsetzen, wovon wir reden und das leben, was wir predigen. Exilanten werden ihre Zeit und ihre Kraft dafür geben, authentische Gemeinschaften zu formen. Sie werden sich von der Welt prüfen lassen und wenn nicht auf vollkommene, so doch auf wahrhaftige Weise das ausleben, was unsere Kultur erwartet. Dazu kommt:

  • ein Verständnis von geistlichem Wachstum, das innere Veränderung über äußere Erscheinung setzt
  • eine Spiritualität, die Menschlichkeit, Individualität, Kreativität und Unterschiedlichkeit feiert und über Uniformität setzt
  • ehrliche Dialoge statt oberflächlicher Beziehungen und ungeschriebener Gesetze
  • ein Streben nach absoluter Ehrlichkeit vor Gott und angemessener Transparenz gegenüber anderen, was unsere innersten Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Träume, Fehler, Sünden und Kämpfe anbelangt
  • ein Verlangen, Geheimnisvolles und Widersprüchliches wieder willkommen zu heißen und höher zu schätzen als einfache Erklärungen; die Bereitschaft, mit Fragen zu leben, die keine leichten Antworten haben
  • das Bemühen, Lebensstil, Eßgewohnheiten, Umgang mit Finanzen etc. so zu ändern, dass sie unserer Sehnsucht nach einer neuen, gerechteren und barmherzigeren Welt entsprechen

Gute christliche Gemeinschaften werden großen Wert auf das geistliche Wachstum ihrer Mitglieder legen. Wir wollen Jesus ähnlicher werden. Dabei geht es immer wieder auf und ab. Trotzdem muß immer sichtbar sein, daß wir einander annehmen. Viele von uns haben sich entschlossen, das instutionelle Christentum zu verlassen, um solche neuen Gemeinschaften zu gründen, weil die Zwänge der großen Kirchen das nicht zulassen. Wir „beweisen“ das Evangelium, indem wir ein Volk sind, die daran glauben und danach leben. Auf diese Weise sprechen wir lauter zum Host-Imperium als tausend Fernseh-Evangelisten oder eine Million Traktate. Unsere neuen Gemeinschaften müssen danach streben, die folgenden sieben Eigenschaften auszuleben:

  • Anbetung, die aus dem Herzen kommt, statt aufgesetztem Singen sentimentaler Lieder
  • Authentizität und Wahrheit statt öffentlichem Vortäuschen
  • Nicht für sich selbst leben, sondern aufrichtig anderen dienen
  • Missionales Engagement für das Host-Imperium statt Rückzug in’s fromme Ghetto
  • Einsatz für Gerechtigkeit statt fadenscheiniger Lippenbekenntnisse

Abgelegt unter Bücher | 3 Kommentare »

[Wegmarken] Josua 2 – Spione im Hause Rahabs

20. November 2006

Trotz des Versprechens Gottes, Israel den Sieg über die Völker Kanaans zu schenken, sendet Josua Kundschafter aus, die Jericho ausspionieren sollen. Das macht deutlich: Gott und Mensch arbeiten zusammen, jeder leistet seinen Beitrag. Passivität is nich. Die Männer finden Unterschlupf im Haus der Hure Rahab. Eigentlich ein Skandal – kannten diese Jungs das Heiligkeitsgesetz nicht? Sicher kannten sie die Weisung Gottes, hatte doch Mose vor kurzem noch seine lange Deuteronomiumspredigt gehalten. Dennoch kennen die Kundschafter keine Scheu, sondern gehen dorthin, wohin sie sich wohl geführt wissen. Das Haus war richtig gewählt: Später kommen Soldaten, um die Spione zu finden, aber Rahab versteckt die Israeliten und sendet die Kundschafter auf eine falsche Fährte. Warum? Sie hat von den großen Taten Gottes an Ägypten und in der Wüste gehört, ist überzeugt davon, dass Israel siegreich sein und das Land Kanaan erobern wird. Glaube schreitet zur Tat: Rahab stellt sich auf die Seite Gottes und Israels und damit gegen ihr eigenes Volk. Dafür wird sie in die Reihe der Glaubenshelden in Hebräer 11 aufgenommen und erhält das Versprechen, dass Israel bei der Eroberung Jerichos das Haus Rahabs verschonen wird, so sie denn ein purpurrotes Band ins Fenster hängen wird. Dieses erinnert an die mit Blut bestrichenen Türpfosten der Israeliten, deren Häuser der Würgeengel in Ägypten verschonte und ist gleichzeitig ein kleines Vor-Bild auf das hin, was in Christus geschehen ist. Rahab berichtete den Kundschaftern auch, dass das ganze Volk Jerichos in Angst und Schrecken vor Israel gefallen ist. So wird auch an dieser Stelle deutlich, wie Gott seinem Volk schon den Weg bereitet hat, in Jericho bereits am Wirken ist, während Israel noch nicht einmal den Jordan überschritten hat.

Warum solltest Du, wenn Du in Christus bist, Dich scheuen, den Auftrag Gottes auszuführen, den er Dir gegeben hat, auch wenn Du dafür an Orte gehen oder Dinge tun mußt, die dem traditionellen Verständnis widersprechen? Wer weiß, ob Du nicht gerade dabei das Wirken und die Nähe Gottes erfahren wirst?

Abgelegt unter Wegmarken | 2 Kommentare »

[Wortakrobatik] Zeilen zum 20. November

20. November 2006

Passend zum letzten p-shuttle über Immanenz/Transzendenz Gottes und die Unzulänglichkeit unserer Gotteserkenntnis wieder mal was aus George MacDonald’s Diary Of An Old Soul:

I know not how – for that I first must know thee.
I know I know thee not as I would know thee,
For my heart burns like theirs that did not know him,
Till he broke bread, and therein they must know him.
I know thee, knowing that I do not know thee,
Nor ever shall till one with me I know thee –
Even as thy son, the eternal man, doth know thee.

Abgelegt unter Wortakrobatik | Keine Kommentare »

[Allgemein] Badewasser

20. November 2006

Dank meinem Admin kaese ist mein Blog seit kurzem um ein neues PlugIn erweitert worden, das mir die Zugriffszahlen zeigt und mir dazu noch die Möglichkeit schenkt, herauszufinden, über welche Seite andere Menschen auf meinen Blog gelangt sind. Da sind dann durchaus immer mal wieder obskure Dinge dabei, die kurioseste Variante will ich Dir nicht vorenthalten. Heute hat doch tatsächlich jemand in der holländischen Google-Version die Worte „Ich bitte Dich lass mich Dein Badewasser trinken“ eingetippt, und ist daraufhin auf dem Feld des Sämanns gelandet 😉

Abgelegt unter Allgemein | 3 Kommentare »

[Wortakrobatik] Treffen am Jakobsbrunnen

16. November 2006

{Auch diese Geschichte war für’s letzte p-shuttle.}

2000 Jahre sind jetzt schon beinahe vergangen seit diesem Tag. In der klirrenden Mittagshitze löst sich eine schemenhafte Gestalt aus der Stadt Sychar. Über die staubigen Straßen bewegt sie sich auf den großen Brunnen zu. Jakob hatte ihn gegraben, Israels Stammvater, Urahn auch der Samariter, die in Sychar wohnen, dort im Niemandsland zwischen Galiläa und Judäa. Einen Umweg machen die frommen Israeliten um Samaria, wenn sie nach Jerusalem wollen. Sie sehen herab auf die Samariter, die ursprünglich auch zum Volk Gottes gehörten, nun aber wohl vom rechten Weg abgekommen waren. So genau wusste das niemand. Besser, man gab sich nicht mit ihnen ab. Gebeugt läuft diese Frau. Schaut sich immer wieder um. Niemand soll sie sehen. Hier, unter den verachteten Samaritern ist selbst sie eine, die gemieden wird. Was wussten die anderen, was in ihr vorging? Langsam rückt der Brunnen in ihr Blickfeld. Ist dort jemand? Sie schützt ihre Augen gegen die Sonne und erkennt: Ein Reisender sitzt am Brunnen, lehnt sich gegen einen Stein. Zögernd geht sie näher. An den Quasten an seiner Kleidung erkennt sie den Juden. Auch das noch! Sie will schon umkehren, doch was dann? Wann sie soll sie denn sonst kommen? Später in der Abendkühle wird der Brunnen bevölkert sein. Nein, besser einem Juden begegnen als die Blicke der anderen ertragen zu müssen. Müde sieht er aus und erschöpft. Sie senkt ihren Blick, tritt an den Brunnen und will Wasser schöpfen. „Gib mir zu trinken.“ Der Jude hat sie angesprochen. Will er flirten? Was soll das bedeuten, hier draußen in der Einöde außerhalb der Stadt? „Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?“ Er antwortet: „Wenn du erkennen würdest, was Gott geben will, und wer jetzt von Dir um etwas zu trinken bittet, dann würdest Du ihn bitten und er würde Dir lebendiges Wasser geben.“ Das ist zu hoch für sie. Ob er in der Hitze und vor Erschöpfung einen Sonnenstich bekommen hat? Lebendiges, frisches, reines Quellwasser gab es hier nirgends. Schon das abgestandene Brunnenwasser war ein Segen in der Hitze! „Herr, du hast doch gar nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief! Wo willst Du denn lebendiges Wasser herbekommen? Willst du dich etwa über Jakob stellen, der diesen Brunnen gegraben hat? Und das Wasser hier war gut genug, so dass er und sein ganzes Vieh davon getrunken hat.“ Der Jude richtet sich auf und schaut sie an. „Jeder, der von dem Wasser aus diesem Brunnen trinken wird, wird wieder Durst bekommen. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zur Quelle werden, aus der Wasser ins ewige Leben sprudelt.“ Nun stand es fest: Er hatte zuviel Sonne abbekommen. Im Scherz spielt sie sein Spiel mit. „Herr, gib mir solches Wasser, damit ich keinen Durst mehr bekomme und hierher laufen muß, um mir etwas zu trinken zu holen!“ Wieder schaut er sie an und sagt sanft: „Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!“ Eine dunkle Röt überzieht ihr Gesicht, sie schaut zu Boden. „Ich habe keinen Mann“. Er antwortet: „Das stimmt, Du hast keinen Mann. Fünf Männer hattest Du und der, den Du jetzt hast, ist nicht Dein Mann!“ Woher konnte er das wissen? Er hatte recht: zwei waren gestorben und drei hatten ihr einen Scheidebrief gegeben. Ha, die Verfluchte! Wie sie sich in Sychar das Maul über sie zerrissen! Das wird nie was mit der! Wen interessierte es da noch, was sie jetzt trieb?! Aber woher weiß er das? Was war das für ein Mensch, der ihr die Wahrheit über sie ins Gesicht sagte? Der ihren Durst kannte. Lebendiges Wasser in ihrem Inneren, ja danach sehnte sie sich wirklich. Ausgetrocknet war sie, nicht anders als die staubigen Straßen und die dürren Büsche, die hier standen. Wie lechzten die verdorrten Grasbüschel nach Regen! Kühlung, Erfrischung, neues Leben und Frieden – das war es, was ihr auch fehlte. Konnte ihr dieser Mann weiterhelfen? Offensichtlich war er ein Mann Gottes. „Herr ich sehe, dass du ein Prophet bist. Sag, haben die Juden recht, wenn sie sagen, man solle Gott in Jerusalem anbeten, oder liegen meine Leute richtig, die diesen Berg vorziehen?“ – „Glaube mir“, sagt er, „es wird eine Zeit kommen, in der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Jetzt ist die Zeit schon angebrochen, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten. Gott ist Geist, und man muß ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Er nannte Gott Vater! Das hatte sie ja noch nie gehört! Ob Gott tatsächlich wie ein Vater war? Wenn er recht hatte, dann konnte man ja überall zu Gott kommen, dann wäre es ja egal, ob man im Tempel war, oder sonst wo. Erregt antwortete sie: „Ich weiß, dass der Messias kommen wird, der Gesalbte Gottes. Der wird uns das alles verkündigen und erklären.“ Längst hatte sie ihren Wasserkrug abgestellt. „Ich bin es, der mit dir redet.“ Plötzlich waren da noch mehr Männer, zwölf andere, alles Juden. Sie hatte sie herankommen sehen, aber nicht bewusst wahrgenommen. Ehrerbietig umgaben sie ihren Gesprächspartner. Offensichtlich gehörten sie zum ihm. Ob das seine Schüler waren? Dann war er ja ein Rabbi und – natürlich! Das musste dieser Jesus sein! Viel hatte sie schon von ihm gehört. Er zog mit zwölf Jüngern durchs Land und es hieß, er mache Kranke gesund, tue Wunder und sei vielleicht der Messias! Schnell lief sie los. Sie musste in die Stadt, sie musste es weitersagen! Mochten die anderen denken, was sie wollten! Jesus war da, den mussten alle sehen, der kannte ihre Vergangenheit, der hatte sie so – besonders behandelt, wie ein gleichwertiges Gegenüber! Das hatte schon lange niemand mehr getan! Er kannte ihre Vergangenheit, aber es schien ihm nichts auszumachen. Trotzdem hatte er ihr alles erklärt. Sie rannte immer schneller und fing schon an zu rufen. Jeder sollte es hören!

Abgelegt unter Wortakrobatik | Keine Kommentare »

[Wortakrobatik] Mose und die Herrlickeit Gottes

15. November 2006

{Habe ich für’s letzte p-shuttle geschrieben; hier nochmals zum Nachlesen. Paßt gut zum vor kurzem erfolgen Pentateuch-Rückblick.}

Da stand er nun, der Mann Gottes. Mehr als 80 mal hatte er schon den Sommer ins Land ziehen sehen. Was hatte er nicht alles erlebt? Die Kindheit im Haus der Sklaven, aufgewachsen im Königspalast, als Prinz der Weltmacht Ägypten. Immer hatte er sich als Fremder gefühlt, als Hebräer. Hatte Gott gefragt, wie lange er denn noch zusehen wolle, wie sein Volk unterdrückt würde. Eines Tages dann war sein Temperament mit ihm durchgegangen und er hatte fliehen müssen. Wurde heimisch als Fremder in einem fremden Land. Seine besten Jahre hatte er als Hirte der Schafe eines Midianiters verbracht. Hatte geheiratet und war Vater geworden. 80 Jahre war er dann alt gewesen, als sein Leben noch einmal neu zu beginnen schien. Als ihn der Gott seiner Ahnenväter Abraham, Isaak und Jakob an jenem brennenden Dornbusch dazu berufen hatte, sein Volk Israel aus dem Glutofen Ägypten zu führen. Zögerlich war er dem Auftrag nachgekommen, hatte gemeinsam mit seinem Bruder Aaron die Ältesten des Volkes um sich geschart und war zum Pharao gegangen. Wieder und wieder hatte dieser widerstanden, aber der Arm Gottes war stärker gewesen. Furchtbare Plagen hatten Ägypten getroffen, Angst und Schrecken hatte den Pharao ergriffen, so dass er letztlich nachgab und die Hebräer ziehen ließ, nur um sie dann doch wieder zu verfolgen. Das Meer hatte sich geteilt, trockenen Fußes waren die Israeliten hindurch gezogen. Ihre Feinde jedoch waren in den tosenden Wellen verschwunden. Bis auf den letzten Mann war die gewaltige Armee vernichtet worden. Fröhlich war das Volk zum Sinai gewandert, wo sie unter Rauch, Feuer, Posaunenschall, Blitzen und Donner die Gegenwart Gottes auf den Berg hatten herabkommen sehen. Ganz allein war Mose hinauf gestiegen, wo ihm der HERR die beiden steinernen Gebotstafeln gegeben hatte, beschrieben von der Hand Gottes. Und er hatte ihm seine Weisung kundgetan. 40 Tage waren vergangen, seit Mose auf dem Berg war, als das Volk Aaron ein goldenes Kalb hatte gießen lassen. „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten geführt hat!“, so riefen sie in ekstatischer Begeisterung. Wie zornig war der HERR gewesen! Unbegreiflich groß war seine Gnade mit dem Volk. Er hatte ihnen vergeben. Er hatte einen neuen Anfang gemacht. Doch seine Gegenwart wohnte nicht unter ihnen. Außerhalb des Lagers hatte er seine Stiftshütte aufschlagen lassen, auf der die Wolkensäule ruhte und wo er Mose begegnete. Mit ihm sprach er von Angesicht zu Angesicht. Mose aber wollte mehr. „Laß mich Deine Herrlichkeit sehen!“ Das war sein tiefstes Verlangen. Gott gab ihm zu verstehen, dass kein Mensch leben könne, der seine Herrlichkeit sehe. Darum sprach er zu Mose: „Ich werde alle meine Güte vor dir vorübergehen lassen und den Namen des HERRN vor dir kundtun: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Es ist Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ Das war sein Versprechen gewesen. Am nächsten Tag war Mose früh am Morgen ein weiteres Mal auf den Berg Sinai gestiegen und zu Gott auf den Gipfel getreten.

Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft läßt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an.

(Exodus 34,5-8)

Abgelegt unter Wortakrobatik | 1 Kommentar »

[Wegmarken] Josua 1 (4) – Initiativ zur Einheit

15. November 2006

Nachdem Gott Josua beauftragt, ermahnt und ermutigt hat, beginnt das Abenteuer. Josua ruft das Volk zusammen und sagt: „Macht euch bereit! In drei Tagen werdet ihr über den Jordan gehen und das Land einnehmen, das Gott euch geben wird.“ Woher weiß er, daß es drei Tagen sind? Der Text gibt keinen Hinweis darauf, vielleicht hat Gott es gesagt, vielleicht nicht. Josua ergreift jedenfalls mutig die Initiative, ermuntert das Volk und geht voran. Nur wer von Gott ermutigt ist, kann auch vorbildhaft vorangehen auf das Wort des Herrn hin.

Josua richtet dann das Wort an die Stämme Ruben, Gad und Halb-Manasse, die ja diesseits des Jordans ihre Städte gebaut und versprochen haben, mit den anderen Stämmen in die Schlacht zu ziehen und das Land zu erobern. Josua erinnert sie daran und fordert sie auf, ihr Wort zu halten und mitzukämpfen, bis Gott dem ganzen Volk Ruhe gegeben hat. Auch heute gilt das noch: Der Leib Jesu ist eins und soll es auch sein. Es braucht das gegenseitige Tragen der Lasten. So schenkt Gott allen Ruhe.

Die Angesprochenen reagieren und sichern Josua ihre Loyalität zu, wenn Gott mit ihm sein wird, so wie er es mit Mose war. Das ist das Siegel. Es fällt leicht, jemandem zu folgen, von dem sich erkennen läßt, daß Gott mit ihm ist.

Abgelegt unter Wegmarken | Keine Kommentare »

[Wegmarken] Josua 1 (3) – Eat this book!

14. November 2006

Eine weitere Anweisung gibt Gott Josua: „Handle in Übereinstimmung mit dem Gesetz Moses, dann wirst Du Gelingen haben. Laß das Buch der Weisung nicht von Deinem Munde kommen, sinne Tag und Nacht darüber nach, murmle es vor Dir her und handle entsprechend.“ Das ist der Weg. Die Weisung Gottes muß Raum in uns gewinnen. Eugene Peterson nennt sein Buch über lectio divina Eat this book. (Tobi hat vor kurzem über die Message-Übersetzung und einen Vortrag von Peterson mit dem Titel „Eat this book“ gepostet.) Iß dieses Buch! Nimm die Bibel und iß sie. Lese sie, denk drüber nach, nimm sie in Dich auf, kaue dran rum, laß sie Dich verändern und Dein Handeln prägen. Wenn wir Gottes Wort in uns wohnen lassen, erkennen wir sein Herz und seinen Willen. Was nützt rechte Lehre, wenn unser Herz nicht stimmt und unser Tun nicht paßt? Orthodoxie ist ohne Orthopraxie wertlos. Rechter Glaube und rechte Lehre erweist sich im Alltag. Intellektuelles Studium der Bibel und meditatives, erbauliches Nachsinnen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander und befruchten sich, durchdringen Herz und Verstand. Theologie ist Leidenschaft!

Abgelegt unter Wegmarken | Keine Kommentare »

Exiles (3) – Jesus in’s Exil folgen

13. November 2006

{Das ist der vierte Post zu Michael Frost’s Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture.
Ein zugegebenermaßen sehr langer Post, aber lohnenswert, da voller Sprengstoff. Die Vorgänger: 1|2|3}

Jesus demütigte sich und nahm die Schwacheit der menschlichen Natur an. Zwar wurde in seinem Leben die Kraft Gottes sichtbar, doch griff er nicht auf Symbole irdischer Gewalt zurück. Seine Macht war Demut, Friede, Liebe und Barmherzigkeit. Er diente den Menschen und brachte Heilung, Wiederherstellung und Versöhnung. Wenn Exilanten treu im Host-Imperium der Zeit nach Christendom leben wollen, dann sind die Erzählungen aus den Evangelien ihre gefährlichen Erinnerungen. Sie entzünden unser Vorstellungsvermögen und erinnern uns daran, dass es möglich ist, auf fremdem Boden zu gedeihen und gleichzeitig Jahwe zu dienen.Wie konnte es dazu kommen, dass manche Gemeindeleiter unserer Tage Managern in der Wirtschaft gleichen? Wie kommt es, dass das radikale, subversive Leben Jesu so gezähmt wurde, dass Christen in Ghettos leben und die Verbindungen zu unseren gefährlichsten Erinnerungen verloren haben?

Wenn wir so wie die Hebräer in Babylon treue Exilanten sein wollen, dann müssen wir auf unsere herausfordernsten und inspirierendsten Erinnerungen zurückgreifen. Für die Hebräer beinhaltete dieser Kanon von Erinnerungen die radikalen Erzählungen über ihre pilgernden Vorväter, aber insbesondere die bemerkenswerte Geschichte des Exodus, welche ihnen die Hoffnung gab, dass so wie Gott sie aus Ägypten gerettet hatte, er sie auch eines Tages aus Babylon retten könnte. Wir dürfen uns nicht vom Leben hier in Babylon hypnotisieren lassen. Noch können wir mit den Werten Babylons oder den Symbolen zeitlicher irdischer Macht einverstanden sein. Wir müssen entschlossen an unseren gefährlichen Erinnerungen an den Messias festhalten, der auf fremdem Boden wohnte und auf perfekte Weise veranschaulichte, wie das Leben eines Exilanten aussehen muß. (52)

In der Inkarnation kommt Gott der Menschheit nahe – körperlich und relational. Auf dieselbe Weise müssen Exilanten den Menschen, unter denen sie leben, nahe kommen, wenn sie ihr Leben und ihren Dienst am Exilanten Jesus ausrichten wollen. Darum müssen Christen dorthin gehen, wo auch Christus hingehen würde: Zu den Armen, den an den Rand gedrängten, den Orten des Leids. Sie müssen bereit sein, sich selbst zu sterben, um Jesu radikalem Lebensstil der Selbsthingabe und des Opfers zu folgen. Das bedeutet die Bereitschaft zu leiden und die Aufgabe von Reichtum, weltlicher Macht und Position. Wer dem Vorbild Jesu folgen will, muß (a) aktiv Leben teilen – an den Ängsten, Frustrationen und dem Kummer seiner Host-Gemeinschaft teilhaben; (b) die Sprache und Denkformen derer, mit denen wir Jesus teilen wollen, verwenden; (c) bereit sein, zu den Menschen zu gehen anstatt zu erwarten, dass sie kommen werden; (d) darauf vertrauen, dass das Evangelium auf alltägliche Weise kommuniziert werden kann – durch Akte des Dienstes, liebevolle Beziehungen und gute Taten.

Wir müssen den Menschen so nahe kommen, dass unsere Leben sich an den ihren reiben und sie den inkarnierten Christus in unseren Werten, Überzeugungen und Handlungen sehen können, die sich in sinnvollen, eindrücklichen kulturellen Formen ausdrücken. (55)

Der beste Ort, Menschen einer Host-Kultur nahezukommen, sind sogenannte „dritte Orte“. Zum Verständnis: Der „erste Ort“ eines Menschen ist sein Zuhause, der „zweite Ort“ die Arbeitsstelle und der „dritte Ort“ ein Platz, der regelmäßig besucht wird, leicht erreicht werden kann und an dem Gemeinschaft mit Freunden, Nachbarn etc. stattfindet. Klassische „dritte Orte“ sind Cafés, Kneipen, Vereinsheime, Jugendhäuser etc. „Dritte Orte“ sollten eher keinen Eintritt kosten, Essen und Trinken gehört meist dazu, man fühlt sich zuhause und findet schnell ins Gespräch.

„Dritte Orte“ sind der bedeutendste Platz, an dem christliche Mission geschehen sollte, denn dort sind die Menschen entspannter, weniger geschützt und offener für sinnstiftende Unterhaltung und Interaktion. (58)

Wer die Evangelien auch nur oberflächlich liest, wird schnell das Interesse Jesu für „dritte Orte“ bemerken. Um in der heutigen Gesellschaft nach dem Vorbild Jesu zu leben, ist es vonnöten, regelmäßig an „dritten Orten“ abzuhängen. Missionale Nähe kann am leichtesten in Bars, Sporthallen, Gemüseläden, Schönheitssalons, Bürgerhäusern und Cafés erreicht werden. Wenn wir Menschen auf die Art beeinflussen wollen, wie es Jesus getan hat, dann sollten wir dort ihre Nähe suchen, wo sie entspannen und Sinn finden. Viele Christen kommen aber deshalb in ein Dilemma, weil eben die Gemeinde zu ihrem dritten Ort geworden ist. Der Schlüssel zum Aufbau missionaler Nähe liegt in Regelmäßigkeit und Spontaneität. Mit der Prämise, das Werk Jesu tun zu wollen, als Gewand, ziehen uns unsere Gemeinden von genau den Menschen weg, mit denen Jesus uns gerne Zeit verbringen sehen möchte.

Lies die gefährlichen Geschichten in den Evangelien und erzähl mir dann, dass Jesus Dich so sehr mit gemeindlichen Aktivitäten beschäftigt sehen will. Lies jene radikalen Erzählungen von einem, der von religiösen Menschen angeklagt wurde, ein Säufer und ein Vielfraß zu sein. Ich bin überzeugt davon, dass diese Geschichten – wenn Du sie ernstnimmst – Dich aus der organisierten Christenheit hinaus an die „dritten Orte“ Deiner Umgebung treiben werden. (63)

Noch-nicht-Christen nahe zu kommen ist das eine, aber Exilanten haben gelernt, dass sie genau dort die Gegenwart Christi praktizieren sollen. Wenn wir den Menschen erlauben, unsere Leben zu lesen, dann müssen sie auf unseren Seiten die Geschichte Jesu erkennen können. Die Gegenwart Christi zu praktizieren bedeutet, ein lebendes Beispiel des Lebens Jesu zu sein. Dabei geht es nicht um sündlosen Gehorsam, sondern darum, in immer größerem Maße zu Menschen voller Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Barmherzigkeit, Stärke, Hoffnung, Gnade, Freigiebigkeit und Gastfreundschaft zu werden. Frost bezieht sich in seinen Ausführungen zum Praktizieren der Nähe Christi auf den immer noch sehr zu empfehlenden Klassiker Allzeit in Gottes Gegenwart von Bruder Lorenz (oder Laurentius) von der Auferstehung, wenn er auch anfügt, dass das missionale Praktizieren der Gegenwart Christi über die innerlichen Überzeugungen und Übungen, die Bruder Lorenz beschreibt, hinausgeht. Lorenz konnte mit der herkömmlichen klösterlichen Andacht nicht viel anfangen und entwickelte seine eigene Spiritualität.

(1) Er suchte Gottes Gegenwart und versuchte, sein Herz durch beständiges Bekenntnis und Buße rein zu halten.
(2) Er sah Gottes Gegenwart und schaute immer wieder im Alltag auf Gott.
(3) Er lebte Gottes Gegenwart und tat alles aus Liebe zu Gott.
(4) Er sprach in der Gegenwart Gottes, indem er immer wieder kurze, einfache Gebete sagte.
(5) Er schätzte die Gegenwart Gottes; sie war ihm wichtiger als alles andere.

Frost empfiehlt Exilanten Rechenschaftsbeziehungen und einen ehrlichen Umgang mit ihren Sünden; Gottes Gegenwart in Kunst, Schönheit, Arbeit, Essen, Kummer, Schmerz und Freude wahrzunehmen und ihn in nichtreligösen Kategorien zu denken und Nicht-Christen vorzustellen; über alles mit Gott zu reden und ihn in allem zu suchen.

Exilanten wissen, dass ihr alltägliches Leben – egal ob als Anwalt, Bauarbeiter oder in der Elternrolle zuhause – die Möglichkeit bietet, Gott zu dienen. Ihre Frömmigkeit basiert nicht auf eindeutig religiösen Aktivitäten in speziellen religiösen Räumen, sondern auf der Fähigkeit, die Gnade Gottes in jedem Bereich menschlicher Existenz wahrnehmen zu können – essen, trinken, arbeiten, baden, schlafen, alles mit Gott und deshalb zur Ehre Gottes. Das ungeschulte Auge nimmt dabei keinen Unterschied wahr; ein zufälliger Beobachter könnte schwerlich den Unterschied zwischen einem Christen und einem Nicht-Christen erkennen, die dieselben Dinge tun. In ihrem Innern aber ist der Unterschied gewaltig. (68) [Wie das ganz praktisch aussehen kann, beschreibt Daggi in ihrer Küchenmeditation, die ich Dir hiermit an’s Herz lege.]

Die oben aufgezählten fünf Übungen stellen sicher, dass Exilanten ein mit Gott verbundenes Leben führen, auch ohne einen Sonntagsgottesdienst zu besuchen. Zu diesen inneren Übungen schlägt Frost noch fünf äußere vor, die er später im Buch erläutern wird. Das sind Gastfreundschaft (Zuhause und Esstisch mit anderen teilen), Freigiebigkeit (Ressourcen an Bedürftige geben), Gerechtigkeit (Energie für eine faire Politik einsetzen), ökologische Haushalterschaft (Hingabe, für das zerbrechliche Ökosystem, in dem wir leben, Sorge zu tragen) und Mission (Bereitschaft, in die ganze Welt gesandt zu werden, damit alle Menschen erkennen, dass Jesus Herr über alle ist). Die Qualität eines solchen an Christus orientierten Lebensstils wird die Menschen zu dem uns innewohnenden Geist Jesu führen. Trotz der Stärke dieser Kraft ins uns gilt es im Blick zu behalten, dass Christus nackt und mit leeren Händen gestorben ist. Er hielt kein Symbol der Macht in der Hand. Er ist der Archetypus des armen, an den Rand gedrängten Radikalen. Auf keinerlei Weise profitierte er von dem, was er lehrte, sondern erlitt er Unaussprechliches dafür. Eine neue christliche Bewegung ist erforderlich, welche die grundlegende Machtlosigkeit des Revolutionärs wiederentdeckt. Frost zitiert John Eldredge’s Waking the Dead, das ich auch sehr mag:

Gott ruft kleine Herzensgemeinschaften zusammen, die füreinander und für die Herzen derer, die noch nicht freigesetzt wurden, kämpfen. Die Kameradschaft, diese Intimität einiger tapferer Seelen – sie ist erreichbar. Das ist das christliche Leben, das Jesus uns gegeben hat. Das ist absolut normal. (73)

Die christliche Gemeinde sollte immer eine von Gott abhängige Untergrundbewegung sein. Dort, wo sie in der Welt wächst, hat sie keine Gebäude, keine Ausbildungsstätten, keinen Klerus, kein Geld. Die Marginalisierung der Gemeinde ist das Empfehlungschreiben für ihre Botschaft an die Welt. Wer Jesus in’s Exil folgen will, der muß seiner Umgebung nahe kommen und all den Ballast los werden, den ihm die traditionelle Gemeinde aufgebürdet hat. In seinem inneren Leben und seinem äußeren Handeln muß er die Gegenwart Christi praktizieren.

Wie Jesus werden wir nackt und mit leeren Händen zu anderen gehen, aus keinem anderen Antrieb, als Gnade zu zeigen und Barmherzigkeit zu üben. Und ob wir es mögen oder nicht – früher oder später wird uns jemand fragen, warum wir leben, wie wir leben. Und an diesem Punkt müssen Exilanten bereit sein, den Namen Jesu in einer Umgebung zu nennen, wo er vielleicht nie gehört werden wird. In anderen Worten: Auch wenn manche Exilanten gerne jedem Gedanken an evangelistisches Handeln dem Rücken kehren würden, weil sie so sehr vom schmählichen Verhalten der Evangelisten, die sie in der Vergangenheit erlebt haben, abgeschreckt wurden, müssen sie anerkennen, dass die Verkündigung Jesu ganz natürlich aus einem inkarnatorischen Lebensstil fließen wird. (75)

Zu lange hat die Kirche einer Welt gepredigt, die nicht mehr länger zuhören wird. Viele Exilanten wurden von ausbeuterischen und manipulativen evangelistischen Methoden genauso abgeschreckt wie von totaler Siplifizierung des Evangeliums. Darum würden sie viel lieber dienen als evangelisieren, aus Angst davor, zu engstirnigen Fundamentalisten zu werden. Dabei gilt es aber, nicht das Kind mit dem Badewasser auszuschütten und die Verkündigung zu vergessen. Diese wird aber aller Voraussicht nach nicht monologisch geschehen, sondern eine längere Zeit dauern und sich über viele Gespräche erstrecken.

Wenn aber solche Unterhaltungen von einem inkarnatorischen Lebensstil versüßt werden, werden sie viel wirksamer sein, weil sie über die Lippen von Männern und Frauen gehen, deren Lebensstil nachweislich solche Güte zeigt wie der ihres Herrn, Jesus. (76)

Abgelegt unter Bücher | 8 Kommentare »